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Feuer an Bord!

Alles fing in Hongkong an, als ich meinen Rückflug nach Buenos Aires über Washington bestätigen wollte. Am Schalter der PanAm musste ich eine Weile warten, bis ich endlich die erstaunliche Antwort bekam: Es tut mir leid, aber ich kann Ihr Ticket nicht honorieren, da es in Buenos Aires bezahlt wurde und es gibt keine Garantie, dass der Betrag auch rechtmäßig eingegangen ist.

Obwohl mir die wirtschaftliche Lage Argentiniens (Anfang der 1980er Jahre) bekannt war, konnte ich eine solche Unterstellung nicht annehmen. Ich bestand darauf, meinen ganzen Rundflug ordnungsgemäß bezahlt zu haben, wie es auch auf dem Ticket vermerkt war, aber es half nichts. Ich musste die Strecke Hongkong-Washington noch einmal bezahlen, um weiterzufliegen. Ich könnte mir den Betrag ja in Buenos Aires rückerstatten lassen, sagte mir die Dame! So geschah es dann auch, aber die Wut blieb mir im Bauch sitzen, und ich beklagte mich nachdrücklich bei der Fluggesellschaft in Buenos Aires.

Monate später erhielt ich einen Anruf von der PanAm. Es meldete sich eine Freundin, die dort arbeitete, der zufällig meine Beschwerde in die Hände gefallen war. Sie erklärte mir, dass ich in die Kategorie dissatisfied passenger (oder so etwas Ähnliches) eingestuft worden wäre und wahrscheinlich mit einer Art Wiedergutmachung rechnen könne. Schließlich sei ich ja ein Vielflieger.

Ich hatte die Angelegenheit schon fast vergessen, da bekam ich eine Einladung von der PanAm zu einem Einweihungsflug zwischen Port of Spain und Boston als Gast-Journalist. Da ich in Boston geschäftliche Verbindungen hatte und das Angebot verlockend erschien, erklärte ich mich sofort bereit, die Reise anzutreten.

Da gab es aber noch ein Problem: Für meinen argentinischen Reisepass benötigte ich ein Visum, um in das Unabhängige Mitglied des Commonwealth Trinidad und Tobago einreisen zu dürfen. Nach dem Falklandkonflikt, an dem ich als Kriegsberichterstatter beteiligt gewesen war, hatte ich mich auf eine längere Bearbeitungszeit im britischen Konsulat von Buenos Aires gefasst gemacht. Jedoch gelang es der PanAm, diese Formalität zu beschleunigen, indem sie mein Visum vom britischen Konsul in Montevideo ausstellen ließ. Ein langjähriges Visum für die USA hatte ich bereits.

Der Flug von Buenos Aires über Venezuela nach Trinidad verlief reibungslos. Auf dem 'Port of Spain International Airport' fiel mir ein großes Durcheinander und die Überzahl von dunkelhäutigen Menschen auf.

Bei der Einreise- und Zollkontrolle gab es einen kleinen Zwischenfall: Wohl wegen meiner dubiösen Visum-Angelegenheit wurde mein Gepäck gründlich durchsucht. Da entdeckte der schwarze Beamte in meinem Koffer ein längliches Objekt das in einer­ rechteckigen Hülle verpackt war und fragte mich, was das sei. Ich antwortete prompt: An umbrella- also ein Regenschirm, denn es handelte sich tatsächlich um einen Knirps, den ich auf einer meiner Deutschland-Reisen erworben hatte. Der Schwarze sah mich misstrauisch an und meinte, er wüsste schon gut, wie ein Regenschirm  aussehe! Für ihn gab es offenbar keine so kleinen, vor allem rechteckigen Schirme! Ich musste also den Schirm aus seiner Hülle entnehmen und ganz aufspannen. Mit einem breiten Grinsen zeigte der Beamte dann den Schirm herum und erlaubte mir, meinen durchwühlten Koffer wieder einzupacken.

Während meiner Taxifahrt zum Hilton-Hotel bemerkte ich, dass an den meisten der am Straßenrand liegenden Häuser viele bunte Läppchen angebracht waren. Auf meine Frage erklärte mir der Taxifahrer, dass es sich um Gebetsfähnchen handelte, die von den Indern, die über 40% der Bevölkerung ausmachten, dem Wind ausgesetzt wurden. Er fügte hinzu, dass etwa 45% der Bewohner Schwarze und Mestizen seien. Nur eine kleine Minderheit bestünde aus Weißen und Chinesen.

Der Weg zum Hotel war steil und matschig. Es hatte vorher heftig geregnet. Der Verkehr bewegte sich schleppend. Das hinderte aber den Taxifahrer nicht, zu stoppen um sich mit einem auf der Gegenfahrbahn entgegenkommenden Kollegen gemütlich zu unterhalten. Dass er dabei einen riesigen Stau verursachte, schien niemanden zu stören. Als wir endlich weiterfuhren erklärte er mir lächelnd, dass er schon lange nicht mehr mit seinem Cousin (der andere Taxifahrer) gesprochen hätte.

Endlich am Hotel angelangt wurde mir an der Rezeption mein Zimmer zugewiesen. Der Koffer wurde mir nachgetragen. Im Fahrstuhl drückte ich auf den Knopf zum 14. Stock. Ich merkte, dass der Fahrstuhl sich nach unten bewegte und dachte mir dabei, nun geht es wohl erstmal in den Keller. Aber es ging weiter und weiter. Als endlich die Tür aufging, befand ich mich auf einem Flur mit der Aufschrift 14th Floor. Ich fürchtete zunächst, dass die lange Reise auf meine Sinne eingewirkt hätte. Als ich aber auf den Balkon des Zimmers trat um mich umzusehen, wurde mir die Lage des Hotels klar. Das Gebäude befand sich an einem Abhang und wurde von oben nach unten gebaut. Die Einfahrt und Lobby lagen am Wegesrand und die über 20 Stockwerke der Hotelanlage klebten an der Felsenwand. Jedenfalls, hatte ich einen atemberaubenden Ausblick auf die tropische Landschaft.

Nachdem ich mich erfrischt hatte fuhr ich hinauf zur Gartenterrasse am swiming pool, um mein Abendmahl einzunehmen. Hier gesellte ich mich zu zwei Crew-Mitgliedern der PanAm, die auch im Hotel verweilten, es waren der Chef-Flugbegleiter und eine junge Stewardess. Das Wetter war warm und feucht und wir verbrachten einen herrlichen Abend mit der Musikbegleitung einer Steel-drum-band.

Aus den Medien erfuhr ich, dass auf einer der dortigen Werften ein britischer Flugzeugträger zur Reparatur lag. Dieses Schiff sei im Falklandkrieg schwer beschädigt worden. Endlich eine Bestätigung der von den Briten als argentinische Propaganda bezeichneten Nachricht. Leider konnte ich nichts Weiteres erfahren, da ich ja meinem Flugplan folgen musste.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter. Ich bestieg das Flugzeug und staunte, dass sich kaum ein Dutzend Passagiere an Bord befanden. Von den beiden Crew-Mitgliedern, mit denen ich mich  inzwischen angefreundet hatte erfuhr ich, dass es sich lediglich um einen Linien-Testflug handelte und der eigentliche Einweihungsflug mit Passagieren dann von Boston aus starten würde. Also konnte jeder von den wenigen Gästen sich einen Fensterplatz aussuchen und von den Stewardessen verwöhnen lassen.

Bald landeten wir auf der Insel Barbados, aber leider nur für einen kurzen Zwischenstopp. Ich hatte gerade noch Zeit, im Souvenirkiosk des Terminals einen Wandteller und einen Zierlöffel für meine Töchter zu kaufen, als wir schon zum Weiterflug aufgerufen wurden. Als ich bezahlen wollte merkte ich, dass ich nicht genügend Geld bei mir hatte. Zum Glück sprang die junge Stewardess vom Abend zuvor ein und borgte mir den fehlenden Betrag.

Weiter ging der Flug über die Antillen und das Bermuda-Dreieck. Meine Gedanken schweiften über die Gewässer da unten, die ich an Bord der ARA Libertad schon befahren hatte. Da merkte ich plötzlich, dass sich vorne rechts in der Kabine Rauch entwickelte. Dort saßen keine Fluggäste und niemand schien diesen Vorgang bemerkt zu haben. Ich rief die Stewardess und bat sie, umgehend den Kapitän zu benachrichtigen.

Prompt war der Bordmechaniker vor Ort und weiteres Personal eilte mit Feuerlöschapparaten hinzu. Der Mechaniker baute die Rücklehne eines der Sitze auseinander und entdeckte bald den Ursprung des Schwelbrandes: ein Kurzschluss am Sauerstoff­generator. Der Fehler konnte leicht behoben werden.

Durch das schnelle Eingreifen der Crew blieb jede weitere Brandgefahr ausgeschlossen und ich durfte noch kurz ein Foto vom Tatort schießen, als Dank für meine rechtzeitige Meldung.

In Boston gelandet, war dieser Teil meiner Einladung beendet und nach kurzem Aufenthalt in dieser Stadt flog ich zurück nach Buenos Aires.

Ich schrieb dann einen kurzen Artikel für den Buenos Aires Herald und erwähnte den Zwischenfall mit dem brennenden Sitz. Es sollte eine Würdigung sein für das schnelle Eingreifen der Crew in einer so heiklen Situation. Leider war der Leiter der PanAm-Niederlassung anderer Meinung darüber und betrachtete diesen Bericht als eine Diffamierung der Fluggesellschaft. Es hatte nämlich in der Vergangenheit mehrere Beschwerden über den schäbigen Zustand der PanAm Flugzeuge gegeben, wovon ich aber nichts gewusst hatte.

Nur eine umfangreiche Erklärung über meine Gründe, diese Story veröffentlicht zu haben, bewahrte meine Freundin bei der PanAm vor weiterem Ärger. Sie hatte mich ja empfohlen...

In Argentinien gibt es dafür ein Sprichwort: Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten bepflastert.