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Erntezeit

Seit fast vierzig Jahren sind mein Mann und ich begeisterte Gärtner und erfreuen uns an vielen Sorten und Arten von Gemüse und Obst aus eigenem Anbau. Aber bevor es soweit ist, wartet jedes Jahr eine Menge Arbeit auf uns. Das Land muss vorbereitet werden, das heißt, es wird mit dem Rechen geglättet und mit Dünger angereichert. Die Beete werden eingeteilt, die Saat wird eingekauft und ausgestreut, die Büsche müssen beschnitten werden, der Kompost wird im Garten verteilt, und immer wieder wird geharkt, gegossen und vor allem ungewolltes Kraut, kurz Unkraut genannt, gejätet.

Langsam kann man zusehen, wie alles keimt und aus dem Boden wächst. Jedes Mal ist es wie ein Wunder, wenn aus winzigen Krümeln und Körnern stattliche Salatköpfe, dicke Möhren und Kohlköpfe, lange Gurken oder ertragreiche Tomatenpflanzen werden. Aus duftenden Blüten am Apfelbaum wachsen allmählich kleine grüne Kugeln, die sich bis zum Herbst zu dicken, knackigen Äpfeln entwickeln.

Unser Beerenobst lieben wir besonders, da wir die roten oder schwarzen Johannisbeeren und die dunklen Jostafrüchte zu einer himmlisch schmeckenden Marmelade oder einem köstlichen Gelee verarbeiten. Aber leider sind wir nie die einzigen Wesen, die es nicht abwarten können, dass die Beeren endlich eine rote oder schwarze Farbe bekommen und langsam süß und saftig werden. Die Vögel im Garten warten auch darauf und probieren schon vor der Erntezeit unsere Früchte, so dass wir stets befürchteten, es würde für eine ordentliche Menge Marmelade im Vierpersonen-Haushalt nicht ausreichen.

Vor einigen Jahren kauften wir deshalb auf Anraten unseres erfahrenen Nachbarn ein kleinmaschiges Netz, das wir zum Schutz gegen Vogelfraß über unseren Johannisbeer-Busch zogen. Nun glaubten wir, alles sei sicher und die Ernte nur noch für uns zugänglich.

Aber weit gefehlt.

Als ich unseren Garten an einem der folgenden Tage inspizierte, bemerkte ich unter dem Netz eine kleine Amsel, die ein Schlupfloch gefunden hatte, um an die begehrten Beeren zu gelangen. Sie hatte sich aber schrecklich mit ihren Beinen in den engen Maschen des Netzes verfangen und hing nun kopfüber und hilflos flatternd im Busch. Der Anblick tat mir furchtbar Leid, und ich zögerte nicht, ihr aus dieser misslichen Lage heraus zu helfen.
Zunächst jedoch besorgte ich mir als Schutz für die linke Greifhand einen Stoffhandschuh sowie eine Schere. Dann griff ich behutsam nach dem kleinen Vogel, der jedoch aus Angst vor seiner Helferin immer wieder nach meiner Hand pickte. Vorsichtig schnitt ich nun den Unglücklichen aus dem Netz, und nach einer Weile war er wieder frei.
Ich entließ ihn auf die Erde, wo er zitternd und bebend ein paar Hüpfer tat und unter dem Busch Deckung suchte. Von diesem Schock musste er sich nun eine gute Weile erholen, und ich ließ ihm seine Ruhe. Ab und an schaute ich vorsichtig nach ihm, aber er hockte noch an derselben Stelle und rührte sich nicht. Erst gegen Abend war er plötzlich verschwunden, und ich fühlte mich glücklich als Lebensretterin.

Das Netz über den Johannisbeeren habe ich entfernt und nie mehr benutzt, zumal ich feststellen konnte, dass auch trotz der vielen Mitesser im Garten immer noch genug zum Ernten für uns übrig bleibt.