© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Ich habe es erlebt

In Bayern auf dem Lande ( 1934 bis 1945 )

Mein Geburtsjahr ist 1930 und ich gehöre zu denjenigen, die das beinahe ungewöhnliche Glück hatten, die Zeit des Nationalsozialismus, des Krieges und der ersten Nachkriegszeit in Deutschland in verhältnismäßig undramatischer Weise zu erleben. Lebten wir denn auf einer Insel der Seligen? Eine Insel in diesem Sinne war es sicher nicht, aber ein Hauch von Seligkeit mag da schon mitgeschwungen haben. Unsere Familie lebte nämlich auf dem Lande, in Prien am Chiemsee, einem Ort mit gut 3000 Einwohnern und... in Oberbayern. 1934 ist meine aus Norddeutschland stammende Familie, d.h. meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich als erhebliches jüngeres Nesthäkchen, dorthin verzogen, nachdem mein Vater, bis 1918 Seeoffizier der kaiserlichen Marine, dann Versicherungskaufmann, den Ruf zur Leitung der Chiemsee-Yachtschule für Mädchen des Deutschen Hochseesportverbands angenommen hatte.

Gingen die Uhren dort anders? Ja, ein wenig schon. In Südbayern war der Katholizismus ein Faktor, den die Funktionäre des Nationalsozialismus - fast - nie außer Acht gelassen haben. In unserem Ort hat es nicht die Praxis gegeben, die Teilnahme an der Sonntagsmesse durch gleichzeitige Veranstaltungen der SA oder der Hitlerjugend zu beeinträchtigen wie es anderswo vorgekommen ist. 1937 wurde ich eingeschult und selbstverständlich hingen Kruzifixe in den Klassenzimmern unserer Volksschule - noch - und es gab sogar ein Schulgebet. Allerdings: dieses Schulgebet wurde eines Tages per Order von höchster Stelle nazifiziert, vielleicht könnte man auch sagen militarisiert. Man schrieb ja schon das Jahr 1940 und Deutschland befand sich im Krieg. Die Tumbheit des Textes war von uns Kindern natürlich nicht erkannt worden, aber vielleicht war gerade sie es, die es mir erleichtert hat, mir diese Verse zu merken:

Sind wir auch nur kleine Deutsche, aber Deutsche sind wir doch,
können wir auch noch nicht streiten, lieben tun wir Deutschland doch.
Deutsche Kinder müssen beten: Herrgott schütze unser Heer,
sei Du mit ihm auf dem Lande, in der Luft und auf dem Meer
.

Anschließend bekreuzigten wir uns dann wieder - ganz katholisch - mit Gelobt sei Jesus Christus und irgendwie wurde in diese Zeremonie auch noch der unerlässliche und strikt verordnete Deutsche Gruß namens Heil Hitler eingewoben. Apropos Heil Hitler: der immer noch normale Gruß lautete in Bayern auf dem Lande Grüß Gott. Wir wären uns schon ziemlich verklemmt vorgekommen, wenn wir die Gärtnersfrau, die in ihrem kleinen Lädchen ihr Gemüse verkaufte, oder vielleicht beim Kauf von Sandalen die freundliche ältere Frau des Schuhmachers oder den bärtigen Elektriker oder gar die eigenen Freunde und Verwandten mit Heil Hitler begrüßt hätten. Aber es war natürlich auch bekannt, dass der Inhaber des Papierwarengeschäftes auf den deutschen Gruß wert legte und dann kam man ihm natürlich auch auf diesem Wege entgegen. Man protestierte weder gegen die eine noch gegen die andere Art der Begrüßung, sondern nahm das so hin, wie es gerade gewünscht wurde.

Auf dem Gymnasium in der Kreisstadt Rosenheim gab es übrigens die Kruzifixe schon nicht mehr, als ich im dritten Kriegsjahr dorthin überwechselte. Auch wurde hier kein Schulgebet gesprochen. Und selbst in der Volksschule wurden die Kruzifixe nach 1941 auf allerhöchste Anordnung doch noch entfernt. Dem Vernehmen nach soll sich der Rektor beim katholischen Pfarrer dafür entschuldigt haben. Es tue ihm ja so leid, aber Weisung sei nun einmal Weisung.

Unsere Lehrerin auf der Volksschule war übrigens nicht nur streng sondern auch eine tiefgläubige Katholikin. Was sie für einen Spagat zwischen nationalsozialistischen Erziehungszielen und ihrer religiösen bayerisch-christlichen Weltsicht zu bewältigen hatte, wurde mir natürlich erst nach dem Krieg aus dem Blick des Erwachsenen bewußt. Gelegentlich fragte sie am Montag während des Unterrichts, wer sich etwa erdreistet habe, am Sonntag nicht zur Messe zu gehen. Wahrheitsliebende, die sich dann ängstlich meldeten, entgingen zwar knapp dem ansonsten täglich munter eingesetzten Rohrstock, verbal wurden sie aber doch recht eindrucksvoll in die Rolle reuiger Schuldbeladener getrieben, sicher nicht in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie. Gottlob wurden wir wenigen Protestanten nicht in diese peinliche Befragung einbezogen.

Eher selten beherrschten Uniformen das Ortsbild. Eine Gelegenheit hierfür war aber der Heldengedenktag, zu dem man den Volkstrauertag unter Verlegung in den Monat März umfunktioniert hatte. Da gab es dann immer eine Kundgebung am Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz des Ortes, der mittlerweile den Namen Hindenburgplatz trug und zu ihr hatten die Angehörigen der Gliederungen der NSDAP eben in Uniform zu erscheinen. Auch ehemalige Berufssoldaten zogen wieder ihre Uniformen an. Es war ein buntes Bild. Eine Blaskapelle intonierte das Lied vom guten Kameraden und der Ogrulei - so nannte man den Ortsgruppenleiter der NSDAP - hielt eine mehr oder weniger markige Ansprache, ehe er sich wieder in den durchaus anerkannten, keineswegs martialischen Architekten verwandelte, der sich mit der Errichtung gediegener Häuser im bayerischen Landhausstil das Wohlwollen der Häuslebauer der 30er Jahre erworben hatte.

Adolf Hitler galt vielen als eine Art Abgott. Unter oberbayerischen Volksschülern trieben gelegentlich die älteren mit den jüngeren ihren Schabernack, indem sie sie schickten, um für a Fümferl a Ibidum oder gar Haumiblau zu kaufen. Eine andere derartige Veräppelung lautete: Woaßt scho, heit Nachmittag zwischen drei und fimf kimmt da Vierer? Wos da Führer kimmt? war dann die erhoffte Reaktion. A na, nach'm Dreier kimmt do da Vierer, des woaßt do a. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Aber manchmal kam er eben doch. Einmal, es war wohl schon 1934, trank er auf der Seebrücke vor dem Strandhotel am Chiemsee seinen Kaffee. Einer seiner alten Kampfgefährten, der in der Nähe von Prien wohnte, hatte Hitler auf die Chiemsee-Yachtschule aufmerksam gemacht. Prompt lud der daraufhin meine Eltern zusammen mit den Segelschülerinnen zur Teilnahme an seiner Kaffeetafel ein. Ich spielte derweil mit der ein Jahr jüngeren Tochter des Hoteliers im Matsch des Seeufers. Plötzlich wurde ich gerufen, ich solle dem Führer die Hand geben. Meine Mutter wollte dem vermeintlich so hervorragenden und verehrten Staatsmann ihren Filius vorführen. Schnell die Hände im See abgespült und es geschah wie befohlen. In meiner frühen Erinnerung hatte mich der Führer geküsst. Aber meine Mutter hat das jedes Mal richtig gestellt: Er hat dir nur mit der Hand über den Kopf gestrichen. Ich war vier Jahre alt. Mein Vater berichtete von diesem Nachmittag, dass es keinen echten Gedankenaustausch mit Hitler gegeben habe. Der Führer hat nur Monologe geführt, sagte er und fügte hinzu, dass es Hitler dabei fast ausschließlich um das Thema seiner Sanktionen gegenüber Österreich gegangen sei. Hitler hatte verfügt, dass für jede Reise von Deutschland nach Österreich 1000  Reichsmark an die Grenzorgane gezahlt werden müssen. Er wollte damit Österreich wegen der Unterdrückung der österreichischen Nationalsozialisten durch die Regierung abstrafen. Diese Entscheidung verteidigte er nun vehement in dieser Kaffeestunde am Chiemsee. Ein andermal hieß es ganz plötzlich: Heute Nachmittag kommt der Führer in das Schlosshotel Herrenchiemsee. Es war der 19. Juli 1939. Vater, Mutter und ich natürlich nichts wie hin! Wir waren ja von Hitlers Begnadung noch überzeugt. Im Schlosshotel hektische Nervosität. Es wurde vor lauter Aufregung nur noch eine Sorte Eis ausgegeben, sonst nichts. Sahne dazu? Nein, die war schon lange den Bestrebungen nach einer wirtschaftlichen Autarkie und Görings Vierjahresplan zum Opfer gefallen. Und dann kam Hitler, ganz ungewohnt im grauen Zivilanzug, zu Fuß von einer Besichtigung des Prunkschlosses Ludwigs II.. In seiner etwa zehnköpfigen Begleitung war unter anderem der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Josef Goebbels, der eigentlich so gar nicht dem NS-Ideal des blonden und blauäugigen Germanen entsprach. Viele Menschen, darunter auch die Mädels der Chiemsee-Yachtschule, hatten zu Hitlers Begrüßung Aufstellung genommen und riefen nun mit erhobenem Arm - das war der deutsche Gruß - Heil unserem Führer und dann noch etwas, was ich nicht so recht verstand. Mutti, rufen die Heil unserem Führer dem besten? fragte ich meine Mutter. Nein Junge, Heil unserem Führer vom Westwall war die Antwort. Ach ja, der Westwall war ja soeben fertig gestellt worden, der Schutzwall gegen den westlichen Feind. Im Völkischen Beobachter hatte es gestanden. Offensichtlich herrschte darob nun eitel Freude.

Es konnte losgehen. Sechs Wochen später schrieb man den 1. September 1939. Es versteht sich fast, dass die Einladung zu Eis und Kaffee von 1934 wiederholt wurde. Vor meinem Auge ist noch das Bild des heftig gestikulierenden Führers im Gespräch mit den vor Stolz über diese Auszeichnung strahlenden Yachtschülerinnen. Am Schluss gab es dann auf der Freitreppe des Schlosshotels noch das Gruppenfoto: Hitler in der Mitte von Deutschlands weiblicher Jugend, repräsentiert durch die Yachtschülerinnen vom Chiemsee.

Ich erinnere mich noch an die Volksabstimmung im April 1938, durch die Hitler sich seine Politik, insbesondere den Anschluss der deutschen Ostmark, also Österreichs, vom deutschen Volk bestätigen lassen wollte. Am Tage danach wurde das Ergebnis der Abstimmung in unserem Orte an den kommunalen Bekanntmachungstafeln mitgeteilt. Klar, dass es überwältigend für Hitler und seine Politik ausgefallen war. Aber immerhin, unter den gut 3000 Einwohnern unseres Ortes hatten es doch laut amtlicher Bekanntmachung neun Personen gewagt mit nein zu stimmen. Auf die offizielle Mitteilung folgte dann aber auch prompt im Schlusssatz die Verwünschung …diese Verräter an der Volksgemeinschaft mögen doch gefälligst auswandern und ihren Wohnsitz in der Sowjetunion nehmen.

An noch eine andere Verwünschung erinnere ich mich. Eines Tages klebten an verschiedenen gut einsehbaren Stellen und an der einzigen Litfaßsäule der Gemeinde Beschriftungen: Hosenweiber raus aus Prien. Die ersten als Sommerfrischler - heute würde man sagen Touristen - angereisten Damen jüngeren bis mittleren Alters hatten es gewagt, sich in langen Hosen sehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob die geistigen Väter - oder Mütter? - der Aktion in den Versammlungsräumen der NSDAP oder im katholischen Pfarramt ihr Zuhause hatten.

Nach Dr. Goebbels war mittlerweile in unserem Ort auch schon eine Straße benannt worden. Auch andere Exponenten des Dritten Reiches waren durch die Umbenennung von Straßen geehrt worden: Hermann Göring, Horst Wessel, Rudolf Heß, Reichsinnenminister Dr. Frick, Reichsstatthalter Franz von Epp, der Schriftsteller Dietrich Eckart, der NS-Bildungsexperte Hans Schemm und sogar der Gauleiter von Südbayern Adolf Wagner. Auch der Widerstandskämpfer gegen die französische Ruhrbesetzung Schlageter hat seine Straße bekommen. Rudolf Heß allerdings hat die seinige, kaum dass er sich 1941 nach England abgesetzt hatte, an den erfolgreichen U-Boot-Kommandanten Günther Prien verloren. Dass aus der längsten Straße des Ortes -wie fast überall- die Adolf-Hitler-Straße geworden ist, war bei soviel staatspolitischem Umbenennungseifer fast selbstverständlich. Als amüsante Bemerkung am Rande sei noch erwähnt, dass bei der Entnazifizierung des Ortsstraßenwesens 1945 die Bismarckstraße gleich mit entnazifiziert worden ist. Bismarck ein Nazi? Na ja, das Verhältnis der Bayern zu Bismarck war eben seit jeher ein zwiespältiges.

Natürlich mussten wir Jungen dem Jungvolk, später der HJ, also der Hitler-Jugend angehören und die Mädchen entsprechend den Jungmädeln bzw. dem BdM, dem Bund deutscher Mädel. Inzwischen war aber der Krieg ausgebrochen und es gab wegen der allgemeinen Warenverknappung - aus unserer Sicht bedauerlicherweise - keine dazu gehörenden Uniformen mehr zu kaufen. So mussten die meisten von uns diesen Dienst in ihrer normalen Kleidung absolvieren. Der Dienst bestand überwiegend aus Sportaktivitäten, sei es in der gemeindlichen Turnhalle, oder im Freien, häufig im so genannten Eichental. Es gab zeitweise auch so etwas wie ein Heim. Dennoch waren Heimabende selten. Das bedeutete aber auch den Verzicht auf eine wesentliche Gelegenheit, um ideologischen Einfluss zu nehmen. Ich vermute im Übrigen, dass unsere Führer gar nicht ausreichend geschult gewesen sind, um so etwas leisten zu können und schließlich diente ja die Betätigung im Freien einschließlich häufiger Geländespiele auch dazu, die im übrigen recht undisziplinierten Buben im Sinne nationalsozialistischer Ideale hart wie Kruppstahl zu machen.

Insel der Seligen? Nein. Der Krieg griff auch hier hart zu. Rundum betrauerte eine Familie nach der anderen den Ehemann, einen Sohn oder den Bruder als auf dem Felde der Ehre gefallen. Von den vier Fähnleinführern des Jungvolks, die ich in drei Jahren erleben durfte, sind drei im Kriege geblieben, ebenso wie einer meiner Jungzugführer. Zwei meiner Cousins, ein Sohn von Mutters Bruder und einer der Söhne eines Bruders meines Vaters, sind gefallen. Es war eine traurige Zeit. Mein eigener Vater war bis 1920 Seeoffizier gewesen. 1939 wurde er als sog. z.V.-Offizier (zur Verfügung) wieder einberufen, hatte aber wegen seines schon höheren Lebensalters Gott sei Dank nur noch Landkommandos. Meine Mutter wurde Alleinerziehende.

Insel der Seligen? Seligkeit durch Nichtwissen .......vielleicht. Dass die Juden Deutschlands Unglück seien, wurde uns natürlich eingepaukt. Was für ein schreckliches Schicksal ihnen der Nationalsozialismus auferlegt hatte, konnten wir auf dem Land nicht erkennen, weil, jedenfalls in unserem Ort, keine Juden lebten. Wir sahen, anders als die Menschen in den großen Städten, niemanden mit Judenstern, der die Straßen zu fegen hatte oder die in grauen Kolonnen zum Abtransport in den Osten geführt wurde. In den Dörfern lebte eben nur selten einmal eine jüdische Familie.

Von Konzentrationslagern wusste man natürlich schon. Dachau war absolut ein Begriff, man kann sogar sagen ein Drohbegriff, auch wenn verniedlichend oft von Konzertlagern gesprochen wurde. Dass es Vernichtungslager gab, ist uns Kindern zumindest verborgen geblieben. Allerdings erinnere ich mich, dass durchaus darüber gesprochen wurde, dass Menschen, denen die Nazis den Stempel lebensunwertes Leben aufgedrückt hatten, beispielsweise in Mauthausen bei Linz, getötet wurden. Auch hierfür gab es eine erschreckende Verniedlichungsform. Diese Menschen wurden verlinzt. Ich muss aber auch bekennen, dass ich kaum einmal vernommen habe, dass jemand gegen diese menschenverachtende Euthanasie moralische Bedenken angemeldet hätte, nicht einmal hinter vorgehaltener Hand. Die Mangelsituation auf allen Gebieten während des Krieges leistete dem schnell produzierten Argument vom unnützen Esser erheblichen Vorschub. Allerdings hielt man damals auch aus einzusehenden Gründen regimekritische Bemerkungen tunlichst vor Kinderohren verborgen.

Es hat damals Kirchenobere gegeben, die die Tötung geistig behinderter Menschen mutig angegriffen und bekämpft haben. Der Münsteraner Kardinal Graf Galen war hier ein leuchtendes Beispiel. Im Übrigen war die geistige und physische Auseinandersetzung zwischen dem Nationalsozialismus und den christlichen Kirchen für ein Kind oder einen Jugendlichen, jedenfalls in Bayern auf dem Lande, nicht recht erkennbar. Von den Begriffen Deutsche Christen und Bekennende Kirche habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Ich glaube auch, dass sie in Bayern nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Unser evangelischer Pfarrer beschloss sein Gebet an jedem Sonntag mit der Formel Herr, gib unserem Führer rechten Rat und rechte Tat zur rechten Zeit. Schade, dass genau dieser Gebetswunsch nicht erhört worden ist. Erhalte uns unseren Führer hätte er nie gesagt. Seine Wortwahl war die distanziertest mögliche Art, den Anforderungen des Staates gerecht zu werden. Wir haben diesen Pfarrer, der an der Volksschule auch mein Religionslehrer gewesen ist, alle sehr gerne gemocht. Auch er, Jahrgang 1911, wurde später zur Wehrmacht eingezogen und ist aus dem Krieg nicht wieder zurückgekehrt. Natürlich hat der Religionsunterricht auch Fragen nach der Einstellung zum Judentum aufgeworfen, das uns ja durch die Bibel sehr nahe gebracht wurde, während uns anderenorts vorgebetet wurde, dass eben diese Juden unser Unglück seien. Ich weiß nicht mehr, wie der Pfarrer und Religionslehrer sich aus der Affäre gezogen hat, aber eines weiß ich noch, wie meine Mutter da geholfen hat, als ich sie so als vielleicht Achtjähriger, noch beeindruckt von der letzten Religionsstunde, ganz vorsichtig gefragt habe: Mutti, war Jesus nicht eigentlich ein Jude? Die Antwort lautete nicht ja und nicht nein sondern höchst diplomatisch: Jesus war ein Aramäer. Galiläer wäre wahrscheinlich die korrektere Ausflucht gewesen, aber ich war befriedigt und irgendwie erleichtert. Und schließlich sprach Jesus ja bekanntlich aramäisch.

Übrigens nahmen alle Kinder am Religionsunterricht teil, der ausschließlich von Pfarrern erteilt wurde. Das gilt sowohl für die katholischen wie für die evangelischen Schüler. Dass jemand sich auf den von den Nationalsozialisten favorisierten Status gottgläubig berief oder sich als konfessionslos bezeichnete und deshalb nicht am Religionsunterricht teilnahm, ereignete sich erstmals, als sich während des Krieges unsere Klasse durch Schüler vergrößert hatte, deren Mütter mit ihren Kindern aus Furcht vor Bombenangriffen aus Städten des Ruhrgebietes oder aus Berlin auf die vermeintliche Insel der Seligen namens Oberbayern ausgewichen waren. Auch später, auf dem Gymnasium, war es nur eine Schülerin und ein Schüler von insgesamt ca. 50 meines auf zwei Parallelklassen aufgeteilten Jahrgangs, die nicht zum Religionsunterricht gingen. Die Schülerin hat später evangelische Theologie studiert und diesen Beruf auch ausgeübt!

Dass auf dem Gymnasium in den Jahren 1941 bis 1944 überhaupt noch Religionsunterricht erteilt wurde, war übrigens so selbstverständlich nicht und möglicherweise sogar eine bayerische Besonderheit. Von damaligen Schülern aus Norddeutschland weiß ich, dass sie während des Krieges schon keinen Religionsunterricht mehr hatten. Allerdings war auch an bayerischen Gymnasien die Zahl der Religionsstunden auf eine Stunde pro Woche reduziert. Religionsunterricht gab es auch nur bis zur vierten Gymnasialklasse einschließlich. Heute würde man sagen bis zur achten Klasse/Jahrgang. Da ich die fünfte Klasse bereits nach Ende des Krieges erlebte, habe ich also nie ganz auf den Religionsunterricht verzichten müssen. Die Nazis haben sich in diesem Zusammenhang noch eine Besonderheit einfallen lassen: Bis etwa 1942 oder 1943 stand das Fach Religion noch auf dem normalen Zeugnisvordruck. Dann wurde es von dort auf einen separaten Vordruck verbannt. Natürlich war das ein ideologiebedingter Akt der staatlichen Distanzierung von diesem Fach. Ich bekenne aber, dass ich damals dieses offensichtliche Motiv nicht erkannt habe. Es war eben einfach so.

Nun bin ich über die Religion schon zum Thema Gymnasium gekommen, dessen Betrachtung gewiss auch ein Stück Zeitgeschichte offenbart. Gymnasialempfehlungen der Grundschule gab es im Jahre 1941 noch nicht. Damals musste man sich einer Aufnahmeprüfung unterziehen. Dazu gehörte, dass man seine Leistungen im Rechnen zu offenbaren hatte, ein Diktat und eine Nacherzählung schreiben musste und im Rahmen einer Prüfung im Fach Turnen auch mal in die Sprunggrube zu hüpfen hatte, Hochsprung und Weitsprung. Der Begriff Mathematik war damals übrigens der erst in den höheren Klassen gelehrten Rechenkunst vorbehalten. Hervorragend bestanden hat der Herr Oberstudiendirektor meinem Vater gegenüber persönlich attestiert und ich war Schüler des Humanistischen Gymnasiums in Rosenheim, das 42 Jahre zuvor sein erstes Abitur abgenommen hatte, also noch relativ jung gewesen ist. 1941 waren wir der erste Jahrgang, der so stark war, dass zwei Parallelklassen gebildet werden mussten. Erst nach dem Kriege habe ich erfahren, dass ein altsprachliches Gymnasium den Bildungsidealen der Nazis nicht entsprochen habe und daher damals irgendwie gefährdet gewesen sei. Wir Schüler haben davon allerdings nichts gemerkt. Offensichtlich war dies auch den Eltern nicht bekannt. Wieso sonst die starke Nachfrage nach dieser Schulform anno 1941?

Ein gravierender Unterschied zur Volksschule bestand darin, dass man dort auf die Benutzung des Rohrstockes gänzlich verzichtete und sich stattdessen zu Bestrafungszwecken auf die Verteilung schallender Ohrfeigen, auf das Hochziehen an den Haaren und das Umdrehen der Ohrmuscheln verlegt hatte. Aber allein mit diesem Hinweis würde man den Charakter unseres Gymnasiums nicht treffen. Die Schule war gut, auch unter den Bedingungen der Jahre 1941 bis 1945. Der Lehrkörper bestand zum Glück aus Herren, die meist bereits jenseits der 50 waren und daher nicht mehr in der Gefahr standen, plötzlich zur Verteidigung des Vaterlandes abberufen zu werden, so dass sich der Unterricht insoweit jedenfalls in geordneten Bahnen vollziehen konnte. Außerdem lagen die Anfänge der Berufslaufbahnen vieler dieser Herren Professoren, wie sie angeredet wurden, noch in den Jahren der Weimarer Republik, bei manchen schon in der Zeit des Königs Ludwig III.. Deshalb gebärdeten sie sich auch nicht als überzeugte Nationalsozialisten, sondern erschienen vielmehr politisch eher indifferent. Betrat ein Professor - genannt Profax - das Klassenzimmer, so hatte der Klassenführer - im autoritären Staat Vorläufer des heutigen Klassensprechers - laut Achtung zu rufen. Der Lehrer musste dann kultusministerieller Weisung entsprechend, den rechten Arm zum deutschen Gruß erheben und Heil Hitler rufen, woraufhin ihm wiederum aus der Klasse ein kurzes, markiges Heil Hitler entgegenscholl. Auch hier war ein deutlicher Unterschied zur Volksschulpraxis erkennbar. Dort wurde der deutsche Gruß lang gezogen Heil - Hit-ler mit Absätzen nach jeder Silbe gesprochen und man ließ den Arm nach dem Ende des Textes nicht gleich wieder senkrecht fallen, sondern zog den Unterarm zunächst einmal zurück, bis die Hand die Brust berührte und senkte dann erst den ganzen Arm in die Pendelposition ab. Aus der Art, wie sich die Damen und Herren dieser Pflichtübung entledigten, hätten Kenner - zu denen wir als Kinder noch nicht unbedingt gehörten - ganz gewiss auch Schlüsse auf deren mehr oder weniger große Nähe zum Nationalsozialismus ziehen können. Bei manchen verkümmerte der Gruß bis zu einem Winke-Winke, was sicher kein Zeichen übertriebener Begeisterung für die herrschende Weltanschauung gewesen ist. Natürlich gab es auch echte Nazis im Lehrerkollegium, allen voran der Oberstudiendirektor, der dem Vernehmen nach eine recht niedrige Mitgliedsnummer bei der NSDAP gehabt haben soll. In Vertretungsstunden, die er zu erteilen hatte, erschien er mit dem Völkischen Beobachter und veranlasste uns, den Inhalt irgendwelcher Nachrichten daraus ins Lateinische zu übersetzen. Ich erinnere mich noch an eine Meldung über Bombenschäden am Kölner Dom, die dann zu der Übersetzung führte: Britanni magnum templum ad Rhenum situm deleverunt (die Briten haben eine große am Rhein gelegene Kirche zerstört). Der Direktor war ein absolut überzeugter Nationalsozialist. Im Inneren seines Herzens war er aber meiner Einschätzung nach ein deutschnationaler und bayerischer Konservativer. Er war ein Mann, der wie so viele dem Irrtum erlegen war, nach der Demütigung unseres Vaterlandes durch Versailles und die frühe Nachkriegspolitik der Alliierten des ersten Weltkrieges sei der Weg Hitlers derjenige, der Deutschland wieder auf die gleiche Augenhöhe mit den Siegermächten von 1918 führen würde. Wir hatten noch einen Lehrer, der immer wieder Seitenhiebe auf die Juden und auf die Briten in seinen Unterricht einfließen ließ und von einem weiteren, noch jüngeren Lehrer wurde ähnliches berichtet. Es gab aber auch den schon über sechzigjährigen Pädagogen, dem man seine Abneigung gegen das System anmerkte und der sich auch nie beeindrucken ließ, wenn man nicht erledigte Hausaufgaben mit dem Dienst beim Jungvolk zu entschuldigen suchte oder eine Befreiung vom Unterricht für eine Vorsprache beim Bannführer der Hitler-Jugend erbat. Das geht mich nichts an, hieß es dann immer, das Versäumnis der Schülers wurde gerügt und der angeblich so wichtige Besuch auf dem Bann fand nicht statt. Dass der Lehrer dann seinerseits wegen seines wenig staatstragenden Verhaltens von oben zur Rechenschaft gezogen worden sei, habe ich auch nicht gehört. Die Schüler haben auch dies letztlich ohne Murren hingenommen. Politische Diskussionen wurden unter uns Schülern nicht geführt. Politische Aufsatzthemen gab es in den unteren Gymnasialklassen noch nicht.

Der Krieg nahm seinen Fortgang. Die Schüler der oberen Klassen verließen die Schule mit dem sog. Reifevermerk statt mit einem regulären Abitur, um möglichst frühzeitig die sich lichtenden Reihen der Frontkämpfer aufzufüllen. Später gab es noch die Zwischenstufe der Flakhelfer, die von den Lehrern auf ihren Stellungen unterrichtet wurden. Auch die älteren unter meinen Klassenkameraden mussten sich schon gedanklich auf einen Fronteinsatz einstellen. Nun existierte ein Schreckgespenst und das hieß Waffen-SS. Irgendwie hatte es sich doch wohl herumgesprochen, dass es damit nichts Gutes auf sich hatte. Möglicherweise schreckte auch nur das Image, dass in deren Reihen Selbstaufopferung bis zum äußersten erwartet wurde. Vom Wachdienst in Vernichtungslagern wussten wir damals nichts. Wie konnte man der Waffen-SS entgehen? Man versuchte es damit, dass man sich möglichst frühzeitig zu einer anderen Waffengattung meldete, beispielsweise zur Marine. Würde dann die Waffen-SS einem die Verpflichtungserklärung ins Haus schicken, so die Hoffnung, werde man sagen: Bedaure, ich habe mich der Marine versprochen. Akut geworden sind diese Betrachtungen vermutlich nicht mehr, weil dann doch das Kriegsende für meinen Jahrgang schneller kam als der Zugriff der Wehrmacht oder der SS. Gott sei Dank!

Wie war es eigentlich mit der Bespitzelung durch die Gestapo? Ein so dichtes Spitzelnetz wie es die gefürchtete Stasi der DDR im Laufe von 40 Jahren aufbauen konnte, gab es nicht. Dazu hatten die Nazis nicht genügend Zeit. Es gab gewiss Gelegenheitsdenunziationen. Und es gab den allein stehenden Herrn mittleren Alters, der in einem einsamen Haus ganz in unserer Nähe wohnte. Von dem hieß es - natürlich hinter vorgehaltener Hand - , er sei der Zuträger der Gestapo, vor dem müsse man sich hüten. Ob das so gestimmt hat? Da er sozusagen enttarnt war, kann er eigentlich nicht mehr recht effektiv geworden sein. Von Verhaftungen auf seine Initiative hin, habe ich nichts gehört. Dabei brauchte man gar nicht am System zu zweifeln, um festgenommen zu werden. Es genügte ja schon, laut am von der NS-Propaganda immer wieder beschworenen Endsieg zu zweifeln, um in Teufels Küche zu geraten, und, falls man Wehr-machtangehöriger war, sogar sein Ende auf dem Schafott oder vor einem Peloton zu riskieren.

Ein Wort zur Versorgungslage. Es gab natürlich Lebensmittelkarten für praktisch alles, Gemüse und Obst zunächst einmal ausgenommen. Manche Lebensmittel waren allerdings vom Markt verschwunden. So konnte man zum Beispiel aus einzusehenden Gründen keinen Bohnenkaffee kaufen. Als Ersatz diente Malzkaffee. Es gab auch keinen Tee. Er wurde später durch Kakaoschalentee ersetzt, der so schlecht gar nicht war, weil er mit seinem an Kakao erinnernden Nebengeschmack ein klein wenig auch dieses Getränk ersetzte, das natürlich ebenfalls nicht mehr zu kaufen war. Honig wurde durch ein Kunstprodukt, eben den Kunsthonig ersetzt, der aber nur für Kinder und Jugendliche zu erhalten war. Schinken wurde während des Krieges nicht mehr hergestellt. Vollmilch gab es nur für Vierzehnjährige und jünger. Die anderen Menschen mussten sich mit entrahmter Frischmilch zufrieden geben, also mit Magermilch, auch Blaues Milchwunder genannt. Zu Kindergeburtstagen wurde daraus und aus Mehl und Eischnee eine Ersatzschlagsahne produziert, die wir mangels Besserem durchaus gerne verspeisten. Die Lebensmittelperioden dauerten immer vier Wochen. Peinlich war es, wenn, wie im Falle meiner Eltern und einer meiner Schwestern, Ende Januar/ Anfang Februar drei Familiengeburtstage in eine Lebensmittelperiode fielen. Wie sollte Mutter dann dreimal ausreichend Mehl und Zucker für die jeweiligen Geburtstagskuchen und das Fleisch für drei Festessen beschaffen? Einen Steckrübenwinter wie im Ersten Weltkrieg gab es nicht. Mit den Steckrüben hatte es aber etwas anderes auf sich. Gegen Ende des Krieges wurde auch das Gemüse nur noch rationiert zugeteilt. Man konnte ein einziges Mal in der Woche Gemüse kaufen. Die dem einzelnen zustehende Menge wurde durch Anschlag und in der Presse bekannt gegeben. Dabei wurde ein durchaus beachtliches Gewicht pro Kopf angeführt. Man stellte sich an diesen Tagen also beim Gemüseladen an und hielt sein Einkaufsbehältnis hin. Die Gemüsehändlerin fragte gar nicht nach den Wünschen. Die Leute nahmen ohnehin alles mit, was angeboten wurde. Die beachtlichen Mengen pro Kopf waren allerdings sehr schnell ausgeschöpft, denn es wurden einem fast nur schwergewichtige Weißkrautköpfe und Steckrüben - in Bayern heißen sie Dotschen - in die Tasche gefüllt. Klar, daß dann mit einem Stück bereits die Ration für zwei Personen ausgeschöpft war.

Einen Kriegseinsatz gab es für uns auch. Die vierten Gymnasialklassen Bayerns hatten sich nach den Sommerferien Ende August 1944 zum Ernteeinsatz einzufinden. Ausgerechnet die Bierernte wurde damals für so besonders wichtig gehalten. Es ging nämlich in die Hallertau, auch Holledau genannt, zum Hopfenzupfen. Wir reisten schulweise unter Aufsicht eines Lehrers, die Buben nach Pfaffenhofen an der Ilm, wo wir auf die Hopfenbauern verteilt wurden. Wir wohnten etwa zu neunt bei unserem Bauern im Heu und unterstützten die weiblichen Saisonarbeitskräfte, die aus dem Raum München und Augsburg, wie jedes Jahr, zum Hopfenernteeinsatz gekommen waren. Bemerkenswert war zweierlei. Das eine war die gute bäuerliche Verpflegung, die unsere an fettarme Kriegskost gewöhnten Mägen vor allem in den ersten Tagen arg strapazierte. Auf diese Weise hatte der Feldscher des Jungvolks alle Hände voll zu tun, indem er von Hopfenacker zu Hopfenacker eilte, um die bitter benötigten Kohlekompretten zu verteilen. Das andere war die ausgezeichnete Information, die unsere Bauernfamilie über die Kriegslage hatte. Die wussten immer schon ein paar Tage vor dem offiziellen Wehrmachtbericht darüber Bescheid, an welchen Frontabschnitten sich die deutschen Truppen geordnet zurückgezogen hatten. Sie hatten wohl einen der feindlichen Frontsender oder den Schweizer Sender Beromünster empfangen. Das war streng verboten. Schwarzhörer riskierten höchste Bestrafung. Aber wir stellten diesen Befund nur amüsiert fest. Anzeige hatte niemand erstattet.

Eine andere Form des Kriegeinsatzes war die Unterstützung der Post. Eines Tages wurden wir vor Unterrichtsbeginn zum Bahnpostamt beordert, um dort beim Ausladen von Paketen aus einem Gepäckwagen der Bahn zu helfen. Packerlschutzen nannte man das. Wir Buben haben rasch Gefallen an dieser Tätigkeit gefunden, weil sie natürlich bedeutete, dass die ersten beiden Unterrichtsstunden ausfielen. Um unsere Bildung waren wir damals weniger besorgt. Von Pisa kannte man nur den Schiefen Turm und natürlich Galileis Experimente zum freien Fall. Ein paar Tage später geschah es dann, dass wir Fahrschüler, kaum am Zielbahnhof Rosenheim angekommen, sofort den zuständigen Beamten des Bahnpostamts aufsuchten und ihn baten, er möge uns doch bitte zu dem vermutlich doch auch an diesem Tage wiederum dringend benötigten Einsatz als Packerlschutzer beim Herrn Oberstudiendirektor anfordern. Der Beamte ging dankbar auf dieses Ansinnen ein, der Direktor stimmte beflissen diesem nationalen Dienst am deutschen Volke zu und wieder einmal waren die ersten beiden Unterrichtsstunden im Eimer.

Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang auch das Sammeln von angeblichen Heilkräutern unter Anleitung des Biologielehrers erwähnen. Ich habe dabei gelernt, dass selbst die hübschen gelben Primeln, die wir Schlüsselblumen nennen, über besondere Heilkräfte verfügen.

Eine Freizeitgestaltung gab es damals natürlich auch. Dabei spielte das Kino eine erhebliche Rolle, wobei es bei uns Kindern und Jugendlichen immer einen gewissen Jubel auslöste, wenn der Film, der in unserem örtlichen Kino neu angekündigt wurde, auch jugendfrei war. Am meisten faszinierten uns damals die Filme, in denen das Lebenswerk berühmter Deutscher oder wichtige Epochen aus der deutschen Geschichte gezeigt wurden. Diese Themen wurden von den Filmgewaltigen im Dritten Reich bevorzugt. Rückschauend betrachtet waren sie ausgezeichnet. Ich erinnere mich an Heinrich George als Andreas Schlüter, an Willi Birgel als Rudolf Diesel, an Friedemann Bach an den Schumann-Film Träumerei mit Friedrich Kayssler als Vater Wieck, an Kameraden mit Willi Birgel als Major v. Wedell in einem Film um das Schicksal der Schillschen Offiziere in den Befreiungskriegen. Ich erinnere mich auch an einen Film über Robert Koch und an den Friedericus-Film Der große König mit Otto Gebühr in der Titelrolle und an Emil Jannings als Otto von Bismarck in Die Entlassung. Beeindruckend war auch … reitet für Deutschland mit Willi Birgel in der Hauptrolle. Zu meinen schönsten Filmen gehörte der Film um das Leben von Wolfgang Amadeus Mozart Wen die Götter lieben mit Hans Holt als Mozart. Diese Filme waren auch für uns Jungen und Mädchen eine Anregung, weil sie dazu dienten, beispielsweise bei den Eltern, den historischen Hintergrund der Darstellung noch weiter zu hinterfragen. Ein echtes Vergnügen war natürlich für uns Schüler Heinz Rühmanns Feuerzangenbowle, ein noch 1943 oder 1944 gedrehter Filmklassiker, der in seiner Beliebtheit das Kriegsende weit überdauert hat. Ja und der damals schon sehr bekannte Heinz Rühmann hat unserem Ort auch noch zusätzlich Glanz verliehen. Hier wurde nämlich 1941 der Film Quax der Bruchpilot gedreht, den man eigentlich fast eine Klamotte nennen könnte, der aber erstaunlicherweise bis zum heutigen Tage immer wieder dann im Fernsehen zu bewundern ist, wenn es gilt, irgendein Heinz-Rühmann-Gedenken zu feiern. Und immer wieder freue ich mich, wenn ich dann die eine Szene noch einmal sehen kann, bei der ich selbst zwar nicht vor aber - mehr aus Zufall - doch immerhin hinter der Kamera gestanden habe, also live dabei gewesen bin.

Insel der Seligen? Mit zunehmendem Landgewinn der Alliierten in Süd- und Südosteuropa kam auch Oberbayern immer mehr in das Visier der alliierten Bomberverbände. Die Luftlagemeldungen im Rundfunk informierten über Einflüge in das Reichsgebiet, die meist im Raum Villach begannen. München litt seit 1943 unter Luftangriffen und es war auch für uns, die wir uns auf dem Land nur relativ sicher wähnen durften, schon beängstigend, wenn die feindlichen Luftgeschwader über uns hinwegdröhnten. Hier und da ließen sie auch bei uns einzelne Bomben fallen. Einmal sah ich wie nur einige hundert Meter von unserem Haus entfernt fünf oder sechs Sprengbomben auf einer Wiese detonierten. Jungvolk und Hitler-Jugend sollten dann die Krater wieder zuschütten. Aber das war bei deren Mächtigkeit ein aussichtsloses Unterfangen. Erst lange nach dem Krieg hatte man dank des Einsatzes von Maschinen Erfolg.

Gegen Ende 1944 setzten die Alliierten das infame Mittel des Beschusses von Zivilisten mit den Maschinengewehren tief fliegender Jagdflugzeuge ein. Unter anderem hatten sie es auf Eisenbahnzüge abgesehen. Auf diese Weise kam auch die Tochter des Pfarrers ums Leben, der mich am 18. März 1945 konfirmiert hat. Sie wollte von München hinausfahren zu ihren Eltern. Am Sonntag, dem 14. Oktober 1944, war gerade der Gottesdienst in der evangelischen Kirche zu Ende - als angehende Konfirmanden hatten wir uns natürlich dort einzufinden - als wieder einmal so ein Tiefflieger über unsere Köpfe hinwegbrauste und das Bahngelände beharkte. Flugs abgetaucht im Keller des nächstgelegenen Hauses hieß es da bis der Spuk vorüber war.

Ende Oktober 1944 fielen in Rosenheim die ersten Bomben. Sie beschädigten eine Kunstgalerie, die genau dem Haus gegenüber stand, in dem ich bei Fliegeralarm während der Schulstunden Zuflucht suchte. Es hat dort auch Tote gegeben. Bei einem so genannten Voralarm mussten die ortsansässigen Schüler nach Hause gehen. Die Fahrschüler, zu denen auch ich zählte, hatten in der Schule eine Adresse anzugeben, zu der sie sich in diesem Falle begeben mussten. Wir hatten zu zweit den Herrn Dekan, unseren Religionslehrer gebeten, zu ihm in das Dekanat kommen zu dürfen, was er gerne gestattete. Immer wenn man von irgendwo eine Detonation hörte oder auch nur das Bellen eines Flakgeschützes, warfen wir uns dort im Keller auf den Boden und es wurde heftig gebetet. Das Liegen auf dem Boden galt als Prophylaxe gegen einen Lungenriss durch den von einer Sprengbombe erzeugten Luftdruck. Als die Bombe gegenüber einschlug und natürlich auch das Pfarrhaus durchpustete, passierte dies zum Glück außerhalb der Schulzeit. Für meine Mutter waren diese Vorfälle nun aber ein Signal, um mir die weitere Bahnfahrt in die Schule zu verbieten. Ich allerdings war damit nicht einverstanden, weil die anderen Schüler auch weiterhin in die Schule fahren durften und es mir einfach peinlich gewesen ist, mich in der Rolle des Angsthasen oder des mit einer überängstlichen Mutter Ausgestatteten zu sehen. Nach drei Tagen hatte ich meine Mutter weich geklopft und durfte wieder in die Schule fahren. Am Heiligen Abend 1944 saß unsere Familie gerade beim Abendessen. Es gab den in unserer Familie der Praktikabilität wegen traditionellen Heiligabend-Makaroniauflauf, als uns plötzlich ein gewaltiges Maschinengewehrgeknatter hochriss und beunruhigte. Dieses Mal hatte sich so ein Ami den in der Nähe gelegenen Flugplatz für sein MG ausgesucht und die dort stehenden Baracken durchsiebt. Mit Weihnachten 1944 war dann doch für mich endgültig Schluss mit den Fahrten zur Schule. Es war einfach zu gefährlich geworden, sich täglich auf die Tieffliegerattacken ausgesetzte Bahn und in das bombengefährdete Rosenheim zu begeben. Diejenigen, denen auch um die Jahreswende 1944 /45 noch nicht der Mut zum Schulbesuch ausgegangen war, mussten dann auch in der Tat einmal eine Beschießung ihres Schulzuges über sich ergehen lassen und hatten Glück, dass sie dabei unverletzt davongekommen sind. Schließlich, so etwa ab Februar 1945, fuhren die Züge nur noch nachts, um sich den Tieffliegern nicht mehr als Zielscheibe zu präsentieren. Schulunterricht gab es dann nur noch für Ortsansässige.

Am 18.März wurde ich in der kleinen evangelischen Kirche unseres Ortes konfirmiert. Die Zahl der Konfirmanden in der Diaspora war erheblich größer als das vor dem Krieg üblich war, weil sich eben viele Menschen auf die vermeintliche Insel der Seligen geflüchtet hatten. Sie waren aus den Städten vor den Bombardements und aus dem Osten vor der herannahenden Front geflohen. Mancher Vater konnte der Konfirmation des Sohnes oder der Tochter nicht beiwohnen, weil der Krieg ihn festhielt. Auch mein Vater fehlte. Er war wegen Erreichung der Altersgrenze drei Tage zuvor als Fregattenkapitän aus der Marine entlassen worden, die ihn, als Korvettenkapitän a.D., im Oktober 1939 eingezogen hatte. Er hatte sich daraufhin sofort vom Ort seines letzten Kommandos, Glücksburg bei Flensburg, auf den Weg gemacht, um an der Konfirmation teilnehmen zu können. Seine Reise hat aber unter den Bedingungen dieser Zeit vier Tage gedauert. Am Tag danach, am 19. März 1945, konnten wir uns wieder gegenseitig in die Arme schließen.

An den letzten Tagen des Krieges zogen völlig abgekämpfte Kolonnen schlecht ausgerüsteter deutscher Soldaten mit Pferdegespannen in Richtung Osten durch Prien. Der größte Lebensmittelhändler verkaufte aus Sorge, sie könnten ihm sonst geplündert werden, seine gehorteten Restbestände an die vor seinem Geschäft Schlange stehenden Menschen. Unser Haus füllte sich mit Bekannten unserer Familie, die irgendwo im Süden in letzter Minute einen Entlassungsschein von der Wehrmacht erhalten hatten, sich nun auf dem Fußmarsch in ihre Heimat bewegten und bei uns um Unterkunft baten, die ihnen selbstverständlich gewährt wurde. Und dann waren sie eines Tages da, die Amis. Da wir weit vom Ortszentrum und den Durchgangsstraßen entfernt wohnten, merkte man nichts von einem Einmarsch. Es hatte sich nur in Windeseile die Nachricht verbreitet: Sie sind da! Es war der 3. Mai 1945 und es schneite heftig an diesem Tag. Uns war klar, dass dies eine Zäsur in der deutschen Geschichte sein würde. Waren wir besiegt oder waren wir befreit? Dass wir besiegt waren, daran ließen die Besatzungsmächte keinen Zweifel aufkommen. Aber wir waren auch befreit, und zwar von einem Alptraum, zu dem sich Deutschlands Lage zunehmend entwickelt hatte. Wir waren glücklich, dass es keinen Fliegeralarm und keine Luftangriffe mehr gab. Wir waren glücklich, dass wir deshalb von einem Tag auf den nächsten abends nicht mehr unsere Fenster gegen nach außen dringendes Licht abdichten mussten. Verdunkelung hatte man das genannt. Die Verdunkelung sollte künftig den Elektrizitätswerken durch abendliche Stromsperren überlassen bleiben. Aber wir waren dankbar und glücklich, dass wir überlebt hatten.

Das nächste Kapitel würde dann die Überschrift tragen Die Zeit der Besatzung, aber darüber zu berichten, würde den Rahmen dieser Ausarbeitung sprengen.

Noch ein Nachwort: Für den 19.Juli 1939 hatte ich attestiert, dass man noch von der Begnadung Hitlers überzeugt gewesen ist. Diese Überzeugung hat sich in meiner Familie erst geändert, als offenbar geworden war, in welcher Weise sich Hitler durch den Blutrichter Roland Freisler der Verschwörer des 20. Juli entledigte. Aufhängen an Fleischerhaken! Nein das war zuviel. Irgendwie waren wir doch mit den Witzlebens auch entfernt verwandt. Man fühlte sich plötzlich den Familien der Verschwörer geistig näher als deren Verfolgern. Und als es auch noch Übergriffe gegen die eigene engere Familie gab, schmolz die Sympathie mit Hitler und seinen Vasallen gegen Ende 1944 auf den Nullpunkt. An den Endsieg war ohnehin nicht mehr zu glauben. Am Schluss gab es Tränen der Trauer wohl über Deutschland, aber nicht mehr über Hitler und sein System.