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Das Halloween Skelett

Im September 1987 waren meine Frau Nélida und ich, in Begleitung unserer Enkelkinder Pablo und Horacio, gerade von einer Europa-Reise zurück in New York angekommen, als unser Freund Bob aus Concord Massachusetts uns anrief um uns in seine Wohnung einzuladen.

Wir verabredeten uns zu einem Treffen auf einem bestimmten Bahnhof (Namen vergessen) der Amtrack, in Richtung Massachusetts. Von dort aus wollte Bob uns in seinem Auto weiter durch die Gegend fahren. Wir standen schon eine ganze Weile mit unserem Gepäck auf dem besagten Bahnsteig, als wir endlich einen Herrn mit auffällig karierter Hose auf uns zukommen sahen. Es war Bob! Mit besorgter Miene teilte er uns mit, dass er sich bei der Suche nach einem geeigneten Parkplatze etwas verspätet hätte. Seine Frau Sandy wartete derweil im Auto. Nach herzlicher Begrüßung ging die Autofahrt dann endlich los.

Unterwegs erzählte uns Bob, dass er angesichts Horacios 10. Geburtstags einen Tisch in einem Restaurant reserviert hätte, wo wir einen Zwischenstopp machen würden. Am Connecticut River angekommen, war es soweit. Ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude war als Restaurant ausgestattet worden. Die Tische waren in verschiedenen Räumen aufgestellt, in denen noch die originalen Möbel — z.B. ein Klavier — standen.

Unser reservierter Tisch stand an einem Fenster, durch das man einen herrlichen Ausblick hatte auf die historische Eisenbahnbrücke Old Saybrook-Old Lyme Bridge, die den Connecticut Fluss überquert. Diese Brücke ist von der Klapp Bauart und trägt die Bahngleise, die nach Boston führen. Die Jungs amüsierten sich beim Beobachten, wie jedes Mal, wenn ein kleines Segelboot an der Brücke ankam, der lange Hebearm nach oben geschwenkt wurde, um das — im Vergleich zur Brücke — winzige Wasserfahrzeug durchfahren zu lassen. Unser Enkel Pablo bemerkte dazu: Wenn das in Argentinien vorkommen würde, dann hätte man dem Skipper eine Säge heruntergeworfen, damit er seinen Mast verkürzen könne, um unter der Brücke durchzukommen.

Nun kam die Auswahl der Speisen. Als Pablo auf der Speisekarte sword -fish las, war er sofort davon begeistert. Er hatte noch nie Schwertfisch gegessen und wollte es unbedingt probieren. Meine Frau teilte seine Meinung und bestellte dasselbe. Auch Bob und Sandy bevorzugten diesen Fisch. Ich blieb bei meinem T-bone-Steak und Horacio wollte nichts anderes als ein Schnitzel mit Pommes. Die Bedienung war sehr freundlich, aber wegen der Verteilung der Tische auf mehreren Räumen zog sich der ganze Vorgang sehr in die Länge. Als wir endlich zum Nachtisch kamen, merkte man Horacio schon eine ziemliche Müdigkeit an. Ihm fielen bereits die Augen zu und er fragte mehrmals: Wann fahren wir weiter?.

Aber die große Überraschung fehlte ja noch! Endlich wurde die große Geburtstagstorte an unseren Tisch gebracht, mit brennenden Kerzen und begleitet von allen Kellnern und Kellnerinnen, die das happy birthday Lied sangen. Horacio war aber bereits fest eingeschlafen, sein Kopf lag auf seinen gekreuzten Armen auf dem Tisch. Wir versuchten ihn zu wecken. Keine Chance! Also vertilgten wir die Torte ohne die Beteiligung des Geburtstagskinds und fuhren dann weiter nach Concord.

Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück in Bobs Haus Horacio erzählten, dass er seine Feier verpasst hatte, wurde er stink-sauer. NIE WIEDER gehe ich mit euch auf eine Reise! schrie er uns an. Wir versuchten, ihm zu erklären, dass er bestimmt unter Jetlag gelitten und niemand Schuld an seiner Müdigkeit gehabt hätte. Vergebens, wir konnten ihn einfach nicht umstimmen.

Später beruhigte er sich aber und erkundete mit seinem Bruder das Haus und spielte mit dem Hund. Als er schließlich am Fenster einige Eichhörnchen sah, da strahlte er und war wieder der fröhliche Junge, wie wir in kannten.

Das Haus unserer amerikanischen Freunde (kinderlos) lag nämlich halb unter der Erdfläche, wie viele Wohnungen in dieser Gegend, aus Energiespar-Gründen. Also befand sich die Rasenfläche des Gartens auf der Höhe des unteren Fensterrahmens. So konnten die Eichhörnchen direkt durch die Scheiben gucken. Im Souterrain wurden uns zwei Gästezimmer (inklusive Bad) zur Verfügung gestellt, was unseren Aufenthalt in Concord besonders gemütlich machte.

Bob und Sandy zeigten uns die herrliche Umgebung und wir besuchten auch historische Plätze, wie die Old North Bridge - wo die erste Schlacht um die Amerikanische Befreiung stattgefunden haben soll (1775) und das Bullet hole house, in dem noch ein Einschussloch von diesen Kämpfen zu sehen ist. Im nahe liegenden Hafen von Boston konnten wir die dienstälteste Fregatte der amerikanischen Marine USS Constitution bewundern. Dieser hölzerne Dreimaster verlässt jedes Jahr am 4. Juli den Heimathafen, um in der Massachusetts Bucht seine Kanonen abzufeuern.

Auf einem der Bauernhöfe bei Concord fielen uns die vielen großen Kürbisse auf, die dort angebaut wurden. Bob erklärte uns, dass diese für das traditionelle Halloween Fest bestellt worden seien. Weiter erläuterte er uns die irischen Ursprünge dieser Tradition, die sich in den Vereinigten Staaten neben Weihnachten und dem Thanksgiving-Tag zu einer der wichtigsten Familienfeiern entwickelt hat.

Die Kürbisse werden ausgehöhlt und in der Außenschale wird ein grobes Gesicht ausgeschnitzt. Eine im Inneren des Kürbisses aufgestellte Kerze gibt nachts dem Ganzen einen gruseligen Anblick. Um den Zusammenhang mit dem heidnischen Totenfest zu betonen, werden auch aufgeblasene Skelette aufgehängt. Letztere interessierten Horacio ganz besonders. Er hatte so etwas noch nie gesehen. Bob bedauerte, dass es zurzeit keine im Handel gäbe, da wir uns noch einige Wochen vor Halloween befanden. Er versprach ihm aber, später einige Fotos davon nach Buenos Aires zu schicken.

Die abwechslungsreichen Tage in den USA vergingen viel zu schnell und bald waren wir zurück in unserer damaligen Heimat Buenos Aires. Eines Tages erhielt unser Schwiegersohn einen Bescheid vom Zoll, er sollte ein Paket abholen. Ahnungslos fuhr er zum Zollamt am Hafen und nach einer langen Wartezeit wurde ihm ein Päckchen aus den USA vorgelegt. Wissen Sie, was Sie empfangen?, fragte der Beamte. Carlos verneinte und das Paket wurde dann in seiner Gegenwart geöffnet. Zum Erstaunen aller erschien ein Karton mit der Aufschrift Inflatable Skeleton. Der Beamte wusste nicht, wie er dieses Objekt einordnen sollte. War es für medizinische Zwecke bestimmt? Oder für satanische Bräuche gedacht? Von Halloween, keine Idee! Schließlich einigte man sich auf en Party-Schmuck und die Zollgebühren hielten sich in Maßen.

Die Freude von Horacio war riesengroß, als er das aufgeblasene Skelett endlich zu sehen bekam.
Natürlich wurden dann allerlei Scherze damit getrieben. Da diese Tradition in Argentinien so gut wie unbekannt war, hatte noch niemand so eine Puppe gesehen. Eines Tages legte unser Schwiegersohn das Skelett auf sein Bett und wartete im Nebenzimmer, bis das Dienstmädchen den Raum betrat um aufzuräumen. Alle mussten sich kaputt lachen, als die Frau kurz danach kreischend aus dem Schlafzimmer rannte und laut schrie: Señora, da liegt ein Toter auf ihrem Bett!

Wie weit dieses Skelett Horacios Karriere geprägt hat, weiß ich nicht. Aber Tatsache ist, dass er jetzt Stabsarzt (Chirurg) bei der Armada Argentina ist…