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Alles im Leben hat seine Zeit!

Früher - es scheint mir noch gar nicht so sehr lange her zu sein - bin ich in Bus und Bahn gerne mal mit netten Leuten ins Gespräch gekommen, habe manchmal auch gern ein bisschen geflirtet. Heute fällt mir auf, dass ich sehr oft die älteste Person zwischen allen Fahrgästen bin. Da passiert in Sachen Flirten nichts mehr, jedenfalls nicht mit mir! Nein, mir wird in letzter Zeit sogar immer öfter ein Sitzplatz angeboten! Ich freue mich natürlich über junge höfliche Menschen – sie sind rar gesät! Aber andererseits, sehe ich denn schon so alt und gebrechlich aus? Man sieht sich wohl leicht immer etwas anders, als seine Mitmenschen es tun. Noch vor Jahren habe ich getönt: Ich bin erst alt wenn man mir im Bus einen Sitzplatz anbietet! Tja! Und nun ist es soweit! Es war zwar ein kleiner Schock, aber ich fange an, es zu genießen und vor allem mit Humor zu nehmen!

Was mich und Frauen meines Alters nervt, das ist das Gekreische von Kindern in Bus und Bahn. Wir fragen uns dann, haben unsere eigentlich auch so gekreischt? Natürlich! Wir hatten nur bessere Nerven, und es waren unsere eigenen Kinder!

Mein Enkel wollte mal als etwa Vierjähriger von mir erklärt haben, wie das so mit dem Altwerden ist. Ich habe das Beispiel Fernseher genommen. Eines Tages wird die Farbe schwächer, dann wird der Ton schlechter und irgendwann ist nur noch Geflimmer im Kasten. Dann muss der Techniker (Arzt) kommen. Manchmal genügt ein Hausbesuch, aber oft muss der Fernseher mitgenommen werden, um Ersatzteile einzubauen. Darauf mein Enkel: Aber Oma, Du wirst doch nicht alt? Nein, noch lange nicht, erst wenn Du ein erwachsener Mann bist, antwortete ich. Da war ich Mitte fünfzig.

Das mit den Ersatzteilen ist eigentlich gar nicht so weit hergeholt. Es fängt meist bei der Brille und bei den Zähnen an. Aus Pietät möchte ich dieses Thema jedoch nicht weiter ausschlachten. Aber es zwickt und zwackt schon mal an irgendwelchen Körperteilen. Auch nach einer langen Feier brauche ich viel, viel länger, um mich wieder zu regenerieren.
Wenn ich mich morgens von meiner täglichen Gymnastik – die auf einer Bodenmatte stattfindet – erhebe, bin ich froh, dass dieser Akt von niemandem gesehen wird. So wie ich hoch komme, wäre es eine Lachnummer für den Zirkus. Aber bis jetzt habe ich immer noch die Höhe wieder bekommen! Und dass der Mensch auf der Höhe ist, darauf kommt es schließlich im Leben an! Und wer nicht alt werden möchte, muss jung sterben!

Aber das Alter hat auch viele Vorteile. Man hat viel Zeit – obwohl man sagt, Rentner haben keine. Man kann das tun, wozu man Lust hat, z. B. Geschichten für die EWNOR schreiben.

Im Internet gibt es –zig Angebote für Kontakte oder Aktivitäten für ältere Menschen.
Wenn mein erstgeborener Enkel bei mir zu Besuch war, bauten wir uns oft eine Höhle unter dem ausgezogenen Esstisch. Mit Decken und Kissen und sogar einer kleinen Lampe darin.

Dieser Höhlenbau hat sehr viel Mühe gemacht und es ging immer rein und raus, weil irgendwo noch ein Loch zugehängt werden musste oder sonst irgendetwas fehlte. Wenn die Decken wegrutschten, nahmen wir Wäscheklammern zu Hilfe. Natürlich gab es Kindergeschirr aus Plastik, aus dem wir unser Gummibärchengemüse und unsere Schokoladentalersuppe aßen! Es machte mir Riesenspaß, auch wenn ich -zig Mal die Höhle verlassen musste, sei es, dass das Telefon klingelte (ich hatte noch kein schnurloses!) oder aus sonst irgendwelchen anderen Gründen.

Aber was war denn das, acht Jahre später? Das gleiche Höhlenspiel mit meinem um acht Jahre jüngeren Enkel? Ich krabbelte nicht in die Höhle, ich schob mich ganz langsam im Zeitlupentempo hinein. Es war alles wie früher, trotzdem stieß ich mich an den Tischbeinen und ich hatte Schwierigkeiten, meine Glieder zu sortieren. Habe ich mir früher eigentlich auch so oft den Kopf gestoßen? Wenn ich mir endlich eine für mich einigermaßen günstige Position erarbeitet hatte, ging garantiert das Telefon! Raus aus der Höhle – rein in die Höhle! Oder wie der Hamburger sagt: ...rin in de Kartüffeln – rut ut de Kartüffeln! Es war längst nicht mehr so spaßig wie einst!

Wo war meine Beweglichkeit von früher geblieben? Als ich dann mal leise bei meinem Enkel anfragte, ob wir nicht was anderes spielen wollten, meinte er: Bis Mama mich abholt, möchte ich mit Dir in dieser Höhle spielen! Ach herrje! Da hatte ich mir was eingebrockt!

Einer meiner großen Wünsche, die ich noch in diesem Leben habe, ist der, meine Urenkel zu erleben. Aber denen werde ich das Höhlenspiel nicht mehr anbieten, dann werde ich glücklich sein, sie nur im Arm halten zu können!