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Ein Hundeleben

In den 1930er Jahren wohnte ich mit meinen Eltern und meiner kleiner Schwester in einem Chalet im Stadtviertel Villa Devoto von Buenos Aires. Das zweistöckige, 9 Zimmer große Haus stand auf einem 8,60m breiten und 50m langen Grundstück, das an 7 Nachbargärten grenzte. Das bedeutet, dass man sich gegen eventuelle Einbrecher schützen musste.

Im großen Garten hatten wir mehrere Obstbäume — Pflaumen, Mandarinen, Feigen — und auch eine Pergola mit Weintrauben. Ein verpflanzter Zitrusbaum bescherte uns in allen vier Jahreszeiten frische Zitronen. Ein riesengroßer Lorbeerbaum gab uns außer seinem Schatten das leckere Gewürz für unsere Speisen. Also musste man auch mit dem Eindringen von kleineren Dieben rechnen.

Damals gab es weder Alarmanlagen noch Security Services. Einige Hausbesitzer sicherten ihr Eigentum, indem sie die Gartenmauern ziemlich hoch bauten und oben mit Glasscherben bestückten. Mein Vater mochte das nicht, da es ja bei jugendlichen Einbrechern zu schrecklichen Schnittwunden kommen könnte. Also beschloss er, einen Hund anzuschaffen, aber nur zur Abschreckung. Allerdings sollte dieser Hund so dressiert sein, dass er auf Kommando einen eventuellen Täter auch unschädlich machen konnte.

Deshalb erwarb er einen Dobermann und schickte ihn in die Polizeihundeschule zur Ausbildung. Der Hund hörte auf den Namen Rex und wurde später mein bester Spielkamerad. Rex war ein schwarzer Rassehund und wurde dementsprechend am Schwanz gestutzt. Heutzutage sagt man seine Rute wurde kupiert. Auch seine Ohren hätten kupiert werden sollen, da bei dieser Hunderasse die Ohren spitz nach oben stehen statt schlapp nach unten hängen sollten. Dagegen sträubte sich aber meine Mutter. Sie meinte, das Tier hätte schon genug unter seiner Schwanz- Beschneidung gelitten.

Also stand eines Tages Rex in Begleitung seines Trainers in unserem Garten und ich durfte zusehen, wie letzterer meinem Vater die Kenntnisse des Hundes vorführte. So lernte auch ich die Begriffe Fuß, Sitz, Platz, Hier, Aus und so weiter kennen. Der Hund parierte unverzüglich auf die Befehle und bald durfte auch ich ihn durch den Garten kommandieren. Das gab mir ein selbstbewusstes Gefühl und ich war stolz darauf, ein für mich so großes Tier unter meiner Kontrolle zu haben.

Ich hatte mal im Kino einen Film über einen Zirkus gesehen, in dem der Dompteur die Löwen im Käfig in der Manege mit einem Stuhl in einer Hand und einer Peitsche in der anderen zähmte. Das gab mir den Anlass, dasselbe mit unserem Rex zu machen. Ich benutzte einen kleinen Gartenstuhl, um das Tier auf Distanz zu halten und schnallte mit der alten Pferdepeitsche, die als Zierde in unserer Wohnung hing, um meine Befehle zu betonen. Rex machte begeistert mit und wir beide hatten unseren Spaß am Spiel.

Mein Vater hatte aber Bedenken, ob der Dobermann auch wirklich wachsam wäre und nicht nur ein gut parierender Hund. Eines Nachts schlich er sich, mit unserem Haenel Luftgewehr bewaffnet, in den Garten, um zu sehen, wie der Hund reagieren würde. Erst passierte nichts, und mein Vater fühlte sich schon in seinem Verdacht bestätigt. Aber plötzlich kam ein knurrender Schatten auf ihn zu und bevor er reagieren konnte, lag er schon auf dem Rücken. Der Hund stand mit seinen Vorderbeinen auf seiner Brust und drohte mit seinen starken Zähnen, ihm an die Kehle zu gehen. Das Gewehr war meinem Vater aus den Händen geflogen und prallte gegen einen Stein. Ein Teil des vorderen Holzschaftes war abgesplittert und musste später vom Fachmann repariert werden.
Sobald mein Vater sich vom ersten Schreck erholt hatte, rief er laut: Rex, aus!. Der Hund reagierte sofort und ließ ohne Zögern wieder ab. Als mein Vater dann verstört und mit der kaputten Waffe in der Hand ins Wohnzimmer kam und uns den Vorgang schilderte, konnte ich nur stolz auf unseren Wächter sein. Jedesmal, wenn ich später das reparierte Luftgewehr in meinen Händen hielt, musste ich an diese Bewährungsprobe von Rex denken.

Mit der Zeit wurde Rex immer mehr in die Familie integriert. Er entwickelte sich zu einem kräftigen und gesunden Tier das auch von der Nachbarschaft respektiert wurde. Viel trug dazu bei, dass meine Mutter sich sorgfältig um seine Ernährung kümmerte. Zu dieser Zeit kannte man keine Hundefutter-Geschäfte und die meisten Familien unterhielten ihre Haustiere mit den Essensresten des Hauses.
Bei uns war es anders. Meine Mutter kochte für den Hund besondere Speisen, die zu seiner körperlichen Entwicklung beitragen sollten. Das Lieblingsgericht von Rex war Polenta mit Ossobuco. Polenta ist ein fester Brei, der aus Mais-Grieß hergestellt wird. Dieser muss lange auf dem Feuer gerührt werden, eine kraftraubende Prozedur. In diesen Brei wurden Ossobuco (Kalbshaxe)- Stücke gegeben und das Ganze dem Hund auf seinem Blechteller serviert. Der Vorteil dieser Speise ist, dass sie auch kalt an weiteren Tagen verspeist werden kann. Also brauchte meine Mutter nicht jeden Tag für den Hund zu kochen.

In meiner kindlichen Auffassung betrachtete ich also die Polenta als ein ausgesprochenes Hundefutter, obwohl diese Speise natürlich - hauptsächlich in Italien — als ganz normales Tischgericht gilt. Dies wurde mir später, in meiner Militärzeit, zum Verhängnis. In der Kaserne bekamen wir eines Tages Polenta aufgetischt. Da diese in hohen Töpfen ausgetragen wurde, schwamm die Sauce im obersten Bereich auf dem Brei. Die ersten am Tischende bekamen also ihre Speise mit der Sauce auf den Teller, die nächsten erhielten nur trockenen und klebrigen Brei. Also machte ich unwillkürlich die Bemerkung: Bei uns zu Hause bekam der Hund eine bessere Verteilung. Zu meinem Pech kam dieses dem Feldwebel zu Ohren…

Ich verbrachte den Rest der Mittagszeit auf dem Exerzierplatz!

Auf jedem Fall verbrachte Rex ein glückliches Hundeleben mit unserer Familie. An wann und wie er uns endgültig verlassen hat, kann ich mich nicht mehr erinnern. Vielleicht haben mich meine Eltern vor dieser Trennung irgendwie verschont.