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Geschichte einer Waffe

Als meine Eltern 1921 nach Argentinien auswanderten, ahnten sie nicht, in welch ein abenteuerliches Land sie sich begaben. Zum ersten wohnten sie in einem abgelegenen Stadtviertel der Hauptstadt Buenos Aires und mein Vater musste jeden Morgen über ein leeres Feld gehen um an eine Haltestelle der Straßenbahn zu gelangen, die ihn in die Stadtmitte führte, wo er seinen Beschäftigung als Maschinenbauingenieur in der Firma Otto ausübte.

Eines Morgens stellte sich plötzlich ein Ganove in den Weg und verlangte von ihm die Herausgabe seiner Geldbörse, bedrohte ihn dabei mit einem Messer. Mit seiner Körpergröße von fast 1,90m schaute mein Vater überrascht auf den klein gebauten Dieb herunter und dachte sich dabei (so erzählte er mir später): Ich bin doch nicht um die halbe Welt herumgereist, um mich von so einem frechen Zwerg einschüchtern zu lassen. Kurz entschlossen stemmte er seine Hände auf die Schultern des Diebes und drückte ihn zu Boden.

Diese unerwartete Reaktion erschreckte den Schurken so sehr, dass er das Messer fallen ließ und in Panik davon lief.

Als mein Vater am Abend diesen Vorfall zu Hause erzählte, warf ihm meine Mutter vor, mit großer Fahrlässigkeit gehandelt zu haben — der Dieb hätte ihn mit seinem Messer tatsächlich niederstechen können.

Also entschloss sich mein Vater eine Waffe zu kaufen, um sich in Zukunft besser verteidigen zu können. Vorerst wollte er sich aber erkundigen, wie man in diesem Lande einen Waffenschein beantragen könnte. Er begab sich zur nächsten Polizeiwache und erklärte dem diensthabenden Offizier sein Vorhaben. Dieser schaute sich den gut gekleideten und stattlich aussehenden Ausländer, der so eine erstaunliche Frage stellte, erstaunt an und wusste nichts weiter, als ihn an seinen Vorgesetzten weiterzuleiten.

Bald wurde mein Vater vom Kommissar persönlich in dessen Büro empfangen. Bei einer Tasse Kaffee (cafecito) hörte sich der Kommissar das Anliegen meines Vaters höflich an und staunte nicht minder über den Verlauf des geschehenen Überfalls. Dann erklärte er ihm lächelnd, dass es zurzeit in Argentinien keinen Waffenschein gäbe, aber mein Vater könnte sich ohne weiteres eine Waffe zu seiner Selbstverteidigung zulegen.

Jedoch zur Anwendung dieser Waffe - betonte er - sollte mein Vater sich genau an folgenden Vorschlag halten: Er solle seinen Angreifer genau zwischen die Augen treffen, um sicher zu sein, dass er auch wirklich tot ist und nicht gegen ihn aussagen kann. Dann, einen oder zwei Schuss in die Luft abgeben…

So könnte mein Vater in aller Ruhe behaupten, er hätte den Dieb mit Warnschüssen zu verscheuchen versucht und als er aber sich bedrohlich auf ihn zu stürzten schien, keine andere Chance hatte, als den tödlichen Schuss abzugeben. Also hätten wir einen klaren Fall von legitimer Selbstverteidigung fügte der Kommissar hinzu.

Trotz dieser schrecklichen Vorstellung, besorgte sich mein Vater in einem Waffengeschäft eine Walther Pistole, Kaliber 7,65 Modell Browning. Der Verkäufer hatte ihm dazu geraten, weil es sich um eine leichte und zuverlässige Waffe handelte, die sich unauffällig unter der Kleidung tragen ließ. Mit sieben Stahlmantel-Patronen im Magazin (nach Belieben mit einer achten Patrone im Lauf) fühlte sich mein Vater nun sicherer, um sich gegen jeden bewaffneten Räuber zu verteidigen.

Als meine Mutter meine Schwester erwartete, entschloss sich mein Vater ein größeres Haus zu kaufen. Dieses lag in einem sicheren Stadtviertel und man konnte die Straßenbahnhaltestelle ohne weiteren Waffenschutz erreichen. Allerdings bewahrte mein Vater die Pistole in seinem Nachttisch für alle Fälle auf. Natürlich war es uns Kindern streng verboten, uns der Waffe zu nähern.

Jahre später beteiligte ich mich als Student an einer patriotischen Bewegung, die sich grundsätzlich gegen den wachsenden kommunistischen Einfluss auf die Jugend einsetzte. Einige meiner Kameraden hatten sich Waffen besorgt um sich gegen eventuelle Angriffe der Roten wehren zu können. Ich fragte meinen Vater, ob ich die Pistole tragen dürfte.

Eigentlich hatte mein Vater nie einen Schuss mit seiner Waffe abgegeben, nicht einmal auf dem Schießstand! Er bestand aber darauf, dass ich mich vorerst mit der Waffe vertraut machen müsste, bevor ich sie in meinen Besitz bekäme.

Also führte er mich zum Tiro Federal Argentino (Nationaler Schießstand in Buenos Aires), wo mir ein Ausbilder den Gebrauch der Pistole beibrachte. Ich schoss auf bewegliche Silhouetten und bemerkte mit Stolz wie gut ich zielen und treffen konnte.

Als ich mehrere Magazine leer geschossen hatte, fragte mich der Ausbilder ob ich eigentlich wüsste, wie viele Pesos ich gerade verpulvert hätte. Als er den Schrecken in meinem Gesicht sah, fügte er schadenfroh dazu: Es wird ihnen noch schwer fallen, in Argentinien diese Munition aus dem (ersten) Weltkrieg zu bekommen.

In meiner Verzweiflung bat ich einen meiner Freunde der Polizeioffizier war, um Rat. Er tröstete mich mit den Worten: Das werden wir schon schaffen. Einige Tage später brachte er mir eine Schachtel nagelneuer amerikanische Browning Patronen mit der Erklärung, dass diese genau zu meiner Waffe passten, da diese ja einem gleichnamigen Modell entspreche. Nun wusste ich, dass ich unbegrenzten Zugang zu dieser Munition hatte und ruhig meine Waffe weiter gebrauchen konnte.

Allerdings bin ich nie wieder dazu gekommen, einen weiteren Schuss abzufeuern.

Ende der 1970er Jahren tobte in Argentinien der sogenannte schmutzige Krieg und es gab große Verluste auf beiden Seiten; Regierungseinheiten und Terroristen. Deshalb verhängten die Behörden strengste Strafen gegen illegale Waffenbesitzer und ich musste mich bemühen, die Haltung meiner Pistole zu klären. Ich meldete mich also beim RENAR-Registro Nacional de Armas (Nationales Waffen Register) und erklärte meine Situation: Die Waffe befand sich schon immer im Besitz der Familie und ich benötigte sie der Sicherheit halber. Auf die Frage, welchen Beruf ich ausübte, antwortete ich prompt: Ich bin Marine Korrespondent. Natürlich bekam ich sofort von dieser Militärbehörde meinen Waffenschein.

Zum Glück habe ich diese Pistole nie zu meiner Verteidigung einsetzen müssen.

Vor meiner Abreise nach Deutschland habe ich die veterane Walther Pistole meinem ältesten Enkelsohn vererbt, der als Sportschütze und Hobbyjäger guten Gebrauch davon macht.