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Verlobung in Schafwedel (Kreis Uelzen) 1973

Jede Feier hat ihren Preis. Vorbereitungen wurden getroffen für die erste größere Feier bei meinen zukünftigen Schwiegereltern. Natürlich mussten auch Ringe her, aber wo und wann kaufen? Meine damalige Freundin, meine jetzige Frau, arbeitete von Montag bis Samstagmittag in Gifhorn und ich in Hamburg. Wenn wir am Wochenende in Hamburg waren, konnten wir nur den ersten Samstag im Monat einkaufen gehen, dann hatten die Geschäfte bis 18 Uhr geöffnet. Also drückten wir uns die Nase am Schaufenster platt, wenn die Juwelier-Geschäfte geschlossen hatten. Zum Glück gab es ja viele Geschäfte in der Hamburger Innenstadt, die Ringe im Schaufenster hatten. Natürlich wurde die Wahl immer schwieriger, je mehr man sah! Meiner Frau konnte ich dann gleichzeitig alles zeigen, was es an Sehenswürdigkeiten gibt. Den Hafen, St. Pauli, Fischmarkt, Michel, Rathaus und die vielen Stadtteile (über 100) in der Stadt.

Alle 2 Wochen waren wir am Wochenende bei meinen zukünftigen Schwiegereltern in Schafwedel. In Schafwedel, dem letzten Dorf vor der Grenze (Eiserner Vorhang) zur damaligen DDR, war kaum was los. Es herrschte eine himmlische Ruhe. Laut wurde es nur, wenn die Kühe durch das Dorf getrieben wurden. Die meisten Nachbarn waren Landwirte, die auch Milchkühe hatten. Heute hat nur noch ein Landwirt Kühe, die aber noch nie eine Straße gesehen haben. Sie sind immer im Stall oder draußen auf der Wiese hinter dem Stall. Am Wochenende gab es auf dem Bauernhof viel zu tun, vor allem ab April bis Oktober. Sonntags wurde schon um 7 Uhr gefrühstückt. Danach ging es mit ca. 16 Kühen auf der Dorfstraße in Richtung Schosdorf (auf die sogenannten Seewiesen), Schwiegervater und ich brachten dann die Kühe auf die Weide. Ich benutzte dann mein altes Fahrrad (siehe meine Geschichte Mein erster VDO- Tacho aus Metall), 16 Kühe zusammenzuhalten war nicht einfach! Bei den Seewiesen angelangt, wussten die Kühe, auf welche Weide sie mussten. Schwiegervater ging den gespannten Elektrozaun entlang, der natürlich noch ausgeschaltet war. Der Zaun wurde dann leicht verändert, damit die Kühe neues grünes Weidegras hatten. Alles OK fragte ich, jetzt durfte ich die Weidebatterie einschalten. Zum Prüfen nahm ich einen Grashalm und berührte damit den Draht. Jetzt merkte man, ob Strom im Zaun war oder nicht. Schwiegervater lachte, wenn ich mit der Hand schnell zurückzuckte. Die Kühe waren begeistert, das frische Gras zu fressen. Im Allgemeinen sind die Schafwedler und Bodenteicher Seewiesen einen Ausflug wert. Die Bezeichnung Seewiesen ist durch die ewigen Überschwemmungen der Weiden und Wiesenflächen entstanden.

Mitte der 30er Jahre fuhr mein Schwiegervater in kalten Wintermonaten bei Frost über die gefrorenen Eisflächen, die bis zum nächsten Ort, Bodenteich, reichten. Erst viele Jahre später wurden die Flächen trockengelegt durch Gräben mit Rohren, wo das Wasser abfließen konnte. Lästig waren im Hochsommer die Bremsen (nordd.: Blinde Fliegen) auf der Weide. Schwiegervater erzählte viel von den Seewiesen auf der Rückfahrt mit dem Fahrrad. Er war auf dem Hof geboren und nach dem Krieg hatte er diesen übernommen. Auf dem Hof wartete dann viel Arbeit, auch am Sonntag. Ich, als zukünftiger Schwiegersohn, wurde auch mit eingeplant. Dann wurde der Hofplatz gefegt, weil die Kühe viel Stroh aus dem Stall brachten. Strohbunde, für die Kälber, Schweine und den Bullen wurden aus der Scheune geholt, Holz für den Futterkessel der Schweine und die dazugehörigen Futterkartoffeln aus dem Keller der Scheune. Den Trecker durfte ich mitunter auch bewegen. Es war ein Güldner mit 14 PS, die Zahl ist richtig!! Güldner produzierte von 1938 - 1969 ca. 100 000 Traktoren. Es gab dann noch einen Fiat-Trecker in Orange mit ein paar PS mehr im Motorblock.

Die Kühe konnte man in den 70er Jahren auf der Straße treiben, heute nicht mehr. Seit der Grenzöffnung 1989 ist die Straße eine Kreisstraße nach Salzwedel (Sachsen-Anhalt). Autos jagen im Minutentakt durch Schafwedel. Wer Tempo 50 durch das Dorf fährt, ist ein Verkehrshindernis. So hatte mein Schwager mal ein Auto in seinem Wohnzimmer. Eine Autofahrerin kam von Bad Bodenteich nach Schafwedel gefahren. Tage vorher wurde die Straße (Schmölauer-Straße) mit Splitt bearbeitet. Das Haus meines Schwagers steht in einer Kurve. Die Autofahrerin fuhr zu schnell, bremste, kam ins Schleudern und fuhr in den Vorgarten. Das Vorderteil des Autos steckte dann in der Mauer zum Wohnzimmer. Die Spuren des Unfalls sahen wir noch nach Wochen. Der Gartenzaun und einige Mauersteine waren zu Bruch gegangen. Das Problem war, neue Mauersteine für das alte Niedersachsenhaus zu bekommen. Die Maße der Steine von früher sind andere als die heutigen. Es dauerte viele Wochen, bis von den Unfallschäden nichts mehr zu sehen war.

Jetzt aber zurück in die 70er Jahre. Heu- und Strohernte war auch am Sonntag, wenn das Wetter es erforderte. Die Presse hinter dem Trecker musste viel leisten. Es war eine Hochdruckpresse. Mitunter gab es auch Störungen der Maschine. Die Heu- und Strohbunde waren viereckig und sahen aus wie ein großes Paket mit 2 Bändern. Maße ca. 60 x 40 x 50 cm, das Traummaß einer Hochdruckpresse in den 70er Jahren. Heute gibt es runde und eckige Ballen, aber viel größer. Diese können nur mit dem Trecker und Frontlader bewegt werden Die Bunde früher wurden so auf den Hänger gepackt, dass sie wie eine feste Mauer lagen. Anschließend mussten die Hänger auf dem Hof entladen werden. Alles wurde mit der Hand abgeladen. Auf dem Dachboden waren dann mehrere Leute, die reichten die Bunde weiter zum Aufstapeln. An Pausen wurde nicht so oft gedacht Rabotti – Rabotti, vor allem wenn dunkle Wolken aufzogen. Wichtig war, dass die Wagen leer waren und für den nächsten Tag bereit standen. Es war immer viel Lärm auf dem Hof bei diesen Arbeiten. Zwischendurch mussten die Kühe von der Weide geholt und gemolken werden. Das machten dann Schwiegermutter und Schwiegervater. Katzen warteten schon auf die Milchfilter oder auf die Milch. Der Milchwagen kam aus Uelzen und holte die Milch ab. Auf der anderen Straßenseite des Hofes stand ein Milchbock. Dort wurden die 20-Liter Milchkannen abgestellt und vom Milchwagen geleert. Milchproben wurden auch vom Fahrer genommen, die Fläschchen hatten dann die Nummer des Erzeugers. Im Milchlabor wurde die Milch untersucht.

Natürlich haben wir unsere Ringe auch ohne Stress bekommen für die Verlobung. Für uns reichten die alten Öffnungszeiten! Montags – Donnerstag 8 -18 Uhr, Freitag 8 - 18 Uhr 30, Samstag von 8 -13 oder 14 Uhr, sowie der 1. Samstag im Monat bis 18 Uhr.

Trotz der hektischen Wochenenden in Schafwedel feierten wir ganz traditionell unsere Verlobung mit Verwandten, Freunden und Nachbarn.

PS: Es war eine schöne Zeit, auch heute noch – ohne rot zu werden!!