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Moskauer Festival

Im Sommer 1957 hatten in Moskau die Weltfestspiele der demokratischen Jugend (Festival) stattgefunden. Das war ein außerordentliches Ereignis — der kalte Krieg war in vollem Gange und nach den Jahrzehnten voller Isolation sollten plötzlich Ausländer ins Land kommen, und die Bevölkerung sollte Kontakt mit ihnen aufnehmen!

Gewiss wird die Obrigkeit die Kontakte möglichst behindern, aber trotzdem!
Die Vorbereitungen in Moskau waren grandios. Erneut wurden die Fassaden gestrichen, die Alkoholiker und obdachlosen Penner wurden aus der Stadt auf 101 Kilometer deportiert. Ich hatte damals im Vorort gearbeitet und wir hatten die Kurskaja Eisenbahn benutzt. Entlang der Spur waren schreckliche Slums, Schuppen, Müll. Das hat man teilweise vernichtet, und teilweise mit Zäunen verdeckt, die wurden mit rosa Farbe gestrichen und mit Parolen Willkommen! Herzlich Willkommen! beschriftet.

Für das Festival wurde ein Gewinnspiel veröffentlicht und wir KomsomolzenDer Komsomol war die Nachwuchsorganisation der sowjetischen KP, sein Ziel war die Erziehung der sowjetischen Jugend nach den Idealen des Kommunismus. mussten die Lose verkaufen. Ich und zwei meiner Kolleginnen — Zina und Natasha — standen am Platz beim Kurskij Bahnhof und mit lustigen Sprüchen verkauften wir diese Lose. Mir ist es besonders gut gelungen, eigentlich denke ich, es ist bei mir ein Talent der Schreierin von Fischmarkt verloren gegangen, in der Abwesenheit von Marktbeziehungen konnte es sich nicht entwickeln. Die Leute kauften diese Lose mit Vergnügen und wir wurden für den erfolgreichen Verkauf mit Tickets für verschiedene Veranstaltungen des Festivals belohnt.

Ein Teil der Bevölkerung, besonders die Jugend, war sehr interessiert und engagiert, wollte mitmischen. Die meisten Menschen wollten verstehen, wie sind sie, die Ausländer, wie ist das Leben dort, wollten ihnen ihren Wunsch nach Frieden und Freundschaft mitteilen.
Aber die Kontakte wurden streng begrenzt, sie sollten formell und geplant sein, die Teilnehmer solcher Kontakte sollten speziell ausgesuchte zuverlässige Bürger sein. Die Kinder wurden in Sommerlager geschickt, in den Betrieben sollte strenge Disziplin herrschen und die Arbeiter hatten keinen Urlaub während des Festivals bekommen.

Die Hotels und Herbergen, wo die Gäste des Festivals wohnten, wurden von der Polizei bewacht, Unbefugte durften nicht hinein.
Ausländer spazierten auf den Straßen von Moskau, man konnte mit ihnen kommunizieren,, aber die Sprachkenntnisse unserer Menschen erlaubten nur das Gespräch auf der Ebene Freundschaft, Frieden, Willkommen! Und wenn sich eine Gruppe bildete, erschienen sofort Genossen in Zivil.
Sogar meine Oma war in großer Aufregung. Sie hörte im Radio, dass der österreichische Komponist Marcel Rubin, Ehemann ihrer verstorbenen Tochter, die Musik für den Marsch der Jugend schrieb. Und meine Mutter hat beschlossen, zu dem Standort der österreichischen Delegation zu gehen, um für ihn einen Brief zu übergeben. Die Verbindung mit ihm war seit der Kriegszeit abgebrochen. Mama hat es irgendwie geschafft, durch die Absperrungen zu kommen, wahrscheinlich aus Respekt vor ihren grauen Haaren hat man sie durchgelassen. Der Brief ist angekommen und zwei Jahre später trat Marcell in unserem Haus mit einem riesigen Blumenkorb an, zum großen Erstaunen der Nachbarn, die zum ersten Mal einen lebendigen Ausländer sahen. Er war kommunistisch orientiert und wurde nach Moskau als Mitglied der Jury beim Tschaikowsky-Wettbewerb eingeladen und hatte auch einen Konzertauftritt.

Natürlich gab es auch leichtfertige Mädchen, Straßendirnen und Schwarzhändler, die das Ereignis ausnutzen wollten,, um Devisen zu verdienen. Oder Jugendliche, die einfach um Kaugummi und Kugelschreiber bettelten. Es gab auch solche naive Mädchen, die zu viel Lieder des berühmten schwarzen Sängers, Friedensaktivisten und Freund der UdSSR Paul Robson anhörten und sich entschieden hatten wie die Heldin des berühmten Films Circus, nach dem Festival ein Negerkindchen zur Welt zu bringen. Es gab auch Leute die dafür schwärmten, am Leben und Unterhaltung des verrotten Westen teilzunehmen. Wenn in der Öffentlichkeit solch enge Kontakte mit Ausländern gesehen wurden, kamen sofort die freiwilligen Helfer der Miliz und der Kontakt konnte schlimm bei der Polizei enden, manchen Mädchen wurden dort die Kopfhaare abrasiert.
Wir aber haben die feierliche Atmosphäre genossen. Übrigens, mit den Tickets für die Veranstaltungen war etwas nicht in Ordnung. Eines Abends gingen wir in das Moskau Art Theater, zum Konzert der Afrikanischen Kunst. Wir hatten Eintrittskarten, obwohl es keine nummerierten Sitzplätze gab. Wir standen auf der Straße in einer langen Schlange. Das Konzert begann und wir standen alle noch immer draußen. Über Lautsprecher hatte man bekannt gegeben, dass die Halle voll ist und wir könnten nicht hinein und sollen nach Hause gehen. Wir standen aber in der Hoffnung, dass die Künstler auf die Straße gehen und uns vorsingen werden. Dann kam aus dem Theater Komponist Solowjew - Sedoj und fing an uns zu überzeugen, dass diese Konzerte für Fachleute interessant sind und wir auch ohne diese Musik auskommen könnten. Wir schrien zu ihm: Wir wollen die Musik Afrikashören, wir sind satt von Ihren Abenden bei Moskau, es war ein Schlager des Jahres (und wirklich gut). So standen wir erfolglos mehr als drei Stunden und gingen dann nach Hause.

Noch hatten wir Tickets für einen Abend der Solidarität mit den kämpfenden Völkern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas im Ostankino Park. Die kämpfende Völker tanzten im Kreis und unsere Leute haben hauptsächlich zugeschaut. Es wurde dunkel, wir versammelten uns rund um einen großen Teich und es begann ein Feuerwerk. Vom Himmel regnete auf uns schwarze Asche und wir drei waren in weißen Kleidern. Wir wollten raus aus der Menschenmenge, das war aber schwierig. Nach dem Ende des Feuerwerks strömten Tausende aus dem Park, an den Haltestellen begann ein unmögliches Gedränge. Ich und Zina (wir dachten, wir sind die schlausten!) stiegen in den Bus der anderen Richtung ein. Aber an der Endhaltestelle verlangte der Fahrer, wir sollten aussteigen. Wir hatten neue Fahrkarten an der Kasse gekauft und setzten uns auf die letzte Bank. Der Fahrer rief die Polizei. Wir hatten bunte Luftballons, lachten und hatten versucht, mit den Polizisten zu flirten. Aber sie waren streng und sagten, dass, wenn wir uns nicht sofort aus dem Bus scheren, erwartet uns was Schlimmes. Wir verstanden, dass es kein Scherz war, es gab Gerüchte, dass in der Polizei Menschen gnadenlos zugerichtet wurden. Also stiegen wir aus und gingen zusammen mit den Massen von Menschen zu Fuß in die Innenstadt.

Doch die feierliche Stimmung hatte uns nicht verlassen. Wir spazierten durch die Straßen, ein Kerl aus unserem Labor zog seinen Mantel auf die linke Seite an und besorgte sich eine Maske. Er wurde sofort für einen Ausländer gehalten, das Publikum lief ihm nach und wollte ein Autogramm von ihm. Und ich konnte nicht verstehen, wieso manche kein Interesse an dieser wunderbaren Feier zeigten!