© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Im Wandel der Zeit oder das gehört sich nicht!

Im Jahre 1934 wurde ich geboren. Unehelich - was damals von vielen Menschen als großes Vergehen angesehen wurde.

Ich glaube schon, dass meine Mutter während ihrer Schwangerschaft und sicher auch danach mit der Empörung der Mitmenschen zu kämpfen hatte. Ich habe als Kind in dieser Richtung nichts zu spüren bekommen. Als ich so fünf, sechs Jahre alt war, Kontakt zu anderen Kindern bekam und somit auch Einblick in ihre Familien, war es nichts Ungewöhnliches, wenn die Väter nicht anwesend waren.

Es war die Zeit, in der die Männer eingezogen wurden und an der Front kämpften. Und so fiel es niemandem auf, am wenigsten mir selber, dass ich ohne Vater aufwuchs. Aber ich hatte einen wunderbaren Großvater, den ich sehr geliebt habe. Bewusst habe ich einen Vater nicht vermisst. Ich bekam alle Liebe dieser Welt.

In unmittelbarer Nachbarschaft wohnte eine Familie, die sehr hochnäsig war. Man beachtete und grüßte sich gegenseitig nicht. Heute denke ich mir, vielleicht war ich, der Schandfleck der Familie, der Grund dafür. Aber welche Ironie des Schicksals! Ich erinnere mich noch gut daran, als die Tochter dieser Nachbarn, ihrerseits in andere Umstände kam und dass keine Hochzeit stattfand.

Auch die Schadenfreude meiner Großmutter über diesen Sündenfall habe ich dann doch irgendwie mit bekommen. Ich konnte mir natürlich damals, als etwa Achtjährige, keinen rechten Reim darauf machen. Nur der Spruch Hochmut kommt vor dem Fall hat sich seit dem in meinem Kopf verankert, obgleich ich ihn erst viel später verstanden habe.

Wie das Leben so spielt, auch ich bekam 1960 eine uneheliche Tochter. Während meiner Schwangerschaft habe ich ein starkes Selbstwertgefühl entwickeln können, so dass mir die Mitmenschen nichts anhaben konnten. Später, als allein erziehende Mutter, bin ich manchmal noch auf Ablehnung gestoßen, aber ich glaube schon, dass ich es wesentlich leichter hatte, als meine Mutter zur damaligen Zeit.

Mit den Jahren, mit der Pille, ja mit der Emanzipation der Frau wurde vieles anders. Die allein erziehende Mutter wurde mit ganz anderen Augen angesehen, ja man bewunderte sie teilweise sogar dafür, wie sie mit allem allein fertig wurde.

Heutzutage gehen einige Frauen sogar so weit, dass sie zwar einem Kind das Leben schenken wollen, sich aber ganz bewusst gegen einen Ehemann und gegen einen Vater für ihr Kind entscheiden.

 Und? — Regen sich die Menschen noch großartig darüber auf?

Welch ein Wandel! —  Vom gefallenem Mädchen zur emanzipierten Frau!