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Wiederbegegnung mit dem Land Ostpreußen - Über Stettin nach Osterode

Wiederbegegnung mit dem Land Ostpreußen nach 42 Jahren
oder
Studienfahrt in die (k)alte Heimat 1987

Kapitel 2: Über Stettin nach Osterode

Am 22. Mai 1987 um 07.50 Uhr wird das Gepäck verladen, die Pässe werden von der Rezeption abgeholt und um 08.00 Uhr gibt’s Frühstück. Der Kaffee schmeckt wider Erwarten gut. Es gibt jedoch nur eine Tasse. Weitere Tassen müssen bezahlt werden. Für eine Tasse Kaffee zahlen wir 80 Złoty. Die Bedienung während des Essens ist sehr aufmerksam und höflich. Mit der deutschen Sprache kann man sich im Hotel gut verständigen. Um 09.15 Uhr besteigen wir Abschied nehmend den Bus. In unserer Begleitung ist eine deutsch sprechende Stadtführerin, die uns auf einer kleinen Rundfahrt durch die Stadt Stettin, polnisch Szczecin, viel erzählend begleitet. Stettin liegt an der Oder, unweit vom Stettiner Haff entfernt. Stadtrechte wurden im Jahre 1243 erteilt. Die Stadt gehörte der Hanse an und war dereinst preußisch-pommersche Residenzstadt und Herzogensitz. 1648 noch zu Schweden gehörend, wurde sie im Jahre 1720 preußisch. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Stettin größter deutscher Ostseehafen mit Erz-, Kohle-, Erdöl-, Holz- und Getreideausfuhr. Die Stadt hatte Reedereien, Werften, Schiffs-, Maschinen-, Kraftwagenbau, Papier-, Stein-, Zement-, Textilchemie- und Zuckerindustrie. An Bauwerken sind die spätgotische Jacobikirche, die Johanniskirche aus dem 14. Jahrhundert, das alte Rathaus aus dem 15. Jahrhundert, das schon erwähnte Schloss (Herzogenresidenz) aus dem 17. Jahrhundert und die Hakenterrasse zu erwähnen. Die Stadt liegt im Grünen. Viele Villen in den Außenbezirken haben anscheinend den Krieg gut überdauert. Größere Kriegsschäden sind jedenfalls nicht auffällig. Viele Neubauten im polnischen Einheitsstil fallen besonders auf, weil sie vom üblichen Stadtbild abweichen. An der Oderbrücke verlässt uns die nette Stadtführerin. Sicherlich hätte sie uns gerne viel mehr von Stettin gezeigt und erklärt.

Ab 09.35 Uhr fahren wir durch Pommern und an einem größeren See vorbei, in dem es noch MaränenCoregonus ist eine Gattung von Fischarten aus der Ordnung der Lachsartigen (Salmoniformes). Deutsche Namen sind Maränen, R(h)einanken, Renken, Felchen, Coregonen, Schnäpel (auch in der Schreibweise Schnepel) usw. Dabei kann ein deutscher Name für verschiedene Arten stehen; viele Arten haben mehrere Namen je nach Region.Siehe Wikipedia.org geben soll. Es handelt sich hier um wohlschmeckende Forellenfische mit wenigen Gräten. Stargard, (polnisch: Szczeciński) 60.000 Einwohner, war früher Konkurrenzstadt von Stettin. Die Marienkirche ist noch vorhanden. (14./15. Jahrhundert) Stadtrechte wurden 1124 vergeben. Bekannt ist diese Stadt durch ihren Getreideumschlag. Um 11.45 Uhr sind wir in Deutsch-Krone, um 12.10 Uhr in Schneidemühl, wo kurz gehalten wird. Diese Stadt hat heute 65.000 Einwohner. Früher war Schneidemühl die letzte Stadt vor der polnischen Grenze, dem sogenannten polnischen Korridor. Hier fanden im Januar bis März 1945 schwere Kämpfe statt, so dass die Stadt Schneidemühl bis zu 75% zerstört wurde. Viele Neubauten sind entstanden, trotzdem sind die Kriegsschäden unverkennbar.

Nach einem Mittagessen in der Mühle geht es um 14.30 Uhr weiter nach Bromberg (polnisch: Bydgoszcz). Diese Stadt erreichen wir um 16.00 Uhr. Die Industriestadt Bromberg zählt heute 250 000 Einwohner, schon früher im polnischen Korridor gelegen, also einem Gebiet (früher Posen und Westpreußen) das, ehemals deutsch, nach dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages im Jahre 1920 an Polen abgetreten wurde, obwohl die deutsche Bevölkerung sich für Deutschland entschieden hatte. Die deutschstämmige Bevölkerung musste ins Reichsgebiet auswandern oder aber die polnische Staatsangehörigkeit annehmen und die deutsche verlierenEs gab aber auch – je nach Laune der zuständigen Kommandantur – die Alternative: polnisch oder tot. Das ist auch eine historische Tatsache, die leider gerne verschwiegen wird. Anmerkung der Redaktion (G.M.). Wir fahren durch die Tucheler Heide in Richtung Graudenz. Unterwegs informiert uns Adam über weitere polnische Verhältnisse. Danach verdient ein polnisches Ehepaar: Er: 25.000 Złoty, Sie: 15.000 Złoty. Die Miete einer kleinen 2-3-Zimmer Wohnung kostet 8.000 Złoty, der Rest des Einkommens dient dem Lebensunterhalt. Ein Brot kostet 80 Złoty. Eine Wohnung bis zu drei Zimmern ist normal. Darüber hinaus gehören 4- bis 5-Zimmerwohnungen der Luxusklasse an. In Graudenz (polnisch: Grudziądz) kommen wir um 17.15 Uhr an. Die Stadt hat 70.000 Einwohner. Durch den Deutschen Ritterorden gegründet erhielt sie 1291 Stadtrechte. Die Reste der Ordensburg an der Weichsel zeugen von alter deutscher Vergangenheit. An Freystadt und Neudeck (ehemaliger Sitz der Familie von Hindenburg) vorbei geht die Straße in unser eigentliches Studiengebiet. Vor dem Erreichen von Deutsch-Eylau halten wir im schönen Mischwald zur kurzen Rast. Um 18.30 Uhr, später als vorgesehen, erreichen wir den Geserichsee und Deutsch-Eylau. (polnisch: Iława) Hier haben im Zweiten Weltkrieg, im Januar 1945, schwere Kämpfe vermutlich den Stadtkern völlig zerstört. Es ist nicht mehr das erhalten, was früher den Stadtkern prägte. Die Dammbrücke über den kurzen Kanal, der den großen mit dem kleinen Geserichsee verbindet, ist vorhanden. Vor der Dammbrücke stand einst das Gebäude der Mittelschule, in der ich im Jahre 1930 französische Vokabeln paukte. Nichts von den Gebäuden ist übrig geblieben. Überall Wohnhäuser im polnischen Einheitsstil. Die Polen versuchen, den polnischen Menschenreichtum, eine Million Menschen pro Jahr werden geboren, unterzubringen. Die Ordensburg auf dem ehemaligen Marktplatz und die alte, schöne Ordenskirche sind offenbar nicht mehr vorhanden, dem wahnsinnigen Krieg zum Opfer gefallen.

Über die Dörfer Raudnitz, Bergfriede (Samborowo), Thyrau (Tyrowo) geht die Fahrt auf Osterode (Ostróda) zu. Osterode, vertraute Heimat, wo wir jeden Stein, jeden Baum und jede Straße genau kannten, verließen wir am 20. Januar 1945. Als Angehöriger der Kriegsmarine war ich zu der Zeit dort in Urlaub. Schon am 21. Januar 1945 wurde Osterode von russischen Truppen besetzt. Hinter Thyrau kann man von der Chaussee aus den Drewenzsee sehen. Rechts kommt der Wald, wo früher das Ausflugslokal Waldhäuschen war, in dem die schönen Schulfeste stattfanden ‒ damals, als wir noch Kinder waren. Wo wir im Frühling von den Waldwiesen Leberblümchen, Annemonen und später die gelben Himmelschlüsselchen und weißen Maiglöckchen in großen Sträußen pflückten. Der Wald mit seinen schattigen Bäumen war so kühl und viele essbare Pilze wuchsen dort.

Vor dem Zemensee kommt die Abzweigung nach Arnau, Seubersdorf, die Heimat meiner Mutter. Die Straße ist gut ausgebaut und dem Straßenzustand nach zu urteilen eine sehr wichtige Verbindungsstraße in Richtung Neidenburg - Warschau. Der Zemensee ist ziemlich verwuchert. Wir wohnten neben der Bahnstrecke in der ehemaligen Wilhelmstraße, wo früher das Reichsbahnausbesserungswerk der deutschen Reichsbahn war; Joachim hatte dort gelernt. Rechts kommt nun die Molkereigenossenschaft der Stadt Osterode, die noch gut erhalten ist. Gleich dahinter ist die Einmündung der Jacobstraße, in der früher meine Großeltern wohnten. Wie oft waren wir dort zu Besuch. Zu den Geburtstagen, zur Goldenen Hochzeit und zur Diamantenen Hochzeit. Wenn wir Kinder uns langweilten, fanden wir Zerstreuung am Zemensee und beim Versteckspielen.

Dann kommt die Überraschung: Kurz vor dem Erreichen des Reichsbahnausbesserungswerkes in der Wilhelmstraße geht die Straße nach Allenstein rechts an einem früheren Sumpfgebiet vorbei, das inzwischen aufgeschüttet wurde. Es geht direkt in die ehemalige Maerckerstraße hinein. Links steht noch die Mauer der ehemaligen Kavallerie-Kaserne, später Panzer-Kaserne. Rechts steht noch das Eckhaus, in dessen erstem Stockwerk die Wohnung meiner Eltern lag. Gardinen sind nicht an den Fenstern. Schnell geht es an diesem Haus vorbei. Die anderen Wohnhäuser sind durch Neubauten ersetzt worden, die alle mit den Giebeln zur Straßenseite stehen.

Das Kirchenportal

Kirchenportal der evangelischen Kirche in Ostrode, heute Ostróda in Polen. Vor den Portal Schwager, Schwägerin und Ehefrau (Mitte). Foto: Walter Kennhöfer, 1987
Standesamt

Ostrode - Schillerstraße, das ehemalige Standesamt. Foto Walter Kennhöfer 1987

Wir kreuzen die ehemalige Kaiserstraße, rechts geht’s nach Buchwalde und links in das Zentrum der Stadt. Die neugeschaffene Umgehungsstraße führt am ehemaligen Kreiskrankenhaus vorbei und an den Wohnungsneubauten. Bäume, die damals klein waren, sind heute hoch und verschaffen dem Eingang ein düsteres Bild. Wir müssen uns nun sputen, um nach Allenstein zu kommen. Die Straße dorthin ist erst nach dem Passieren von Alt Jablonken (polnisch: Stare Jabłonki) mit der altbekannten Landstraße identisch. Sie führt jetzt am großen Schillingsee, neben der Bahnstrecke über den Oberländischen Kanal, der hier den großen mit dem kleinen Schillingsee verbindet. Um 19.30 Uhr halten wir endlich vor dem Orbis-Novotel in Allenstein. Das Novotel liegt 3 km von Allenstein entfernt am Uckelsee. Der See dient auch der Trinkwasserversorgung von Allenstein. Ein bewachter Parkplatz befindet sich vor dem Novotel. Unser Zimmer mit Bad und WC hat die Nummer 201, im ersten Stockwerk, mit Blick auf die Bahnlinie und den Parkplatz. Allenstein ist in der Ferne zu sehen. Das Abendessen ist gut und reichlich, wie wir es schon in Stettin erlebt haben. Außer dem französischen Bett im Zimmer ist noch eine Couch vorhanden und genügend Bettzeug dafür.