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Das aufgegessene Klavier

Meine Eltern, meine beiden erwachsenen Schwestern und ich, damals 16 Jahre alt, lebten schon vor dem Krieg, im Krieg und auch danach zum Glück auf dem Lande. Die generell sehr schlechte Ernährungslage ließ sich dort leichter abfedern. So hatten wir in unsere an das Haus angebaute Garage, die ohnedies nur zum Abstellen der Fahrräder diente, schon während des Krieges einen Hühnerstall eingebaut, dessen Bevölkerung uns in Sachen Eier autark machte. Gelegentlich kam dann auch mal ein Braten oder ein leckeres Hühnerfrikassee auf den Tisch. Der älteren meiner beiden Schwestern war es gelungen, einen Job in einer Großmeierei und Käsefabrik zu bekommen. So war auch täglich für 4 Liter Deputatmilch gesorgt und am Wochenende gab es jeweils 8 Vierecke mit Streichkäse. Das war schon mal eine solide Ernährungsbasis im Jahre 1947! Aber wie stand es um die Grundnahrungsmittel?

Da hatte nun meine Mutter eine gute Idee. Was sollte eigentlich unser altes Klavier, auf dem doch niemand spielte, nachdem diverse Klavierlehrerinnen ihre Bemühungen bei uns Geschwistern als vergebens eingestellt hatten? Da ließe sich wohl was draus machen. Bei uns im Ort gab es doch den Schwarzhändler, dessen wahren Namen niemand kannte und der den Tarnnamen Kibuakenka trug.

Schwarzhandel war ja streng verboten und konnte einem, der sich daran beteiligte, sei es als Verkäufer, sei es als Käufer, glatt den Weg ins Gefängnis ebnen. Aber meine Mutter war couragiert und für ihre Familie tat sie alles. Und sie kannte den Herrn Kibuakenka. Also: Mutter bot das Klavier für Mehl an. Geschäftstüchtig wie sie war, handelte sie den Herrn von einem halben Zentner auf einen ganzen herauf und der Handel wurde perfekt. Unser schönes Klavier wurde abgeholt und das Haus dadurch um ein Kulturinstrument ärmer. Auf einem hölzernen Seitenboden unseres Balkons lagerte nun dafür in einer gewaltigen neuen Holztonne ein Zentner Mehl. Wer hatte die Tonne nur im Mangeljahr 1947 gefertigt? Ich weiß es nicht mehr, aber Mutter hatte eben ihre Beziehungen. Eier, wie gesagt, waren vorhanden, Milch auch und allmählich verwandelte unsere Mutter diese Zutaten mit dem Mehl und mit Hilfe einer Nudelrolle in herrliche Bandnudeln. Mutter war eine vortreffliche Köchin und wir bekamen auf diese Weise eine tolle Abwechslung in den langweiligen, pellkartoffeldominierten Speiseplan.

Aber o weh! Gibt es für Mama Feldmaus ein herrlicheres und bequemeres Wochenbett als das Lager in einer noch fast gefüllten Mehltonne? Das Schlaraffenland könnte kaum größere Annehmlichkeiten bieten. Also, eines Tages, als es gerade wieder einmal galt, Mehl für die Zubereitung der Bandnudeln in die Küche zu befördern, entdeckten wir die Katastrophe. Und überall im Mehl Mäuseködel und noch mal Mäuseködel! Heute hätte man natürlich das Mehl angewidert in den Orkus befördert. Aber nicht so im Jahr 1947. Wozu gibt es Haarsiebe? Nachdem die possierlichen Tierchen irgendwie - ich weiß nicht mehr auf welche Weise genau - von Wochenbett und Speiseberg getrennt worden waren, wurde also der Inhalt der Tonne mit kleinen Schaufeln durchwühlt und per Sieb von den Exkrementen befreit. Und dann wurde die Bandnudelproduktion fortgesetzt. Und lieber Leser, ob Sie es glauben oder nicht: die Nudeln haben uns nach wie vor köstlich gemundet.

Übrigens wurden meine Schwestern etwa 40 Jahre später gefragt, ob sie unser Klavier zurückkaufen wollten. Dafür bestand nun allerdings kein Bedarf mehr. Wir hatten es ja sozusagen aufgegessen.