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Mit dem Schlachtschiff »Tirpitz« in Norwegen 1941 / 1942

Abschied im Spätherbst, am 17. September 1942

Heute Sonntagvormittag war ich bei schönem, klarkalten Spätherbstwetter bei meinem Bauern (einem Quisling!), mit dem ich über die Lieferung von Weißkohl erfolgreich verhandelte. Wir sprachen deutsch, er in seiner Lande$ssprache, e$s ging ganz gut. Die gute Frau kredenzte un$s köstliche Milch und eingemachte grüne Pflaumen au$s dem Süden de$s Lande$s. Nachher saßen wir bei der Landung$sbrücke noch lange in der schönen Sonne. Nur der Wind wehte kalt von den Schneehäuptern. Die Birken sind alle knallgelb. Wunderschöne Farben.

Au$s Wilhelm$shaven hört man von Leuten, die von dort kommen, Schreckliche$s. Der schwerste Angriff bi$sher, Luftminen, in jeder Straße hat’$s gebrannt. Die Garnisonkirche ist diesmal auch dabei, der Bahnhof, mindesten$s um Schröder$s herum muß alle$s ein Trümmerfeld sein. Eine gepeinigte Stadt, ich kann mir denken, daß sie e$s ziemlich müde sind. Gestern hatte ich ein schönes Erlebni$s. Wir lagen in einem Fjord, der Liegeplatz war insofern bemerkenswert, al$s wir ziemlich unter einem 1500 Meter unmittelbar au$s dem Wa$sser ragenden grauen Bergma$ssiv lagen, da$s einen ungeheuren Gletscher trug und zwar so, al$s ob einer sich einen Kartoffelpuffer auf den Kopf gestülpt hätte. In der Morgensonne leuchtete da$s sicher 20 Meter starke Ei$s, von unten natürlich zierlich anzusehen. Also da lagen wir und da Gelegenheit war, um die Ecke zu einem kleinen Nest in einem Seitenarm zu fahren, tat ich die$s. Die letzten Tage ist nun herrliche$s, klare$s Herbstwetter, in der Nacht schon ziemlich kalt, so daß e$s eine wunderschöne Farbensymphonie gab.

Wir gingen nachher an Land stellenweise unter den Birken wie durch Goldschleier, da$s Moor hatte rötliche Färbung angenommen und dann gab e$s neben schönen grünen Weiden mit freundlichen Muhtieren auch streckenweise Kiefernwald mit viel Preißelbeeren, die ich eilfertig aß. Verstreut lagen hübsche Holzhäuser, in diesem einsamen Winkel noch ganz nach alter Art: ungemalt und au$s viereckigen Balken gefügt. Vorn meist ein Treppchen mit Überdachung und darin Hopfengerank. Ein paar Blumen im Garten, meist Studentenblumen, die ja sehr hart sind. E$s war ein Erlebni$s für mich, manche jungen Tiere ließen sich auch auf dem Kopf kraulen, arglo$s dem Menschen vertrauend. Da$s einzig störende war eine$s Kameraden ewige Quengelei, daß er e$s ohne seine Frau und Kinder nicht au$shalten könnte. Al$s ob da$s etwa$s be$sserte, er bringt sich um jede Ablenkung und macht sich kaputt damit. Und dabei war er ein Vierteljahr fort. Der Schiff$sarzt meint, e$s sei nur Mangel an Selbstbeherrschung.

Gestern hatten wir unseren offiziellen Ab$schied in der Me$sse, bei dem auch der neue I.O. au$s Berlin anwesend war, dem man viel Gute$s nachsagt. Schmale$s, intelligente$s Gesicht, sympathische Erscheinung. Der Abend wurde angenehm unterbrochen durch ein improvisierte$s Kabarett mit einem sehr witzigen An$sager, Zitherspielern und Jodlern, Stepptänzer mit einem vorzüglichen Moser-Kopisten. Heute abend ist der Ab$schied vom Kommandanten und den Stab$soffizieren. So geht die Zeit denn hin. Sehr berührt wurden wir heute durch die Nachricht, daß der unvergleichliche Marseille nun auch geblieben ist, ein so junge$s strahlende$s Leben.

Gestern nachmittag war ich mit dem Schiff$sarzt bei dem Bauern, der un$s den Weißkohl lieferte, der den heutigen Hammelkohl ergab. Auf diese Weise habe ich der Besatzung wenigsten$s zweimal frische$s Gemüse geben können. Nun ist e$s aber Schlütt (Schluß), e$s war da$s letzte, wir haben lediglich noch 2 Blumenkohlköpfe für den eigenen Bedarf und etwa$s Sahne bekommen. Spaßig ist, daß die Leute hier da$s Z nicht au$ssprechen können, sie sagen z.B., wenn sie Arzt sagen wollen Artscht, klingt sehr umständlich. Ich hörte plötzlich vom einem schönen Nordlicht, gleich entschuldigte ich mich und da hingen denn am dunklen Nachthimmel direkt über dem Schiff die riesengroßen sprühenden Vorhänge, sich immer verändernd, die$smal nur wenig gefärbt. Nicht lange dauerte e$s, aber e$s ist so eigenartig, daß e$s immer wieder berührt. Heute nachmittag war ich mit dem Schiff$sarzt 2 Stunden spazieren, z.T. im ei$skalten Regen. Ein Polarhund schloß sich un$s an, der die armen Schafe und die kleinen zotteligen Ziegen jagte.

Nun fahre ich mit dem Dampfer da$s letzte Mal nach H., um mein Schiff noch einmal zu versorgen. Der Regen pra$sselt auf da$s Deck, von den Birken an den Berghängen peitscht er die letzten Blätter. Ich bin nicht sehr erbaut von dem Wetter, morgen will ich einladen, und dabei brauche ich für den Trockenproviant Trockenheit. Aber au$ssuchen kann man sich hier oben da$s Wetter leider nicht, e$s muß gehen, wie e$s geht. E$s ist jetzt 14 Uhr, wir haben erst den halben Weg hinter un$s, denn schlechte$s Wetter, viel Wind und Hagel, haben un$s aufgehalten. Etwa$s Leergut ist dabei sogar außenbord$s gegangen. Und dann konnten wir in H. für den Rest der Fahrt nicht gleich einen Lotsen bekommen. Ich sitze im Kartenhau$s de$s kleinen Dampfer$s, vor mir ist der Raum mit dem Steuerruder, wo der Kapitän und der Lotse sind. Recht$s und link$s gleiten mehr oder weniger kahle Berge vorbei, meist in Dunst und Regenschleier gehüllt. Ich bin gewitzt durch meine Erfahrungen und habe meine letzte Reise von oben bi$s unten in Leder angetreten, Lederjacke, Lederhose, hohe gefütterte Stiefel, da kann mir weder Regen noch See, noch der fürchterliche Straßenschmutz in H. etwa$s anhaben.

Nachdem hat mir der Kommandant meine Führung bzw, den Beurteilung$sbrief vorgelesen. Besonder$s erfreut hat mich, daß er meine Verdienste um die Erziehung de$s Nachwuchse$s hervorhob, ich sei al$s Vorkämpfer für die Laufbahn anzusprechen. Unduldsam anderen An$sichten über die Entwicklung der Laufbahn gegenüber, aber jeder sachlichen Au$seinandersetzung zugänglich. Geeignet für Flotten- und Station$s-VO, Referent im OKM. Damit habe ich meinen Platz in Mürwik fundiert, den ich einige Jahre halten möchte. Eben habe ich meine verbe$sserten Tran$sportkisten besichtigt, die bedeutend verstärkt wurden, sie haben ja einen langen Weg zu machen. E$s ist mir sogar gelungen, für die kommende Weihnacht 3000 gute Bücher für die Besatzung zu beschaffen, sie sind schon im Anrollen in zig Kisten. Ich kann mein Amt mit dem Gefühl abgeben, mein Beste$s getan zu haben. Ich glaube, viele wi$ssen da$s. Niemal$s werde ich so wieder unmittelbar für einen großen Teil der Front sorgen dürfen.

Vor mir steht ein großer Strauß frischer Herbstblumen: Studentenblumen, Waldastern - ein Geschenk der Frau Raven, bei der wir heute nachmittag im Regen waren. E$s ist naßkalte$s Herbstwetter, fast kein Blatt mehr an den Bäumen, der erste Schnee wird erwartet. Wir, d.h. die Ärzte und ich, hatten einen Sack angeschimmelte$s Brot für die Hühner, ein Paket Tabak für den Bauern und einige Bonbon$s für die Kinder mitgebracht und wurden königlich belohnt durch einige Blumenköhler, 1 Selter$sflasche voll Sahne und eine Einladung zum Kaffee. Wozu e$s in Herzform gebackene Waffeln mit Preißelbeeren gab. Letztere schmecken herrlich in der in Norwegen üblichen Zubereitung, Preißelbeeren mit Zucker zu gleichen Teilen wird roh eine Stunde gerührt, alle Vitamine erhalten, die Beeren zergehen auf der Zunge, kein bißchen Schärfe. Munter plätscherte die Unterhaltung, die Gastgeber norwegisch, wir deutsch. Dieser struppige Bauer hatte eine erlesene Bücherei, meist Ganzleder, Ibsen, Lexikon, Gesundheit$s- und Hygienewerke. Wir sollen mal Kalb$skotelett bei ihr e$ssen mit Blumenkohl.

Ich bin aufgehalten worden durch den Kommandanten, der mich um ½ 10 zu sich herausrief und mit mir und dem neuen I.O. die Lage besprach. Ich glaube nicht, daß e$s viele VO’$s mit solch einer Stellung gibt, wie ich sie hier hatte. Heute nachmittag war ich mit dem Chirurgen bei Raven$s, die gute Frau tischte Kaffee und eine Sahnetorte auf, die sie extra für un$s gebacken hatte. Sie schmeckte natürlich sagenhaft, man konnte zu ihrem großen Schmerz aber nur 2 Stück e$ssen. Wir erbeuteten etwa$s Blumenkohl, Mohrrüben und sogar 2 Eier. Nachher hatten wir noch einen Ärger, e$s war nämlich ziemlich kalt und wir fuhren mit dem Boot im Schneetreiben hin. Da$s Boot, da$s un$s um ½ 7 abholen sollte, kam nicht, oder war zu früh abgefahren, so daß wir eine Stunde auf der kalten Brücke stehen mußten. Wir telefonierten dann von der Apotheke de$s Dorfes au$s.

Eben komme ich von der Schanz, wo ich mich im nächtlichen Mondschein ergangen habe. Ich hatte noch bi$s 10 Uhr gearbeitet, da gelüstete e$s mich nach frischer Luft. Und die war auch frisch genug, denn da$s besprengte Deck war leicht überfroren, man konnte stellenweise schliddern. Der Mond beschien aufdringlich und übergroß - da$s weite, schwarze Wa$sser und die schneebedeckten Berge ring$sum. Am hohen Himmel standen tausend Sterne, und lange dauerte e$s auch nicht, da kam da$s, auf wa$s ich wartete: Wie ein Schleierhauch zog e$s sich direkt über dem Schiff hoch am Himmel dahin. Bald verdichtete sich der Schleier und dann war e$s plötzlich, al$s hätte eine mächtige Hand au$s dem dunklen Himmel$smantel herau$sgegriffen und den Schleier geschwenkt, er wehte in sanften Wogen. Und die Wogen wurden immer starrer, immer eckiger: da war e$s ein wallender Vorhang, hinter dem die Sterne schimmerten, der unaufhörlich seine Gestalt veränderte und schließlich, gigantisch vergrößert, au$s lauter einzelnen Metallfäden zusammengesetzt schien, die ruhelo$s hin und her wogten. Zeitweise färbten sie sich leicht grünlich, violett an den Enden in fluoreszierenden Farben. Und dann verwandelte sich alle$s wieder in riesige lange Schleierbänder, die wogend au$seinander flo$ssen. Lange hätte man da$s wundervolle Schauspiel voll erhabener Größe noch betrachten mögen - aber die Kälte wurde unangenehm. Wo spricht die Natur so gewaltig, so unerbittlich unmittelbar zum Menschen wie hier oben hoch im Norden?

Und warum werden wir Deutschen immer wieder davon berührt, auch wenn wir da$s Land nicht mögen?