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Kindermund

Mein Enkel Daniel, geboren 1986 war ein hyperaktives Kind. Immer in Action, konnte er seine Mitmenschen schon manches Mal zur Verzweiflung bringen. Aber ich war verrückt nach meinem Enkel!

In den achtziger Jahren hatte ich eine Zeitlang mit Depressionen zu tun. Daniel war meine einzige Freude und konnte mich zeitweilig aus meiner trüben Welt herausholen. Wir spielten Ereignisse aus dem täglichen Leben nach, wo man übrigens sehr viel über Kinder erfahren kann.

Wenn wir z. B. Restaurant spielten, war er der Kellner mit der dicken Brieftasche voller Spielgeld und nahm mit Block und Bleistift die Bestellung auf, obwohl er noch gar nicht schreiben konnte. Es kamen Gläser zum Einsatz und ich wurde gefragt, ob ich aus einem Schimpansenglas trinken wollte (Champagnerglas). 

Am Schönsten war es für uns, wenn er über Nacht blieb, obwohl es oftmals beim Zubettgehen Schwierigkeiten gab. Sein Kommentar jedes Mal: Bei Mama darf ich aufbleiben, bis ich umfalle! Na, da konnte ich lange warten. Wer zuerst umfiel war ich!

Mit drei Jahren kam Daniel in den Kindergarten. Am ersten Tag berichtete er ganz aufgeregt von den kleinen Klößen. Gemeint waren die kleinen Klos (Toiletten) die passend für kleine Kinder waren.

Ab sofort und für lange Zeit war sein Lieblingswort geil. Da dieses Wort im Sprachgebrauch der Erwachsenen bis dahin eine ganz andere Bedeutung hatte, sagte ich ihm, dass ich lieber toll sagen würde. Darauf seine Antwort, dass ich das lernen könnte, was aber bis heute bei mir nicht geklappt hat. Als wir wieder einmal zusammen spielten, musste er wohl gelangweilt gewesen sein, denn er sagte plötzlich: Oma, ich such uns jetzt was Geiligeres zum Spielen! Sieh’ an, das Wort ließ sich sogar noch steigern!

Als ich einmal bei meiner Tochter zu Besuch war – er muss da ungefähr vier Jahre alt gewesen sein - und sie kurz das Haus verließ, bot er mir, ganz Gastgeber, Getränke und Süßigkeiten an. Auf meine Frage, ob er so einfach an die Süßigkeiten darf, denn er war ein schlechter Esser, sagte er: Wenn Mama und Papa nicht da sind, bin ich hier der Bestimmer!

Einmal hat er mich gefragt, wie alt ich wäre. Ich sagte Achtundfünfzig. Waaaas so alt??? Dann die niedliche Frage: Bist Du älter als Mama? Aber nach kurzem Nachdenken meinte er, ach nein, das geht ja auch gar nicht!

Als Daniel acht Jahre alt war, bin ich in den Sommerferien zwei Wochen mit ihm nach Mittenwald in Oberbayern gefahren. Gleich an unserem ersten Tag und beim Durchstreifen des Zentrums von Mittenwald entdeckte er in einem kleinen Souvenirgeschäft ein Fußballtrikot der Bayernmannschaft, dazu noch in Kindergröße. Er war total aus dem Häuschen und quälte mich, es ihm doch zu kaufen. Ich hatte so meine Befürchtungen, dass ich ihn da Tag und Nacht nicht wieder heraus bekommen würde und er den ganzen Urlaub und überall hin nur noch in diesem Fummel rumlaufen würde. Auch schien mir das Ding sehr dünn. Ich meldete meine Bedenken bei ihm an, dass er in dem dünnen Trikot frieren würde. Er machte mir daraufhin den Vorschlag, etwas anderes darunter zu tragen. Und dann kam von ihm die alles entscheidende Aussage, der ich nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Oma, wenn man so richtig glücklich ist, friert man sowieso nicht!

Das Nervige an diesem Urlaub, war die endlose Fahrt mit dem Zug. Auf dieser Reise versprach mein Enkel mir, wenn er achtzehn Jahre alt ist, brauchte ich nie mehr mit dem Zug in den Urlaub zu fahren. Denn dann hätte er ein Motorrad. Man stelle sich das vor, der Achtzehnjährige und die dann siebzig Jahre alte Großmutter!

An meinem 70. Geburtstag – er war jetzt 18 Jahre alt – kam er, statt mit dem leichtsinnig versprochenem Motorrad, auf einem Skateboard, viel zu spät – er wollte zum Frühstück kommen, vorher hatte ich ihn erstmal wach klingeln müssen – quer über die Straße gerollt. Ein Cap in rot auf dem Kopf und einen Blumenstrauß in der Hand, der Hintern der Jeans in den Knien, wie es sich für einen Skateboardfahrer gehört. Schon von weitem hat er mich angestrahlt und ich war glücklich, ihn zu sehen.

Apropos Hintern in den Kniekehlen - zu meiner Zeit hießen die Jeans noch Nietenhosen und wurden ganz eng getragen. Ich habe mir unten an den Hosenbeinen Reißverschlüsse genäht, damit ich besser rein und raus kam. Meine Mutter war entsetzt über meine Arbeiterhosen. Man sieht, jede Generation hat ihre Eltern geschockt. Aber es gehört zum Jungsein dazu, um sich von den Eltern abzugrenzen.

Heute ist Daniel ein junger Mann von 23 Jahren und wenn ich ihn sehe, kann ich es kaum glauben, dass dieser erwachsene junge Mann der kleine Junge war, mit dem ich so viele glückliche Stunden verbracht habe.

Zum Schluss der Refrain eines Liedes von Reinhard Mey.

Mein kleiner Kamerad, so ist es eben,
da gibt’s auch keine extra Wurst für uns.
Es trennt die besten Freunde, dieses Leben
und macht Erwachsene aus kleinen Jungs!