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Schulferien 1960 - Gegenbesuch in Hamburg-Barmbek

So wie ich für eine Ferienwoche bei meinem Cousin in Billwerder-Moorfleet sein durfte, kam dieser für eine Woche zu mir nach Hamburg-Barmbek. So konnte er den Stadtteil kennen lernen, in dem ich wohnte. Aber auch andere Hamburger Stadtteile wollte ich ihm zeigen. Als meine Ferienwoche bei Onkel und Tante zu Ende ging, brachte mein Patenonkel uns beide, meinen Cousin und mich, mit seinem Goggomobil zu meinen Eltern nach Barmbek. Natürlich hatte auch mein Cousin eine Tasche mit sauberen Sachen dabei. Jungs machen sich ja schneller dreckig als Mädchen.

Am ersten Tag holte ich für uns lose Milch mit der Milchkanne, die es im Keller des Milchgeschäftes Dreier in der Herderstraße gab. Beim Bäcker in der Mozartstraße 3 im Keller holte ich einige Brötchen oder Schrippen. Dann wurde zu Hause schnell gefrühstückt, mit frischer Milch, Marmelade, Käse und ein wenig Wurst.

Danach gingen wir zum Spielen auf den Spielplatz um die Ecke, in der Humboldtstraße neben der Schule. Wir mussten erst einmal durch den Durchgang des Luftschutzbunkers gehen. Dahinter lag der Spielplatz mit einer großen Sandkiste und zwei Schaukeln. An der Seite zur Schule war eine Toilette im Freien. Senkrechte Betonplatten von einem Meter Höhe versperrten die Sicht auf das kleine Geschäft der Kinder. Viel hatte dieser Spielplatz nicht zu bieten, es gab schönere Spielplätze mit viel mehr Spielgeräten. Aber wir hatten ja eine ganze Woche Zeit, um die Umgebung Hamburgs zu erkunden. Wir zogen von einem mir bekannten Spielplatz zum nächsten und lernten dabei viele Kinder kennen. Waren wir auf Spielplätzen auf der Uhlenhorst, so kamen uns die Kinder arroganter vor als in Barmbek.

So manche Eisdiele wurde mitgenommen. Das war nur eine Frage des Geldes, das recht knapp war. Aber es reichte dann doch, dass jeder sich eine Kugel Eis kaufen konnte. Den schönsten Ausblick, mit der Eistüte in der Hand, gab es von der Mühlenkampbrücke. Vor der Brücke war ein kleiner Eisladen. Hier konnte man die Alsterdampfer von oben betrachten. Zu der Zeit fuhren sie noch bis zur Saarlandstraße und zurück zum Jungfernstieg. Über die Brücke fuhren damals noch die Straßenbahnen der Linie 3, 14, 15, und als Verstärker die Linie 19 der HHA. Bei so viel Verkehr gab es viel zu sehen. Heute fahren Linienbusse und Gelenkbusse über diese Brücke. Hatten wir Hunger, so ging es zu Kaffee Tangermann. Das Geschäft war am Mühlenkamp, Ecke Gertigstraße. Hier kaufte ich für uns Keksbruch, die Tüte zu zehn Pfennigen. Wir beide waren pappe satt, wenn die Tüte leergefuttert war. Oder wir gingen in eine Bäckerei oder Konditorei und fragte nach Kuchenenden, die es aber nur am Vormittag gab. Ich kannte meine Ecken, wo es Kuchenenden gab. Sehr gut schmeckten auch die Punschschnitten, es waren die Reste aus der Backstube. Aber es war ein Gedicht, sie zu essen und sie kosteten nur zehn Pfennige, davon träume ich noch heute.

An einem frühen Morgen wollten wir gleich weg, ohne zu frühstücken. Unser Ziel war heute der U-Bahnhof Mundsburg. Der Bahnhof wurde 1912 eröffnet. Er hat zwei Gleise und zwei Bahnsteige. Der Streckenname dieser U-Bahnlinie ist Ring und hat eine Gleislänge von siebzehneinhalb Kilometern. Davon liegen fünf Kilometer in Tunneln. Die heutige Linienbezeichnung wurde im Jahre 1966 bei den Linien U1 und U2 eingeführt, ein Jahr später bei der U3. Die über 100 Jahre alte Hamburger U-Bahnlinie, früher Ring, ist eine der schönsten U-Bahn Strecken Hamburgs. Es fuhren damals, Anfang der 1960er Jahre noch viele Umbauwagen, T-Wagen, TU1 und TU2. Heute gibt es noch drei Museumswagen, die an bestimmten Tagen im Jahr fahren.

An der U-Bahn Mundsburg fragten wir die Fahrgäste am Ausgang, ob sie die gültigen Fahrkarten noch brauchten. Es dauerte nicht lange und wir hatten die Fahrkarten zusammen, die wir für unsere geplante Tour gebrauchen konnten und damit konnten wir in die U-Bahn einsteigen, schnell ging es nach Barmbek und zur Kellinghusenstraße. Über die Brücke stiegen wir um zu den Nachbargleisen in Richtung Ohlsdorf und Barmbek. Wir fuhren mit der U1 bis Ohlsdorf und dann wieder zurück. Die Rückfahrt war schnell, denn wir hatten ja wieder Hunger. Kontrolliert wurden wir nie. Heute finden die Kontrollen häufiger statt. Wird man ohne gültigen Fahrschein erwischt, zahlt man 60 Euro an den HVV.

Zuhause angekommen ging es gleich an den Frühstückstisch. Meine Mutter hatte den Tisch noch nicht abgeräumt und wir beide waren schon vor elf Uhr zurück. Wenn sie den Tisch früher abgeräumt hätte, hätten wir Kohldampf geschoben.

Das Schönste von Montag bis Freitag aber war die VW-Werkstatt von Franz Eble in der Mozartstraße Nummer 4. Hatten die Kraftfahrzeugmechaniker Feierabend, war nur noch der alte Meister auf dem Hof. Wurde er mal gesucht so kam die Lautsprecherdurchsage mit seinem Namen, bitte melden. Auf dem Hof ging es rechts in eine Halle, die für die damalige Zeit schon sehr groß war. Dort stand auch der große rote Coca-Cola- und Fanta-Automat. Der spuckte eisgekühlte Glasflaschen mit 0,2 Liter Inhalt aus. Für uns Kinder war es ein Traum, 20 oder 25 Pfennige zu besitzen und so ein Getränk zu kaufen. Der Meister war für uns Kinder immer da, nur wenn er den Hof abschließen wollte, mussten wir runter. Zu der Zeit waren nur VW Käfer 1200 und VW-Transporter T1 auf dem Platz. Im ersten Stock gab es Sozialräume für die Mitarbeiter. Auf dem Platz links war eine große Halle, in die zirka sechs Autos hineinpassten. Sie wurden mit Spachtelmasse und Schleifmaschine bearbeitet. Zum Schluss wurde alles mit Zeitungspapier und Kreppklebeband abgeklebt. Anschließend wurde das Fahrzeug in einen Nebenraum geschoben und lackiert. Dort, im Hinterhof der Mozartstraße 10b konnte man sich den ganzen Tag aufhalten, es wurde nie langweilig. Auch in der Schrottecke neben der Halle gab es für uns viel zu entdecken.

Diese Woche verging wie im Flug und mein Cousin musste wieder nach Hause. Meine Eltern, mein Bruder und ich brachten ihn an einem Sonntag wieder nach Billwerder-Moorfleet zurück. Er sagte nicht bei dir war es aber langweilig, sondern ganz im Gegenteil meinte er: Es war toll bei dir.

Lesen Sie auch den ersten Teil der Geschichte: Sommer 1960, Schulferien in Hamburg