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Garnelen pulen bei Nacht

Im August 1980 besuchte ich die Internationale Fischereimesse in Trondheim (Norwegen), um Informationen für meine Zeitschrift NAVITECNIA zu ergattern. Hier findet man das Neueste aus aller Welt in den Fachgebieten Fischerbootsbau, Fischverarbeitung, Kühlung und Lagerung von Fischen, Kommunikationstechnik und alles, was mit dem Fischfang zu tun hat.

Diesmal war meine Frau dabei. Wir trafen uns vorerst in Bremen, wo ich just meine Reise auf dem Schulschiff Libertad beendet hatte und meine Frau von Buenos Aires eingeflogen war. Da wir im Besitz vom Eurail Pass waren, konnten wir günstig in der ersten Klasse der Bahn fahren. Die Reise durch die norwegische Landschaft war beeindruckend. Wir hatten nie so viele Wälder, grüne Täler und schmale Wasserfälle gesehen.

In unserem Abteil wurden wir von einem israelischem Rentnerpaar begleitet, das sich auf Weltreise befand. Wir verständigten uns auf Englisch. Der Mann war uns aufgefallen, weil er ein Buch las und jedesmal, wenn er ein Blatt beendet hatte, dieses abriss und in den Abfallbehälter warf. Er erklärte uns sein Verhalten später wie folgt: Er hatte eine Anzahl Bücher — allerdings billige Ausgaben - auf die Reise mitgenommen, die ein erhebliches Gewicht in seinem Gepäck bedeuteten. Also erleichterte er seine Last, indem er die Bücher nach und nach entsorgte. Außerdem brauchte er kein Lesezeichen.. Während der Mann seine Wegwerf-Bücher las, saß die Frau in Yoga Haltung -d.h. mit gekreuzten Beinen — auf dem Sitz neben ihm und strickte einen langen Schal.

Weiter erläuterte er uns, dass er in den Restaurants nie versuchte, die Kellner in ihrer Landessprache anzureden. Er mache sich dadurch nur lächerlich und die Kellner empfänden ihn als eine minderwertige Person, die nicht einmal ihre Sprache beherrscht. Dagegen sprach er sie nur auf Hebräisch an. Dann bemühten sie sich verzweifelt, ihn zu verstehen und waren so ihm unterlegen.
Auf dieser Weise lernten wir eine, für uns neue Philosophie des Lebens kennen.

Die Fischereimesse verlief wie geplant und ich nahm auch an einigen Sitzungen des gleichzeitigen Kongresses teil. Meine Frau beteiligte sich inzwischen am Damenprogramm mit Besuchen der Sehenswürdigkeiten der Stadt Trondheim. Zum Abschluss der Veranstaltung wurden wir noch zu zwei sehr beeindruckenden Events eingeladen.

Als erstes besuchten wir das Musikhistorische Museum Ringve, das etwa 2.000 Instrumente aus aller Welt beinhaltet. Das Außergewöhnliche dieses Museums ist, dass alle Instrumente live zu hören sind. Ein großer Teil sind Sammlungen von Instrumenten, die einst berühmten Komponisten gehört hatten. So konnten wir zum Beispiel den Klang des Klaviers hören, auf dem Franz Liszt komponiert hatte, gespielt von einer junger Musikstudentine in einheimischer Tracht . Auch die Laute von urtümlichen Instrumenten aus dem afrikanischen Urwald bekamen wir zu hören. Eine einzigartige Erfahrung!

Der absolute Höhepunkt dieser Reise war zweifellos die Rundfahrt durch die Trondheimer Bucht (Trondheimsfjorden) auf einem traditionellen Fischerboot. Es handelte sich um einen Krabbenfischer, der speziell für diese Art Fahrten umgebaut worden war (Sitzplätze, WCs  etc.). Der Kutter wurde lediglich von einem Mann betrieben, der gleichzeitig als Steuermann und Deckmatrose amtierte. An Bord befanden sich schon große Kessel, gefüllt mit frischgekochten Garnelen. Die weiblichen Fahrgäste wurden aufgefordert, die Garnelen zu pulen, und alle Passagiere durften sie dann verzehren. Dazu gab es einen gut gekühlten, herrlichen, trockenen Weißwein.

Zum Vergnügen der Passagiere, wurde auch ein Angelwettbewerb organisiert. Es wurden typische Angelgeräte verteilt und jeder konnte seine Angelschnur über Bord halten und warten, bis am durch die Fahrtgeschwindigkeit zappelnden Angelhaken ein Fisch anbiss. Als erste schrie meine Frau auf: Ich habe etwas am Haken! Viele Hände halfen ihr, die Schnur einzuholen, da es sich offensichtlich um etwas Schweres handelte. Die Überraschung war aber groß, als der Fang sich als ein robustes Stück Ankertau entpuppte. Das meterlange Taustück war mit Verkrustungen versehen, Zeugen einer längeren Zeit im Wasser. Sogar eine ramponierte Kaffeetasse klebte daran. Für diesen Fang, bekam meine Frau immerhin einen Trostpreis. Den ersten Preis erhielt ein Gast, der einen prächtigen Kabeljau an Bord gezogen hatte. Diesen Fisch brachte der Betroffene dann bei der Rückkehr ins Hotel und knallte ihn auf den Tresen des Nachtportiers mit der Anweisung, ihn  im Kühlschrank der Hotelküche zu lagern.

Als wir nach dieser ausgiebigen Seefahrt wieder am Kai anlegten, staunten wir, dass die Gangway so schräg nach oben gestellt war. Wir mussten uns buchstäblich am Geländer hochziehen um wieder an Land zu kommen. So tief war inzwischen die Wasserfläche (infolge der Tide) gesunken!

Im Hotel angekommen, fiel uns auf, dass alles so still war. Das Restaurant war schon geschlossen und es waren kaum Menschen zu sehen. Es war aber ja noch hell am Tage. Jedoch, als wir auf unsere Armbanduhren schauten, merkten wir zu unserem Erstaunen, dass es schon 11 Uhr nachts war. Erst dann wurde uns die Bedeutung der weißen Nächte im hohen Norden bewusst. Zum Schlafen gehen wurden im Zimmer dann die schwarzen Rollläden runter gezogen.

Am nächsten Tag hieß es Abschied von der schönen, drittgrößten Stadt Norwegens zu nehmen. Wir fuhren wieder mit der Bahn, aber diesmal auf einer anderen Strecke, nahe der Grenze Schwedens, in Richtung Dänemark. Eine schöne Landschaft nach der anderen. Hohe Berge, Wasserfälle und Wälder. In Kopenhagen angekommen, mussten wir den Zug wechseln, um über die DDR nach Berlin West zu fahren. Wir hatten mehrere Stunden Zeit. Also stellten wir unsere Koffer ins Schließfach und machten uns auf den Weg.

Kaum hatten wir den Hauptbahnhof von Kopenhagen verlassen, standen wir schon vor den Toren vom Tivoli Park. Es war gerade Öffnungszeit und wir entschlossen uns spontan, dieses Weltwunder zu besuchen. Wir waren überwältigt von den grandiosen Parkanlagen, Minischlössern und anderen Gebäuden, den vielen Restaurants und Konzerthallen. Wir ließen uns verführen und stiegen in eine Achterbahn ein. Sie schien klein und harmlos zu sein. Aber als es losging, fehlten uns die Hände, um uns festzuhalten. Ringsum Geschrei und vorbeifliegende Baumäste. Als die Höllenfahrt endlich zu Ende war, gingen wir mit zitternden Knien weiter und schworen uns:Nie wieder...

Plötzlich hörten wir flotte Marschmusik. Sie schien dort, hinter einigen Hecken, herzukommen. Aber sehen konnten wir nichts. Endlich erschien vor uns die Vorhut einer Militärkapelle in schneidiger Defilierformation. Es war die — wie wir später erfuhren — berühmte Tivoli Garde, die täglich ihre Aufmärsche machte. Nun verstanden wir, warum wir sie nicht sofort sehen konnten: Es waren alles Kinder von etwa 10 bis 12 Jahren! Hinter dem Musikzug fuhr eine von Ponys gezogene Kutsche, in der eine winkende Königin von etwa 7 Jahren (wie man aus den Lücken  in ihrem Milchzähnegebiss schließen konnte) fuhr. Ein märchenhafter Anblick.

Aber dann wurde es schon dunkel. Überall glänzten Lichter und Girlanden, die den Park in ein Wunderland verwandelten. Wir eilten zum Hauptbahnhof zurück, um unseren Zug nicht zu verpassen. Auf der Weiterreise unterhielten wir uns noch lange über die herrlichen Erlebnisse dieses Tages.