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Mit dem Schlachtschiff »Tirpitz« in Norwegen 1941 / 1942

In Peer Gynt's Heimat

E$s ist wieder einmal so weit, unser stolze$s Schiff braust durch Peer Gynt’$s Heimat, vorbei an schroffen, wolkenverhangenen Felsen und flachen, begrünten Schären im Regen und ewiger Helligkeit nach Norden. E$s ist sehr plötzlich gekommen, wie immer, denn Überraschungen allein sichern den Erfolg. Nach dem langen Warten geht e$s wie ein Aufatmen durch die Tausende, alle$s ist froh und gespannt. Augenblicklich hat mich der Schiff$spfarrer beim Krieg$stagebuchführen abgelöst.
Ich lese gerade in der heutigen Funkpre$sse, daß Flen$sburg einen Tage$sangriff von 5 Bombern hatte, von denen 2 abgescho$ssen wurden. Ich bin sehr beunruhigt, daß e$s Verletzte gegeben hat, aber hierher werde ich kaum Nachricht bekommen, e$s ist schon ein Nervenkrieg. Abend$s: Die warme Abendsonne scheint wieder in die geöffneten Seitenfenster, die von den Panzerblenden befreit sind, wir liegen mit der ganzen Mahalla friedlich und abwartend in einem sehr nördlichen Fjord. Die meisten sind sehr traurig darüber. Heute abend gibt’$s den Film Fasching in der Me$sse, der mich ablenken wird. In der Nähe liegt übrigen$s auch Teichmann, gegenseitiger Besuch ist aber nicht. Ich war eben, um au$szulüften, noch mal auf der Brücke und besah mir durch die guten Gläser die seltsame Gegend. Schnee liegt hier oben auf den höheren Bergen immer noch. Unser gute$s Trondheim ist die reinste Riviera dagegen. In der Sonne ist e$s aber schön warm.
Eben komme ich von meiner Wache, der Pfarrer hat mich abgelöst. An der Kimm sind schon wieder die Berge zu erkennen, darunter da$s Nordkap, wo ich vor 17 glücklichen Jahren die Heirat$serlaubni$s bekam. Welch ein Wiedersehen! Ansonsten läßt alle$s den Kopf hängen, wir hatten un$s da$s ander$s gedacht, aber da sind höhere Überlegungen, die den Au$sschlag geben. Wir haben wegen Nebel in einer ganz unwahrscheinlichen Gegend geankert, in großer Nähe ragen steile Berge, die$smal noch ein gutes Stück nach oben begrünt mit Wiesen und Buschwerk, in den klaren Himmel, der nie dunkel wird. Am schmalen Uferrand einige rote bescheidene Häuschen, wenig Menschen, soweit man’$s durch$s Gla$s sehen kann. Den Geleitzug hat ja nun leider die Luftwaffe schon kurz und klein geschlagen. Wir gehen noch nicht nach T. zurück, werden zunächst ein andere$s Quartier wählen.

Mal endlose Weite, mal riesenhohe Berge ring$sumher, letztere meist in Wolkenschleiern und Nebel, dann wird e$s kalt. Der Lotse sagte heute, oberhalb Tromsö sollte niemand mehr wohnen, da$s müßte verboten werden. Und der muß e$s ja wi$ssen. Leben kann hier nur der, der hier geboren ist. Eben hat der Domprobst mich abgelöst am Krieg$stagebuch, ich gehe in die Koje. Wir hoffen ja, nach dieser leider ergebni$slosen Unternehmung von hier wieder nach T. verlegt zu werden, denn hier ist e$s trostlo$s, e$s sind immer noch 2 Stunden bi$s Narvik

Heute bin ich mit dem Schiff$sarzt, dem Chirurgen und meinem Zweiten in Narvik gewesen, 1 ½ Stunden mit dem Schlepper. Eine feuchte, nicht sehr warme Temperatur, die Wolken tief in die Berge hinunter hängend, alle$s wie auf einer Bühne mit 2/3 herabgela$ssenem Vorhang. Unterweg$s stieß der L.I. eine$s unserer Nachbarn zu un$s, mit einem Vollbart behaftet, unangenehm geschwätzig, anscheinend animiert vom letzten Abend. In der Nähe von Narvik noch Anzeichen der historischen Geschehni$sse, auf den Strand gelaufene Dampfer, immer noch Mastspitzen au$s dem Wa$sser ragend, im Hafen zerstörte Landung$sbrücken und Teile von gesprengten Krieg$sschiffen - sonst leidlich in Ordnung. An Stelle vieler zerstörter Häuser, die jetzt ru$ssische Krieg$sgefangene einebneten, Baracken. E$s hatte viel geregnet, die Straßen, die leider kein Pflaster haben, ein einziger Schlamm, wir sahen schön au$s unten herum. Ich fand mich bald zurecht, ließ meinen Ka$ssenleiter Geld holen und traf einen älteren Ostmärker, ziemlich energisch für seine Land$smannschaft, der ist nun schon 1 1/2 Jahr hier! Er kann während de$s Kriege$s nicht an Ablösung denken. Alle$s will wieder nach T. in den Süden, wie bescheiden man doch wird.

Anscheinend bleiben wir doch noch einige Zeit hier, der Kommandant will nun sehen, alle$s, wa$s sich in Tromsö angesammelt hat, mit einem Flugzeug hierher zu bekommen. Und da$s wird nicht wenig sein. Die Männer vermi$ssen natürlich viel, ihre mit viel Mühe angelegten Thingplätze, die Gärten und Blockhäuser auf dem Berge, die schöne Insel Tipitö, die jetzt wohl im warmen Sonnenglanze liegt, während hier die Felsen halb in den Wolken stecken und die Sonne mit aller Gewalt nicht durchkommt, um die kühle Erde zu wärmen. Aber da$s hilft ja alle$s nicht$s, man muß sich bescheiden. Ich begrüße e$s sogar, den in der Nähe gelegenen, durch die kriegerischen Ereigni$sse berühmt gewordenen Ort mal mit eigenen Augen gesehen zu haben. So bald wird man dann wohl nicht wieder hierher kommen.

Gestern mußte ich mit dem Stab der Befehl$shaber und dem Kommandanten nach einer kleinen Stadt in der Umgebung, da$s erste Mal mit einem Schnellboot, da$s die Strecke in 1/3 der Zeit, nämlich 2 Stunden machte. Aber e$s war kein Genuß, die Motoren dröhnten, daß man sich nicht unterhalten konnte und ein eisiger Fahrtwind in dem sonnenlosen Wetter ließ einen bi$s auf die Knochen frieren. Viele Tage lang haben wir nun schon kein Stückchen blauen Himmel gesehen, geschweige denn die Sonne. Ich versuchte meine Aufträge in 2 Stunden in der schmutzigen kleinen Hafenstadt zu erledigen, die hohen Herrschaften hatten inzwischen besichtigt und Kaffee getrunken. Dann ging’$s im Heidi wieder 2 Stunden zurück. Ich war ziemlich kaputt und entschuldigte mich um 11 Uhr bei einer Einladung, die der I.O. an den Kommandanten, Reinicke vom Nachbarschiff und mich hatte ergehen la$ssen. Und jetzt muß ich gleich wieder die neue Reise inszenieren. Aber viel Arbeit lenkt ab, und diese Ablenkung brauche ich doch jetzt sehr. Heute kam im Radio wieder die Nachricht durch, daß auf Flen$sburg Störangriffe erfolgt seien. Wa$s soll man darunter verstehen? Hoffentlich, daß sie keine Bomben geworfen haben. In Danzig haben sie ja wieder schrecklich gewütet.

Ich fahre heute mit einem kleinen Krieg$sschiff dorthin, um mit 25 Soldaten aller Kategorien unsere Geschäfte abzuwickeln und den gesamten Nachschub zu holen. Wir werden etwa 30 Stunden fahren, da da$s Wetter aber endlich be$sser geworden ist und auch die Sonne sich
sehen läßt, kann e$s intere$ssant werden. Ich hoffe, in 3 Tagen wieder zurück zu sein. De$s Nachdenken$s und aber auch de$s Briefeschreiben$s hat mich eben der I.O. enthoben, der über eine Stunde hier war. Na ja, wie gesagt, man muß nur die Nerven behalten.

Ich schreibe an Bord de$s braven Minensuchboote$s, da$s mich mit meinem Abwicklung$skommando viele Meilen südlich nach Tromsö trägt. Die Schrift ist etwa$s zittrig, weil da$s ganze Schiff schüttelt, viel mehr natürlich al$s unser dicker Kasten. Gestern mittag fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein ab, durch phantastisch geformte riesige Felsenbrocken, in 1500 m Höhe große Schneefelder, im Schein der hier nicht untergehenden Mitternacht$ssonne, die rötlich verschleiert über dem Horizont stand. In halber Höhe einzelne Fel$sma$ssen, Wolkenbänder, darüber ragt wieder der Gipfel in die blaßblaue Luft. Um ½ 12 ging ich schlafen, nach einer kleinen Weile schlief ich wohl al$s Au$swirkung der vielen frischen Luft schnell ein und wachte gegen Morgen mehrmal$s auf, um immer wieder einzuschlafen. Um ½ 9 stand ich dann auf, gab meinen Männern um 10 Uhr in einer Sitzung einige Richtlinien für die Arbeit in T. und aß dann um 12 Uhr Mittag mit den Offizieren de$s Schiffe$s, die natürlich nur abwechselnd kommen konnten. Ein Oberleutnant al$s Kommandant, 2 Wachoffiziere, ehemalige Handel$sschiff$soffiziere, sehr freundlich. E$s ist doch ein eigener Reiz, mit einem kleinen Schiff zu fahren, man kann die Vorliebe der jungen Soldaten dafür wohl verstehen.
Ich höre grade, daß wir in spätesten$s einer halben Stunde da sind. O wie lieblich ist diese Gegend hier schon im Gegensatz zum hohen Norden. Ich sitze in Strümpfen, denn ein treuer Matrose putzt mir gerade die Schuhe, die Sonne ist wieder da und e$s wird schön warm. Zuerst werde ich ersuchen, meine Männer ordentlich unterzubringen, denn an Bord können sie nicht schlafen.

Nun bin ich schon wieder auf der Rückfahrt, unermüdlich stampfen die Maschinen de$s kleinen Krieg$sschiffe$s dem großen Bruder zu, ein weitere$s keucht hinterdrein. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, wenn e$s auch manchmal etwa$s abenteuerlich zuging, um in der kurzen Zeit fertig zu werden.

Heute vormittag war schönste$s Wetter, man sah die Leutchen auf dem kärglichen Land spazieren gehen oder zur Kirche gehen. Ein kleine$s Schiff hat auch seine Vorzüge, ich habe mich schnell eingelebt auf Grund meiner Zieten Erinnerungen, bin natürlich auch prompt wieder in eine offene Last vor der Me$sse gefallen, aber kein Bluterguß wie damal$s, nur belanglose Abschürfungen am Schienbein. Wir haben noch eine kleine Verspätung gehabt, jetzt laufen wir gerade in unsere Bucht ein, unser stolze$s Schiff ist schon zu sehen.

Hier wechselt da$s Wetter sehr, gestern schrieb ich von Tropenhitze, heute ist e$s kühl. Ich habe mit dem L.I. einen 3 ½ stündigen Gang nach einem kleinen Nest am Wa$sser gemacht, ganz intere$ssant, zuletzt liefen wir immer im Regen.

Meiner Mahnung, nicht$s zu glauben al$s die amtlichen Berichte, sei ja immer eingedenk. Der Feind weiß, wie leicht der Deutsche auf Greuelmärchen hereinfällt und versucht e$s immer wieder, oftmal$s mit Erfolg. Übrigen$s kann ein U-Boot unser Schiff nicht versenken, höchsten$s beschädigen, aber auch da$s ist nicht so einfach.

Heute am Sonntag war ich von 10 - 12 mit dem Kommandanten und I.O. nach einer Richtung der Bucht, von 16 - 19 Uhr mit dem L.I. nach dem anderen Ende, da$s zu einem Bergma$ssiv führt, auf dem noch Schneefelder liegen. Leider fing e$s mächtig an zu gießen, schließlich stellten wir un$s in den Hau$seingang eine$s kleinen Bauernhofe$s. Eine junge Frau kam nach einer Weile neugierig herau$s und gab un$s dann frische Ziegenmilch, die wir gut bezahlten. Die Verständigung war etwa$s schwierig, aber die Zurückhaltung legte sich, wir wurden sogar in die Küche geführt. Unter dem Einfluß der englischen Hetze sind die deutschen Offiziere die Krieg$streiber, die armen Soldaten die Verführten, daher bekommen letztere auch schon mal Eier usw. gegen Zigaretten.
Ich bin heute nachmittag allein an Land gefahren, ein Stück durch die Felder und Wiesen an den Berghängen gelaufen, und wenn ich ein kleine$s Kind sah, so arm ist man manchmal in der Fremde, warb ich um ein kleine$s Lächeln durch ein Bonbon. Au$s einem Hau$s scholl am Wegrand Gesang und Spiel, selten hier oben. Ich setzte mich auf einen großen Stein in der Nähe und hörte zu. Da fand mich der Kommandant, der von einem längeren Spaziergang kam und nahm mich mit. Ich pflückte ein paar seltene Gräser und fuhr mit ihm in seinem K.-Boot noch ein Stück spazieren und dann an Bord.

Ich war mit einem Kameraden von 5-7 nachmittag in den Bergen, trotz fortwährendem Regen, aber e$s war schön, sich au$szulaufen. E$s ging auf teilweise sehr na$ssen und glitschigen Wegen zu einem kleinen Bergsee, der ring$s von starren Wänden eingeschlo$ssen war, von denen unzählige Wa$sserströme und Fälle rannen. Unter den kleinen Birken und Erlen waren lauter Heidelbeerpflanzen, wir fanden aber keine reifen Beeren. Menschen waren nicht da, ab und zu bimmelte eine kletternde Kuh. Heute regnet e$s wieder, e$s ist herrlich hier!...

Seit gestern ist Sommerwetter, mit einem Schlage ist alle$s wie verzaubert, die mürrische, triefende Bucht mit den kalten grauen Bergen hat sich in eine heitere bunte Landschaft verwandelt, die in seltsamem Kontrast steht zu den fernen, hohen schon wieder mit Neuschnee bedeckten Gipfeln, die früher immer in dichten Wolkendecken steckten. Gestern bin ich mit einem Teil der Besatzung zu den Unterkünften einer Flakbatterie gefahren, wo eine K.D.F-Gruppe Vorführungen geben sollte. Vorher hatte ich alle Hände voll zu tun mit der Organisation einer kleinen Expedition nach T., um unsere letzten Reste abzuholen, u.a. auch die Schweinchen, die jetzt völlig verwaist waren. Da wir hier an Land kein neue$s Idyll gründen können, wollen wir sie schlachten und aufe$ssen. Eine$s war leider schon gestorben, wahrscheinlich vor Trennung$sschmerzen. Nachdem also die Expedition zusammengestellt war, fuhr ich bei herrlichem Wetter hinüber. In einer geräumigen Baracke war ein ziemlich großer Festraum eingerichtet worden mit einer kleinen Bühne, auf der sogar ein gichtbrüchige$s Klavier stand. Ein im Weltkrieg 12 mal verwundeter Kammersänger au$s Stuttgart machte die sympathische Ansage, sang auch schöne Sachen, begleitet von einer durch ihr Kleid leider etwa$s lächerlich wirkenden ältlichen Dame, die sich aber al$s Meisterin auf dem Klavier entpuppte, Sachen von Grieg usw. spielte. Sie war sehr dick und hatte sich über ihre enormen, etwa$s formlosen Formen ein duftiges weiße$s Kleid gestülpt, da$s hinten reichlich au$sgeschnitten war. Aber ihr Spiel und ihre gewinnende Art zu lächeln machte alle$s wieder gut. Drei weitere junge Damen tanzten und sangen, u.a, auch Rezitationen von Eugen Roth Ein Mensch. Die Tänzerin war leider spindeldürr, sonst hätte man ihr Gewand, da$s mit ihren Reizen nicht geizte, mehr begrüßen können. Alle gaben sich erdenklichste Mühe und wurden mit donnerndem Beifall belohnt.

Am nächsten Tag war unser Au$sflug, wir zogen mit vier Mann lo$s, jeder hatte einen handfesten Birkenstock, selbstgeschnitzt versteht sich, der sich später al$s sehr notwendig erwie$s. Wir liefen auf da$s Bergma$ssiv im Inneren der Bucht zu, von der ich dir schon erzählte. Wir liefen nun an dem großen See entlang und wollten zu dem Wa$sserfall. E$s war in dem moorigen Boden ein beschwerliche$s Gehen, mehr ein Springen und Hüpfen, ab und zu durch wilden Birken- und Erlenwuch$s, niedrig zwar, aber urwaldmäßig. Dann kam der Gebirg$sbach angebraust von dem großen Wa$sserfall. Durch enge Felsenschluchten hatte er sich gefressen und zwei konnten e$s nicht la$ssen, zogen sich nackedei au$s und hüpften in da$s Gebrause. E$s war aber sehr kalt, und ich tat e$s nicht, weil ich zu erhitzt war. Wir sind bi$s auf diesen kleinen Aufenthalt stramm drei Stunden gelaufen, e$s ist mir gut bekommen, ich bin etwa$s eingebrannt ...

Jetzt sind wir so akklimatisiert, daß wir un$s an den Zustand jetzt sogar verstärkter Isolierung gewöhnt haben, wa$s man denn so gewöhnen nennt. Man lebt ein Scheinleben, wie hinter einem Vorhang, der eine$s schönen Tage$s zerreißen wird. Der Kommandant hat die allabendlich abschließende Lili Marleen abgelöst und ein von einer herrlichen Altstimme gesungene$s Wiegenlied eingeführt, de$ssen wundersame, herzergreifende Melodie ich leider nicht schildern kann. Ich habe die ersten Worte schnell mitgeschrieben, der Schluß kommt später:

Zur guten Nacht
Klingt für dich diese$s Lied,
möge e$s zart
streicheln dein Gemüt
und fragen
wirst du mir auch treu sein,
für immer auch treu sein,
und immer recht lieb
bi$s morgen früh … (hier weiß ich nicht weiter)