© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Äquatortaufe

Um etwas Abwechslung in den Alltag der monatelangen Schiffsreisen des 17./18. Jahrhunderts zu bringen, feíerte man an Bord zu verschiedenen Anlässen diverse Zeremonien. Eine davon war die so genannte Äquatortaufe, bei der die Besatzungsmitglieder, die erstmals den Äquator passierten, mit viel Spaß und Schabernack getauft wurden.

Auf den modernen Segelschulschiffen wird dieser Brauch natürlich weitergeführt und ich hatte die Gelegenheit, dabei mitzumachen. Als Herausgeber einer Fachzeitschrift im maritimen Bereich hatte ich enge Beziehungen mit der Argentinischen Marine (Armada Argentina) geknüpft und nach einer kurzen Ausbildungsperiode wurde ich als Marinekorrespondent im Range eines Kapitänleutnants eingegliedert. Als solcher bekam ich 1980 die Gelegenheit, an einer Ausbildungsreise auf dem argentinischen Segelschulschiff Libertad teilzunehmen. Die Reise ging von Buenos Aires über Salvador, Puerto Rico und New York nach Bremen.

Auf dieser Fahrt überquerten wir den Äquator, nachdem wir von Salvador kommend Kurs auf die Insel Barbados genommen hatten. Schon Tage zuvor wurde uns ein Fragebogen ausgehändigt, in dem wir angeben sollten, wer den Äquator auf einem Schiff bereits überquert hatte und wenn ja, wie oft.

Die Vorbereitungen zur Äquatortaufe begannen. Ich beobachtete einen Matrosen, der lange Zeit einen Tampen über die Reling am Heck des Schiffes hielt und dessen Ende durch das Wasser schleifen ließ. Auf meinen neugierigen Blick hin glaubte er, mir eine Erklärung geben zu müssen: Wissen Sie was, Señor (in der Armada werden alle Offiziere so angesprochen, entsprechend dem englischen Sir), ich soll im Gefolge von Neptun eine Jungfrau darstellen und dazu werde ich mir aus diesen Jutefasern eine blonde Perücke basteln! Durch das Einwirken vom Wasserstrom sollten die Fasern sich glätten und geschmeidig werden, um sich besser kämmen zu lassen, erläuterte er weiter. Ein Seemann weiß sich eben immer zu helfen!

Am 09.Juni war es soweit. Der Kapitän übergab feierlich das Kommando des Schiffes an Vater Neptun, den Herrscher aller Meere, und seinem Gefolge. Die bunte Gruppe, meistens Unteroffiziere, besetzte die Brücke!

Auf dem Vorderdeck wurde ein aus einem Metallgerüst und Segeltuch gebasteltes Schwimmbecken aufgestellt und mit Meerwasser gefüllt. An einem Ende des Beckens befand sich ein Podium, auf dem ein kippbarer Stuhl angebracht war. Die Neulinge, mit Badehose bekleidet, wurden einzeln auf diesen Stuhl gesetzt und der allmächtige Neptun richtete von der Brücke aus über Sünden, die jeder begangen haben soll. Auf dem Podium standen außerdem vermummte Gestalten wie der Teufel, ein Notar, ein Barbier, ein Hoher Priester und ein Henker. Alles dünkelhafte Persönlichkeiten, die aus der alten Marinetradition stammen.

Der Missetäter wird nun aufgefordert, seine Sünden zu bekennen, wobei er vom Teufel und vom Hohen Priester beraten wird. Inzwischen wird er vom Barbier eingeseift und mit einer hölzernen Rasierklinge rasiert. Dann muss er die aufgeschlagene Bibel küssen, wobei es sich eigentlich um eine Abbildung aus dem Playboy-Magazin handelt, die in einem großen, bibelähnlichen Buch eingeklebt ist. Dann bekommt der Sünder seine Strafe. Der Stuhl wird nach vorn gekippt und er platscht ins Becken. Dort erwarten ihn die Haie — vier kräftige Matrosen, die ihn mehrmals unter Wasser zerren, bis es ihm gelingt, die rettenden Stufen zum Ausstieg aus dem Becken zu erreichen. Wer eine strengere Strafe verdient hat, wird zusätzlich in ein Netz gesperrt und an Seilen in das Becken getaucht. Wie oft und wie lange, das hängt von der Gnade Vater Neptuns ab. In früheren Zeiten wurden die Verurteilten direkt über Bord ins Meer getaucht. Aus Sicherheitsgründen ist dieser Brauch nicht mehr gestattet. Das Ganze wurde vom Jubel der Mannschaft begleitet.

Nach dieser Einweihungszeremonie ist man kein Neuling mehr und bekommt eine Urkunde, die ins Meeresreich eingetragen wird. Die Täuflinge erhalten ihren maritimen Taufnamen wie Hecht, Qualle oder Seepferdchen. Ich wurde Walross benannt, wahrscheinlich wegen meines weißen Schnauzbartes.

Der Text der Urkunde lautet:

Ich, Neptun und Herrscher der Meere, empfehle hiermit allen meinen Unter­tanen, das Leben, Hab und Gut von Don Ernesto Potthoff, der als Besatzungsmitglied der Fregatte A.R.A. Libertad am heutigen Tage die Äquatorlinie gekreuzt und die ordentliche Zeremonie überstanden hat, zu behüten. Er bleibt uns und unserem Hof als neuer Untertan von Neptunia unter dem Namen Walross gewogen.

In diesem Sinne befehle ich allen Fischen ohne Unterscheidung von Arten oder zoologischen Gattungen, dass sie ihn als solchen anerkennen und ihm die  nötige Hilfe leisten, sollte er einst weit von meiner Gegenwart einen Schiffbruch erleiden.

Am Äquator, zum 9. Tag des Monats Juni 1980

Der Kommandant  N E P T U N

Seitdem fühle ich mich auf allen Gewässern der Welt absolut sicher und könnte mir vorstellen, einer Traumkreuzfahrt gelassen entgegenzusehen.

(Auszug aus meinem Manuskript Geschichten rund um die LIBERTAD