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Auf den Spuren meiner Kindheit

Von Zeit zu Zeit zieht es mich zurück auf die Spuren meiner Kindheit. Dann gehe ich durch die Straßen, in denen ich als zehn bis sechzehn Jahre altes Mädchen, zwischen 1945 und 1951, also in der Nachkriegzeit gelebt habe.

Aus heutiger Sicht gesehen, war es eine für mich sehr erlebnisreiche, turbulente und sehr einschneidende Zeit, in der ich auch meine nicht sehr einfach verlaufende Pubertät erlebte.

Es waren die Jahre des Hungers und der Entbehrungen, aber auch der Währungsreform nach der es ganz langsam aufwärts ging. Trotzdem waren es für mich glückliche Jahre, denn ich hatte in dieser Straße - in der das Schicksal mich mit meiner Familie nach der Totalausbombung März 1945 hin verschlagen hatte – endlich Kontakt zu vielen anderen Kindern. Die Zeit, die ich hauptsächlich bis dahin mit meinem von mir innig geliebten Großvater verbracht hatte, gehörte der Vergangenheit an.

In dieser kleinen Straße -  wo jeder jeden kannte, wo die Hausnummern bei 11 schon wieder zu Ende waren, hatten viele Familien bis zu fünf Kinder.

Da war immer was los! War erst einmal ein Kind auf der Straße zu entdecken, kamen alle anderen auch aus ihren Wohnungen. Durch unsere Straße fuhr kaum ein Fahrzeug, höchstens mal ein Pferdegespann, so dass wir Kinder die ganze Straße für uns hatten. Es kamen auch viele Kinder aus den benachbarten Straßen gerne zu uns, um mit uns zu spielen.

Hier habe ich mit den kleineren Kindern Mutter und Kind gespielt, mit den größeren Jungen Kloppe, die wir gegen Kinder aus anderen Straßenzügen machten, wobei Mädchen dann  als Krankenschwestern agierten. Auch bei Klingelstreichen war ich vorne mit dabei. Wir machten Kreisspiele, Ballspiele, Versteckspiele, spielten Kippelkappel, die Meiersche Brücke und, und, und! War ich bis dahin ein ruhiges und wohlbehütetes Kind, so habe ich mich in diesen Jahren richtig ausgetobt.

Damals - jedenfalls in meiner Straße - lebte man nicht so isoliert wie heute. Man nahm Anteil an den Erlebnissen und an den Schicksalen der Nachbarn. Wenn irgendetwas passierte, was sich vom Alltagsgeschehen abhob, ging es wie ein Lauffeuer durch die Straße. Man sollte aber auch bedenken, dass es noch kein Fernsehen gab!

Wie schon so oft in vergangenen Jahren, gehe ich durch meine Straße. Aber nie sehe ich dort Kinder spielen. Wo sind sie heute? Ich sehe mir die einzelnen Hauseingänge an, studiere die Namen der Bewohner -  nicht einer ist mir bekannt! Auch vor unserem Luftschutzkeller, in dem wir 5 ½ Jahre gelebt - aus heutiger Sicht gehaust - haben, bleibe ich lange stehen. Die Fenster und die Eingangtür sind zu gemauert, er dient wohl wieder seiner eigentlichen Bestimmung, die des Hauskellers. Die Erinnerungen sind auch heute nach sechzig Jahren ganz nah!

Ich besitze einen riesigen Schatz davon, die ich gar nicht alle zu Papier bringen kann.

Der Hunger der ersten Zeit hat mich das Organisieren gelehrt. Da habe ich den Wert eines Stück Brots schätzen gelernt. Wenn es zu kalt wurde, haben wir in den Treppenhäusern gespielt, sehr zum Ärger einiger, nicht sehr kinderfreundlichen Nachbarn. Hier habe ich meinen ersten Kuss bekommen, das erste und auch letzte Mal an einer Zigarette gezogen, wobei ich Angst hatte, ersticken zu müssen!

Da drüben im Treppenhaus von Nr.5 habe ich mit anderen gleichaltrigen Mädchen die ersten Tanzschritte eingeübt. Musik hatten wir keine, aber wir sangen immer wieder die Melodie der Caprifischer - damals hochaktuell!

War die Straße meiner Kindheit eigentlich damals auch so kurz? Es genügen nur ein paar Schritte, um sie abzulaufen! So viele Kinder hatten damals Platz zum Spielen, die Erwachsenen hingen aus den Fenstern und freuten sich über uns. Es kam sogar vor, dass ältere Geschwister, ja sogar Erwachsene zum Spielen dazu kamen, was uns Kindern natürlich gut gefiel.

Dass der Schwerpunkt des Spielens hauptsächlich auf die Straße ausgerichtet war, hängt natürlich auch mit der Enge der damaligen Wohnungen zusammen. Die Wohnungsnot war groß, wer genügend Wohnraum hatte, wurde zur Untervermietung gezwungen.

Ich gehe ganz langsam die Straße entlang. Dort vor Haus Nr. 9 haben wir auf den Stufen gesessen und Oblaten ausgetauscht. Und gegenüber Nr. 6 war Treffpunkt der Großen zu denen ich irgendwann auch gehörte.

Auch die nächsten Straßen durchwandere ich. In der Bahrenfelder Straße, eine der Hauptstraßen Ottensens wurde Ende der vierziger Jahre das Spiegel-Kino eröffnet. Wir waren stolz, ein Kino an der nächsten Ecke zu haben. Unser Kino! Heute ist eine Sparkasse darin.

Die Bahrenfelder Straße kommt mir viel schmaler vor, früher fuhr hier noch die Straßenbahn - wie hat sie sich da bloß durchgeschlängelt? In der Ottenser Hauptstraße wurde das Kaufhaus Hertie gebaut, das in späteren Jahren dem Einkaufscenter Mercado wieder weichen musste. Und da wo das Mercado steht, wurde auch der grauslige Hochbunker abgerissen, in dem wir in den letzten Kriegswochen Zuflucht gefunden hatten, und an den ich sehr schmerzliche Erinnerungen habe.

Im Jahre 1951 konnten wir endlich in eine Neubauwohnung ziehen. Es war traumhaft, vom Keller hinauf in Sperlingshöhe im vierten Stock! Jetzt konnten wir auf alles hinab sehen, während uns aus unserem winzigen Kellerfenster nur der Blick auf Füße und ein kleines Stück Bein der vorbei laufenden Menschen vergönnt war.

Aber ich zog mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus meiner Straße. Alle mir lieb gewordenen Menschen, Spielgefährten, Freunde, musste ich jetzt zurück lassen! Noch lange hat es mich nach da zurückgezogen, aber es war anders geworden. Man gehörte nicht mehr so ganz dazu.