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Hamburger Fischmarkt 1955

Zu der Zeit wohnten meine Eltern und ich noch in Hamburg-Langenhorn an der Tangstedter Landstraße 277, Ecke Hohe Liedt. Hier standen in den 1950er Jahren Wohnbaracken aus Holz. Pro Eingang wohnte rechts und links je eine Familie, die Toiletten wurden gemeinsam benutzt.

An einem Sonntag fuhr mein Vater mit mir auf den Hamburger Fischmarkt. Meine Mutter machte mich stadtfein, wie man es auf den Bildern sehen kann. Ein kurzer Abschied von meiner Mutter, und es ging los. Vorher sagte mein Vater zu meiner Mutter, denke bitte an das Füttern der Hühner. Geht klar sagte sie. Warten auf einen Linienbus war zwecklos, den gab es damals noch nicht. Aber ein privates Busunternehmen fuhr, wenn im Krankenhaus Heidberg Besuchszeit war. Also war Laufen angesagt und das ist ja gesund. Mein Vater machte große Schritte, mit denen ich mithalten wollte. Er war gut trainiert, denn in seiner Freizeit spielte er Fußball beim Verein Fichte-Langenhorn, den es leider nicht mehr gibt. Gleich kommen wir an die Straßen Wattkorn und Immenhöven sagte mein Vater, dann haben wir die längste Strecke geschafft. Es waren zirka 15 Minuten Fußmarsch von Hohe Liedt bis zur HochbahnHochbahn 1950Museumswagen TU-1 der Hamburger Hochbahn AG (HHA), By Roman Berlin (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons-Station Langenhorn-Nord.

Rechts in der Eingangshalle des Bahnhofs gab es einen Fahrkartenschalter, der mit Personal besetzt war. Hier löste mein Vater die Fahrkarten. Es ging eine lange Treppe mit vielen Steinstufen nach oben zum Bahnsteig. Oben angelangt, gingen wir durch die Schwingtür und standen auf dem Bahnsteig, der in der Mitte ein kleines Gebäude für den Schaffner hatte. Dieses Gebäude wird heute nicht mehr gebraucht, denn die Abfertigung der Hochbahn erledigt der Zugführer via Bildschirm im Führerstand. Die Hochbahn-Wagen waren rot-cremefarben lackiert und es gab bis 1964 sogar Raucherabteile.

Der Zug Richtung Innenstadt lief ein und nachdem wir eingestiegen waren, wurden die Türen mit Pressluft geschlossen. Der Zugabfertiger stand auf dem Podest seines kleinen Gebäudes und rief Zurückbleiben bitte, drehte das Signal an seinem Schalter mit einem Schlüssel auf grünes Licht und der Zug fuhr ab. In der Kellinghusenstraße mussten wir in die Ringlinie der Hamburger U-Bahn umsteigen. Zwischen den Haltestellen Eppendorfer Baum und Hoheluftbrücke konnte man in die Wohnungen der mehrstöckigen Wohnhäuser der Isestraße sehen. Das kannte ich nicht, ich wohnte ja Parterre in einer Holzbaracke. Noch ein paar Haltestellen, und wir waren an den Landungsbrücken. Jetzt aber schnell raus hier, bevor die Bahn weiterfährt sagte mein Vater, die vier Wagen des Zuges waren rappelvoll. Auf der Treppe nach unten kamen wir schneller voran, als beim Losfahren nach oben und wir bogen jetzt rechtsherum ab, Richtung Fischmarkt.

Wir kamen am Alten Elbtunnel vorbei, hier war nicht viel los. Etwas weiter hatte damals noch ein Sandhandel an der Wasserseite der Hafenstraße seinen Firmensitz. Mich interessierte der Verladekran. Von weitem hörten wir schon das Markttreiben. Ein paar Nachtschwärmer kamen uns entgegen, mit Flaschenbier in der Hand. Sie sangen sogar ein Lied, Auf der Reeperbahn nachts um halb eins. Betrunkene zogen eine Scholle am Band hinter sich her. Wir kamen zu den ersten Marktständen und es wurde immer voller zwischen den vielen Marktständen auf dem Fischmarkt. Zu der Zeit hatten die meisten Markthändler noch keine Verkaufsanhänger, sie mussten ihre Marktstände selber auf- und abbauen.

Der Bananenhändler verkaufte seine Ware direkt vom LKW. Er schrie so laut, dass die Leute stehen blieben und lachten. Dann warf er Bananen in die Menge. Ich bekam eine Banane an den Kopf geworfen, aber Bananen sind zum Glück weich. An der Fischauktionshalle verkauften viele Händler Kleintiere, Hühner, Hähne, Kaninchen, Kücken, Tauben, Enten und alles, was für die Tierhaltung benötigt wurde. An den Tieren hatte mein Vater immer großes Interesse. Denn hinter den Wohnbaracken in Langenhorn hatte mein Vater einige Hühner und einen Hahn im Verschlag. Er kam mit den Händlern ins Fachsimpeln, in der Zwischenzeit sah ich mir deren Tiere an und fand die Kaninchen mit den Schlappohren so süß.

Wasserseitig zur Elbe lagen einige Finkenwerder Fischer mit ihren Kuttern. Sie verkauften den fangfrischen Fisch direkt von Bord. Auf Wunsch wurde der Fisch gleich küchenfertig filetiert. So etwas hatte ich noch nie gesehen und es roch im Sommer an den Kuttern sehr nach Fisch. Wir gingen weiter etwas bergauf, die Straße heißt wie der sonntägliche Markt Fischmarkt. Mein Vater kannte dort einen Markthändler, der nur Krawatten, Fliegen und Hosenträger verkaufte. Hier kaufte er sich eine neue Krawatte. Als gelernter Schneider hatte er einen Sinn für Stoffe, gute Kleidung und Krawatten.

Unseren Hunger stillten wir dann an einem Bratwurststand und zum Schluss kaufte er in der Blumen- und Gartenpflanzenecke am Ende des Fischmarkts ein paar Gladiolen für meine Mutter, die sie so gerne mochte. Auf dem Heimweg fuhren viele vollbesetzte Straßenbahnen in Richtung Landungsbrücken an uns vorbei, also gingen wir wieder zu Fuß zur U-Bahn-Station Landungsbrücken und lösten die Fahrkarten für die Rückfahrt. Mit der Ringlinie ging es dann heimwärts. Die U-Bahn-Waggons hatten harte Sitze, zum Teil noch aus Holz, nicht so gepolstert wie heute.

Je weiter wir stadtauswärts nach Langenhorn kamen, umso dörflicher wurde es. Zu Hause angekommen, freute sich meine Mutter über die mitgebrachten Blumen und ich verbrachte den Nachmittag mit den Nachbarskindern und beim Spielen am alten runden Splitterschutz–Bunker, der neben den Wohnbaracken stand. Den Bunker gibt es heute noch, die Baracken wurden ab Mitte der 1960er Jahre durch moderne Mehrfamilienhäuser ersetzt.

Aus der jüngeren Geschichte Hamburg-Langenhorns

Im Jahre 1937/38 wurde auch die Kaserne für das 1. Bataillon der SS-Standarte GermaniaHeinrich Himmler ließ durch den damaligen SS-Hauptsturmführer Wilhelm Bittrich die Politische Bereitschaft Hamburg aufstellen. Diese wurde allerdings wenig später in Germania umbenannt. Wie alle anderen bewaffneten SS-Standarten war auch die als SS-Standarte 3 Germania gegründete Standarte nach militärischen Gesichtspunkten organisiert. Nach der Neunummerierung erhielt sie den Namen SS-Standarte 2 Germania. Die Stationierung ihrer drei Bataillone ('Sturmbanne') erfolgte in räumlich weit entfernten Garnisonen: Regimentsstab u. I. Bataillon in Hamburg-Langenhorn, II. Bataillon in Arolsen, III. Bataillon zunächst in Wolterdingen, ab 31. Juli 1937 in Radolfzell.Siehe Wikipedia.org an der Tangstedter Landstraße 400 errichtet. Nach dem Krieg umgebaut, wurde sie am 24. September 1945 als Allgemeines Krankenhaus Heidberg in Dienst gestellt.

Hamburg-Langenhorn hat die Kriegszeit verhältnismäßig heil überstanden, es gab nur einige Bomben-Notabwürfe. Da Langenhorn in Flughafennähe liegt, wurden hier 37 Rundbunker für über 2000 Personen und 12 Splitterschutzanlagen für 1800 Personen errichtet. Diese stehen überwiegend immer noch, da sie schwer zu beseitigen sind.

Im Jahre 1951 wurden die ersten Neubauten hinter dem Heidberg Krankenhaus bezogen. In den nächsten zwei Jahrzehnten waren es dann über 12.000 Wohnungen die errichtet wurden. Beim Wohnungsbau ist es auch, bis auf einige kleinere Gewerbebetriebe, geblieben.Quelle, auszugsweise: Langenhorn Archiv, Erwin Möller