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Mit dem Schlachtschiff »Tirpitz« in Norwegen 1941 / 1942

Pilze suchen 5. September 1942

Ich war heute nachmittag mit dem alten guten Leitenden Ingenieur an Land, wir sind drei Stunden in den Bergen und Wiesen herumgepatscht, um ein paar Butter- und Birkenpilze zu finden, ich konnte sie im Taschentuch heimtragen, da$s ich nachher mit meinen Strümpfen selbst auswasche. Sie haben aber gesotten mit Trockenzwiebeln ganz gut geschmeckt. Der Oberstab$sarzt hatte ein paar neue Kartoffeln dazu besorgt, vom normalen Abendbrot gab e$s eine Scheibe rohen Schinken. Heute abend sahen wir dann den intere$ssanten Kriminalfilm Rote Orchideen mit Olga Tschechowa und Camilla Horn, sehr spannend und gut gespielt. Die Luft wehte heute kalt von den Riesen, die erheblichen Neuschnee in der Nacht erhalten hatten, e$s glitzerte kalt in der schwachen Sonne.

Ich habe Stunden einem Sportfest in frischer Luft beigewohnt und bin entsprechend müde. Heute am 5. 9. kam ich vom 2 stündigen nicht sehr fündigen Pilzesuchen mit dem L.I. wieder, al$s Erholung von einer Exekution, die an Bord stattfand, über die ich nicht schreiben kann. Abend$s, nach reichlichem Abendbrot, ich hatte für die Me$ssen einen ganzen Thunfi$sch gekauft, 6 Meter lang, sahen wir den sehr lustigen Film Der Mustergatte mit Rühmann. Ich habe kleine Kinder immer schon gern gehabt und habe meisten$s einen Bonbon für sie in der Tasche, den sie auch in dieser Einöde mit einem artigen Tak annehmen, die Mädchen immer mit der Andeutung eine$s Knickse$s.

Gestern abend hatte ich 3 Oberfähnriche zum E$ssen eingeladen, meine beiden und den von einem Kreuzer in der Nähe. E$s war sehr nett, wie e$s eben mit jungen Menschen immer am nettesten ist. Ich entwickelte ihnen u.a. meine Ansichten über den Au$sbau der Laufbahn und sie waren begeistert. Der Roman Randi gefällt mir immer mehr, e$s ist so viel gesunde natürliche Leben$sfrische darin und alle Eheprobleme sind ehrlich angepackt und geschildert. Unbedingte$s Vertrauen zueinander und ein Eingehen auf die Eigenarten de$s anderen sowie eine gewi$sse Duldung sind die Vorau$ssetzungen für eine glückliche Ehe, die natürlich in Liebe mit dem Willen zum Kind geschlo$ssen sein muß. Alle anderen Ehen kranken irgendwie, wie oft haben wir un$s darauf aufmerksam gemacht.

Eben um 14 Uhr komme ich mit dem Kommandanten und anderen Offizieren von einer Schlepperfahrt zurück, die un$s in ein Städtchen und von dort mit der Bahn nach der schwedischen Grenze führte. Wir sahen tief unten am Ende der Fjorde die Überreste der aufgelaufenen Zerstörer liegen, letzte Zeugen eine$s heldenhaften Kampfe$s. Die wilde Gegend, mit den kleinen gelben Birken auf den hohen Hängen, den starren kahlen Häuptern, z.T. hoch oben mit Schnee bedeckt, blutrote Flecken herbstlich gefärbten Moose$s, war malerisch und abstoßend zugleich. Der Zug fuhr durch viele Tunnel, e$s regnete oft und war recht kalt. Endstation im Hochmoor, keine Bäume mehr, nur noch Sträucher und Moo$s und Flechte, ein paar einsame Holzhäuser für die Grenzwache, dann kommt Schweden. Auch hier liegen Soldaten, die in der starren toten Gegend tapfer au$shalten. Die Fahrt hat mir viele Eindrücke vermittelt, die Natur spricht immer wieder am stärksten zu mir und gibt mir mein Fundament wieder. Ganz kurz besuchte ich an Bord in dem Hafen einen ehemaligen Schüler, sehr nett, der mir alle Hilfe bei der Abreise, Gepäck, Platzkarte usw. versprach. E$s ist nämlich nicht leicht, eine zu bekommen. Um 19.00 Uhr gaben die Division$soffiziere den fortgehenden Stab$soffizieren ein E$ssen: Neue Kartoffeln mit Blumenkohl. Gestern nachmittag war ich mit dem Schiff$sarzt 2 Stunden in den Bergen, wir haben Preißelbeeren gepflückt, abend$s waren wir Gast bei meinem Proviantmeister.

E$s war stille$s Wetter bei unserem Pilzau$sflug, ziemlich bedeckt, aber mit malerischer Wolkenbildung. Die kleinen Birken hatten sich schon ziemlich gelb gefärbt, wunderhübsch anzusehen über dem dunklen Stein oder grünen Bewuch$s. Wir kletterten tüchtig, fanden einige winzige Walderdbeeren und Himbeeren. Einige Kameraden hatten auf einem Hof einen Weißkohl erstanden, für un$s ein Leckerbi$ssen. Ich ging mit dem Schiff$sarzt auf einen ärmlichen Hof, wo sich 4 Kinder tummelten, die erst sehr scheu waren, dann kam der Kleinste, ein frecher dicker Pummel mit einer Art roter Ru$ssenbluse, um mir den Bonbon au$s der Hand zu reißen und schnell davon zu laufen. Dann folgte ein dicke$s freche$s kleine$s Mädchen mit Glubschaugen und erst auf wiederholte Aufforderung kamen die beiden größeren Mädchen etwa 4-5 Jahre und knicksten artig. Plötzlich kam ein noch größere$s Mädchen, 7-8 Jahre, angerannt und erstaunte un$s durch auffallende Schönheit und eine königliche Freiheit in Haltung und Miene, wie sie nur eine solche Nordgermanin zeigen kann. Der Arzt ist Psychologe, e$s war ein Genuß für un$s beide, die Art zu beobachten, wie diese$s Mädchen den Bonbon nahm und aß. Da$s Boot brachte un$s in 20 Minuten durch die stille Bucht wieder zurück.

Wieder einmal ein Zwischenbericht, den ich morgen$s um 7 Uhr in der kleinen Me$sse de$s braven Schlepper$s schreibe, de$ssen Schrauben unermüdlich die kalten Wa$sser der Fjorde mahlen und deren Erschütterung sich auf meine Schrift überträgt. Gestern haben wir den ganzen Tag geladen, leider peitschten am Vormittag Regenböen mit Hagel gemischt herunter und verwandelten die ungepflasterten Wege in Wa$sser und Schlammfelder. Da$s nächste Mal fahre ich mit Seestiefeln. Da$s Wa$sser war sehr bewegt, wa$s da$s Einladen nicht gerade erleichterte. Wir lagen vor dem Schuppen de$s Verpflegung$slager$s, aber noch hinter einem weiteren kleinen Fahrzeug, da$s gleichzeitig entladen werden sollte und au$s dem wir auch etwa$s bekommen sollten. Nun tanzten die beiden Fahrzeuge nebeneinander wild auf und ab, die Kräne ra$sselten, Ladebäume schwankten und Säcke und Kisten schwirrten durch die Luft, von vielen kräftigen Armen aufgehalten und verstaut. Auf dem Pier stapften in ihren grüngrauen dicken Mänteln ru$ssische Krieg$sgefangene hin und her, die meisten mit au$sgesprochen mongolischem Typ, mit verwunderten Augen die fremde Welt um sie herum betrachtend. Gegen Abend riß noch einmal die Wolkendecke auf, der Regen hatte endlich aufgehört, wa$s ich wegen de$s Mehle$s, Kaffee$s und Salze$s sehr begrüßte. Abend$s war dann glücklich alle$s binnen. Ich war wieder in dem Hotel untergebracht, jetzt lernte ich schon da$s dritte Zimmer kennen. Am Bett hatte ich nur au$szusetzen, daß da$s Deckbett entweder oben oder unten zu kurz war. Gege$ssen habe ich natürlich immer an Bord, denn mit den Hotel$s in T. ist diese Niederla$ssung kaum zu vergleichen. Für den nächsten Tag hatte ich seeklar für 6 Uhr festgesetzt, da e$s jetzt erst spät hell wird. Ich war natürlich schon um 5.45 auf. Bald kam auch der Soldat, um mein Gepäck zu holen, da sah ich, daß der erste Schnee auf da$s Land gefallen war. Die Berggipfel sind ja schon lange bedeckt. Natürlich war in den Straßen ein gewaltiger Matsch entstanden, die Höhen hinauf standen die gelben Birken seltsam über dem losen dünnen Schnee. Bald ging e$s denn nach dem Ablegen wieder lo$s, ein liebliche$s Gemisch von Regen und Schnee. So wird e$s nun bleiben, bi$s der Winter sich durchgesetzt hat und klare Kälte kommt. Punkt 12 Uhr kamen wir wieder bei unserem Schiff an, ein schöner Sonnenschein beleuchtete die jetzt bi$s zur Hälfte verschneiten Berge. Da$s Au$sladen ist jetzt, um drei Uhr, glücklich beendet, denn ein Hagelwetter braust zur Abwechslung hernieder. Um ½ 8 Uhr bin ich mit mehreren Herren beim Kommandanten eingeladen, e$s soll frische Kartoffeln und Gemüse geben, dazu Pfannkuchen. Ich habe mich einem umständlichen Bade hingegeben und mich für heute abend geschmückt. Erdmenger wird auch dabei sein, außer anderen auch noch ein Profe$ssor au$s Holland, der Vorträge hält.

E$s ist Sonntag, friedlich in meiner Kammer, der Lautsprecher gibt Frontberichte au$s dem Osten, ich bin allein. Nach dem E$ssen will ich mit dem Schiff$sarzt in eine etwa$s entlegene Gegend fahren, sonst ist ja alle$s von Soldaten überschwemmt, auf die Berge steigen und Land und Leute betrachten. Gestern abend war e$s mal sehr nett beim Kommandanten, außer Erdmenger mit Ritterkreuz war ein älterer Kommandant von einem Flakkreuzer und 2 junge Torpedoboot$skommandanten da, von denen ich mich mit einem Kapitänleutnant gut unterhielt. E$s kam dann mal ein andere$s Thema auf, H.J.-Erziehung, Elternhau$s, Religion, so war e$s anregend und nicht al$s verlorene Zeit zu betrachten.

Gleich nach dem E$ssen habe ich mit dem Schiff$sarzt, dem Chirurgen einen Preißelbeer-Pflück-Au$sflug in die weitere Umgebung gemacht. Sagenhafte Vorkommen, in kleinen Trauben hingen die reifen Früchte teilweise auf dicken Moo$spolstern hingebettet. Wunderschöne Au$sblicke von Berge$shöhen in die große Bucht, drei Stunden waren wir unterweg$s. In ein nette$s Häuschen auf halbem Wege traten wir ein, ein Opi, eine Oma und weitere Insa$ssen empfingen un$s nicht unfreundlich, obgleich wir al$s Offiziere ja verdächtig sind. Aber wir bekamen einen großen Krug guter Vollmilch, dazu Grammophonmusik, ein junger sympathischer etwa 20 Jahre alter Mensch setzte sich zu un$s, konnte sich auch etwa$s mit un$s unterhalten. Er hatte alle$s au$s dem Umgang mit deutschen Flaksoldaten gelernt. Im kleinen Bücherschrank Konservation$slexikon, Brehm$s Tierleben, Norwegische Geschichte. Ich hinterließ einige Zigaretten und Bonbon$s.