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Kindheit in Ostpreußen

Kapitel I / 2 — Umzug nach Bergfriede

Kurz nach Omas Tod, zogen die Eltern im Frühjahr 1924 nach Bergfriede. Unser altes Holzhaus von 1720 wurde lange nach unserem Umzug auf Abbruch an Herrn Figger verkauft. Ich erinnere mich, dass Mutter schimpfte, weil sie noch Geld an den Staat für den Verkauf des Grundstücks, der kaum 1000 Reichsmark brachte, zahlen musste. Figger hatte sich nach dem Abbruch des alten Hauses ein schmuckes Ziegelhaus bauen lassen. Unsere neue Wohnung in Bergfriede lag in der Nähe des Bahnhofs und der Post. Das Haus wurde von der Post gefördert, die Miete für die Zweizimmerwohnung ohne elektrisches Licht, ohne Toilette und Bad in der Wohnung kostete 40 Reichsmark monatlich. Das Schlafzimmer im Dachgeschoss war über eine hölzerne Treppe und den Bodenraum erreichbar. Der Umzug aus Theuernitz fand auch mit einem Bauernwagen statt. Die Schweine hatten die Eltern vorher verkauft, die Ziege wurde mitgenommen und hinten im Stall zusammen mit etwa 20 Hühnern und einem schönen Hahn untergebracht. Ein Ferkelchen wurde auch wieder angeschafft, fett gefüttert und als Sau hausgeschlachtet. Das Bergfrieder Posthaus lag gegenüber dem Bahnhof der Reichsbahn. Vater hatte nun keinen weiten Weg mehr, nur drei Minuten zu seiner Arbeitsstelle. Unserer Wohnung gegenüber befand sich die sogenannte Viehrampe, eine mit Stahlrohren als Zaun abgesicherte, betongegossene Fläche vor dem Viehverladeplatz der Bahn. Ein Sandkasten mit feinem weißem Sand war dabei, der den Lokomotiven als Bremssand oder Verladesand beim Schweinetransport diente. Für mich war es der Sand zum Spielen, obwohl die Bahnbediensteten das nicht gerne sahen.

Direkt vor unserer Wohnung stand ein großer Birnbaum der Sorte Zuckerbirne. Als wir die Wohnung 1924 übernahmen, waren nur wenige Früchte daran. Im Herbst hat Vater dann den Boden unter dem Baum mit verrottetem Schweinemist gedüngt und kräftig umgegraben. In den folgenden Jahren war die Ernte so reichlich, dass auch die anderen Hausbewohner, Doddek, Schurolinski und Magdowski, sich bedienen durften. Vor den Birnbaum stellten die Eltern eine Laube hin und hinter dem Kartoffelacker in Nähe des Fußweges nach Bergfriede-Dorf, das in zirka 15 Minuten zu Fuß zu erreichen war, war unser Gemüsegarten. Dort bauten Zimmerleute aus Brettern einen Schuppen auf, der uns zur Aufbewahrung von trockenem Feuerholz diente, zumal alle Räume in der Wohnung ofenbeheizt waren und das Brennmaterial zum großen Teil aus Holz bestand. Die Küche, deren Fenster nach Osten aufgingen, hatte auch einen holzbeheizten Backofen, in dem Brot gebacken werden konnte, ähnlich wie in Theuernitz, nur waren hier Schornsteine zum Abzug der Verbrennungsgase vorgesehen. Sämtliche Aborte waren im hinteren Teil nach Süden an den massiven Stall aus Holzbrettern angebaut. Es gab eine Eingangstür, eine Zwischen- und eine Außenwand und innen einen Holzverschlag in Sitzhöhe mit einem runden Loch in der Mitte, das ein passender Holzdeckel schloss. In dem Holzverschlag stand ein Zinkeimer zur Aufnahme der Fäkalien. Dieser musste vom Mieter und Benutzer rechtzeitig geleert werden, der Inhalt wurde auf dem gepachteten Land vergraben und diente als Dünger. Als Toilettenpapier wurden alte Zeitungen kleingeschnitten und an der Seite des Plumpsklosetts aufgehängt.

Die Hühner suchten sich aus dem Stallquartier heraus gelassen ihr Futter auf dem Hofplatz und dem angrenzenden Land. Es waren hauptsächlich Rassehühner, Italiener, später kamen Rhodeländer dazu. Ein kleines offenes Fenster sorgte dafür, dass sie im Stallraum ihre Eier legen konnten. Die Ziege wurde täglich früh auf Grasflächen angekettet oder manchmal auch ausgeführt, damit sie sich satt fressen konnte. Sie war in dieser Beziehung immer sehr anspruchsvoll und liebte die Abwechslung. Heu und Stroh wurde von den Bauern angeliefert und oben im Schuppen aufbewahrt.

Gleich neben der Poststelle befand sich die Schankwirtschaft Schmitt. Das wurde nun Vaters Lieblingsort, wobei er sich nicht täglich der beliebten Getränke bedienen konnte, aber einmal im Monat war es soweit. Es muss im Herbst gewesen sein, Mutter hatte eine Gans gerupft und eine verzinkte Blechwanne mit Gänsedaunen unter die Treppe im Hausflur gestellt. Es muss wohl nach dem Ersten gewesen sein und Geld gegeben haben, denn er kam schon verspätet vom Dienst und wollte seinen Umhang im Flur ablegen, dabei muss Vater wohl umgefallen sein. Er landete genau in der Wanne mit den Gänsedaunen, die sich verflüchtigten und dann auf Vaters Uniform festklebten. Ich habe dabei erst einen Lachanfall und anschließend einen Weinanfall bekommen, weil ich was hinter die Ohren bekam.

Ich hatte bald einen Freund in der Nachbarschaft, den Sohn des Bahnmeisters, er hieß Arno Amling. Wir spielten gemeinsam Fußball, Reifenlaufen, Verstecken und viele andere Spiele. Auch spielten wir Bahn, wenn die Verladewagen vor der Viehrampe hielten. In den Bremshäuschen drehten wir die Bremsen fest oder lose und spielten Eisenbahn nach unseren Vorstellungen. Natürlich waren wir vor den bösen Schaffnern immer auf der Hut. Mal waren wir beide in einem Bremserhaus, als eine Lokomotive den Wagen abholte. Wir lösten die Bremse und verhielten uns ganz still, als der Zug sich in Bewegung setzte. Der Wagen wurde an einen auf einem anderen Gleis stehenden Zug angekoppelt und wir huschten in einem unbeobachteten Moment aus dem Bremserhäuschen hinaus, landeten jedoch auf der anderen Seite des Bahnhofs und mussten 20 Minuten zurücklaufen. In den Sandkasten vollführten wir gelegentlich große Sprünge von einer dort stehenden Verladeleiter. Beim Fußballspielen beschränkten wir uns aufs Elfmeterschießen. Einmal traf ich dabei auch eine kleine Fensterscheibe. ‑ Herr Amling war auch Imker und hatte mehrere Bienenvölker in seinem Bienenhaus. Wenn er Honig erntete, waren wir ganz in der Nähe, denn dann gab es Honigwachs, das wir auslutschen durften.

Nicht weit von unserer Wohnung waren der Wald und der Fluss, die DrewenzDie Drewenz ab 1945 Drwęca. Es war mir strikt verboten, alleine dort hinzugehen. Aber wenn Mutter Zeit hatte, machten wir einen Ausflug in den Schießwald, so hieß er nämlich. Er lag in nördlicher Richtung und wir gingen erst nach Westen, dort über die Geleise bis zum Wald. Wenn man in nördlicher Richtung durch den Wald ging, kam man an den Drewenzsee und westlich ging der Drewenzfluss aus dem See ab in südliche Richtung unter der Bahnüberführung, die mit festungsartigen Gebäuden versehen war, hindurch bis zur Mündung in die WeichselDer Fluss Weichsel, ab 1945 Wisła oberhalb von ThornThorn, ab 1945 Toruń. Auf beiden Seiten des Flusses waren schöne Wiesen mit gutem Heugras und im Fluss viele Fische, vor allem Weißfische, Rotfedern, Plötze und Barsche, die man beobachten konnte. Ich habe später mit der Angel gerne Fische gefangen. Aber hier im Wald gab es viele Beeren, sowohl Blaubeeren als auch Preisel- und Brombeeren und Pilze gab es dort. Meine Mutter kannte fast alle Pilzarten und unterrichtete mich.

Im Winter 1924 zum Weihnachtsfest erhielt ich eine Dreiviertel-Geige. Ich sollte Geigenunterricht erhalten und meinem Großvater Karl Patzewitz, der in Seubersdorf begraben ist, nacheifern, denn er soll ein begnadeter Geigenkünstler gewesen sein. Seine Geige befand sich damals als Erbe im Besitz des Cousins Erich Jendrian in Alt Jablonken und Erich war sehr musikbegabt. Er spielte Geige und Mandoline perfekt. Alfred Amling, der Bruder meines Freundes Arno, war damals Student und gemeinsam mit seinem Vater auch Geigenbauer, spielte natürlich Geige und sollte mir die ersten Schritte beim Geigenspiel beibringen. Nach dem ersten Weihnachtsfest in Bergfriede, das so gefeiert wurde, wie ich es aus Theuernitz gewohnt war, begann Anfang Januar meine Geigenlehre bei Amlings. Ich konnte eher Noten lesen als schreiben und rechnen. Im Sommer 1925 spielte ich das erste Liedchen Hänschen klein, ging allein…. Mutter war ganz stolz, für sie war ich schon bald Paganini. Dann, Ende Januar rutsche ich auf glattem Eis aus und der hölzerne Geigenkasten zerbrach, die Geige aber blieb ganz. Ich traute mich nicht, das daheim zu beichten, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst war. Alfred Amling versprach mir zu reparieren, damit das Malheur später nicht auffiel, aber eine Reparatur war nicht möglich. So musste ich Farbe bekennen und bekam außer Ausschimpfe auch einen neuen Geigenkasten aus Presspappe, der nicht mehr zerbrechen konnte. Der Kasten war schon für eine ganze Geige vorgesehen, also etwas größer.

Sehr viel später, 1934, wollte Mutter mich als Paganini sehen und hatte einen weiteren Geigenlehrer für mich ausfindig gemacht. Es war ein Feldwebel des Kavallerie- später Panzertruppen-Musikkorps, seine Wohnung war in der Mackensenstraße, gleich neben der Kaserne in Osterode, die in der Kaiserstraße / Einmündung Mackensenstraße den Eingang hatte. Wöchentlich einmal waren Unterrichtsstunden mit dem Feldwebel, der sicherlich ein ausgezeichneter Musiker und Geiger und, wie ich feststellen konnte, ein begabter Musiklehrer war, zumal er die Musikhochschule besucht hatte. Bis zum Jahre 1936 habe ich dort Geigenunterricht gehabt, dann jedoch aufgehört. Es hat zum Paganini nicht gereicht. Ich habe allerdings nach Noten gespielt und auch die Geschichte der Geigenbauer kennengelernt. Mutters Wunsch war es, mich an die Musik heranzuführen, weil sie glaubte, die Begabung ihres Vaters sei in mir auch vorhanden. Ich war aber nicht überzeugt, eine besondere vererbte Begabung für dieses Instrument zu besitzen.



Änderung der Ortsnamen nach 1945

Allenstein, ab 1945 Olsztyn
Alt Jablonken 1938—45 Altfinken,
ab 1945: Stare Jabłonki
Königlich Bergfriede, ab 1928—45 Bergfriede, ab 1945 Samborowo
Bolleinen, ab 1945 Bolejny
Deutsch-Eylau, ab 1945 Iława
Gramten, seit 1945 Gromoty
Groß Schmückwalde, ab 1945. Smykowo
Eisenbahnknotenpunkt Korschen, ab 1945 Korsze
Leip, ab 1945 Lipowo
Osterode/Ostpreußen ab 1945 Ostróda
Poburzen, ab 1945 Poborze
Röschken, ab 1945: Reszki
Seubersdorf im Landkreis Mohrungen/Ostpreußen, ab 1945 Brzydowo
Theuernitz, ab 1945 Turznica
Thorn, ab 1945 Toruń
Wittmannsdorf (seit 1945: Witramowo)
Warweiden, ab 1945: Wirwajdy

Der Fluss Drewenz, ab 1945 Drwęca
Kernsdorfer Höhen, ab 1945 Dylewska Góra
Der Fluss Weichsel, ab 1945 Wisła