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Mein 40ster Geburtstag an der Zonengrenze

Jeder Mensch sollte mal vierzig werden. Meinen Geburtstag im Oktober 1989 verbrachten meine Familie und ich bei meinen Schwiegereltern in Schafwedel. Dieser Ort liegt in der Südheide, ca. 20 Kilometer südlich von Uelzen. Das Dorf hat ca. 190 Einwohner und war das letzte Dorf vor der Zonengrenze. Heute ist es eine Durchgangsstraße nach Salzwedel, die Landesstraße 266. In der Region wurden Kartoffeln, Zuckerrüben, Getreide und in kleinen Mengen Mais angebaut. Heute sieht man in dem Ort rechts und links der Straße Mais. Das liegt daran, dass im Ort eine Biogasanlage steht. Sie wurde ca.2006 erbaut. Fährt man die Dorfstraße rechts in den Brandweg, kann man sich die Biogasanlage aus nächster Nähe ansehen.

Im Ort hinter dem Gasthof liegt ein Waldgebiet. Hier wurde in den 60er Jahren eine Wochenendsiedlung errichtet, mit viel Baumbestand. Es wird von den Dorfbewohnern als Klein-Hamburg bezeichnet. Hamburger und Berliner errichteten sich hier Ferienhäuser fürs  Wochenende. Fest wohnen durften sie erst ab den 90er Jahren. Die Berliner nutzten das Wochenendgebiet um zu entspannen. Sie mussten ja aus Berlin erst die DDR-Grenze passieren. Sie kamen am Freitag und fuhren wieder Sonntag zurück. Für sie waren die Transitstrecken vorgeschrieben wo sie mit dem Auto fahren durften. Die Autobahn verlief Berlin-Hannover, Helmstedt-Marienborn als Grenzübergang. Hinter dem Wochenendgebiet nach ca.1000 Meter kam schon die lang gezogene Zonengrenze.

Mein Schwager, von Beruf  Landwirt, bewirtschaftete zu der Zeit auch seine Ackerflächen direkt an der Grenze. Die beste Sicht auf die Grenze hatte man auf einem roten Grimme-Kartoffelroder. Nur war man auf dem Roder, hatte man keine Zeit, denn es ging nur rund um die Kartoffeln. Mit vier Mann wurden Kartoffeln begutachtet, ob faule, grüne, Steine oder Moorkluten dabei waren. Das Sortierband auf dem die Kartoffeln lagen, lief sehr schnell. Dann gingen sie in den Kartoffelbunker der Maschine. War er voll, stand ein Gummiwagen bereit für die geernteten Kartoffeln. Interessante Steine kamen auch zum Vorschein. Bei der Kartoffelernte half man gerne mit. Der Altenteil, sprich Schwiegervater, freute sich immer, wenn er viele Helfer sah. Es war ein moorreiches Gebiet. Mitunter hatte man mehr Moorkluten als Kartoffeln auf dem Band. Manchmal sah man einen Grenzposten der DDR, meist mit dem Auto unterwegs, hinterm Zaun. Hier auf den Feldern war es immer so ruhig, zu ruhig. Manchmal hörte man einen Trecker, den Zoll auf Kontrollfahrt, oder die Milchkühe auf der Weide blöken. Es waren auch einige Pilzsucher unterwegs. Sie suchten Maronen, Steinpilze und Pfifferlinge. An ihrem Gesichtsausdruck konnte man erkennen, ob sie fündig waren oder nicht. In vielen Dörfern gab es eine Pilzannahmestelle, auch in Schafwedel. Ein Landwirt, Herr W., nahm die vielen gesammelten Pilze an, sie kamen auf die Waage und es gab einige Groschen dafür. Meine Frau besserte sich in der Schulzeit mit Pilzen ihr Taschengeld  auf. Bei meiner Suche nach Pilzen in den 70er Jahren hatte ich immer meine Frau als Pilzexpertin vor Ort. Einige gesammelte Pilze kamen natürlich bei Schwiegermutter in die Bratpfanne und sie schmeckten sehr gut.

Der 40ste Geburtstag war ein Sonntag und es kamen viele Gäste aus nah und fern. Meine Mutter kam mit meiner Tante und Mann mit dem Auto, einem Opel Omega, aus  Hamburg-Hamm angereist. Viele Verwandte wohnten in der näheren Umgebung von Schafwedel und in Gifhorn. Mittags gab es Niedersachsensuppe mit Spargel Hackklößen, Eierstich und Gemüse. In anderen Orten heißt sie auch Hochzeitssuppe. Hauptgericht und Nachtisch waren immer reichlich. Es wurde alles auf den  Tisch gestellt, was das Herz  begehrte. Das war immer der Spruch von meinem lieben Schwiegervater. Nach dem schönen Mittagessen und den Getränken machten wir uns zu einem gemeinsamen Spaziergang auf. Es ging die Dorfstraße entlang, heute heißt sie Schmölauer-Straße. Weitere 1000 Meter nach Ortsende gelangten wir an die Zonengrenze. Die Straße war hier zu Ende. Links war ein kleiner Unterstand vom Zoll und dann kam der Schlagbaum. Ein Schild war hier auch angebracht mit dem Warnhinweis des Bundesgrenzschutzes (heute Bundespolizei). Halt! – Hier (in roter Farbe) Grenze – Bundesgrenzschutz. Dieses Schild stand wenige Zentimeter vor der eigentlichen Grenze. Am Schlagbaum gab es viel Diskussionsstoff über die innerdeutsche Grenze. Hinter dem Schlagbaum lag eine Grasfläche, die von den Grenzern der DDR immer kurz gehalten wurde. Dann kam ein hoher Grenzzaun. In weiter Ferne sah man den Kontrollturm oder Beobachtungsturm der DDR. Hundegebell hörte man am Grenzzaun in bestimmten Abschnitten. Es gibt etliche Grenzlandmuseen in der Region, die zeigen, wie es hinter dem Grenzzaun aussah. Es standen auch fremde Leute am Schlagbaum mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Sie konnten es auch nicht fassen, was hier geschah. Schwiegervater erzählte vom Nachbarort Schmölau (DDR), wo er mit Schwiegermutter in den 50er Jahren zum Tanzen ging. Schmölau ist jetzt ein Ortsteil der Gemeinde Dähre im Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt.

Nach einer halben Stunde gingen wir alle wieder  zurück in das Niedersachsenhaus von Schwiegereltern. Es duftete schon von weitem nach Kaffee und Kuchen. Gegen Abend gingen und fuhren die Gäste wieder heim.

Keiner der Gäste hätte damit gerechnet, dass die Grenze am 9. November 1989 geöffnet werden würde. Der neue Grenzübergang Schafwedel - Schmölau wurde am 18. November 1989 eingerichtet. Natürlich musste noch die Straße hergerichtet werden. Nach dem 18. November fuhren Schwiegervater, meine Frau und ich durch Schmölau. Er zeigte uns dann den Gasthof, oder was einmal ein Gasthof war. Verwandte von ihm wohnten auch in der Nähe, in Holzhausen und Markau.