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Die vergessene Kfz-Werkstatt auf St.Pauli

Sie befand sich auf der Sündigen Meile von St.Pauli, auch Kietz genannt. Über den Ruf von St. Pauli braucht man nicht viel erzählen. Es gibt keinen Hamburger Stadtteil, der weltweit so berühmt und berüchtigt ist. Auf St. Pauli leben sehr viele Menschen verschiedener Nationen. Hier hatte mein Onkel um 1960 eine Kraftfahrzeugwerkstatt in der Hein-Hoyer-Straße 69. Sie lag versteckt im Hinterhof eines älteren hohen Mietshauses.

Hinterhöfe gibt es viele in Hamburg. Auf St. Pauli, in Altona, in Ottensen, im Karolinenviertel, in Barmbek, Winterhude, Eppendorf, Eimsbüttel, in Hamm und anderen Stadtteilen. Teils als Zugang zu Wohnungen genutzt, oder auch für kleine Firmen attraktiv. Der Hinterhof in der Wohlwillstraße 14 ist der bekannteste. Das St. Pauli-Archiv in der Paul-Rosen-Straße 30 bietet interessante Rundgänge an. So auch ein Thema: Terrassen, Passagen, Wohnhöfe, St. Paulis Hinterhauslandschaft. Die Hein-Hoyer-Straße hieß früher Wilhelminenstraße und wurde erst 1948 umbenannt. Hinricus Hoyer war ein Hamburger Staatsmann und im Jahre 1417 Hamburger Bürgermeister. Die schöne Straße liegt im Bezirk Hamburg Mitte. Nachbarstraßen sind Hamburger Berg, Seilerstraße, Clements-Schulz-Straße, Wohlwill-Straße und der Paulinenplatz. Die Hein-Hoyer-Straße fängt an der Reeperbahn an und endet am Paulinenplatz. Die Straße ist genau 509 Meter lang.

Nun wieder zu der Hein-Hoyer-Straße 69. Dort im Hinterhof gab es einige Garagen sowie die Kfz-Werkstatt. Über der Kfz Werkstatt waren noch vier sehr enge kleine Mietwohnungen. Einer der Garagenmieter hatte immer schlechte Karten. Er hatte eine DAF-Limousine mit 50 PS Automatik in seiner Garage stehen. Wollte er mal wegfahren, versperrte oft ein Kunde meines Onkels seine Garage. Aber das Ehepaar mit dem süddeutschem Dialekt nahm es immer gelassen hin. In die Kfz-Werkstatt passten damals drei Autos. Natürlich sind die heutigen Autos länger und breiter als früher der VW-Käfer. Nach 1960 hatten einige Automarken ein schwarzes Vinyldach. Es gab Kunden bei meinem Onkel, die das Vinyldach nachträglich lackiert haben wollten. So auch ein Bekannter mit seinem Ford 15M P6. Das Lackieren von Kfz beherrschte er aus dem Effeff. Der Hingucker aller Automarken war eine ausgediente schwarze Austin-Taxe. Sie gehörte einem Geschäftsmann auf St. Pauli. Die schnellste Reparatur war, beim VW-Käfer den Motor auszutauschen. Hinten waren nur vier Schrauben zu lösen und man hatte ihn fast raus. Auch die Kotflügel ließen sich schnell abschrauben. Zu der Zeit wurde auch viel Polyester Spachtelmasse verwendet. Die Schleifmaschine hatte immer viel zu tun und es staubte sehr schön. Trotzdem war es in der Werkstatt immer sauber, dank Opa, der seinem Sohn dabei zur Hand ging.

Einige Autos parkten in der Hein-Hoyer-Straße, sie warteten auf eine zügige Reparatur. Ein Parkplatz für Kunden war vor der Hofeinfahrt Mangelware, denn zu der Zeit fuhr noch die Hamburger Straßenbahn der Linie 14 durch die Straße. Sie fuhr Richtung Paulinenplatz, Wohlwillstraße, Neuer Pferdemarkt, Schulterblatt. Zum Abschleppen von defekten Fahrzeugen hatte mein Onkel einen Abschlepphund. Es handelte sich um eine Abschleppachse, eine Sonderform des Anhängers. Man verwendet sie, um ein leichtes Kraftfahrzeug abzuschleppen. Das ging aber nur dann, wenn eine Achse noch rollfähig war.

Mein Onkel liebte privat Mercedes. So auch einen Mercedes 220s PontonDer Mercedes-Benz W 180, bekannt als Mercedes-Benz 220, bzw. Mercedes-Benz 220 S, war mit seinem Sechszylinder-Motor in den Jahren 1954 bis 1959 ein Modell der Oberklasse von Daimler-Benz. Die Großen Ponton-Mercedes, Nachfolger des Mercedes 220 (W 187), wurden parallel zur oberen Mittelklasse (Kleiner Ponton W 120/W 121) mit Vierzylindermotoren gebaut. in Schwarz. Der Blinker ist auf dem Kotflügel angebracht. Das große Lenkrad, die Lenkradschaltung – alles sah toll aus. Natürlich durfte ich das tolle Radio der Firma Becker im Mercedes auch mal bedienen. Jahre später fuhr er einen Mercedes 220b in dunkelgrün mit schwarzen Dach. Das Modell erkennt man an den großen Hochkant-Scheinwerfern und den Heckflossen. Er hatte sechs Sitzplätze und ebenfalls eine Lenkradschaltung. Es gab eine durchgehende Sitzbank, so konnten drei Personen vorn sitzen. Viel Platz war auch auf der Rückbank und im Kofferraum. Der Mercedes hatte rechts und links eine getrennt regelbare Heizung. Zwischen den Reglern war der Zigarettenanzünder. Alle Autos, die mein Onkel fuhr, hatten immer eine Anhänger-Kupplung für den Abschlepphund.

Im Büro gab es 1966 noch keinen Computer. Auf dem Schreibtisch lag eine Schwacke-Liste. Diese konnte man jeden Monat neu kaufen. Die Schwacke-Liste gibt es seit über 50 Jahren. Am Anfang stand alles in einer Broschüre von der Größe eines Oktavheftes, heute steht alles im Internet. Die Liste diente der Restwertermittlung von allen Autotypen, sowie der Bestimmung von PS-Stärken. Das Büro mit den vielen Autoschlüsseln wurde von einem Schäferhund mit Namen Harass bewacht. Später war es der Altdeutsche Schäferhund Armin.

Natürlich gehört zu so einem Betrieb auch ein rüstiger Rentner. Das erledigte mein Opa sehr gerne. Er fütterte den Schäferhund. Hundefutter kochte er selbst, frischer Schlund und Pansen. Das kaufte er im Hundefuttergeschäft um die Ecke. Auch war er die Ansprechperson für Kunden, die fragten, wo der Chef ist. Er sagte dann: Ersatzteile oder Autofarbe besorgen oder er ist beim Verkehrsamt in der Süderstraße. Opa betonte dann, dass der Chef sich aber beeilen wolle. Eine tolle Aufgabe hatte Opa noch zu meistern: Machte der Monteur mit dem reparierten Auto eine Probefahrt, blieb alles Werkzeug auf dem Fußboden liegen. So musste er das ganze Werkzeug auf die Werkzeugbank legen. Ob Ringschlüssel. Maulschlüssel, Radkreuz, Wasserpumpenzange, Zündkerzenschlüssel, Spannungsprüfer, Werkstatt-Handlampe und vieles mehr. Natürlich wurde es an den richtigen Platz abgelegt, sodass keiner lange suchen musste. Bei schlechtem Wetter wurde Opa von einem Mitarbeiter, mit einem Fiat 600 schnell nach Hause gefahren. Drei Straßen weiter wohnten Onkel und Tante in der obersten Etage eines Mietshauses. Wollte ich nach Hause fahren, gab es auf dem Rückweg bei meiner Tante immer ein schönes Abendbrot der Extraklasse.

Mitte der 1970er Jahre wurden die Gebäude abgerissen. Es wurden neue Wohnungen sowie eine Sammelgarage gebaut.

Die Kfz-Werkstatt auf St. Pauli habe ich bis heute nicht vergessen und werde sie immer in Erinnerung behalten…