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Mein Freund aus Bayern

Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts besuchte ich die letzten Klassen der Schiller-Schule in Buenos Aires. In dieser privaten Gemeinschaftsschule wurden die Fächer zweisprachig gelehrt: in Spanisch und Deutsch. Zusätzlich gab es auch Englischunterricht als Fremdsprache. Die Abschluss­prüfungen wurden jedoch unter Aufsicht staatlicher Examinatoren in der Landessprache abgenommen.

Eines Tages verkündigte unsere Lehrerin, dass wir einen neuen Klassenkameraden bekommen würden, der vor kurzem aus Deutschland gekommen wär. Sie bat uns, Nachsicht mit ihm zu haben, da er die hiesige Sprache nicht beherrsche.

Der etwa 10jährige Max aus Bayern präsentierte sich uns in Lederhosen und Sandalen bekleidet. Damals trugen alle Schul­kinder (Jungen und Mädchen) in Argentinien weiße Kittel. Es sollten ja wegen der Kleidung keine Sozialunterschiede zum Vorschein kommen. Also sah unser Max in seiner - für uns - exotischen Tracht ganz komisch aus.

Während des Unterrichts fiel das nicht besonders auf. Aber in den Pausen stand Max meistens im Mittelpunkt des Schulhofs. Um ihn bildete sich ein großer Kreis von Neugierigen, die sich über ihn lustig machten. Er ging dann, mit den Armen auf dem Rücken gekreuzt, wie ein gefangener Bär auf und ab. Grausam wie Kinder schon mal sind, liefen einige an ihm vorbei, um ihm ganz aus versehen auf die Füße zu treten. Die nackten Zehen, die aus seinen Mönchsschuhen hervorragten, waren ja eine zu große Versuchung.

Seine Hilflosigkeit tat mir irgendwie leid. Da er in der Klasse neben mir auf der Schulbank saß, fühlte ich mich sozusagen ver­pflichtet, ihm beizustehen. Also legte ich meinen Arm auf seine Schulter und ging mit ihm über den Hof spazieren. Ich fragte ihn über seine Herkunft und so erfuhr ich, dass seine Eltern schon seit einigen Jahren nach Argentinien ausgewandert waren, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Er blieb in Bayern zurück und lebte bei seiner Großmutter. Als die Eltern sich standesgemäß etabliert hatten, ließen sie die Oma und den Max nachkommen und bezogen eine größere Wohnung in unserem Stadtviertel, wo auch die Schule stand.

Aus seinen Erzählungen habe ich etliches über Bayern und die Gepflogenheiten dessen Bevölkerung erfahren. Bisher hatte ich die Bedeutungen von Brotzeit und Gaudi nicht gekannt. Auch die kleinen Dorfgeschichten fand ich sehr amüsant. So erzählte mir Max, dass er als kleiner Junge gerne dem Feuerwehrwagen hinterhergelaufen sei, manchmal sogar barfuß und nur mit dem Nachthemd bekleidet. Dabei rief er laut: Feier, Feier, brenne duats! Natürlich musste seine Oma immer wieder versuchen, ihn einzufangen und unversehrt nach Hause zu bringen.
Bald besuchten wir uns gegenseitig, um gemeinsam Schularbeiten zu machen. Als ich ihn zum ersten Mal in ein Kino einlud, schaute er mich erstaunt an. Er erklärte mir, dass in seinem Dorf Kinder unter 12 Jahren nicht ins Kino gehen durften. Bei uns war es eben anders und so begann seine Vorliebe für die Filmwelt. Er konnte dann einfach vom Kinogehen nicht genug bekommen.

In unserer Wohngegend hatten wir drei Kinosäle: das Cine Devoto, Cine Universal und Cine Teatro del Parque, alle in unmittelbarer Nähe. Das Cine Devoto lag neben einem leer stehenden Grundstück und deswegen konnten an einer der Seitenwände drei Türen eingebaut werden, die in den heißen Sommertagen während der Pausen für zusätzliche Lüftung sorgten. Bei gutem Wetter, wurde nachts auch das Schiebedach geöffnet, so dass man praktisch eine open air Vorstellung genießen konnte. Ansonsten musste man sich, wie in den anderen Kinosälen auch, mit den an den Wänden befestigten Ventilatoren begnügen. Im Winter wurden diese durch elektrische Heizkörper ersetzt.

Damals bekam man fast nur Filme aus den USA zu sehen, die im Originalton mit spanischen Untertiteln vorgeführt wurden. Keine der beiden Sprachen war Max geläufig. Also musste ich ihm als Dolmetscher dienen, was des öfteren den Unmut der benachbarten Kinobesucher erweckte, die uns zur Ruhe zischten. Ich musste mich bemühen, schnell den Sinn des Dialogs zu interpre­tieren und ihn meinem Freund übersetzt zuzuflüstern. Deswegen freute ich mich immer, wenn wir Filme mit viel Action sahen, denn da brauchte ich mich nicht so sehr anzustrengen. Glück­licherweise waren es meistens Western- oder Gangsterfilme, die wir uns ansahen. Später kamen noch die Musik- und Kriegsfilme dazu.
Damals gab es normalerweise drei Vorstellungen am Tag. Die erste, Matinee genannt, begann um 14 Uhr. Zuerst gab es die Wochenschau, dann kamen die Trickfilme (Donald Duck, Popeye, Micky Mouse, Pluto, usw.) und schließlich der Hauptfilm. Manchmal waren es sogar zwei Hauptfilme, je nach deren Länge. Die zweite Vorstellung (Vermouth) war so gegen 17 Uhr zu sehen und die Nacht­vorstellung (Noche) begann um 20 Uhr.

Max konnte von alledem nicht genug kriegen. Er sah sich manch­mal dieselbe Vorstellung zweimal an. Am nächsten Tag wechselte er das Kino, um sich wieder zwei Vorstellungen anzusehen. Mir reichte natürlich eine, also musste er sich die Wiederho­lung ohne Dolmetscher ansehen. Letztlich konnte er sich dann den Text schon selber zusammenreimen. Da das Lesen der Untertitel in einer fremden Sprache für ihn schwieriger war, strengte er sich an, die amerikanischen Laute zu verstehen. So kam es, dass er schnell die englische Sprache beherrschte. Später ging er auch mit mir zu einem privaten Englischlehrer, um seine Sprachkennt­nisse weiter aufzubauen.

Seine Begeisterung für die Filmwelt beschränkte sich aber nicht nur auf die Kinobesuche. Er kaufte sich auch alle auf das Thema bezogenen Fachzeitschriften und Boulevardblätter, argentinischer oder amerikanischer Herkunft. Die Wände seines Zimmers waren buchstäblich bis zum Dach mit Bildern und Postern der bekanntesten Filmstars bedeckt. Im Laufe der Jahre konnte man dort den ganzen Sternenhimmel Hollywoods bewundern. Noch heute kommen viele der berühmten Namen in mein Gedächtnis zurück.

Vielleicht sind einige der Schauspieler dem Leser auch noch bekannt: Nelson Eddie, Peter Lorre als Mr. Moto, Dan Duryea, Bela Lugosi, Boris Karloff als Frankenstein, Johnny Weissmüller als Tarzan, Edward G. Robinson als Gangsterboss Little Cesar, Douglas Fairbanks jun., James Cagney, der gerne Unterwelttypen darstellte, die drei erfolgreichsten Komikern der Stummfilmzeit Harold Lloyd, Buster Keaton und Charlie Chaplin, der sich den Kinderstar Jackie Coogan für The Kid holte,  Stan Laurel und Oliver Hardy als Dick und Doof, Roy Rogers und John Wayne als Cowboys, Mickey Rooney, der Kinderstar, Broderick Crowford, Raymond Massey und Akim Tamiroff, der oft dunkle Ausländertypen darstellte, sowie Gentleman Charles Boyer und viele, viele andere.

Auch an die weiblichen Filmstars erinnere ich mich noch gern: Judy Garland, die schon als 14jährige neben Deanna Durbin eine tragende Rolle spielte, Shirley Temple und Liz Taylor als Kinderstars, June Marlowe, Ida Lupino, Rita Hayworth, Laureen Bacall, Dorothy Lamour, Paulette Goddard, die auch mit Charlie Chaplin drehte, Ann Sheridan und Vivien Leigh, die 1940 zum zweiten Mal heiratete, und zwar den berühmten Schauspieler Laurence Olivier, an Betty Grable, Myrna Loy, an die Tänzerinnen Eleanor Powell und Ginger Rogers, die beide mit Fred Astaire Weltruhm ertanzten, Rosalind Russell, die zeitlebens eng mit Loretta Young und Joan Crawford befreundet war, an Jeanette MacDonald, an Joan Fontaine, die um ein Jahr jüngere Schwester von Olivia de Havilland, die mit Bette Davis befreundet war, an Ann Rutherford, die 1939 als Scarletts kleine Schwester Carreen in Vom Winde verweht ihren Durchbruch erlebte. Die Liste ist keineswegs vollständig und ohne Wertung, denn alle waren jung und meistens wunderschön anzusehen.

Max sammelte nicht nur die Bilder seiner Lieblingsstars, sondern imitierte auch die Redensart einiger von ihnen. So konnte er zum Beispiel den Gangster James Cagney und den Cowboy John Wayne gut nachahmen. Auch beim Singen stimmte er mit Bing Crosby und Nelson Eddie überein.

Nach unserem Schulabschluss gingen unsere Wege etwas auseinander. Max begann eine Ausbildung bei einer Wollexport Firma, in der auch sein Vater arbeitete, und ich studierte weiter auf der Fachhochschule Otto Krause. Mit 19 Jahren lernte ich meine jetzige Gattin kennen und ging dann natürlich mit ihr statt mit Max ins Kino. Wir blieben aber weiter Freunde und besuchten uns gegenseitig, auch als ich schon verheiratet war. Er blieb lange Junggeselle und heiratete erst als Mitt-Fünfziger die Pflegerin, die seine Mutter bis zu ihrem Tod betreut hatte. Sein Vater war schon frühzeitig entschlafen.

Leider starb Max an Herzversagen, noch bevor er sein sechzigstes Lebensjahr erreicht hatte. Von der lieben Familie aus Bayern ist in Argentinien nichts übrig geblieben, außer meiner Erinnerung an die schönen Zeiten, die wir zusammen verbringen durften.