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Meine Kriegsmarinezeit
Kapitel II / 6
Taktische Übungen mit U-466

Die Erprobungs- und Ausbildungszeit wurde abgeschlossen mit einer Prüfung, den sogenannten taktischen Übungen. Über vierzehn Tage wurden Angriffe auf Geleitzüge, Einzelfahrer und Kriegsschiffe mit Übungstorpedos und Übungsgranaten ausgeführt. Für die FT (Funktechnik) war ein Programm vorgesehen, das mich sehr interessierte. Es wurde dabei angenommen, dass infolge atmosphärischer Störungen keine Funkverbindung mit der Leitstelle in der Heimat zustande kam. Dann sollte auf einer genau bezeichneten Sonderfrequenz ein Bootsfunker die Leitstelle machen und einen Funkspruch an alle in der Nähe befindlichen Boote abgeben, in dem entsprechende Anweisungen gegeben wurden und das leitende Boot dann die Funkleitung bis zum Ende der Störung übernehmen sollte.

Ich betrachtete es als meine Aufgabe, die Führung des Funkverkehrs zu übernehmen, und hatte den Funkspruch entsprechend der Gegebenheiten schon vorbereitet und vom Kommandanten unterschreiben lassen unter Darlegung des Sachverhalts und alles verschlüsselt mit dem Maschinenschlüssel M. Als nun ein Boot einen Funkspruch abgab, der von der Leitstelle Kiel nicht wiederholt wurde, was dem angenommenen Szenario entsprach, dass die atmosphärischen Störungen jetzt auftraten und die Übungsaktion auslöste. Ich gab meinen Funkspruch auf der normalen Welle ab, indem ich den hörenden Booten mitteilte, auf welcher Frequenz ich die Leitung übernehmen würde. Den vorbereiteten Funkspruch gab ich anschließend auf der Gruppenwelle ab. Normaler Funkverkehr wurde jetzt also auf der Gruppenwelle abgewickelt, wobei nach Möglichkeit Funkstille gewahrt wurde, um dem Feind nicht den Standort der Boote zu verraten, da sofort vom Gegner das führende Boot gepeilt wurde.

Wir waren damals davon überzeugt, dass unser geschlüsselter Text nicht zu dechiffrieren war, was, wie wir erst später erfuhren, nicht der Fall war. Der englische Geheimdienst soll schon im Jahre 1943 fast alle Funksprüche unserer Boote entschlüsselt haben. Unter diesen Umständen war eine Geheimhaltung oder Verschleierung der Absichten und Standorte der Boote nicht möglich und der U-Bootskrieg war verloren!

Für diese Aktion erhielt unser Boot U-466 von der Manöverleitung eine hohe Plusnote, die unser Boot bei der Beurteilung aller Aktionen, zu denen auch die Angriffe auf die Schiffe gehörten, Torpedotreffer und Angriffstaktik sowie Mut über alle beteiligten Boote emporhob, was den Kommandanten und die Wachoffiziere erfreute. Natürlich war auch ich froh, dass alles so gut geklappt hatte. In der Praxis habe ich aber nie gehört, dass der so geübte Fall jemals tatsächlich eintrat. Wir hatten für den Fall einer atmosphärischen Störung sehr viele Frequenzen zum Funken zur Verfügung, so dass auf irgendeiner Ausweichfrequenz eine Verbindung mit der Leitstelle zustande kam. Es wurden dabei hauptsächlich Funkmeldungen abgegeben, wenn der Standort des Bootes dem Feind bekannt geworden war, zum Beispiel durch Angriffe.

Auch auf Befehl des B.d.U.Befehlshaber der U-Boote wurde gefunkt, meist waren es Kurzsignale zur Standortbestimmung. Auch diese Art von Funksprüchen wurde geübt. Beobachtungen der internationalen 600-m-Welle und die Abgabe von Peilzeichen auf der Mittelwelle wurden gleichfalls geübt, um andere Boote an einen Geleitzug heranzuführen. Wie gesagt haben wir vierzehn Tage taktische Übungen  in der Ostsee gefahren. Als Überwasserschiffe waren die Wilhelm Bauer, U-Tender Isar und circa sechs bis acht weitere Handelsschiffe daran beteiligt, die verschiedene Aktionen fuhren und für die übenden Operationsboote die feindlichen Schiffe darstellten, die zu verschiedenen Zeiten angegriffen wurden. Übungstorpedos wurden dabei so tief eingestellt abgeschossen, dass sie keine Beschädigungen an den Schiffen anrichten konnten. Sie wurden von Fangbooten der Torpedoversuchsanstalt Eckernförde aufgefischt und an Bord genommen.

In einem Fall wurde mit der 8,8-cm-Artillerie und Übungsgranaten geübt, einen feindlichen Frachter zu versenken. Das Feuer wurde aber eingestellt, nachdem er mit Blinklicht signalisierte, dass an Bord Feuer ausgebrochen war. Sogar auf eine geschleppte Scheibe wurde mit guten Treffererfolgen geschossen.

In diesen vierzehn Tagen habe ich nur wenige Stunden geschlafen und nahm Coffeintabletten, um mich wach zu halten. Dafür habe ich nach dem Einlaufen in Gotenhafen eineinhalb Tage geschlafen, bevor ich in der Lage war, wieder normalen Dienst zu verrichten. Das Ergebnis der taktischen Übungen wurde erst nach einigen Tagen bekannt gegeben und ich war ganz stolz über das gute Ergebnis, zumal ich daran mitgewirkt hatte. Das Wetter hatte meist nur wenig Wind gebracht, so dass wir keine Ausfälle durch Seekrankheit oder Unfälle hatten.

Diese taktischen Übungen waren der Abschluss unserer Ausbildungsfahrten in der Ostsee und bald darauf ging es zurück nach Kiel, wo wir auf dem Fahrgastschiff General OsorioDie General Osorio der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag) war das letzte Schiff, das die Gesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg für ihren Südamerika-(Ostküsten)Dienst bauen ließ. Nach Kriegsausbruch 1939 befand sich das Schiff in der Heimat und ging durch Bombentreffer im April 1945 endgültig verloren.[1], das uns als Wohnschiff diente, unseren Heiligen Abend 1942 feierten. Es war ganz festlich, währenddessen unser Boot gründlich gereinigt und überholt wurde. Per Feldpost verabschiedete ich mich bei allen Bekannten, Freunden, bei meiner Verlobten und den Eltern, da unser erster Fronteinsatz kurz bevorstand. Unser Boot hatte eine FeldpostnummerM - 06 641 , die nicht mit der Bootsnummer gemeinsam genannt werden durfte, um dem Feind keine Informationen zukommen zu lassen. Die Beförderung aller Feldpostsendungen war gebührenfrei. Ein Seemann, Matrose oder Gefreiter holte täglich die Feldpost ab und verteilte sie an Bord. Ihn nannten wir den Postbüttel.


[1] Die General Osorio der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag) war das letzte Schiff, das die Gesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg für ihren Südamerika-(Ostküsten)Dienst bauen ließ. Nach Kriegsausbruch 1939 befand sich das Schiff in der Heimat und ging durch Bombentreffer im April 1945 endgültig verloren.