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Kindheit und Jugend in Ostpreußen

Kapitel I / 7 — Meine Schulkatastrophe 1931

Nachdem ich unsere neue Bleibe in Osterode ausgiebig begutachtet hatte, nahm Vater mich an die Seite und sagte mir: Du kannst aber nicht wieder zurück in die Mittelschule nach Deutsch-Eylau gehen. Er rechnete mir vor, dass er finanziell nicht dazu in der Lage war, Kost, Logis und die Schule dort zu bezahlen. Auch mein Wunsch, mich doch wenigsten täglich mit dem Zug in die Schule nach Deutsch-Eylau und zurück nach Osterode fahren zu lassen, wurde mir verweigert mit der Erklärung: Auch das würde zu viel Geld kosten. Die Eltern wollten mich stattdessen lieber auf das Gymnasium in der Hindenburgstraße schicken. Mutter hatte deswegen bereits ihre Fühler ausgestreckt. Der Direktor des Gymnasiums, Herr Szibulla hatte bereits zugesagt, mich in die Sexta des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums aufzunehmen, unter der Voraussetzung, dass ich für die versäumte Zeit Nachhilfestunden akzeptierte.

Das gelernte Französisch konnte ich nun vergessen, da jetzt Latein gelehrt wurde. Die Schulgebühren betrugen monatlich 25 Reichsmark, hinzu kamen die Kosten für Lehrbücher, Schulhefte usw. Schon während der Herbstferien wurde das benötigte Schulmaterial besorgt. Auch wurde ein Nachhilfelehrer für Latein, ein Schüler der Oberprima verpflichtet. Ich weiß nicht wie Vater und Mutter das alles finanziell geschafft haben, aber sie haben es fertig gebracht, mich dort auf das Gymnasium umzuschulen. Der Direktor Szibulla hat mir Mut gemacht, als ich mich zu Schulbeginn vorstellte. Er brachte mich persönlich in das Klassenzimmer der Sexta und stellte mir den Klassenlehrer vor. Vorn in der ersten Bank war fortan mein Platz. Während des Lateinunterrichts blieb ich im Klassenraum, doch wegen meiner noch mangelhaften Lateinkenntnisse rauschte der Unterricht verständlicherweise an mir vorbei, meine Lateinstunde war am Nachmittag nach der Schulzeit beim Schüler in der Wohnung. Nach der französischen Sprache war Latein ganz nüchtern, keine Nasallaute mehr und die Vokabeln mussten gepaukt werden, damit der Schüler nicht meine Arme blau klopfte, wenn ich die Vokabeln nicht fließend konnte.

Auch mit der Mathematik hatte ich jetzt Schwierigkeiten, zumal in Algebra, weil mir derartige Aufgaben bisher nicht bekannt waren. Mir wurde ein Student genannt, der mich im Nachhilfeunterricht dem Klassenstandard näherbringen sollte. Doch er verlangte dafür ein so hohes Entgelt, dass Vater den Unterricht nicht gestattete. Es war kurz vor Weihnachten, als Vater eines Abends sagte, dass er mich vom Gymnasium nehmen müsste, weil er die hohen Kosten dort nicht verkraften könne. Mutter hatte offensichtlich keine Ahnung von Vaters Entschluss, da sie entsprechend ablehnend darauf reagierte. Nun wurde hin und her überlegt und Mutter beschloss, sich erst einmal an den Direktor Szibulla zu wenden. Am nächsten Morgen ist sie zur Schule mitgegangen und hat sich mit dem Direktor besprochen. Er wollte dafür sorgen, dass das Schulgeld von 25 auf monatlich 15 Reichsmark reduziert wird. Die notwendigen Bücher sollte ich leihweise erhalten, so dass sich die Kosten weiter reduzierten. Auch damit war Vater nicht zufrieden und verlangte meinen Abgang vom Gymnasium. Schließlich hat Mutter eingewilligt und sich mit der allgemeinen Volksschule Süd in Verbindung gesetzt.

Der Rektor, ein parteitreuer Sozialdemokrat, bestellte mich mit Mutter am Nachmittag zum Schultest, oder wie er sagte: Zur Aufnahmeprüfung. Er stellte mir verschiedene Fragen, die ich ihm prompt beantworten musste. Auch sollte ich eine Rechenaufgabe, die er schnell aufgab, in einer bestimmten Zeit lösen. Das gelang mir aber erst nach der vorgegebenen Zeit. Daraufhin sagte er zu mir: Wolltest dich wohl durch höhere Bildung vor die Proletarier schmuggeln, wie? Du wirst zwei Klassen nachholen müssen und kannst in der 4a anfangen. Mutter erklärte sich damit einverstanden, so hörte ich am Wochenende im Gymnasium auf und fing am Montag 8.00 Uhr in der Süd-Schule, die später in Jahn-Schule umbenannt wurde, in der Klasse 4a an. Mein neuer Lehrer war Herr Paschke, mit Spitznamen Schmuutz, damals ungefähr 55 Jahre alt. Als ich einmal den Direktor des Gymnasiums auf der Straße traf, bedauerte der meinen Schulwechsel sehr. Er sagte, dass ich auch bei Wiederholung der sechsten Klasse besser dagestanden hätte. Aber es half nichts, ich musste jetzt fleißig sein und meine täglichen Hausaufgaben gut machen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, wieder in die Volksschule gehen zu müssen. Meine Eltern waren, wie ich glaube, vom Schwager und Bruder, meinem Onkel Petzel, der auch ein treuer SPD-Parteigenosse gewesen ist, sehr beeinflusst worden, zumal seine beiden Söhne auch nicht auf eine höhere Schule gehen konnten.

In der Klasse bekam ich Kontakt zu den anderen Schülern und wir hielten gut zusammen. Ostern wurde ich mit genügendem Zeugnis versetzt in die 3a mit dem selben Klassenlehrer. Dann begann auch zusätzlich der Werkunterricht bei Lehrer Kemski, was mir sehr gut gefiel. Wir fertigten mit Papier und Pappe sehr schöne Sachen und lernten so den Umgang mit dem Material bis hin zum Buchbinden. Beim Nachmittagssport wurden verschiedene Spiele geübt, auch Fußball. Aber dazu hatte ich wenig Lust, weil einige Schüler so hart spielten und ich oft gegen das Schienbein getreten wurde. Mehr interessierte mich Leichtathletik, ich schaffte damals ungefähr vier Meter im Weitsprung und erntete Anerkennung dafür. Der Lehrer Paschke war Epileptiker und fiel oft während des Unterrichts in Krampfzustände, was kein schöner Anblick für uns Schüler war. Dabei war er sonst ziemlich hart und schlug oft zu, wenn jemand Quatsch machte, oft aber auch ohne Grund. Sportlehrer war Herr Engler und unser Gesangslehrer Sablewski hatte mich veranlasst, in seine Schülergesangsgruppe einzutreten, die zusätzlich zur allgemeinen Musikstunde am Nachmittag an bestimmten Tagen singen durfte. Sablewski war ein sehr guter Gesangslehrer und leitete auch einen Männerchor in Osterode. Mit dem Schülerchor sind wir auch später gereist und haben auch in der Osteroder Stadtkirche die Matthäus-Passion gesungen.

Die Post in Osterode

Das Postgebäude, neue Arbeitsstätte meines Vaters Paul Kitsch in Osterode/Ostpreußen
- Foto: H.Kennhöfer 2006 in Ostróda\Polen

Da ich immer knapp an Taschengeld war, habe ich durch die Vermittlung von Onkel Petzel, der in der Kirche die Glocken läutete, zusammen mit seinen Söhnen Ewald und Hellmut die Aufgabe bekommen, jeden Sonn- und Feiertag in der Kirche die Glocken zu läuten. Jeder von uns bediente eine der drei unterschiedlich schweren Glocken mit einem Hanfseil, bis sie im Rhythmus klangen. Das musste geübt werden, bis unser Glockenspiel perfekt klang. Zusätzlich stand ich am Ende des Gottesdienstes mit der Messingbüchse für die Kollekte an der Tür, wenn die Gläubigen die Kirche verließen. Für diese Arbeiten bekam ich von Onkel Otto 50 Pfennige pro Tag. Was er aber von der Kirchenverwaltung bekam, wollte er nicht erzählen. Zu meinen Cousins Hellmut und Ewald hatte ich ein gutes Verhältnis. Mit ihrer älteren Schwester, meiner Cousine Hilde Petzel, sprach ich nur selten, sie fühlte sich uns überlegen und zeigte es auch.



Änderung der Ortsnamen nach 1945

Allenstein, ab 1945 Olsztyn
Alt Jablonken 1938—45 Altfinken,
ab 1945: Stare Jabłonki
Königlich Bergfriede, ab 1928—45 Bergfriede, ab 1945 Samborowo
Bolleinen, ab 1945 Bolejny
Deutsch-Eylau, ab 1945 Iława
Gramten, seit 1945 Gromoty
Groß Schmückwalde, ab 1945. Smykowo
Eisenbahnknotenpunkt Korschen, ab 1945 Korsze
Leip, ab 1945 Lipowo
Osterode/Ostpreußen ab 1945 Ostróda
Poburzen, ab 1945 Poborze
Röschken, ab 1945: Reszki
Seubersdorf im Landkreis Mohrungen/Ostpreußen, ab 1945 Brzydowo
Theuernitz, ab 1945 Turznica
Thorn, ab 1945 Toruń
Wittmannsdorf (seit 1945: Witramowo)
Warweiden, ab 1945: Wirwajdy

Der Fluss Drewenz, ab 1945 Drwęca
Kernsdorfer Höhen, ab 1945 Dylewska Góra
Der Fluss Weichsel, ab 1945 Wisła