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Odessa 1962, Kurzurlaub

Im Sommer 1962 haben meine Freundin Tanja und ich beschlossen, in Urlaub zu reisen. Wir waren jung, frei, unabhängig, nichts hatte dagegen gesprochen. Wir haben uns aber nicht frühzeitig um die Reise gekümmert. Also beschlossen wir uns am Kurski Bahnhof zu treffen (vom diesen Moskauer Bahnhof fahren Züge Richtung Süden) um dort hinreisen, wohin man Tickets bekommen könnte. Tickets gab es nur nach Odessa, so kauften wir die für den nächsten Tag. Ich war schon einmal kurz in Odessa und es hat mir dort gefallen, und Tanja hatte in Odessa entfernte Verwandte. Onkel Mischa, der Vetter ihrer Mutter, war vor ein paar Jahren aus dem Sibirischen Exil  nach Odessa zurückgekehrt, aus dem GULAG. Tanja hat ihn angerufen, und er hat uns eingeladen, bei ihm zu wohnen.

Am Morgen sind wir in Odessa angekommen. Onkel Mischa lebte mit seiner Tochter im Zentrum der Stadt, nicht weit vom Meer in einem großen Haus, das noch vor der Revolution gebaut worden war. Einmal wohnten in den großen Wohnungen des Hauses Anwälte und Ärzte, jetzt lebte in jedem Zimmer eine Familie. Onkel Mischa wohnte im 6. Stock. Neben seinem Zimmer befand sich die große kommunale Küche und dort stand eine Badewanne mit Wasser. Odessa hat immer Probleme mit der Wasserversorgung gehabt. Zu den oberen Stockwerken kam das Wasser nur für ein Paar Stunden in der Nacht. Daher haben die Einwohner Wasser in Badewannen, Eimern und Kannen gespeichert.

Die Badewanne zum Baden hat man wahrscheinlich nur vor der Revolution benutzt. Jedenfalls jetzt wurden alle Badezimmer zum Wohnen umgebaut. Und die Toiletten? Die gab es in den Wohnungen nicht. Die wurden alle ins Treppenhaus verlegt .An Stelle des ehemaligen Aufzugs wurde ein dickes, breites Rohr eingebaut, an ihm übereinander, wie Perlen, waren kleine Toilettenkabinen befestigt, für jeden Stock eine. Scheiße fiel durch das Rohr nach unten, und die Bewohner gingen zur Toilette mit einem Eimer Wasser. Welch ein wahnsinniger, aber schlauer Architekt kam auf solch eine Idee? Ich sah so eine Konstruktion das erste und letzte Mal in meinem Leben.

Onkel Mischa sagte, wir sollten jetzt einen Spaziergang machen, und für die Gespräche über das Leben ist doch am Abend Zeit genug. Er sagte noch, wir sollen bei der Rückkehr lange klingeln und laut an die Tür klopfen, weil er schlecht hört (bei Verhören im KGB hat er nicht nur die Zähne, sonder auch das Gehör verloren), und seine Tochter hat Nachtschicht im Krankenhaus.
Odessa ist eine schöne südliche Stadt am Schwarzen Meer. Dort lebte immer ein freier Geist der alten griechischen Kolonien, der mutigen Seeleuten und Fischer. Der sowjetische Staat konnte den Geist nicht unterdrücken, auch nicht den Unternehmungsgeist ihrer Geschäftsleute. In Moskau sagte man, die meisten Markenklamotten wurden an der Deribasowskaja angefertigt (berühmte Straße, Mischung von Kudamm und Reeperbahn). Viele berühmte Leute sind mit Odessa verbunden gewesen, Schriftsteller wie Puschkin und Babel, berühmte Musiker und auch ihre kriminelle Welt, ihre Ganoven waren im ganzen Land berühmt. Schriftsteller Ilf und Petrow haben die berühmte Figur des Hochstaplers Ostap Bender geschafft, der selbstverständlich aus Odessa stammte. Odessa ist auch berühmt wegen des spezifischen Humors, dazu passt auch die Sprache — eine derbe Mischung aus Russisch, Ukrainisch und Jüdisch, mit Anflug von Rotwelsch. Keine andere Stadt des Landes war so besungen wie Odessa. Die Lieder über ihre Boulevards, Straßen, über die Odessiten, auch Ganovenlieder, sang ganz Russland.

Unser Spaziergang durch die Stadt endete am Abend in einer Eisdiele am Ufer. Die Eisdiele war voll, und an unseren Tisch hat man noch ein einheimisches Ehepaar gesetzt. Der Mann war schon angetrunken und verlangte von seiner Frau, ihm noch einen Getränk zu bestellen. Die Kellnerin sagte, dass es nur Milchcocktails gäbe (damals sehr in Mode). Als er einen Schluck vom Cocktail nahm, war er vor Empörung beinahe erstickt und fing an zu schreien, dass man ihn mit dieser jüdischen Seife vergiften will. Seine Frau hat ihn schleunigst aus dem Cafe weggebracht, und seitdem haben wir mit Tanja (beide Jüdinnen) ungenießbare Gerichte auch so genannt. Übrigens war Odessa am wenigsten antisemitisch in Russland — dort wohnten schon immer viele Juden. Sie gehörten einfach dazu, zur Sprache, zum Humor, zum Bild der Stadt. Wir kehrten um halb zwölf nach Hause zurück. Erst klingelten wir, dann fingen wir an zu klopfen. Laut geklopft, aber niemand öffnete. Wir hatten Angst, die Nachbarn zu wecken und beschlossen, die Nacht in einem Hotel zu verbringen, aber ohne Erfolg. Zum Schluss landen wir im Hotel Flughafen Odessa. Es gab dort einen großen Saal mit Etagenbetten, von einander mit Vorhängen getrennt. Am Eingang — eine Schlange von Leuten, die ein paar Stunden schlafen wollten. Wenn ein Bett frei wurde, ging der nächste aus der Schlange zum Schlafen. Und um acht Uhr am Morgen wurde die Einrichtung geschlossen. Aber wir hatten immer noch ein paar Stunden Schlaf. Am Morgen kamen wir zu Onkel Mischa.Seine Tochter kehrte vom Dienst zurück und öffnete uns die Tür. Onkel Mischa hat sich schon Sorgen gemacht, wo wir geblieben sind.

Wir nahmen unsere Badeanzüge, gingen wieder in die Stadt, besuchten die berühmte Treppe, wo Eisenstein seinen Panzerkreuzer Potemkin gefilmt hat, und fuhren dann zum Strand, wo die Verwandten von Tanja eine Datscha für den Sommer gemietet hatten. Am Strand hing ein Schild Heute baden verboten, wir haben es aber ignoriert. Am Abend kam Tanja`s Cousin von der Arbeit, er arbeitete als Ingenieur im Wasserversorgungssystem der Stadt. Er erzählte, dass wieder einmal eine Cholera-Epidemie erwartet wird, dass schon morgen alle Strände geschlossen werden, und es kann sein, dass eine Quarantäne für Odessa verhängt wird. Dieses Problem trat in Odessa fast jedes Jahr auf, weil die Rohre alt waren und undicht. Wasser aus der Kanalisation sickerte zusammen mit den Mikroben in die Wasserleitungen. Nicht zu vergessen, dass teilweise das Abwasser direkt in das Meer geleitet wird. Deshalb verwendet man so einen Spruch: Erzähl mir nichts über Cholera in Odessa. (So was wie Schnee von Gestern). Der Cousin riet uns, sofort Tickets zu kaufen, weil das Risiko besteht, dass wir in Odessa stecken bleiben, vielleicht für einen Monat oder länger. Und baden darf man sowieso nicht.

Am nächsten Morgen gingen wir zum Bahnhof und kauften Fahrkarten ins Baltikum. So wurde unser Urlaub in Odessa sehr kurz.