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Kindheit und Jugend in Ostpreußen
Kapitel I / 5
Umschulung nach Osterode

Wenn die Eltern etwas erzählten, was ich nicht wissen durfte, redeten sie untereinander polnisch. Eigentlich sagte man masurisch oder auch wasserpolnisch, weil die Polen hochpolnisch sprachen und diese masurische Sprache nicht in allem identisch war. Einige Worte kannte ich und konnte mir sinngemäß zusammenreimen, worüber gesprochen wurde.

Im Jahre 1927, am 1. Mai wurde mein Bruder Ulrich Gerd in der Entbindungsklinik AllensteinAllenstein ab 1945 Olsztyn geboren. Mutter wurde bereits Mitte April von Vater dorthin gebracht und wir wirtschafteten einen Monat alleine. Vater nutzte das aus, indem er mehrmals einen über den Durst trank. Dabei waren durch sein Hinfallen Küchenmöbel beschädigt worden. Aber mich störte es weiter nicht. Ich glaube, damals war schon eine Hausgehilfin Flora aus Theuernitz bei uns, die alle Hausarbeiten und meine Betreuung übernommen hatte. Nur das Geschirr war bei Mutters Rückkehr sehr reduziert.

Nach Ullis Geburt sind Vater und ich in Allenstein gewesen und haben Mutter besucht. Vater hatte als Blumengruß eine kleine, blaue Hortensie mitgenommen. Ulli lag in seinem Bettchen im Babyzimmer. Er hatte dunkle, glatte Haare und eine beigefarbene Haut, als ob er schon in der Sonne gelegen hätte. Nach 10 Tagen kam Mutter mit dem Zug und dem Neugeborenen nach Hause. Ulrich bekam ein Kinderbett, das vorher schon gekauft worden war. Mutter stillte ihn, während ich still zusehen durfte, wie es ihm schmeckte. Vater war auch zufrieden, obwohl er ja immer von einer Tochter geträumt hatte, die er mit Edith verloren hatte. Der Alltag in Bergfriede ging wieder seinen gewohnten Gang.

Auch mein zweites Schuljahr verging und bei der Weihnachtsfeier 1927 durfte ich als Schauspieler mitmachen. Ich spielte ein Kind, das beim Betreten des Weihnachtszimmers, das mit Weihnachtsbaum und vielen Geschenkpaketen dekoriert war, sagen musste: Wer hat uns denn diese Freude gemacht? Ein anderes Kind sagte dann: Das hat gewiss Knecht Ruprecht gemacht und die Zwerge und die lieben Engelein haben bestimmt ihm geholfen fein. Damit war der große Auftritt beendet. Ich konnte aber den gesamten Text der einzelnen Rollen auswendig dahersagen, so hätte ich auch jede andere Rolle übernehmen können. Das war eigentlich das einzige Mal, dass ich geschauspielert habe.

Wenn wir mit Mutter abends im Dunkeln gingen, hatte ich viele Fragen über den über uns gewölbten Himmel und seine Sterne, was mich sehr interessierte. Mutter war um keine Antwort verlegen. Der Sternenhimmel damals über Ostpreußen war so schön und das Sternenlicht so hell, weil noch keine elektrische Beleuchtung in den Orten vorhanden war. Unsere Beleuchtung in den Wohnräumen war die Petroleumlampe und blieb es, bis wir 1930 nach Osterode zogen. Die Eltern waren über die Schulsituation in Bergfriede unzufrieden und wollten gerne für mich eine bessere schulische Ausbildung haben. Ihre Erkundigungen ergaben, dass es in Osterode Volksschulen mit acht Klassen, ein Gymnasium und das Lyzeum gab. Letzteres war den Mädchen vorbehalten. Eine Mittelschule oder Realschule gab es in Deutsch-Eylau.

Ich erinnere mich, einmal auf dem Weg von der Schule nach Hause von einem Radfahrer umgefahren worden zu sein. Ich hatte starke Kopfschmerzen, konnte jedoch allein nach Hause gehen. Offensichtlich hatte ich keine Verletzungen dadurch erlitten. Der schon genannte Mitschüler Alfred Brahl kam eines Tages in die Nähe unserer Wohnung, er hatte eine Sense ohne Stiel dabei und forderte mich auf, mit ihm zu spielen. Dabei hat er mit mir gerungen und als ich am Boden lag, versuchte er, mit dem Sensenblatt meinen Hals zu durchschneiden. Als ein Radfahrer auf dem Weg kam, ließ er von mir ab und lief weg. Ich hatte einige Hautkratzer abbekommen, aber keine größeren Verletzungen. Im kommenden Winter, noch vor dem Weihnachtsfest, wollte Alfred mit einem Rodelschlitten den Drewenzsee überqueren und ist dabei durch das noch zu dünne Eis auf des Sees Mitte eingebrochen und ertrunken.

Gleich hinter dem gepachteten Kartoffelacker befand sich das Sägewerk, mit einem circa zwei Meter hohen Bretterzaun umgeben. Gab es im Winter Schneetreiben, trieb der Ostwind die Schneemassen gegen den Bretterzaun, der längs des Fußweges verlief, bis der Weg nicht mehr zu sehen war, da auch nicht geräumt wurde. Man ging auf dem verharschten Schnee, wenn man nicht einbrach, einfach auf der Schneewehe bis zum Ende des Zaunes. Das wiederholte sich jeden Winter und ich bin auf den Schneewehen zur Schule gegangen. Der Schnee war schließlich so verharscht, dass sogar Fahrräder fahren konnten. Bei Tauwetter wurde der Weg aber unpassierbar. Auf der hohen Schneewehe konnte man über den Zaun das Lager der Sägerei einsehen. Da lagerten Holzbretter und Balken jeder Art und Größe unter Abdeckbrettern. Meist war es nordische Kiefer und Fichtenholz, das aus den umliegenden Wäldern stammte und so gut roch. Das Übersteigen des Zaunes war aber nicht ratsam, weil vom Aufsichtspersonal scharfe Hunde eingesetzt wurden, um Unbefugte zu vertreiben. Es waren schon Kinder gebissen worden. Außerdem haben Eltern den angerichteten Holzschaden bezahlen müssen. Ich hatte vom Vater auch striktes Verbot unter Androhung von Schlägen. Einmal ist mir auf dem Weg in die Schule übel geworden, ich fiel in den Schnee und war ohnmächtig. Zwei erwachsene Damen haben sich um mich gekümmert und bis vor die Schule begleitet. Die Kinder lachten mich aus, als ich der Lehrerin davon berichtete und auf dem Nachhauseweg später bin ich von einigen arg geschlagen worden. Als ich ziemlich zerschunden und schmutzig nach Hause kam, hieß es: Wo hast du dich denn wieder rumgetrieben und: Wie siehst du aus! Gleich darauf gab es was an die Ohren. Meine Darstellung des Geschehens wurde angezweifelt.

Mein Brüderchen Ulrich hörte gerne Geschichten und ich erzählte ihm welche und las auch Märchen vor. Mutter erzählte auch gerne Geschichten aus ihrer Kindheit und was sie von ihren Großeltern und Verwandten so erfahren hatte. Ich hörte ihr gerne zu. Sie erzählte eine Geschichte aus der Zeit Napoleons; damals hießen die Ahnen ihrer Mutter Caroline Wrobel noch von Wroblewski und hatten in Kreise Rosenberg ein Gut mit Herrenhaus, Ställen und anderen Wirtschaftsgebäuden, als die Franzosen 1812 in Ostpreußen einfielen und alle Räume für sich requirierten, so dass für die Herrschaften nur eine Besenkammer als Wohnraum blieb. Die Kühe wurden geschlachtet, die Pferde und Wagen requiriert, auch ein wunderschöner Schlitten war dabei. Für das Personal gab es nichts zu essen und auch die beiden Urahnen und ihr Sohn hatten unter Hunger zu leiden. Die Hühner waren nach und nach geschlachtet worden, so dass schließlich nichts mehr da war, was man als Verpflegung hätte brauchen können. Da entschloss sich Herr von Woblewski mit einem Pferd, das er den Franzosen entwendete, unter Mitnahme seines Werkzeugs aus dem Werkraum den Hof in Richtung Russland zu verlassen. Angeblich hat er als Architekt und Maurer in Russland gearbeitet. Die Urahnin, die mit dem Sohn zurückblieb, hat ihren Adelstitel verkauft und von dem Geld in Neudorf, Kreis Pillkallen einen kleinen Hof gekauft, wo sie den Krieg und die Franzosenzeit überlebte. Von ihrem Mann hat sie nie eine Nachricht erhalten. Ihr Grab soll in Neudorf sein, sie hatte den Namen Wrobel angenommen.

Auch von ihrem Bruder Paul, der vier Jahre älter war, erzählte Mutter. Seine Grabstätte auf dem Friedhof in Seubersdorf habe ich gekannt. Sie war mit einem handgeschmiedeten Eisengitter eingefasst, dass der Großvater in seiner Schmiede gemacht hatte. Großvater Karl Patzewitz war ein guter Hufschmied und gleichzeitig auch als Tierarzt für Pferde tätig. Durch seine Gutmütigkeit soll er oft zu billig gearbeitet haben, dadurch hatte die Familie, die in Seubersdorf ein Haus neben der Dorfschmiede bewohnte, oft kein Bargeld. Oma musste auf Feldern noch Kartoffeln und Roggen anbauen, um sich ernähren zu können. Opa Karl ist auch ein guter Geigenmusiker gewesen, der auf Hochzeiten und anderen Feiern spielte. Nach Mutters Darstellung hat er weder Alkohol getrunken noch geraucht. Von anderer Seite hörte ich aber, dass er ab und zu betrunken war, wenn er auf Hochzeiten spielte. Er hatte ein Herzleiden und ist von einem Spaziergang in die Feldmark nicht mehr lebendig zurückgekommen. An seinem Grab auf dem Seubersdorfer Friedhof habe ich gestanden. Im Februar 1924 wurde Oma neben ihm begraben. Meine Mutter hat die Gräber gepflegt, dazu musste sie von Osterode nach Seubersdorf fahren, was schwierig war, weil keine Bahn- oder Busverbindung zwischen den Orten bestand. Sie ging dann zur Osteroder Meierei, von dort aus konnte sie meist mit einem Milch anliefernden Bauern nach Seubersdorf mitfahren. Über Nacht blieb sie dann bei ihrer Cousine Naguschewski, um am Morgen auf gleichem Weg nach Osterode mit einem Bauern zurück zu fahren. Mein Vater hat diese Zeiten genutzt, indem er sich einen geselligen Abend in einer Gaststätte oder Kneipe leistete.

Taschengeld gab es offiziell für mich nicht. Wenn Vater abends seine Briefmarken und dafür eingenommenes Geld abzählte, waren mal Pfennige übrig, die ich dann manchmal großzügig erhielt. Oft waren es nur 2 Pfennige, für die ich am nächsten Tag Kokosflocken holte. Die Bunten waren billiger, da gab es für 1 Pfennig eine Kokosflocke. Die mit Schokolade überzogenen waren für 2 Pfennige das Stück zu bekommen. Die leistete ich mir nur, wenn ich mal, und das war nicht oft, 10 Pfennige erhielt.

Im Geigenspiel hatte ich große Fortschritte gemacht. Ich spielte nach Noten kleine Musikstücke und Liedmelodien. Weihnachten 1928 bekam ich eine neue ganze Geige, die jetzt richtig in den Geigenkasten passte. Es war eine Steinergeige von guter Qualität, die später mein Bruder Ulrich bekam.

Im Spätsommer 1929 wurde ich umgeschult und kam in die Osteroder Süd-Schule, später Jahnschule, in die vierte Klasse. Mutter hatte Frau Schulz aus der Hubertusstraße 13, Parterre als Pensionswirtin für mich gefunden, so dass ich, das erste Mal vom Elternhaus getrennt, ganz in Pension bei Frau Schulz meine Tage verbringen musste. Vormittags war Schule, nachmittags machte ich Hausarbeiten. Der Unterrichtsstoff war etwa mit dem in Bergfriede gehabten vergleichbar, so dass ich mich schnell in die Klasse einfügte und auch die Klassenarbeiten bewältigte. Bald hatte ich Anschluss an die gleichaltrigen Kinder in der Umgebung und spielte überall mit. Auf den Stoppelfeldern wurden selbstgezimmerte Drachen gestartet und später Kartoffelfeuer gemacht, Kürbisse aus den Gärten gestohlen, ausgehöhlt und mit einer brennenden Kerze versehen irgendwo am Weg aufgestellt, das sah unheimlich aus. Frau Schulz war nicht mit allem einverstanden und von Mutter bekam ich dann die Leviten gelesen.

Im Oktober wurde ich nach zwei Monaten Schul- und Pensionszeit krank, ich bekam die Masern und dazu starke Schmerzen in der rechten Bauchseite. Mutter wurde benachrichtigt. Ich glaube Frau Schulz hatte beim Postamt in Bergfriede angerufen und sie kam auch schon bald mit dem Zug zu mir. Dr. med. Bernstorf untersuchte mich und stellte außer Masern noch eine Blinddarmreizung fest. Mutter nahm mich sofort mit nach Bergfriede, wo ich das Bett hüten musste. Der Blinddarm beruhigte sich schnell, eine Operation blieb mir erspart, doch die Masern hielten mich für zwei Wochen im Bett.



Änderung der Ortsnamen nach 1945

Allenstein, ab 1945 Olsztyn
Alt Jablonken 1938—45 Altfinken,
ab 1945: Stare Jabłonki
Königlich Bergfriede, ab 1928—45 Bergfriede, ab 1945 Samborowo
Bolleinen, ab 1945 Bolejny
Deutsch-Eylau, ab 1945 Iława
Gramten, seit 1945 Gromoty
Groß Schmückwalde, ab 1945. Smykowo
Eisenbahnknotenpunkt Korschen, ab 1945 Korsze
Leip, ab 1945 Lipowo
Osterode/Ostpreußen ab 1945 Ostróda
Poburzen, ab 1945 Poborze
Röschken, ab 1945: Reszki
Seubersdorf im Landkreis Mohrungen/Ostpreußen, ab 1945 Brzydowo
Theuernitz, ab 1945 Turznica
Thorn, ab 1945 Toruń
Wittmannsdorf (seit 1945: Witramowo)
Warweiden, ab 1945: Wirwajdy

Der Fluss Drewenz, ab 1945 Drwęca
Kernsdorfer Höhen, ab 1945 Dylewska Góra
Der Fluss Weichsel, ab 1945 Wisła