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Am russischen Neujahr

Es war der 13. Januar 2015, russisches Neujahr nach dem alten Kalender. Bei meiner Tochter stand noch der Weihnachtsbaum, und eigentlich sollte man eine Party machen. Aber es waren schon so viele Partys bei uns im Januar, dass wir verzichteten, und ich ging um halb sechs nach Hause. Wäre eine Party gewesen – wäre diese Story nicht passiert.

Ich musste den Friedrichsgaber Weg überqueren. Manchmal laufe ich im letzten Moment über die Ampel, aber an dem Abend wartete ich auf Grün und bin ruhig gegangen. Und plötzlich… bums!… ein Schlag, ich kann nicht verstehen, was mit mir passiert, fühle nur den Schmerz im Kopf, Blut im Mund und höre mich jammern Wieso denn?. Vielleicht war ich einen Moment weg, weil ich mich komischerweise  seitwärts auf der Straße liegen sah. Aber dann kamen zwei Männer auf mich zugelaufen, den alten grauhaarigen Täter und den jüngeren Zeugen. Bist du verrückt, wieso fährst du, wenn sie Grün hat? Rühre sie nicht an, man muss die Polizei und den Krankenwagen rufen. Aber dann haben sie bemerkt, dass ich noch recht lebendig bin und haben mich aufgehoben und an die Ampel angelehnt. Ich zitterte am ganzen Körper, konnte aber mein Handy aus der Tasche nehmen und habe meine Tochter angerufen. Julia, ein Auto hat mich angefahren, komm bitte zur Ampel, man will mich ins Krankenhaus bringen. Bald war die Polizei und in zehn Minuten der Krankenwagen und meine Tochter da.

Die Ersthelfer haben sich vergewissert, dass mein Hals und die Beine funktionieren, und haben mich in den Wagen hineingeschleppt und auf die Liege geschafft. Zuerst habe ich sogar keine besonderen Schmerzen gehabt. Der eine Mann sagte Wieso ist so viel Blut auf dem Boden, bluten Sie denn stark? Dann verstanden sie, dass mein Rucksack blutete ‒ dort war ein Paket mit roter Bete, das beim Aufprall geplatzt ist. Ich habe ein bisschen geblutet, meine Zahnprothese, die zum Glück intakt blieb, hat das Zahnfleisch und die Lippe verletzt. Die Arzthelfer sagten, dass man mich ins Heidberg-Krankenhaus bringt. Mit dem Krankenhaus hatte ich keine besonders guten Erfahrungen gemacht. Vor 20 Jahren war ich dort mit einer gebrochenen Nase zum Röntgen in der Notaufnahme, und es hat dort alles sehr lange gedauert. Aber ein Krankenhaus sucht man sich als Unfallopfer nicht aus. Schon bei der Fahrt bekam ich Schmerzen, auf der Augenbraue fing eine Beule an zu wachsen, und auf dem Oberschenkel auch, und der Weg ist mir weit vorgekommen. Dann war ich in der Notaufnahme. Man hat mich auf ein Bett umgebettet und in einen langen Gang gebracht, wo sehr viele Patienten geduldig warteten. Bald wird zu Ihnen ein Arzt kommen, sagte man mir. Nach einer Stunde hat meine Tochter mich aufgesucht. Man brachte mich in ein Zimmer, endlich kam ein Arzt, hat meine Beule gesehen und schickte mich zum CT und Röntgen. Das dauerte, aber das habe ich auch erwartet. Meine Tochter bat für mich um eine Schmerztablette, das ist eigentlich nicht erlaubt, aber man gab mir etwas. Und dann kam ein Arzt, und nicht irgendeiner, sondern ein mir bekannter, ich war bei ihm mit Sehnenscheidenentzündung in Behandlung und habe ihn erkannt. Er sagte, ich habe sehr großes Glück gehabt, nichts war bei mir gebrochen. Er hätte mich gern zur Beobachtung in der Klinik gelassen, aber es ist voll, ich kann nur mit einem Platz auf dem Korridor rechnen, und er rät, dass meine Tochter mich zu sich nimmt, und wenn es schlimmer wird, dann… usw. Übrigens, die Beulen werden monatelang weh tun, und die blauen Flecken im Gesicht werden in den nächsten Tagen viel schlimmer werden, aber von selbst vergehen. Aber wie soll ich in zwei Wochen in die Oper gehen? wollte ich wissen. Er sagte meiner Tochter, dass sie eine eitle Mutter hat, und ob ich verstehe, dass alles viel schlimmer hätte enden können. Glück gehabt ‒ diese Worte habe ich dann öfter gehört.

Mein Schwiegersohn hat uns abgeholt, es war schon nach 22 Uhr gewesen, und in Moskau war das alte Russische Neujahr schon angekommen (zwei Stunden früher, als hier). Zu Hause hat mein Enkel angeboten, auf das Neujahr zu prosten, aber ich war ziemlich kaputt, und hatte Alkoholverbot.

Die Nacht neben dem Weihnachtsbaum war schlimm – ich konnte keinen bequemen Platz finden – beide Körperseiten schmerzten.
Am Morgen hat die Polizei an unserer Tür geklingelt. Vom Krankenhaus hat man sie angerufen, der Arzt sagte, es ist eine kleine Blutung im Hirn, und sie wollen mich zur Beobachtung. Die Polizei hat mich zu Hause nicht gefunden, meine Nachbarin war zu Tode erschrocken, und hat dann die Adresse meiner Tochter erforscht. Also hat die Polizei einen Krankentransport gerufen und man hat mich wieder ins Heidberg gebracht, diesmal in die Neurochirurgie. Man hat noch einmal eine CT gemacht und gesagt, ich soll liegen und ohne Krankenschwester nicht aufstehen. Daran hab ich mich nicht gehalten ‒ liegen war unangenehmer als stehen. Am nächsten Morgen kamen die Ärzte und sagten, ich kann nach Hause – die Blutung war nicht größer geworden, und vielleicht ist es etwas ganz anderes. Man soll mit mir eine CMRT machen, aber ambulant, und gab mir einen Termin für den nächsten Mittwoch. Der Schwiegersohn holte mich ab, und ich habe für meine Enkelin noch Mittagessen gemacht. Aber die Kinder waren erschrocken – um meine Augen herum war alles schwarz, ich habe wie eine Kobra ausgesehen. Und mein habsüchtiger Enkel hat sofort gesagt, ich soll Schmerzensgeld beantragen.

Ich habe angefangen, mein neues glückliches Leben zu leben. In meiner Wohnung – mit einem Stock, Schmerztabletten, zum Briefkasten mit Sonnenbrille. Und dort lagen jeden Tag dicke Umschläge – von der Polizei wegen der Anzeige, von der Versicherung des Täters, von meiner BKK die wollten, dass jemand die Kosten übernimmt), vom Krankentransport usw. Vom Ansehen der Fragebögen bekam ich Kopfschmerzen. Lass es liegen ‒ sagte mir meine Tochter, ihr Chef empfahl ihr einen guten Anwalt, der alles erledigen wird.

Die lila Flecken um die Augen wurden blasser, aber das rechte Bein wurde mit jedem Tag blauer. Also kaufte ich eine Menge Arzneien und sammelte alle Rechnungen, auch die für das Taxi. Im Krankenhaus hatte ich eine CMRT-Untersuchung, 20 Minuten Presslufthammer in die Ohren, ich dachte ich werde verrückt. Aber es lohnte sich – nach ein paar Tagen sagte der nette Arzt, dass ich keinen Tumor habe, nur eine Blutung, die aber nicht kleiner wurde, und deshalb muss ich Ende Februar zur Kontrolle, aber zum normalen CT, dass viel angenehmer ist.

Eines Abends kam zu mir der Täter mit einem Orchideentopf, er wollte natürlich keine Anzeige haben, und ich konnte stolz sagen: Das bespreche ich mit meinem Anwalt, wie man es im Kino sagt.

Und in zwei Wochen war ich so weit, das ich mich mit der U-Bahn in die Oper traute, mit einem Stock und viel Schminke.

Aber dann bekam ich Probleme mit einem Hexenschuss und musste zum Orthopäden. Um sieben Uhr muss man anrufen, um zehn Uhr hatte ich einen Termin, um 12.30 Uhr gelangte ich endlich zum Doktor. Er hörte meine Geschichte und blühte auf. Er machte ein Ultraschall vom Bein, zeigte mir das innere Hämatom, und sagte, dass er gegen Unfälle so ein wunderbares Gerät hat, für Stoßwellentherapie.

Ich probierte zu erwidern, dass die BKK es nicht zahlt, aber er sagte, die Versicherung wird mir das alles erstatten, und schon unterschrieb ich ein Papier für 128 Euro (Therapie, Pflaster, Beratung!). Am nächsten Tag sollte ich zur Kontrolle. Am Abend war mein Knie blau und dick. Mama, wie kann man so blöd sein, ‒ sagte meine strenge Tochter, ‒ das ist doch nicht das erste Mal, dass er dich überredet. Diese Stoßwellen haben dir doch niemals geholfen, es wurde immer nur schlimmer. Aber am nächsten Tag beim Doktor habe ich noch ein Papier für die gleiche Summe unterschrieben, weil er noch ein moderneres Gerät für das Knie hat. Der Mensch ist schwach, besonders wenn eine Hoffnung auf Erstattung schimmert. Mit dem Knie geht es besser, aber wegen des Hexenschusses muss ich zur Spritze kommen.

Und dann haben wir den Anwalt in Hamburg besucht, und ich habe eine Vollmacht unterschrieben. Jetzt wird er sich um alles kümmern. Wir haben ihm alle Rechnungen überlassen, und als Streich eine Karte für die Oper, die man mir nicht angerissen hat. Und er schickt mir Kopien von seinen Briefen, und man neckt mich zu Hause Meine Mandantin.

Also, was ist mir von dem Russischen Neujahr geblieben? Eine Weisheit, dass man nicht nur auf die Ampel aufpassen muss. Eine Blutung im Hirn, die ich nicht fühle, ein paar Beulen und blaue Flecken, die noch unangenehm sind. Ein Hexenschuss. Eine schöne Orchidee. Viele neue Erfahrungen. Und ein Gefühl, dass ich Glück hatte, und ein Leben trotz exotischer Abenteuer schön sein kann.