© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
In der Musikhalle als Garderobenfrau

In der Musikhalle

Kapitel 2: In der Garderobe

Die Arbeit als Garderobenfrau schien mir leichter. Weniger Verantwortung, weniger Stress, mehr Zeit zum Lesen. Mit 65 brauchte ich keine Rentenversicherung zu zahlen, habe auch nicht so viele Konzerte gemacht. Das Geld blieb ungefähr das gleiche, ich konnte öfter reisen, hatte mehr Zeit für meinen Enkelsohn.

In der Garderobe arbeiteten zur Hälfte Angestellte der Musikhalle, die anderen kamen vom EVENT-Team. Die vom Haus waren meistens im Rentenalter, ein paar waren Hausfrauen, für manche war es ein zweiter Job, eine Geigerin war dabei– freie Musikerin. In Deutschland haben Musiker es nicht leicht, wenn sie keine feste Anstellung im Orchester haben. Die von EVENT waren junge Leute, meistens Studierende.

 Als Garderobenfrau musste man flink sein, sonst bildeten sich lange Schlangen. Nach dem Konzert mussten wir in fünf bis sieben Minuten alles ausgeben. Zuerst war ich überfordert, und die Kollegen haben mir geholfen, nach drei Tagen wusste ich meine Nummern auswendig, und es ging auch bei mir schnell. Übrigens, es waren ein paar Frauen älter als ich, sie waren länger als 30 Jahre in der Musikhalle. Eine war schon 75 Jahre alt und hat auch ihre Arbeit gut geschafft. Wenn das Konzert anfing, mussten wir das Geld zusammenzählen, und jemand von der Verwaltung hat es kassiert. Die Garderobengebühr ist allmählich gestiegen.

Während der Vorstellung durften wir sitzen, lesen, stricken, die Studenten machten ihre Aufgaben. Ich habe mich viel mit den jungen Leuten unterhalten, es war für mich interessant, wie sie leben, lernen, was sie lesen.

In der Pause mussten wir aufstehen und unsere Bereitschaft zeigen. Dann kamen die Gäste zum Plaudern. Ein Gast erzählte mir, dass genau in meiner Garderobenabteilung nach dem Krieg sein Arbeitsplatz bei der BBC war. Manche erzählten mir, wie sie im Urlaub nach Russland gereist und ganz entzückt waren. Und ein paar Männer erzählten, dass sie im Krieg als Gefangene in Sibirien waren. Es war eigentlich nicht so schlimm, und die Russen waren nett. Na ja, sie waren damals jung, und die jungen russischen Witwen waren vielleicht nett zu ihnen. An seine Jugend erinnert man sich immer gern, und außerdem wollten die Leute mir etwas Nettes sagen.

Und immer konnte man Musik hören. Außer Klassik gab es auch zeitgenössische Musik und Pop, und Japanische Trommeln, und Don-Kosaken u.s.w. Regelmäßig kam in die Musikhalle das Palast-Orchester von Max Raabe, es war mir immer eine große Freude, ich schlich mich in den Saal und hörte mit. Zu diesen Konzerten kamen immer Leute in Kostümen der Mode der 1920er, Männer mit Chrysanthemen im Knopfloch, Damen mit einem Fuchs am Hals, bei genauerem Ansehen waren es auch Männer. Alle hatten Spaß, mit den Jahren sind es leider immer weniger geworden. Ich habe auch Domingo erlebt, er gab zwei Konzerte. Die Karten waren für jene Zeit sehr teuer, 500 bis 800 DM, nur ein Teil wurde an den Kassen verkauft, ein großer Teil sollte eine Reiseagentur verkaufen, die Pleite gegangen ist. Die Karten blieben hängen, man verkaufte sie vor dem Eingang für 50 DM.

Ich habe immer gestaunt, wie leicht man das ältere, ernste deutsche
Publikum zum Mitmachen verführen konnte. Die Leute klatschten, trampelten, hatten mitgesungen, wenn der Dirigent das wollte. Beim Radetzky-Marsch waren alle aus dem Häuschen. Bei Festkonzerten hat man uns Fähnchen zum Verteilen gegeben. Erwachsene Leute freuten sich wie Kinder, und waren echt enttäuscht, wenn man ihnen kein Fähnchen reichte.

Silvester  gab es immer vier Konzerte. Wir schmückten unsere Arbeitsplätze mit Girlanden, das dritte Konzert war immer Klassik-Philharmonie unter Leitung von Robert Stehli, und dann hat man vom zweiten Rang Luftballons und Konfetti geschmissen, es knallte und alle hatten sich gefreut. Und das Neue Jahr fing immer an mit der Neunten von Beethoven.

Die Jahre vergingen. Die älteren Garderobenfrauen gingen weg, das Haus stellte kein neues Personal ein. Mehr und mehr Leute kamen vom EVENT-Team. Die Personalleiterin wechselte zur Kulturbehörde, es kam ein neuer Manager. Man hat angefangen zu reden, dass eine neue Musikhalle gebaut werden soll, wir werden umziehen, und das alte Haus soll renoviert und modernisiert werden. Eines Tages hat man uns zusammengerufen und gesagt, dass die Elbphilharmonie bald entstehen wird (es war 2003), und dort soll unsere Arbeit das EVENT-Team übernehmen. Und wir alle sollten bereit sein, die Musikhalle bald zu verlassen.

Und nach zwei Jahren bekam ich die Kündigung, in der stand, dass ich mit meinen 71 Jahren  schon zu lange arbeite. Unter Würdigung aller Umstände muss die Verwaltung mein Beschäftigungsverhältnis beenden. Man bedankte sich für meinen elfjährigen Dienst.

Am 3. Juli 2005 war es so weit. Schade, es war eine schöne Zeit in der Musikhalle, aber alles muss ein Ende nehmen.

Am 20 Juni 2016 ging ich  zur Vorverkaufskasse und kaufte mir eine Karte (die billigste) für die Elbphilharmonie, die Konzerte dort fangen erst 2017 an. Ich bin neugierig, wie es innen aussieht. Aber ich denke, dass die alten Kunden der alten Laeiszhalle treu bleiben werden.