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Weihnachten in der Kindheit

Wenn ich an die Weihnachten meiner Kindheit denke, teile ich sie in drei Kategorien ein. Vor und während des Krieges - und  danach.

Als ich ein kleines Mädchen war, war die Vorweihnachtszeit immer sehr aufregend für mich. Meine Mutter ging jedes Jahr mit mir ins Weihnachtsmärchen. Außerdem richtete die Firma, in der sie tätig war, eine wunderschöne Feier für die Kinder der Beschäftigten aus. Erst wurde etwas vorgetragen, dann kam der Weihnachtsmann mit tollen Geschenken. Ich kann mich da noch gut an eine ganz entzückende Babypuppe in rosa erinnern. Ich war noch eine richtige Puppenmutter! Und was hatte ich für Herzklopfen, wenn wir Kinder einzeln auf die Bühne gerufen wurden, um ein Gedicht aufzusagen! Aber es musste sein, denn ohne Gedicht gab es kein Geschenk.

Jedes Jahr hat meine Mutter meine sämtlichen Puppen neu eingekleidet, wozu sie lange am Abend noch an der Nähmaschine saß, während ich schon längst schlief. Die Puppenstube wurde neu tapeziert und die Möbel bekamen einen neuen Anstrich. Allein schon der Farbgeruch in der Wohnung versetzte mich in ein Gefühl glücklicher Erwartungen. Das eine und andere Teil kam neu hinzu. Ich fühlte mich immer reich beschenkt.

Am Morgen des ersten Feiertages war es für mich etwas ganz Besonderes, in die Gute Stube zu gehen. Opa war schon dabei, die Asche aus dem Kachelofen zu nehmen, und ich konnte es gar nicht erwarten, mir meine Geschenke vom Vorabend anzusehen. Die Gute Stube, die nur an besonderen Tagen, wie jetzt auch zu Weihnachten, genutzt wurde, hatte für mich immer einen gewissen Zauber!

Aber dann in den darauf folgenden Jahren gab es eine andere Art von Zauber: den Zauber am nächtlichen Himmel! Sie kamen auch an den Feiertagen angeflogen und bombardierten. Der größte Wunsch der Menschen war der, wenigstens an Weihnachten nicht in den Luftschutzraum gehen zu müssen.

Meine Mutter tat alles, um das Fest glücklich zu gestalten. Ich bekam Dinge aus zweiter Hand, darunter Bücher, die sie über die Zeitung von privat kaufte oder tauschte.

Da ich als Kind ein sehr schlechter Esser war, war es für mich nicht wichtig, was an den Feiertagen auf den Mittagstisch kam. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass sich meine Erinnerungen da in Grenzen halten.

Die Weihnachten in der Nachkriegszeit waren zwar armselig, aber der mörderische Krieg mit seinen Bomben war vorbei. Es konnte nur noch bergauf gehen. Im ersten Jahr nach dem Krieg bastelten wir unseren Baumschmuck selber. Mond und Sterne wurden aus Pappe ausgeschnitten und mit Stanniolpapier beklebt, ein Faden wurde angeklebt, um sie in den Baum zu hängen. Sie glänzten sogar trotz des schwachen Kerzenscheins. Man muss wissen, es gab pro Kind sechs Tannenbaumkerzen, die meine gewitzte Mutter durchschnitt, somit strahlte der Baum etwas heller. Der Glanz wurde aber auf alle drei Feiertage verteilt. Wir hatten sogar Lametta im Baum, ganz fein geschnitten, auch aus besagtem Stanniol-Papier.  Ich kann mich jetzt weniger an meine Weihnachtsgeschenke erinnern, als an die Dinge die ich für meine Mutter organisierte. Im ersten Jahr nach dem Krieg habe ich mit einer Freundin im Altonaer Bahnhof die vorbeigehenden englischen Soldaten nach Zigaretten angebettelt. For mother to Christmas! Fünf Stück hatten wir beide. Meine Mutter hatte sich darüber gefreut, ich legte meine Beute jedoch dummerweise in eine leere Schachtel, die stark nach Seife duftete. Der Genuss der Zigaretten war dann wohl doch nicht so besonders.

Opa war eine Zeitlang OptickerEr war kein Augenoptiker, hatte also auch nichts mit dem Anpassen von Brillen zu tun. Der Ausdruck ist typisch Hamburgsch und bezeichnet jemanden, der mit einem Nagelstock bewaffnet Papier und Unrat optickt - aufnimmt, aufsammelt. im Parkgebiet beim Bismarckdenkmal. Von dort brachte er mir einen Medizinball, den er gefunden hatte, mit nach Haus. Ich habe das Ding gewienert, bis das Leder glänzte, bin damit in eine Tauschzentrale gegangen, um den Ball gegen drei Kaffeegedecke (Sammeltassen) einzutauschen. Der Ball wurde ins Schaufenster gelegt, und nur kurze Zeit später hatte ich meine Tassen. Heiligabend bin ich bald geplatzt vor Stolz, als ich die Freude meiner Mutter sah. Wie es so bei Sammeltassen war, sie waren sehr unterschiedlich, aber ich könnte noch heute alle drei Muster und die jeweiligen Farben beschreiben. Dank Opas Hilfe bestand unser ärmlicher Hausstand überwiegend aus Dingen, die er aus dem Hafenkrankenhaus organisiert hatte. So auch fast unser ganzes Küchengeschirr.

Oft, wenn ich heute in der Adventzeit durch die Einkaufszentren bummele, wandern meine Gedanken zurück in die Vergangenheit, zur damaligen Armut. Und heute! Was für ein Überfluss! Was für ein Konsum!

Und ich glaube nicht, dass ich damals weniger glücklich war, als die Kinder von heute!