© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2020
https://ewnor.de / https://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Die nachfolgenden Seiten wurden in Sütterlin verfaßt; wählen Sie bitte:
 zurück zur Normalansicht 

Mit dem Schlachtschiff »Tirpitz« in Norwegen 1941 / 1942

Gotenhafen – 24. Dezember 1941

Weihnacht$sabend, e$s ist mir viel schwerer, al$s ich dachte. Bin erst jetzt zu Atem gekommen, viel Ärger, bi$s alle$s klappte und meine 2400 Kinder beschert waren. Ich möchte nicht, wie der gute S. vor aller Augen da$s heulende Elend kriegen und mich dann betrinken. Ich bin mit dem Kommandanten und dem I.O. durch alle festlich geschmückten Räume gelaufen, wo sie mit fröhlichen Gesichtern vor ihren Geschenken saßen, Äpfel, Nü$sse, Schokolade, Bücher etc. Ich kann wohl sagen, daß in den Gesichtern viel Dank gestanden hat für alle Mühen, die e$s kostete. Die Besatzung hatte die Räume wunderbar au$sgeschmückt mit Weihnacht$sbäumen, Tran$sparenten, Nachbildungen von Wilhelm$shaven, Laboe, Koggen usw. Manche Divisionen hatten einen richtigen Weihnacht$smann, der dann den Soldaten eine Gabe überreichte, die keine Heimat und keine Angehörigen mehr haben. Ich habe ge$stern nachmittag noch an die Verdienten persönlich 2000,- in$sgesamt an Prämien au$sgezahlt. Alle waren sich einig, daß sie so noch nie beschenkt worden wären. So langsam lernt da$s Schiff mich kennen. In der Me$sse wurde dann mit dem Kommandanten Grünkohl mit Kaßler gege$ssen.

Ge$stern abend waren wir mit 30 Mann hoch bei Gauleiter Forster. Wir fuhren mit dem Bu$s durch die bi$s 10 Uhr erleuchteten Straßen, eine dicke Stunde. Im alten Patrizierviertel war ein solche$s Hau$s neu errichtet worden. Der Führer ist dort immer zu Gast. Der Gauleiter ist Oberfranke, sehr sympathisch, begrüßte un$s mit einer Ansprache in der Halle in Gegenwart seiner Frau - sie ist nebenbei Pflegerin im Lazarett. Der I.O. antwortete im Namen de$s Kommandanten. Dann verteilten wir un$s auf die Räume im 1.Stock, wo ein echter Lenbach-Bi$smarck hing. Und der sog. Führer-Globu$s für 2000,- RM stand dort. Ich saß mit einem Gauamt$sleiter zusammen, der einen Buckel hatte. E$s sei eine Lüge, daß Dr. Ley viel getrunken hätte, er habe einen Sprachfehler vom Absturz al$s Weltkrieg$sflieger. Und wenn er erregt ist, kann er nur schwer sprechen. Zum Schluß bekamen wir eine Mappe mit alten Danziger Stichen. Heute nachmittag war ein Korvettenkapitän vom Schlachtschiff Hipper bei mir, sehr sympathisch, wohnt in Gotenhafen, sprachen un$s über da$s Korp$s au$s, dann ging ich ganz allein in$s Kino zu einem hübschen nicht$ssagenden Operettenfilm mit netten Melodien Immer nur du. Der Gang durch den Schnee nachher tat mir gut. Au$s dem Radio tönt eine Hawai-Gitarre, alle$s da, nur nicht für die Seele. Aber ich bin zu anspruch$svoll. Ich habe in der Wochenschau gesehen, wie die Millionen im Osten im Schneesturm hausen, mit den kleinen Panjepferden, da leben wir immer noch wie die Fürsten.

Meine Kleider haben sich mit einer Lederhose vervollständigt, e$s ist wärmer und sehr praktisch, man schont seine Tuchsachen. Eben habe ich mir aber meine dicken hohen Stiefel au$sgezogen, in der warmen Kammer fangen die Füße darin an zu kochen. Nun soll ich noch eine Pelzmütze und vielleicht einen Pelz - oder be$sser gesagt - Fellmantel bekommen. E$s sieht ganz lustig au$s, die vermummten Gestalten, die an Oberdeck Dienst machen, zu sehen, nur ein kleine$s Stückchen Gesicht zu erkennen. Der Wind blie$s aber auch sehr kalt.