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Jugend in Ostpreußen

Kapitel I / 10 — Lehrzeit in Osterode

Als das Jahr zu Ende ging, haben meine Eltern und ich uns nach einer Lehrstelle für mich umgesehen. Ich hatte mich für einen Metallberuf im Handwerk entschlossen. Es war damals aber nicht leicht, einen Platz als Lehrling zu bekommen und so zogen wir von einem Bezirk zum anderen, bis wir bei der Maschinenfabrik Willy Messer in Osterode, Roßgartenstraße einen Erfolg unseres Suchens verbuchen konnten. Die Firma nannte sich Maschinenfabrik, weil sie einen Teil der Gebäude der inzwischen in Konkurs geratenen Maschinenfabrik Schmidt übernommen hatte. Willy Messer war lediglich Kaufmann und betrieb eine Autoreparaturwerkstatt, Autoverkauf der Modelle Hanomag-Kurier, Hanomag-Rekord und Hanomag-Sturm an Pkws und Nutzfahrzeugen, sowie Verkauf von landwirtschaftlichen Maschinen aller Art. Für seine Werkstatt war der Maschinenbaumeister Dirks zuständig, so dass er Lehrlinge ausbilden durfte. Der Betrieb war Mitglied der Schlosser-Innung. Ich wollte den Beruf eines Maschinenbauers in der Autobranche erlernen, kurz Autoschlosser genannt. Damals gab es noch keine KraftfahrzeughandwerkerWie schnell der Wandel sich vollzieht, heute heißen sie Kfz- Mechatroniker, wie sie heute genannt werden.

Der Lehrvertrag besagte, dass ich dreieinhalb Jahre lernen sollte, also bis zum 30. September 1938 und als Lehrlingsbeitrag im ersten Lehrjahr 1 Pfennig, im zweiten 2 Pfennige, im dritten 3 Pfennige und im vierten Lehrjahr 4 Pfennige pro Stunde erhalten sollte. Urlaubstage waren laut Lehrvertrag keine vorgesehen. Mein Entlassungszeugnis aus der ersten Klasse der Jahnschule war allgemein genügend, was nach der Schulkatastrophe nicht verwunderlich erscheinen mag. Die einzige Eins erhielt ich im Fach Betragen. Die neue Schulzeit begann gleich nach Ostern in der Berufsschule für Metallberufe in der Seminarstraße, die später in Adolf Hitler Straße umbenannt wurde. Wöchentlich einmal am Vormittag war Schulzeit. Zur Arbeitsstelle bin ich täglich mit meinem Fahrrad gefahren, das im Stallraum seinen Platz hatte. Meine erste Arbeit begann mit dem Zerschlagen eines großen gusseisernen Rades, das noch als Modell unter unserer Werkbank lagerte. Mit einem sehr schweren Vorschlaghammer sollte ich auf die gusseisernen Teile schlagen, dabei verfehlte ich einmal das Ziel und traf mit dem Holzstiel, der zerbrach. Mit mir waren der gleichaltrige Hugo Woelki, Horst Kley aus Osterode und Herbert Pobuzski aus Theuernitz als Lehrlinge eingestellt worden. Wir vertrugen uns alle sehr kameradschaftlich. Außerdem waren da noch ein Geselle und zwei weitere Lehrlinge im letzten Lehrjahr, Grünberg und Jordan. Kurt Kaus, ein Cousin von mir, hatte gerade seine Gesellenprüfung mit Gut bestanden. Kurt legte Wert darauf, dass unser Verwandtschaftsverhältnis nicht bekannt wurde, wir hatten auch sonst keinen Kontakt miteinander.

Meister Dirks war ein wirklich guter Lehrmeister für sein Fach, jedoch hatte er im Fach Kraftfahrzeuge wenig Ahnung. Wir mussten Selbststudien machen, damit die Wagen, die zur Reparatur oder Wartung kamen, richtig versorgt werden konnten. Die Allgemeinausbildung wie Feilen, Meißeln, Bohren, Schmieden und Fräsen war unsere tägliche Arbeit, bis wir nach einigen Wochen unter den Wagen liegend den Arbeiten der älteren Lehrlinge oder des Gesellen zuschauen durften. Viel fragen war wichtig, denn auch Reparaturen an Motoren und Getrieben wurden ausgeführt. Sogar ausgelaufene Pleuellager wurden ausgegossen, gedreht und angepasst, was heute von normalen Werkstätten nicht mehr gemacht werden kann. Wellen wurden ausgewechselt und Wartungsarbeiten gemacht. Wenn es mal dafür von reichen Bauern oder anderen Autobesitzern Trinkgeld gab, wurde es vom Meister Dirks gerecht an alle verteilt. Auch gehörte zu unserer Beschäftigung die Autopflege, dazu gehörten die Reinigung des Fahrzeugs und das Abschmieren aller Teile, die mit einem Abschmiernippel versehen waren. Die modernen Fahrzeuge hatten schon ein zentrales Abschmiersystem, das durch Fußdruck betätigt wurde.

Von der Firma Hanomag, deren Sitz in Hannover-Linden war, gab es damals folgende Autotypen, die ganz modern und schön anzusehen waren: Hanomag KurierKurier
Hanomag Kurier, 1934-1938 (Quelle: Hanomag-Museum)
, RekordRekord
Hanomag Rekord 1933-1940 (Quelle: Wikipedia)
und SturmHannomag Sturm
Hanomag Sturm 1934-1939 (Quelle: Hanomag-Museum)
. Letzterer war mit einem Sechszylindermotor auch für Dieselkraftstoff zu haben. Außerdem stellte Hanomag Trecker, LKWs und andere Nutzfahrzeuge, sowie Schiffsmotoren her. Es bestand die Möglichkeit Spezialisten direkt im Werk ausbilden zu lassen. Herr Messer deutete an, dass er uns, falls Interesse besteht, dafür sechs Wochen Urlaub geben würde, wenn wir uns auf eigene Kosten ausbilden lassen wollten. Von Kostenübernahme durch die Firma Messer war keine Rede, somit war das Thema für mich ausgestanden, zumal ich auch nicht die Absicht hatte, den Beruf ein Leben lang auszuüben. Meine Absicht war, nach Beendigung der Lehre zur Marine zu gehen und die Welt kennenzulernen.

Es kam oft vor, dass dringende Arbeiten auch mit Überstunden gemacht werden mussten. Dann wurde manchmal bis tief in die Nacht gearbeitet, um den Wagen fertig zu machen. Der Chef zeigte sich dann allerdings von der großzügigen Seite und es gab zwischendurch Würstchen mit Brot und etwas zu trinken. Bezahlt wurden die Überstunden allerdings nicht. Da ich seit meinem 15. Lebensjahr bereits geraucht habe, war das Geld bei mir immer knapp, obwohl drei Zigaretten damals nur 10 Pfennige und ein Päckchen Tabak nur 50 Pfennige kosteten. So hatte es sich eingebürgert, dass ich und auch andere Lehrlinge bei Geldmangel schon in der Mitte des Monats zu Fräulein Ulig ins Büro gingen und um einen kleinen Vorschuss von 5 Reichsmark baten. Wenn es dann am Monatsende den Lohn offiziell gab, waren oft auch nur noch 4-5 Reichsmark in der Lohntüte, die gerade für Tabakkauf reichten.

1936 trat ich als Jugendmitglied in den Osteroder Kanu-Club ein. Das Clubhaus befand sich direkt am Drewenzsee in der Bahnhofstraße, gegenüber dem Güterbahnhof. Hauptsächlich am Wochenende und an Feiertagen sind wir junge Leute mit dem Zehnerkanadier auf Wanderfahrten gewesen. Ich saß gewöhnlich Mittboots auf der Backbordseite. Wir hatten achtern einen Steuermann als elften Mann an Bord. Gewöhnlich war es so, dass ein Boot mit Jungen und Mädchen besetzt war, wenn wir auf Wanderfahrt gingen. Die gefahrenen Kilometer wurden vermerkt und am Jahresende bei einer lustigen Zusammenkunft bekanntgegeben. Unser Chef war der Volksschullehrer Rinas, der mit seiner Ehefrau oft als Faltbootfahrer die meisten Kilometer verbuchen konnte und somit oft Bester war. An die schönen Fahrten erinnere ich mich gerne, zumal auch die Kameradschaft mit allen Mitgliedern sehr gut war.

Häufig sind wir durch den Oberländischen Kanal gefahren, der die vielen Seen durchquert. Eine Nachtfahrt durch den Duzkanal in den Thardensee erinnere ich, wo auf den Uferseiten sogenannte Irrlichter flimmerten und der Mond schien. Auch mit dem Kajak wurde gefahren, meist als Leistungssport, wobei auf dem Drewenzsee geübt wurde. Zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin sind Abordnungen der Vereine gefahren, ich hatte jedoch weder Urlaub noch das nötige Bargeld, um mitfahren zu können.

Reederrei Tezlaff „Heini“ auf dem Drewenzsee

Das Schiff Heini der weißen Flotte der Reederei Tetzlaff auf dem Drewenzsee vor Osterode

Die Firma Messer hatte unter der Werkstatt ein im Freien befindliches Lager für Dieselöl, das zollgünstig betrieben wurde. Großabnehmer war vor allem die Reederei Tezlaff für die Weiße Flotte am Drewenzsee. Mit seinen Schiffen Herta, Heini und Konrad fuhr Tezlaff bis nach Elbing und überall hin, wo es möglich war, auch bis in den Schillingsee. Zum Firmensitz der Reederei in die Wasserstraße mussten wir Lehrlinge oft Fässer mit Dieselöl rollen und zwar auf den Straßen. Mit der Zeit hatte ich darin Routine. Wenn es am Vormittag war und ich genügend Geld hatte, habe ich mir aus der Schlachterei Schwarz für 40 — 60 Pfennige ein Stück Dämpfwurst geholt, das war eine Fleischwurst mit wenig Knoblauch. Dazu zwei Brötchen vom Bäcker für 5 Pfennige, es gab damals vier Brötchen für 10 Pfennige. Auf der Wartebank am Drewenzsee bei den Schiffen verzehrte ich dann mein Frühstück. Bei der Fleischerei Schwarz war Betty beschäftigt und ich habe sie dort kennengelernt, ehe ich meine Frau Ulla kannte. Sie hat immer einen verfrorenen Eindruck gemacht.

Einmal habe ich mitmachen müssen beim Abfüllen der leeren Fässer von einem Transportwagen am Osteroder Güterbahnhof. Es war für mich, für uns drei Lehrlinge eigentlich eine angenehme Abwechslung des ewigen Werkstatteinerleis. Es musste nur aufgepasst werden, dass ein Fass nicht überlief, was jedoch trotz aller Vorsicht auch vorgekommen ist. Die gefüllten Fässer wurden dann mit einem Spundverschluss, der immer eine neue Dichtung erhielt verschlossen, wobei der Deckel mit einem Vierkantschlüssel festgedreht wurde. Auf Dichtheit geprüft, wurde das Fass dann auf einen bereitgestellten Wagen hochgerollt und spundoben mit Holzkeilen festgekeilt. Das Hochrollen der 200-Liter fassenden Stahlfässer erforderte viel Kraftanstrengung, aber mit drei Mann schafften wir es. Gleichfalls mussten wir Transportarbeiten verrichten, wenn landwirtschaftliche Maschinen per Transportzug ankamen und ausgeladen werden mussten. Untergebracht wurden sie auf dem großen Firmengelände in einem Holzschuppen. Von dort holten die Käufer, meist Bauern aus dem Kreis Osterode, die Maschinen ab und wir Lehrlinge mussten beim Aufladen helfen.

Der Betrieb Messer arbeitete meist nur mit Lehrlingen, Gesellen waren immer nur kurzfristig beschäftigt. Vermutlich musste Herr Messer Geld einsparen, um überleben zu können. Urlaub gab es bis vierzehn Tage auf freiwilliger Basis, ohne dass wir Lehrlinge darauf Anspruch gehabt hatten, wie ausdrücklich betont wurde.

Im Jahre 1938 fand im Ballsaal des Lokals Elisenhof ein Tanzkursus des Tanzlehrers Weinberger statt und Mutter machte mich darauf aufmerksam.