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Oma im Konsumrausch des Wirtschaftswunders

Wir lebten seinerzeit mit drei Frauen, aus drei Generationen zusammen. Oma, noch sehr rüstig und zupackend, hatte die Aufgabe des Kochens und des Einkaufens übernommen, während meine Mutter und ich arbeiten gingen.

Jeden Samstag in den Vormittagsstunden ging Oma, die bereits die Mitte der Siebzig überschritten hatte, zum Krämer (Kolonialwarenhändler), der auf der anderen Straßenseite sein Geschäft hatte. Die ganze Woche wurde kaum etwas gekauft, höchstens im Notfall. Aber wenn der Samstag kam, war Oma nicht mehr zu bremsen.

Meine Mutter und ich konnten diese Schlepperei nicht verstehen. Es war uns den Nachbarn gegenüber peinlich. Schließlich waren wir im besten Alter und die alte Frau quälte sich mit zwei Riesentaschen ab. Alles, aber auch alles wurde an diesem Samstagvormittag rangeschleppt. Für Oma gab es auch nur diesen einen Krämer, bei dem man fast alles bekommen konnte. S.B.-Läden gab es zu Zeiten der FresswelleTitelbild Revue 1950Mit Verkündung des Grundgesetzes wird 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Der Aufschwung der sozialen Marktwirtschaft beschert Deutschland das "Wirtschaftswunder". 1950 endet die Lebensmittelrationierung, in Deutschland kehrt bald wieder Vollbeschäftigung ein. Ab 1960 werden Gastarbeiter von Deutschland angeworben, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Die Arbeiter kommen überwiegend aus südeuropäischen Ländern. Aus ihrer Heimat bringen sie sowohl Lebensgefühl als auch Kochkunst mit. üppig zu essen und Körperfülle sind gleichbedeutend mit Wohlstand. Der deutsche Haushalt wird einfach und modern mit Waschmachine, Staubsauger und Fernsehgerät. Fast jeder Haushalt besitzt ein Auto, und fast jeden treibt es in den Urlaub. Die Reisewelle in den Süden beschert deutschen Kochtöpfen Spaghetti, Knoblauch und Basilikum. Genug ist zu wenig, erst zu viel ist gut. noch nicht. Auch glaube ich, dass Oma das total abgelehnt hätte, sowie sie sich auch später 1960 nie mit unserer Waschmaschine anfreunden konnte. (Die Wäsche wurde angeblich nicht weiß genug!). Wenn wir ihr den Vorschlag machten, öfter mal einzukaufen, oder zu einer anderen Zeit, in der der Laden nicht so voll war, sah sie uns mit einem vernichtenden Blick an. Wir konnten sie damals nicht verstehen und manchmal belächelten wir sie auch ein wenig.

Da kam sie über die Straße, der Chef des Ladens, im wehenden Kittel, trug ihr die Taschen, was sie mit einem gewissen Stolz hinnahm. Irgendwann hatten wir erreicht, dass sie unten an der Haustür klingelte, um von uns mit Sack und Pack in den vierten Stock rauf  geholt zu werden. Nicht ein einziges Mal durften wir einkaufen. Ich weiß, dass meine Mutter dieses Problem bei dem Chef des Ladens angesprochen hatte. Wenn es damals schon den Hackenporsche gegeben hätte, sie wäre mit einem Fahrzeug nicht ausgekommen.

Verzeih’ mir Oma, die Du nun schon lange auf Deiner Wolke sitzt! Aber heute glaube ich, Dein damaliges Verhalten besser zu verstehen.
Wie so viele Frauen ihrer Generation, hatte sie ein schweres Leben, zwei Weltkriege, zwei Hungersnöte, viele Kinder, sie hatte  immer in großer Armut gelebt.

Für uns alle war das Wirtschaftswunder wirklich ein Wunder! Für sie war es sicher wie ein kleiner Fackelzug, wenn sie mit ihren bis oben angefüllten Riesentaschen über die Straße ging -  sichtbar für die Nachbarn -  und die Genugtuung hatte: Jetzt geht es mir endlich auch gut!!!

Nur so kann ich mir ihr Verhalten von damals erklären!