© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Kindheit in Ostpreußen

Kapitel I / 6 — Zur Schule in Deutsch-Eylau

Da Frau Schulz mich nicht wieder in Vollkost nehmen wollte, meldete Mutter mich wieder in der Bergfrieder Schule zum Unterricht an und ich kam nun in die erste Klasse, wo ich in vorderster Bank meinen Platz erhielt. Wir machten mit dem Leiter der Schule, einem Oberlehrer, der auch in der Schule seine Wohnung hatte und nun unser Klassenlehrer war, oft Ausflüge in die Umgebung von Bergfriede, wobei der Wald eine Sonderstellung einnahm. Der Lehrer war bewandert in allen Fächern und ich habe bei ihm viel gelernt. Es machte mir auch wieder Spaß, bei ihm in die Schule zu gehen. Er kannte jeden Pilz und jede Pflanze mit Namen. Durch die zwei Monate in der Südschule in Osterode hatte ich viel gewonnen und ich erkannte deutlich den Unterschied zwischen Land- und Stadtschule. Von der Schule bekamen wir Schüler oftmals die Möglichkeit, auf dem Görlitzer Gut zu helfen, natürlich gegen einen kleinen Lohn, 50 Pfennige für den Nachmittag. Meist war es Pflanzarbeit oder auch im Juni, Juli Arbeiten im Heu. Da hatte aber der Fleischer Künast bessere Angebote und die Arbeit auf den saftigen Drewenzwiesen war interessanter. Es gab außer der üblichen Bezahlung am Abend Brot und Wurst und Wurstsuppe oder Kaffee. Ich brauchte nur mit dem Holzrechen das Heu zu harken. Wenn der Leiterwagen voll war, setzten sich alle Helfer oben aufs Heu und fuhren mit zur Scheune. Es war eine für mich interessante Arbeit, die ich gerne tat, schon um das Taschengeld zu verdienen, denn von den Eltern gab es nichts, es sei denn, dass ich mal für eine Veranstaltung in der Schule Geld brauchte.

Im Frühling 1929, Ulli war gerade zwei Jahre alt geworden und ich war neun Jahre alt, erhielten die Eltern Nachricht, dass Mutters Cousine Martha Grust aus Berlin-Spandau, Lutterstraße 12, Deutschland verlassen wollte. Ihr Ehemann war schon zwei Jahre fort in den USA in Chikago und hatte jetzt eine feste Anstellung und eine Wohnung für die Familie bekommen. Die Cousinen wollten sich vorher noch einmal sehen und verabschieden, deshalb wollte Mutter nach Berlin reisen und wollte Ulrich und mich mitnehmen. Da aber keine Ferien waren, bekam ich Sonderurlaub mit der Begründung des Klassenlehrers, aus Unterrichtsgründen solle ich die Reichshauptstadt kennenlernen. So stiegen wir am Bahnhof Osterode in den D-Zug nach Berlin, der über Deutsch-Eylau, Thorn und Graudenz nach Berlin fuhr.

Ab Deutsch-Eylau wurden die Fenster des Zuges verhängt, weil wir durch den sogenannten Polnischen KorridorAuch Danziger Korridor oder Weichselkorridor — Zum vollständigen Artikel (Wikipedia) hier klicken… fuhren. Dieser Korridor, bis 1922 deutsches Gebiet, wurde aufgrund des Vertrages von Versailles an Polen abgetreten, zumal wir den Krieg 1914 bis 1918 verloren hatten und die USA (Wilson) für die Abtretung des Gebietes eingetreten war. Die Polen duldeten nicht, dass Fenster geöffnet wurden oder dass Zuggäste aus den Fenstern schauten. Da ich aber einen Fensterplatz hatte, schaute ich doch ab und zu durch eine Lücke auf die Landschaft. Die Fahrt war lang, bis wir wieder die nächste Grenze zum Deutschen Reich überfuhren und die Verhängungen von den Fenstern entfernt werden durften. Dann war es nicht mehr weit bis Berlin, wo wir am Vormittag ankamen. Ich glaube, wir wurden von Tante Martha Grust am Lehrter Bahnhof abgeholt und fuhren mit der S-Bahn bis Spandau. Das große Häusermeer und der viele Verkehr auf den Straßen, auch die Straßenbahn, alles hat mich sehr beeindruckt. Ich hatte vorher noch nie eine Großstadt gesehen. Tante Martha Grust hatte zwei Jungen und ein Mädchen und dann war dort eine weitere Cousine, die Schwester von Tante Martha, die Tante Ida Demkowski mit ihrem Sohn Günter. Tante Ida übernahm die Wohnung ihrer Schwester Martha, als diese dann im Sommer auszog und mit dem Schiff Bremen des Norddeutschen Lloyd nach Chicago auswanderte. Wir blieben 14 Tage in Berlin und waren täglich unterwegs in allen Stadtteilen, im Berliner Schloss, am Alexanderplatz, im Charlottenburger Schloss, wo ich allein eine Führung mitmachte. In den Museen mit Mumien, auf Märkten, die auch für uns Neuland waren. Auf der Spree sind wir gefahren und auf der Havel. In der Spandauer Festung waren wir, in der später die sogenannten Kriegsverurteilten ihre langjährigen Strafen verbüßten. Ulrich wurde von Mutter zwar überall mit hingenommen, doch hat er noch nichts von den Sehenswürdigkeiten der Stadt mitbekommen, dazu war er noch zu klein. Er verhielt sich jedoch sehr ruhig, die Berliner Luft bekam ihm anscheinend sehr gut. 

Dann kam der Abschied von Berlin und Tante Martha, die später noch vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Familie nach Deutschland (Braunschweig) zurückkehrte, weil das Heimweh sie so geplagt hatte und sie offensichtlich auch auf Hitlers Propaganda hereingefallen war.

Als wir mit dem D-Zug wieder nach einer durchfahrenen Nacht über ThornThorn, ab 1945 Toruń, Deutsch-EylauDeutsch-Eylau, ab 1945: Iława in BergfriedeKöniglich Bergfriede, ab 1928—45 Bergfriede, ab 1945 Samborowo angekommen waren, wir mussten in Deutsch-Eylau den Zug wechseln, weil die D-Züge nicht in den Dörfern hielten, fühlten wir uns wieder in der Heimat. In der Schule begannen kurz darauf die Sommerferien. Mutter, die im Sinn hatte, uns eine bessere Schule zukommen zu lassen, hatte sich eine Fahrkarte nach Deutsch-Eylau gekauft und war morgens schon dorthin gefahren. Dort gab es eine Mittelschule, auch Realschule genannt, zu der sie wollte. Nach der Zusage der Schulleiterin dieser privaten Mittelschule besorgte Mutter auch eine Pensionsstelle für mich bei entfernten Verwandten, beim Schneidermeister Schwerm. Dort wohnte auch die Tante Schwerm mit zwei Töchtern, die das Lyzeum besucht hatten und jetzt studierten, im eigenen Haus der Familie am Gerichsee. Auch ein Sohn, der beruflich tätig war, wohnte in einer oberen Wohnung. Das Mehrfamilienhaus lag an einer lebhaften Straße im Stadtmittelpunkt nicht weit vom alten Marktplatz entfernt. Der monatliche Preis für meine Unterkunft, Betreuung und Verpflegung sollte 45 Reichsmark betragen. Das Zimmer sollte ich mir mit dem berufstätigen Sohn teilen und die Töchter hatten sich bereit erklärt, meine Hausaufgaben zu überwachen. Ein Mädchen namens Christel Schwerm aus Rosenthal, eine Nichte von Tante Schwerm, war dort auch als Pensionsgast. Christels Eltern hatten in RosenthalRosenthal, ab 1945 Stara Różanka, einem Dorf in der weiteren Umgebung, ein Restaurant.

Nach den Sommerferien, Mutter hatte in der Zwischenzeit den Schulwechsel mit der Bergfrieder Schule abgeklärt, fuhr sie mit mir nach Deutsch-Eylau und stellte mich zuerst in der Schule, dann in meiner Pension vor. Mit der Schule war vereinbart worden, dass ich den seit Ostern versäumten Unterricht in französischer Sprache nachzuholen habe. Die Französischlehrerin erklärte sich bereit, mir täglich Nachhilfestunden zu geben, bis ich die Klasse eingeholt hätte. Das waren für die Eltern enorme Kosten, die durch die Bücherkäufe noch vergrößert wurden. Die Geigenstunden hatte ich aufgegeben, ich hatte meine Geige auch gar nicht erst mitgenommen. Der Unterricht in der Mittelschule fiel mir nicht schwer, ich kam gut mit und war fleißig, indem ich mein Pensum lernte. In Französisch wurde ich von Käthe Schwerm abgehört und korrigiert. Sie war sehr streng mit mir. In meiner Freizeit spielte ich gerne draußen im großen Garten, meist war ich allein und benutzte am Bootssteg auch das Segelboot, das ich in meinen Spielbereich einbezog. Christel Schwerm, die ein oder zwei Jahre älter war, hat sich auch meist selbst beschäftigt, sehr selten redeten wir miteinander. Sie ging auf das Lyzeum in Deutsch-Eylau und lernte französisch wie ich, nur war sie bereits fortgeschrittener. Die Nachhilfelehrerin war mit meiner Sprachleistung zufrieden und schon bald, noch vor den Herbstferien, entließ sie mich aus dem Nachhilfeunterricht. Ich konnte jetzt am regulären Französischunterricht der Klasse teilnehmen. In der Herbstarbeit schrieb ich die Note 2, gut, was auch im Herbstzeugnis zu sehen war. Stolz, mein gestecktes Ziel erreicht zu haben, trat ich die Herbstferien an und fuhr nach Osterode, weil Vater inzwischen zum Postamt Osterode versetzt und die Eltern nach dort umgezogen waren.

Wir wohnten jetzt in der Hubertusstraße 33, eine mir gut bekannte Gegend im Süden der Stadt, wo ich ja bereits vor einigen Jahren bei Frau Schulz in Nummer 13 Pension hatte. Mutter holte mich am Osteroder Bahnhof ab und gemeinsam gingen wir in unsere neue Heimat in der Hubertusstraße 33, im ersten Stock rechts. Die Zweizimmerwohnung war viel zu klein für unsere Familie, aber Wohnungen waren damals knapp und teuer. Die Miete betrug 45 Reichsmark monatlich. Die Wohnung hatte einen Korridor, davon ging links die Toilette und Badezimmer und anschließend die Küche ab. Geradeaus ging es ins Wohnzimmer und davor rechts ins Schlafzimmer. Ich schlief im Wohnzimmer, Ulrich im Elternschlafzimmer. Im Badezimmer gab es eine Badewanne mit Gastherme für Warmwasser, überall war elektrisches Licht und Steckdosen für weitere Anschlüsse vorhanden. Die Petroleumzeit war vorbei und auch die Straßen wurden elektrisch beleuchtet.

In der Hubertusstraße, deren Namen wenig später in Maerckerstraße geändert wurde, gab es den Kaufmann Raffel, unseren Kolonialwarenkaufmann. Der Fleischer war etwas weiter in der Kaiserstraße. Käse kaufte Mutter beim Händler Thomaschewski, gleich neben Raffel. Zu unserer Wohnung gehörte ein Kellerraum und unter dem Dach des dreistöckigen Hauses ein Bodenraum. Dort war auch ein allgemeiner Trockenraum für Wäsche, die unten im Keller, im Waschraum, der allen Mietern zur Verfügung stand, gewaschen wurde. Auf dem großen Hofplatz gab es noch Wäschetrockenpfähle für die Wäscheleinen. Links vom Hofausgang über eine aufwärts führende Steintreppe waren die Stallgebäude und der Zaun zum Nachbarhaus. Dahinter befanden sich die Mietergärten. Auch wir besaßen einen kleinen Garten von zirka 180 qm, in dem unsere Laube schon aufgebaut war. Ringsum hatte Vater einen Zaun aus Draht und Holzpfählen gesetzt. Rechts neben unserem befand sich der Garten von Frau Gutowski, die im dritten Stock wohnte.

In Bergfriede war vor unserem Umzug unser Schweinchen geschlachtet worden, doch die Hühner und die Ziege waren mitgekommen und befanden sich jetzt hier im Stall. Über dem Stall war noch ein Schuppen für Holz und Stroh. Ein früherer Mieter hatte dort vermutlich Tauben gehalten, weil noch alles voller Kot war und gereinigt werden musste. Die Hühner wurden nach und nach geschlachtet und aufgegessen.

Das kleine Ferkelchen, das wir nach dem Umzug nach Bergfriede dort gemästet hatten, war inzwischen auf fast drei Zentner angewachsen und konnte in der neuen Umgebung in Osterode nicht gehalten werden. Deshalb wurde es in Bergfriede von einem dort ansässigen Schlachter Salewski in unserem Schuppen hausgeschlachtet. Ich durfte nicht dabei sein, konnte aber durch das Küchenfenster neugierig den Schlachtvorgang beobachten und mir wurde dabei ganz übel. Dem angebundenen Schwein wurde mit der stumpfen Seite der Axt zwischen die Augen auf die Stirn geschlagen und es fiel betäubt auf die Seite. Dann stach der Schlachter mit einem langen spitzen Messer tief in den Hals des Schweins hinein. Das austretende Blut wurde in einer tiefen Schüssel aufgefangen und Mutter fing an zu rühren, damit es beim Abkühlen nicht klumpig wurde. Alsdann wurde das Schwein in einen Holztrog getragen und mit heißem Wasser übergossen. Dabei wurden die Borsten mit einem Schaber abgekratzt. Danach wurde es an einer schräg gestellten Leiter befestigt und ausgenommen, wobei die Innereien in einer Blechwanne aufgefangen und gereinigt wurden. Dann wurde es zerteilt, dabei durfte ich dann offiziell wieder zusehen, und ein Teil gleich zu Wurst verarbeitet. Ein anderer Teil wurde in einer Holztonne in Salz gelegt und so haltbar bemacht. Das nannte man pökeln. Ein weiterer Teil wurde zum Frischverzehr aufbewahrt und die beiden Schinken wurden zum Räuchern vorbereitet. In Theuernitz hatten wir eine eigene Räucherkammer und konnten das noch selber machen, hier nahm der Schlachter die Schinken mit zur Räucherei. Dann erschien noch der Veterinär und stempelte das Fleisch.



Änderung der Ortsnamen nach 1945

Allenstein, ab 1945 Olsztyn
Alt Jablonken 1938—45 Altfinken,
ab 1945: Stare Jabłonki
Königlich Bergfriede, ab 1928—45 Bergfriede, ab 1945 Samborowo
Bolleinen, ab 1945 Bolejny
Deutsch-Eylau, ab 1945 Iława
Gramten, seit 1945 Gromoty
Groß Schmückwalde, ab 1945. Smykowo
Eisenbahnknotenpunkt Korschen, ab 1945 Korsze
Leip, ab 1945 Lipowo
Osterode/Ostpreußen ab 1945 Ostróda
Poburzen, ab 1945 Poborze
Röschken, ab 1945: Reszki
Seubersdorf im Landkreis Mohrungen/Ostpreußen, ab 1945 Brzydowo
Theuernitz, ab 1945 Turznica
Thorn, ab 1945 Toruń
Wittmannsdorf (seit 1945: Witramowo)
Warweiden, ab 1945: Wirwajdy

Der Fluss Drewenz, ab 1945 Drwęca
Kernsdorfer Höhen, ab 1945 Dylewska Góra
Der Fluss Weichsel, ab 1945 Wisła