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Sturm  in der Karibik 

Anfangs Juni 1980 nahm ich an der 16. Ausbildungsreise des argentinischen Segelschulschiffs Libertad als Berichterstatter im Rang eines Kapitänleutnants teil. Wir hatten gerade den brasilianischen Hafen von Salvador de Bahía verlassen und fuhren mit Kurs auf die Karibik.

Die südliche Halbkugel mit den uns vertrauten Sternbildern Drei Marien und Kreuz des Südens, blieb langsam zurück. Letzteres ist zwar das kleinste der 88 bekannten Sternbildern, löst aber bei Beobachtern immer wieder Bewunderung aus. Nicht nur Seeleuten gilt das Kreuz des Südens als eine Orientierungshilfe, sondern auch die Gauchos auf den Pampas betrachten es als heiligen Wegweiser. Die Provinz Feuerland hat es sogar in ihre Fahne einbezogen.

Der Alltag an Bord verlief gelassen. Nachmittags wurden in der Offiziersmesse Seminare abgehalten, bei denen täglich einer der Offiziere eine Vorlesung über ein spezifisches Thema hielt. So zum Beispiel referierte der Rechtsanwalt über internationales Seerecht, der Arzt über Erste Hilfe und der Marineflieger über Meteorologie.

So erfuhren wir manches über Hurrikane, die gelegentlich in der von uns zu befahrenen Zone auftreten. Bezüglich der damit verbundenen Gefahren, meinte unser Flieger, hätten wir nichts zu befürchten, da zu dieser Jahreszeit diese Unwetter selten auf kämen. Und wenn schon, bekämen wir zeitlich früh genug eine Vorwarnung von den entsprechenden amerikanischen Wetterstationen.

Jedoch am selben Abend erwähnte er beim Cocktail, dass tatsächlich ein Hurrikan  aufzukommen drohte, allerdings weiter nördlich von unserer Position. Also sollten wir doch mit Vorsicht fahren.
Wir dachten alle, er wollte uns nur auf den Arm nehmen und machten uns nichts daraus.

Zur Zeit befanden wir uns auf der Höhe von Natal an der brasilianischen Nord-Ost-Ecke und nutzten die frische Brise, um uns mit Segelkraft treiben zu lassen. Am späten Abend saßen der Deckoffizier und ich noch in der Offiziersmesse beim Schachspielen. Es war kurz nach Mitternacht. Da bekam das Schiff auf einmal einen kräftigen Ruck. Die Schachfiguren fielen vom Tisch und der schwere Aschenbecher flog buchstäblich durch den Raum und prallte gegen die Bordwand. Wir hielten uns am Tisch (der am Deck angeschraubt ist) fest, denn sonst wären auch wir zu Boden gestürzt.

Obwohl man an Bord das Schwanken gewöhnt ist, ergab sich hier eine ganz besondere Situation: Das Schiff hatte Schlagseite bekommen und die Schräglage betrug etwa 32 Grad — wie ich es noch mit einem schnellen Blick auf den vor mir am Zwischenschott hängenden Klinometer feststellen konnte. Der Deckoffizier zog sich mühsam an der Bar vorbei die Treppe hinauf, um an Deck zu gelangen und dort nach dem Rechten zu sehen.

Mein Schachkollege hatte die Lage schnell erfasst: ein Ausläufer eines weit entfernten Hurrikans hatte unser Schiff mit vollen Segeln erwischt und es stark nach Backbord geneigt. Die Schlagseite hielt an und  in der pechschwarzen Nacht wäre es unverantwortlich gewesen, die Toppsegel einzuholen. Also blieb nur ein Manöver übrig: das Schiff in den Wind zu drehen und sich vom Sturm treiben zu lassen.

Ich hatte mich inzwischen auf eine Eckbank im Bereich der Bar mit dem Rücken gegen die Backbord-Schiffswand gesetzt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Minuten erschienen mir unendlich und ich versuchte, mir gedanklich eine Vorstellung von der Stabilität des Schiffes zu machen. Es war das erste Mal, dass ich nachdenklich über unser Schicksal wurde. Endlich machte sich der Kurswechsel  bemerkbar und das Krängungsmoment ließ nach. Glücklicherweise befanden wir uns auf offenen Gewässern und konnten das Schiff frei vor dem Wind laufen lassen.

Im Laufe den Nacht flaute der Wind ab und am nächsten Morgen war das Wetter so handig, dass wir die Schäden überprüfen konnten. Die Takelage hatte den Windstoß gut überstanden. Lediglich zwei der Klüver (dreieckige Vorsegel) sind zerrissen worden. Unter Deck hat es zwar kaputtes Tischgeschirr gegeben und auch der Fernseher in der Offiziersmesse war aus seiner Verankerung gerissen worden, aber sonst sind wir diesmal glimpflich davongekommen. Die Festigkeit und Stabilität der Libertad hatten sich wieder mal bewährt. Ein Lob der argentinischen Schiffsbauindustrie!

Weiter ging die Fahrt. Wir hatten Kurs auf die Insel Barbados genommen und näherten uns der Äquatorlinie.

Aber dies ist eine andere Geschichte.