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Tiergeschichten

Mucke das Kaninchen.

In den ersten Nachkriegsjahren, als die Menschen noch sehr mit dem Hunger zu kämpfen hatten, hielten sich viele Leute auf Balkonen und in den Hinterhöfen Hühner und Kaninchen.

So kam klein und schnuckelig, ein silbergrauer Karnickelbock in unseren Besitz. Ich war hin und weg und konnte ihm stundenlang beim Knappern und Müffeln zusehen. Er bekam von mir den Namen Mucke.

Jetzt hieß es, für das Tier zu sorgen, damit es genug Futter bekam. Ich pflückte Gras, - nein, besser gesagt - ich suchte Gras, was gar nicht so leicht war. In der Stadt war es nichts mit Grünflächen. Höchstens mal eine wildgewachsene Stelle mitten in den Trümmern. Ich bin manchmal bis zu den Elbanlagen gegangen, die sich ziemlich weit weg von uns befanden. Damals wurde weder für Parks, noch für andere Rasenflächen irgendetwas getan, die Menschen hatten andere Sorgen. Meine Motivation, Mucke zu füttern, war natürlich eine ganz andere, als die meiner Mutter und meiner Großeltern. Ich wollte meinem Liebling nur etwas Gutes tun, während die anderen Familienmitglieder ihn im Geiste wahrscheinlich schon als saftigen Hasenbraten vor sich sahen. Mich hat das stets empört!

Mucke wurde immer größer und dicker. Ich sah das mit gemischten Gefühlen, ahnte ich doch, dass bald seine Stunde geschlagen hatte. Als man mir sagte, dass Opa am nächsten Tag das Kaninchen schlachten würde, war ich todunglücklich.

Ein ganz verrückter Zufall wollte es, dass mein Mucke am nächsten Tag tot in seinem Stall lag. Ich war einerseits sehr traurig, aber andererseits froh, dass er nun wenigstens nicht mehr gegessen werden konnte. Aber da sollte ich mich getäuscht haben! Die Erwachsenen beschlossen, das Kaninchen trotzdem zu verspeisen, denn es sei ja wahrscheinlich nicht an einer Krankheit, sondern an Herzverfettung gestorben. Ich weiß noch wie heute, dass ich keinen Schritt in unsere Küche gemacht habe, weil ich nicht - weder bei der Zubereitung, noch beim Mittagessen - dabei sein wollte. Lieber wollte ich hungern!

An einem der folgenden Tage, hatte ich endlich mal was Leckeres auf meinem Schulbrot, es schmeckte wie Schmalz, und Fett war damals etwas sehr Seltenes auf unserem Speisezettel. Als ich meine Mutter bat, mir doch am nächsten Tag wieder so was Gutes auf mein Brot zu schmieren, sah sie mich mit einem eigenartigem Blick an. Sofort dämmerte es mir! Das ist von Mucke! schrie ich sie empört an. Aber es hat dir doch so gut geschmeckt! sagte meine Mutter darauf. Ich fühlte mich belogen und betrogen, Nein es hat mir überhaupt nicht geschmeckt! brüllte ich zurück. Ich war böse auf meine ganze Familie.

Dann kam der berühmt-berüchtigte eisige Winter 1946/1947 und ich bekam einen schönen, warmen Muff zum Wärmen der Hände aus silbergrauem Kaninchenfell!

Das tröstete mich über alles hinweg und so ich hatte meinen Mucke immer bei mir.

Liebe unter Tieren.

Meine Tochter muss so zehn - zwölf Jahre alt gewesen sein, als sie einen Wellensittich bekam, den sie auf den Namen Kiki taufte. Etwas später kam ein Langhaarmeerschweinchen dazu, welches den Namen Wuschel bekam. Kiki und Wuschel hatten ihre Käfige nebeneinander stehen und mit der Zeit ergab es sich, dass, wenn einer der beiden an den Käfigstangen rüttelte, vom anderen das Echo kam. Die beiden Tiere konnten einen unheimlichen Lärm veranstalten.

Eines Tages kam meine Tochter auf die Idee, dass Kiki und Wuschel sich näher kennen lernen, also beide ihre Käfige zur gleichen Zeit verlassen sollten. Ich sah das mit gemischten Gefühlen und hatte Angst, dass eines von den beiden Tieren das nicht überleben würde. Darauf sagte meine Tochter ganz empört: Aber Mama, die lieben sich doch, sie unterhalten sich doch den ganzen Tag miteinander!

Dann kam der große Moment. Wuschel, das Meerschweinchen, lief im Kinderzimmer herum und als die Tür vom Vogelbauer geöffnet wurde, flog Kiki durch das Zimmer, um sich wie selbstverständlich auf dem Rücken Wuschels nieder zu lassen. Der wiederum zottelte nun mit dem Vogel auf dem Rücken durch den Raum. Kiki zog sich Wuschels lange Haare immer wieder durch seinen Schnabel, es musste ihm wohl geschmeckt haben. Ich war zu Tränen gerührt und froh, dass beide Tiere dieses Stelldichein gut überlebt hatten.

Eines Morgens lag Kiki tot in seinem Käfig und nur kurze Zeit später ging auch das Meerschweinchen in die ewigen Jagdgründe ein. So unterschiedlich die beiden Tiere auch waren, ich war davon überzeugt, sie haben sich wirklich geliebt.