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Heidi

Mein Onkel Arthur wollte sich ein Motorboot kaufen, kannte sich aber als Buchdrucker auf diesem Gebiet überhaupt nicht aus. Dafür hatte er aber einen Neffen, der gerade zu dieser Zeit (Anfang der 1940er Jahre) Schiffbau in Buenos Aires studierte. Also beauftragte er ihn (mich), ihm bei der Bootssuche fachlich beizustehen.

Wir sahen uns an etlichen Wochenenden in Werften und Verkaufshäusern im Tigre Delta um und suchten nach einem gebrauchten Boot, dass den Vorstellungen meines Onkels entsprach. Ich begutachtete das Objekt und seine Ausrüstung mit meinen (damals) dürftigen Kenntnissen und der Kauf wurde schließlich abgeschlossen.

Das Boot hieß Heidi. Der etwa 5 m lange Rumpf war aus Eichenholz gebaut. Die Planken waren in Klinkerform zusammengefügt und mit Kupfernägeln vernietet, was einen soliden Rumpf ergab. Die eleganten Entwurfslinien ließen auf eine ausgesprochene Seetüchtigkeit schließen. Es handelte sich um ein offenes Boot mit lediglich einem kleinen Vorderdeck an dem die Windschutzscheibe befestigt war. Darunter befand sich eine verschlossene Vorderpiek die als Stauraum diente. Am Heck wurde ein Penta Außenbord Motor mit einer Leistung von 12PS angebracht.

Das Boot verfügte über zwei lange Ruder, die bei Bedarf in die betreffenden Rudergabeln eingesetzt wurden. Ein Bootshaken ergänzte das Inventar. Den vorschriftsmäßigen Anker hat später mein Vater gekauft und zur Bootseinweihung spendiert.

Um einen Liegeplatz zu ergattern, trat mein Onkel in den Deutschen Wassersportverein (Club Nautico) Gaviota ein. Das Clubgebäude lag günstig an einem der Ausläufer des Paraná Flusses, Rio Lujan, im Tigre Delta, der dann in den Rio de la Plata mündet.

Jedoch hatte diese günstige Lage des Clubs einen Haken: man musste vom Bahnhof Tigre eine ganze Weile laufen (damals hatten weder mein Onkel noch ich ein Auto) bis man zum Landungssteg gegenüber des Vereins gelang. Von hier aus rief man dann über den Fluss, damit das Fährboot einen abholte. Immer mit der Ruhe... Man musste eben genug Zeit einplanen, um am Wochenende den Wassersport genießen zu können.

Vorerst hieß es aber das Boot klar zumachen. Es war unter einer Plane auf zwei Böcken im Schuppen aufgestellt. Von hier aus musste es mit Muskelkraft auf einen Schienenwagen gehievt und über eine Rampe zum Fluss gerollt werden. Bevor es ins Wasser gelassen wurde, galt es noch, den Außenbordmotor zu befestigen und die Ausrüstung an Bord zu bringen. Nun waren wir fast klar zum Ablegen.

Jedoch den Motor aufzutanken und zu starten, war für uns Anfänger keine einfache Angelegenheit!

Wir versuchten, in einem Kanister die genaue Benzin/Öl Mischung herzustellen, um sie dann mittels eines Trichters in den Tank ein-zufüllen. Wenn diese Mischung zu ölig ausfiel, dann verschmutzten die Zündkerzen und man konnte so oft wie man wollte an der Startschnur ziehen, der Motor sprang einfach nicht an. Also blieb nichts anderes übrig als die Motorhaube zu öffnen, die Zündkerzen auszubauen, und sie mittels einer alten Zahnbürste zu reinigen. Dann fing alles wieder von Vorne an. Nach einem Zusatz von Benzin, versuchte man es wieder mit der Startschnur, bis der Motor endlich ansprang. Jetzt hieß es Leinen los und ab ins Abenteuer.

Nun galt es der Strömung und dem Gegenverkehr angemessene Geschwindigkeit einzustellen, und sich den Flussverkehr Regeln anzupassen. Auch wichtig war es die Untiefen des Flusses zu beachten um mit dem tief liegenden Propeller nicht gegen das Flussbett zu stoßen. Sonst zerbrach nämlich der Scherstift Ein Abscherstift oder kurz Scherstift verhindert an Maschinen, Wellen und Getrieben ein zu hohes Drehmoment, indem er bei einer zu hohen Scherspannungs-Belastung bricht.
Der Scherstift verläuft dazu quer durch die Welle und eine entsprechende Hülse auf der Gegenseite. Ein Scherstift ist eine mechanische Sicherung (Sollbruchstelle), die verhindert, dass bei Überlastung teure Bauteile beschädigt werden. Bricht der Stift, bleibt die Welle geführt, kann jedoch kein Drehmoment mehr übertragen.
und der Propeller hörte auf zu rotieren. Dieser Scherstift ist ein Verbindungselement zwischen Antriebswelle und Propeller, der vorgesehen ist um Schäden am Motor und Getriebe zu vermeiden, falls der drehende Propeller mit einem Hindernis in Kontakt kommt.

Wie oft musste ich schon diesen verdammten Scherstift auswechseln!!!

Wenn es dazu kam, musste ich erstmals den Motor stoppen, das Boot mit den Rudern an das Flussufer manövrieren, Anker werfen und den Motor hoch kippen. Dann blieb nichts anderes übrig als ins Wasser zu springen um an den horizontal liegenden Propeller zu gelangen. Hierbei galt es natürlich, nicht die nötigen Werkzeuge und Ersatzteile zu vergessen.

Nun begann die anstrengende Arbeit: bis zur Brust im Wasser stehend, die Propellermutter zu entfernen, den Propeller vorsichtig vom Schaft zu ziehen und den gebrochenen Scherstift durch einen neuen zu ersetzen. Dann die ganze Prozedur zurück. Dabei musste aufgepasst werden, dass keines der Teile ins Wasser fiel. Was beim schwankenden Boot und dem schlammigen Flussgrund keine leichte Aufgabe war...

Mühsam, mit vielen Überwindungen und Knochenarbeit lernte ich den Umgang mit dem Boot kennen. Eines Tages wagte ich mich sogar alleine auf den La Plata Fluss hinaus.

Als ich das schützende Delta verließ, wo man immer nur einige Meter vom Flussufer entfernt ist, fühlte ich mich frei wie auf dem Ozean. Der breite Rio de la Plata - mit seinen bräunlichen Gewässern- schien keine Grenzen zu haben. Also gab ich Vollgas und raste den riesigen Handelsschiffen entgegen die vor mir über den Fluss kreuzten.

Plötzlich saß ich auf einer Sandbank fest!

Ich hatte nicht daran gedacht, dass der breiteste Fluss der Welt eigentlich sehr wenig Tiefgang hat und nur auf mit Bojen markierten Fahrrinnen befahrbar ist. Vorsichtig stieg ich ins Wasser, nicht ohne zuvor mich angeleint zu haben. Ich wollte ja nicht mitten im Fluss vom Boot getrennt werden.. Ich staunte nicht schlecht, als ich merkte, dass das Wasser mir knapp bis an die Knie reichte. Ich schaukelte das Boot hin und her und schob es rückwärts, bis es wieder frei schwamm. Zum Glück war es nur mit dem Bug auf Sand gelaufen, so dass der Motor keinen Schaden abgekriegt hatte.

Vorsichtig fuhr ich den gleichen Weg wieder zurück und habe natürlich im Club kein Wort von diesem peinlichen Zwischenfall erwähnt.

Alles verlief soweit gut, mein Onkel und ich hatten an vielen Wochenenden viel Spaß mit der Heidi, bis meine Tante sich entschloss auch an unseren Bootsfahrten Teilzunehmen. Sie wollte nämlich angeln. Das bedeutete im Clubhaus zu übernachten, um am nächsten Tag, ganz in der Frühe das Boot klar zu machen. Man sollte ja schon vor Tagesanbruch am Angelplatz, mitten im Schilf bei der Flussmündung, sein. Dann setzte sich Tante Lisa gemütlich ans Heck mit der Angelrute in der Hand und wartete auf ihren Fang. Mein Onkel und ich mussten uns derweil ganz still verhalten und wie blöd auf die knapp unter der Wasseroberfläche schwimmenden Fische starren. Stundenlang ging das so - aber die grau gefleckten Surubis SurubiReichhaltig wie kaum anderswo, ist die Fauna der Südamerikanischen Flüsse. In ihnen leben unter anderem die bis zu 30 kg schweren Dorados, die fast grätenlosen, köstlich schmeckenden Surubis (bis zu 70 kg), aber auch die gefürchteten Piranhas.Abb: Surubi (Bildquelle: Wikipedia schnupperten am Köder herum ohne anzubeißen. Schließlich wurden uns das ruhige Sitzen mitten in einem Schwarm von Moskitos, unerträglich.

Ich schlich mich zur Vorderpiek und holte mir meines Onkels Kleinkalibergewehr heraus. Wir hatten nämlich immer eine Schusswaffe und eine Machete an Bord, für den Fall, dass wir uns durch den Busch einer einsamen Insel durchschlagen müssten. Ich zielte vorsichtig und bums!, da hat's den Fisch getroffen!. Als meine Tante den toten Fisch - mit seinem hellen Bauch nach oben - auf der Wasseroberfläche sah, erstarrte sie vor Entsetzen. Nach einer Weile kommandierte sie: Der Fisch bleibt hier und wir fahren sofort zurück!. Sie wollte sich keinesfalls im Club mit einem erschossenen Fisch blamieren.

Leider wurde mir dieser Streich zum Verhängnis. Einige Wochen später feierte man in Argentinien den Frühlingsanfang. Der 21. September war für Studenten als Feiertag angesagt und ich hatte mich schon mit vier Kameraden aus der Hochschule verabredet, an diesem Tag eine Bootfahrt im Tigre Delta zu unternehmen. Ich ging natürlich davon aus, dass mein Onkel nichts dagegen hätte, mir die Heidi zu überlassen.

Falsch gedacht! Er teilte mir telefonisch mit, dass meine Tante es für viel zu riskant hielt mir unter diesen Umständen das Boot zu leihen. Auch in Zukunft dürfte ich nur in ihrer oder meines Onkels Begleitung das Boot benutzen. Also mussten wir umdisponieren und organisierten eine Grillparty im Garten meiner Eltern.

Das war meine letzte Erfahrung mit der Heidi.

Monate später wurde mein Onkel zum Präsidenten des Clubs ernannt, die Heidi bekam einen neuen Johnson 30PS Außenbordmotor und ich verbrachte meine glücklichsten Wochenenden vor meinem Militärdienst in Begleitung meiner Freundin Nélida (heutige Ehefrau) beim Tanzen oder im Kino, sowie auch im Sportverein Villa Devoto (Schwimmen und Tennis), Schützen und Reitverein Tiro al Segno oder Ruderverein Teutonia.

So fiel es mir eigentlich leicht, die Heidi zu vergessen.