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Mein erstes Jahr in Deutschland

Am 26 April 1993 hielt unser Zug Moskau-Paris in Hannover und endlich hatten wir Deutschland erreicht. Wir — meine Tochter Julia, der Schwiegersohn Sergei und ich — waren als KontingentflüchtlingeKontingentflüchtling heißen in Deutschland Flüchtlinge, die in festgelegten Anzahlen (Kontingente) gleichmäßig auf die einzelnen Bundesländer verteilt werden.Quelle: Wikipedia.org[1] gekommen. Damals durften zwei große Gruppen aus der UdSSR einreisen: Die russisch-deutschen Aussiedler und Juden, die Kontingentflüchtlinge hießen. Das Aufnahmeland für uns war Schleswig-Holstein, und die Sammelstelle war in Neumünster. Also standen wir am Gleis mit unserem großen Gepäck, es war früher Morgen, 5 Uhr, und wir wussten nicht, was weiter. Es war natürlich Blödsinn gewesen, mit dem Zug von Moskau aus zu fahren, aber mein Schwiegersohn sagte, er habe Angst zu fliegen, also mussten wir die lange Fahrt in Kauf nehmen, mit Umsteigen an der weißrussischenWeißrussland — in zwischenstaatlichen Dokumenten amtlich Belarus — ist ein osteuropäischer Binnenstaat, der an Polen, die Ukraine, Russland, Lettland und Litauen grenzt und dessen Hauptstadt Minsk ist.Quelle: Wikipedia.org Grenze in Brest, und die furchtbaren Strapazen beim Zoll aushalten. Wir standen recht deprimiert da, plötzlich sahen wir, dass zu uns unsere deutschen Freunde Irene und Frank Fitzek aus Bayern eilten. Wir hatten sie gar nicht erwartet, sie sind die ganze Nacht durchgefahren. Sie packten uns in ihren Kleinbus und brachten uns nach Neumünster.

Die Familie Fitzek hatte ich in Moskau kennengelernt, sie kamen nach Moskau mit humanitärer Hilfe für ein Kinderkrankenhaus und wohnten bei uns. Es entstand eine Freundschaft, die schon 25 Jahre hält. Damals war die Familie sehr wohlhabend, sie hatten eine große Werbeagentur. Sie hatten uns sehr unterstützt in unserer Entscheidung, nach Deutschland zu emigrieren, und hatten uns unter ihre Fittiche genommen.

In Neumünster erwarten uns Containerhäuser hinter einem Drahtgitter, dort mussten wir wohnen, bis unser weiteres Schicksal entschieden war. Ich dachte, darum zu bitten, dass man uns nach Kiel schickt, Frank sagte aber, dass Hamburg viel mehr Möglichkeiten fürs Berufsleben bietet, und wir sollten nach Norderstedt kommen, er seinerseits wird bei den Behörden ein gutes Wort für uns einlegen. Damit sind sie abgefahren.

Man gab uns ein Zimmer mit zwei zweistöckigen Betten. Im Lager gab es eine Kantine, wo wir zu Mittag essen konnten und Lebensmittel-Pakete bekamen. Geld gab man uns nicht, aber eine kleine Summe konnten wir schon in Moskau wechseln. Also, mussten wir Geduld haben und warten. Übrigens, das Tor wurde nur in der Nacht geschlossen, aber man konnte den ganzen Tag in der Stadt herumlaufen. Aber die meisten Bewohner trauten sich nicht in die Stadt. Obwohl es überwiegend Aussiedler waren, fühlten sie sich in der deutschen Sprache nicht sicher oder waren von der weiten Reise erschöpft. Unser Nachbar, ein deutscher Kriegsgefangener, war im Lager in Sibirien inhaftiert, dort hat man ihn irgendwie vergessen zu entlassen, nachher war es für den Staat schon peinlich, und er blieb sitzen. So endete der Krieg für ihn erst 1993.

Ich aber nutzte die Möglichkeit, Neumünster zu erforschen. Mit meinem Deutsch kam ich gut zurecht. Meine Tochter hat in Moskau vier Monate einen Deutschkurs gemacht (von Zuhause kannte sie die deutsche Sprache nicht), konnte aber fließend Englisch. Am schlimmsten hat es Sergei getroffen: Er hat Deutsch in einer deutschen Schule in Riga gelernt, seine Mutter war Übersetzerin, trotzdem klagte er, dass er das Gefühl habe, tief unter Wasser zu sitzen, die Sprache kam nicht an. Ich habe mich erkundigt, wo es in Neumünster einen Schachklub gibt, er ist hingegangen und hat endlich seine Selbstachtung zurückbekommen.

Alles war für uns neu und fremd, jede Kleinigkeit. Wie kauft man ein? Wir hatten Angst, bei Minimal einen Einkaufswagen zu nehmen ‒ man musste doch eine Mark einstecken, eine Menge Geld, ‒ wir wussten nicht, dass man sie zurückbekommt. Und wie nimmt man einen Bus? In der Nähe des Lagers war ein Laden für Restposten — auch ein Kulturschock: So schicke Sachen und so billig. Ich ging in die Stadtbücherei, nahm mir dort einen Plan der Stadt und bin viel herumgelaufen, manche Strecken ganz allein, es gab überhaupt keine Fußgänger, nur Autos. Und das Wetter in dem Jahr war wunderschön, 26 Grad, und alles blühte.

Endlich am 13. Mai erhielten wir die Zuweisung für den Kreis Segeberg, Stadt Norderstedt, uns und noch ein paar Familien hat man mit dem Bus nach Norderstedt zum Rathaus gebracht. Die Sozialarbeiterin war streng und recht unfreundlich. Wir alle fühlten uns wie Schüler mit schlechten Noten, die paar Leute, die schon vor einer Woche hier ankamen, schienen uns erfahren und selbstbewusst. Ich war glücklich, dass ich die Sprache beherrsche. Uns wurde eine Bleibe zugeteilt, wir erhielten einen Scheck für die Norderstedter Bank, und am nächsten Tag sollten wir beim Arbeitsamt erscheinen.

Das Arbeitsamt war damals in der Moorbekpassage. Dort erhielten wir eine Überweisung zum Sprachkurs. Für Akademiker war die Rakov-Schule in Hamburg vorgesehen, sechs Monate Sprachkurs und Berufsintegration. Sergei hat aber sein Studium nicht beendet, für solche war nur ein Sprachkurs vorgesehen, und Julia wollte ihm Gesellschaft leisten. Ihr Kurs fing schon in Juli an. Mit mir war es schwieriger. Der Berater sagte, mein Deutsch reiche um zu arbeiten. Ich widersprach, dass ich die Grammatik nicht kenne, und möchte die Berufsterminologie lernen. Was für ein Beruf, in ihrem Alter haben sie keine Chancen, meinte der Berater. Ich sagte, ich habe einen Doktorgrad. Ach was, das war doch in Russland. Recht deprimiert ging ich weg. Im Park traf ich eine unbekannte Frau, die mich anlächelte und guten Tag sagte. In Moskau wäre so ein Umgang unmöglich gewesen, die Leute dort waren besorgt und unfreundlich. Ich dachte, das Leben hier ist doch schön, man muss nur kämpfen. Ich schickte meine Papiere nach Kiel und ging noch ein paar Mal zum Berater. Er verstand, dass er mich so leicht nicht loswird, und gestattete mir den Kurs.

Unsere Bleibe war ein zweigeschossiges Containerhaus in der Heidbergstraße gegenüber den Stadtwerken, dort, wo jetzt der Parkplatz von Hertz ist. Das Haus war ursprünglich für Bauarbeiter vorgesehen. Es war aus Blech, kleine Zimmer für zwei Personen waren mit einem zweistöckigen Bett ausgestattet, ein kleines Tischchen am Fenster, zwei Stühle und zwei Spinde an der Wand. Kein Platz zum Tanzen. Unsere Zimmer waren im Obergeschoss, und ich war glücklich, mein Zimmer für mich allein zu haben. Es war ein langer Flur, in der Mitte gab es einen Waschraum, an einer Wand waren lange eiserne Waschbecken angebracht, an der anderen Brausen mit einem Plastikvorhang. Links vom Flur war die Seite für Frauen, rechts für Männer. Im Erdgeschoss war eine große Gemeinschaftsküche mit drei Herden, Kühlschränken und zwei Waschmaschinen, die sich immer drehten. Unten wohnten überwiegend Aussiedler, größere Familien mit Kindern. Es war alles sehr sauber, jeder Einwohner kam an die Reihe, Flure und Waschräume zu putzen. Damals waren mehrere Bleiben für Flüchtlinge in Norderstedt gebaut, ich habe sechs gesehen, jetzt ist nur ein kleines Containerdorf am Buchenweg geblieben. Unsere Bleibe war die ruhigste und die sauberste, bei uns wohnten keine Asylanten aus anderen Kulturen.

Also, man konnte leben, aber es war irgendwie trostlos. Unsere Fenster schauten auf die Gleise der AKN. In jenem Sommer hat man angefangen, die U1 nach Norderstedt Mitte zu verlängern. Am frühen Morgen hat man begonnen, Pfähle einzurammen; im Mai war es heiß zum Ersticken, im Juli fing der Dauerregen an. Und wir wussten nicht, wie lange so ein Leben dauern wird. In Norderstedt war es sehr schwer, eine Sozialwohnung zu bekommen, und nur auf so eine hatten wir das Recht. Wir stellten uns bei Adlerhorst auf die Warteliste, aber es konnte Jahre dauern. Sergei sagte, er hat geahnt, dass es so kommen wird (er wollte eigentlich nicht emigrieren), und hatte oft schlechte Laune, und Julia musste ihn trösten.

Ich aber war damals voll Energie, Zuversicht und Unternehmungslust. Ich war der deutschen Regierung sehr dankbar für ihre Großzügigkeit. Die Sozialhilfe war ausreichend (wenn man nicht raucht, im Aldi einkauft, zuhause kocht, und nicht ins Café hereinschaut, zu Fuß herumläuft, und dazu noch die Möglichkeit hat, Klamotten beim Roten Kreuz zu bekommen). Leider habe ich alle Unterlagen weggeschmissen, aber ich glaube, der Regelbedarf war 590 DM monatlich. Außerdem hat man noch Kleidergeld und Weihnachtsgeld erhalten. Von dem Geld konnte ich noch Lebensmittelpakete nach Moskau schicken und sogar reisen. Mit einem russischen Reisebüro bin ich für 50 DM (!) nach Paris gefahren (zwei Nächte im Bus, ein Tag in Paris).

Und ich habe Leute kennengelernt. Im Rathaus tagte jeden Monat die Deutsch-Russische Gesellschaft, Prof. Mader hat sie geleitet. Es waren sehr nette Menschen, Idealisten. Für einige aber waren meine Erzählungen über das Leben in der UdSSR unangenehm ‒ die Kritik des Sozialismus haben manche treue Kommunisten als kapitalistische Propaganda empfunden.

Ein Ehepaar aus Norderstedt hat für ältere Flüchtlinge aus der jüdischen Gemeinde in Hamburg ehrenamtlich sonntags einen Sprachkurs durchgeführt. Dort habe ich viele kennengelernt, und mit dem Ehepaar bin ich bis heute befreundet.

Am 1. September ging ich zur Rakov-Schule. Die meisten in der Klasse waren aus Russland, aber es gab auch Afghanen, Polen, Rumänen. Der Lehrer war gut und witzig, oft hat er geschrien Verb na Koncu! (zum Schluss), alle Schüler waren aus dem Sozialistischen Lager, konnten ein wenig Russisch. Leider schon nach zehn Tagen hat die Direktorin mir mitgeteilt, dass das Arbeitsamt mir den Kurs gestrichen hat. Wieder musste ich zum Berater. Er sagte, die Plätze in der Rakov-Schule sind nur für Hamburger vorgesehen. Es war aber eine Ausrede — nur mein Alter spielte die Rolle, und ich sollte mich um eine Arbeitsstelle bemühen. In der Schule wollte man mich behalten, weil ich das Niveau im Unterricht steigere, man erlaubte mir in der Klasse zu sitzen, ohne Lehrmaterial usw. Das Arbeitsamt sagte, es befreie mich nicht von der Arbeitssuche, und wenn ich das nicht tue, wird man mir die Hilfe kürzen. Also, fing ich an, Bewerbungen zu produzieren. Wie man das macht, hat man uns in der Schule beigebracht, und einen PC und Drucker habe ich, dank Fitzek, auch gehabt. Es sind mehr als 30 geworden, vom Computerzentrum der EKH, bis zum Ablesearbeiter bei den Stadtwerken. Überall hatte ich eine Absage bekommen ‒ überqualifiziert (obwohl ich meinen Doktorgrad geleugnet hatte), oder einfach zu alt. Ein paarmal gab der Berater mir Überweisungen zu Fabriken in Norderstedt, dort hat man mir sofort das Papier unterschrieben, dass sie mich am Fließband nicht nutzen könnten. So war die Arbeitssuche.

Jemand hat mir geraten, wegen einer Wohnung ins Rathaus zu gehen. Eine sehr nette Dame hat mir gesagt, dass ihnen ein paar Häuser in der Greifswalder Kehre gehören, dort wird bald eine Wohnung frei, ich soll mir das ansehen. Die Eineinhalbzimmerwohnung war klein, die Zimmer 14 und sieben qm groß, eine Sitzwanne mit Dusche und eine kleine Küche. Die Wohnung lag im Erdgeschoss und die Fenster schauten ins Grüne. Im Vergleich zu meinem Container war es ein Märchen, ein Traum. Ich habe die Wände gestrichen, eigenhändig die Küche mit Kacheln belegt. Man hat mir Geld für eine Waschmaschine und ein Bett gegeben, und einen Gutschein für ein Möbellager in Hamburg, wo man gute gebrauchte und sogar neue Möbel bekommen konnte. Im Dezember bin ich eingezogen. Ich habe meine Wohnung sehr geliebt, habe dort vier Jahre gelebt, und jedes Jahr lebten dort bei mir Gäste aus Moskau.

Eines Tages ist zu mir in die Wohnung Herr Klingspor gekommen. Er und seine Frau haben sich ehrenamtlich für Flüchtlinge eingesetzt. Er hat mit einer Schreibmaschine Leute besucht, ihnen geholfen, Anträge zu schreiben, begleitete sie zu den Behörden. Man hat ihm gesagt, dass ich Deutsch spreche, und ich habe angefangen, ihm zu helfen. Ich habe mich mit der Familie befreundet, leider sind beide schon tot.

Zu Weihnachten haben unsere Bayrischen Freunde uns eingeladen, mir und Julia die Bahnkarten geschickt, während Sergei nach Riga zu den Eltern gefahren ist. So eine schöne Feier hatte ich noch nie erlebt. Neuburg an der Donau ist eine alte, kleine und schöne Stadt. Fitzeks Haus war 200 Jahre alt, schmal und hoch. Es stand am steilen Ufer der Donau, neben einer alten Kirche. Der Tannenbaum stand in einem hohen Saal. Alles sah märchenhaft aus. Porzellan, Kristall, Blumen, feines Essen — an so einen Luxus waren wir nicht gewöhnt, und dann war die Bescherung, wie bei Buddenbrooks. Wir blieben dort bis Silvester, die zwei Töchter waren in Julias Alter, ein großes Programm mit Reisen, Restaurants usw. Es unterschied sich rasant vom Leben im Container oder im hungrigen Moskau. Aber jedes Märchen geht zu Ende, und ich strebte nicht besonders nach Luxus.

In Norderstedt zurück, genoss ich meine Wohnung, ging zur Rakov-Schule und wöchentlich zu den Beratern im Arbeits- und Sozialamt, die mich schalten, dass ich noch keine Arbeit habe.

Nach meinem Kurs musste noch ein Praktikum kommen. Zu uns kamen Vertreter von Firmen. Ein Vertreter der Dräger-Werke zeigte Interesse für meine Programme und sagte, ich soll kommen. Aber als er meine Bewerbung las und sah, dass ich schon 60 bin, sagte er, er dachte, ich sei viel jünger. Dann war Schluss mit der Hoffnung, in meinem Beruf eine Arbeit zu finden. Ich bewarb mich bei Random-Zeitarbeit in Hamburg. Es war mir lieber, Teller zu waschen, als mit meinen Beratern tun zu haben. Mitte Mai konnte ich dort anfangen.

Aber dann kam Herr Klingspor und sagte, dass die Hamburger Musikhalle Arbeiter für Platzanweisung und Garderobe braucht. Dort hat seine Tochter gejobbt. Mit ihr ging ich zur Personalleiterin und bekam die Einstellung.

Ich war überglücklich. Ich blieb sowieso ein Sozialfall, weil ich nur drei bis vier Stunden pro Tag arbeitete, und die Bezahlung war niedrig. Aber es war ein fester Job, Musik, angenehmes Publikum. Und man hat mir noch den Mehrbedarf angerechnet, also ich fühlte mich reich. Am 1. Mai fing meine Arbeit an.

So war mein erstes Jahr in Deutschland. Nicht sehr leicht, aber ohne Sprache und ohne Freunde wäre es viel schwerer gewesen. Und ich habe viele gute Erfahrungen gesammelt.

[1]  Seit 1991 haben Juden und Menschen mit jüdischen Vorfahren aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion die Möglichkeit, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen. Grundlage hierfür ist ein Beschluss der Innenministerkonferenz vom 9. Januar 1991, nach dem das HumHAG (Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge) auf diesen Personenkreis entsprechende Anwendung findet. Das HumHAG ist durch Artikel 15 Abs. 3 Nr. 3 des Zuwanderungsgesetzes außer Kraft getreten. Juden aus der UdSSR außer Estland, Lettland und Litauen werden nach § 23 Abs. 2 AufenthG aufgenommen.
Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Kontingentfl%C3%BCchtling