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Arbeitsreiche Sommerferien

Die Sommerferien in Argentinien beginnen etwa Mitte Dezember und können sich bis Mitte März des nächsten Jahres ausdehnen. Dies ist hauptsächlich wetterbedingt, hat aber auch den Grund, dass der Januar zum Gerichtsferien-Monat (feria judicial) bestimmt wurde und alle mit der Justiz befassten Tätigkeiten eingestellt werden. Also gibt es fast 3 Monate lang keinen Schulunterricht und die meisten Familien versuchen, in diesem Zeitraum ihre Urlaubspläne einzurichten. Die so genannten Winterferien finden im Monat Juli statt (die kälteste Jahreszeit) und sind meistens auf 10 bis 15 Tage beschränkt.

In den 1940-er Jahren wurde mein Vater arbeitslos. Er war damals in Buenos Aires Vertreter einer US-amerikanischen Firma, die mit Kühlanlagen-Geräten handelte. Die USA waren damals noch nicht am Krieg beteiligt, standen aber offensichtlich auf der Seite der Alliierten gegen Deutschland. Eines Tages, als mein Vater gerade einen seiner amerikanischen Geschäftspartner zu Besuch hatte, kam ich ins Wohnzimmer hinein und begrüßte die Anwesenden mit erhobenem Arm und lautem Heil Hitler Gruß. Ich kam gerade von einem Appell-Antritt zurück und trug meine Pfadfinder Uniform. Der Gast wirkte deutlich schockiert. Der Versuch meines Vaters, die Angelegenheit zu verharmlosen, indem er erklärte, dass es sich lediglich um eine Formsache handelte, da das Deutsch-Argentinische Pfadfinder- Korps von HJ-Führern ausgebildet wurde, reichte nicht aus, um seine unverzügliche Kündigung zu verhindern. Von da ab mussten wir von unseren Ersparnissen und Gelegenheitsarbeiten meines Vaters leben.

Das bedeutete spartanische Lebensbedingungen einzuhalten. Keine Kinos, keine teuren Kleidungen, kein Auto, keine Urlaubsfahrten an den Strand, bescheidenes Essen und so vieles mehr. Mein Vater begegnete der Lage mit Gelassenheit. Früher oder später hätte es ja so kommen müssen. Zu dieser Zeit wurde jeder Deutsche als böser Nazi angesehen und keine anständige Firma der Welt wollte mit so einem Schurken etwas zu tun haben. Schließlich befanden wir uns ja im Krieg und unseren Landsleuten drüben ging es noch viel schlechter. So mein Vater. Ich aber machte mir Vorwürfe, die Situation verantwortet zu haben und versuchte mit allen Mitteln, die Konsequenzen zu mindern.

Also entschloss ich mich, in den nächsten Ferien arbeiten zu gehen, um mir etwas Geld zu verdienen. Mein Vater unterstützte mich gerne dabei und fragte in seinem Bekanntenkreis herum, wo es im Sommer eine offene Stelle gäbe. Bald erfuhr er, dass die Firma Ecke & Co einen technischen Zeichner suchte, um in der Feriensaison die Produktion aufrecht erhalten zu können. Ich stellte mich vor und wurde sofort angenommen.

Die Firma hatte ihren Sitz im Stadtviertel Chacarita, nicht weit von unserer Wohnung entfernt. Die Bahnfahrt dorthin dauerte knappe 10 Minuten. Der Ort Chacarita ist eigentlich bekannt als der größte Friedhofsplatz der Stadt Buenos Aires. Hier befindet sich der städtische Friedhof, aber auch der deutsche und der britische. Letztere liegen auf demselben Grundstück und bilden eine einzige Anlage. Jedoch, als der 2. Weltkrieg ausbrach, wurden die Durchgangstore des trennenden Zaunes geschlossen und jeder Friedhof blieb nur von der Straße aus zugänglich. Mein Arbeitsplatz lag etwa direkt gegenüber dem deutschen Friedhof, auf der anderen Seite der Bahnschienen.

Diese Bahnlinie entstand ursprünglich aus einem vom Unternehmer Federico Lacroze gegründeten Betrieb für Pferdestraßenbahnen. Ende des 19. Jahrhundert wurden auf dieser Strecke auch Dampflokomotiven eingesetzt und die Linie Ferrocarril Central Buenos Aires genannt. Der Vorortstransport wurde jedoch mit den grünfarbigen elektrischen Straßenbahnen betrieben. Der Endbahnhof Federico Lacroze in Chacarita ist weiterhin mit dem gleichnamigen U-Bahnhof verbunden, der die Weiterfahrt in das Stadtzentrum ermöglicht.

Da ich noch minderjährig war, durfte ich nur 6 Stunden täglich arbeiten und mein Gehalt war demnach geringer. Es entsprach aber reichlich meinen Ansprüchen und ich freute mich, diesen Job bekommen zu haben.

Die Firma Ecke beschäftigte sich hauptsächlich mit der Reparatur und Wartung von Einrichtungen und Gebrauchselementen der Molkerei-Industrie. Die im Aufkommen befindliche Kältetechnik — die Spezialität meines Vaters — spielte hier eine große Rolle und ich konnte jederzeit auf seine Erfahrung zurückgreifen.

Die meiste Arbeit in der Werkstatt bestand in der Reparatur von Milchkannen. Es handelte sich um robust gebaute Metallgefäße mit einem Inhalt von 30 bis zu 50 Litern. Diese Kannen wurden von den Bauern mit der frisch gemolkenen Milch an den Wegrand gestellt, um dort von Lastwagen zur weiteren Behandlung abtransportiert zu werden. Die schweren, mit zwei Griffen versehenden Kannen, wurden nicht gerade zimperlich gehandhabt und mussten deshalb öfters repariert werden. Darauf hatte sich unsere Firma spezialisiert.

Meine erste Aufgabe im Zeichenbüro bestand jedoch in der Lohnbuchführung für die Belegschaft der Werkstatt. Alle 15 Tage musste ich eine Tabelle herstellen, in der die Reperaturstunden jedes Teiles eingetragen wurden, zusammen mit der Zeit, die jeder daran beteiligte Handwerker gebraucht hatte. Daraus ergaben sich die auszuzahlenden Löhne sowie auch die Kosten der Reparatur jedes Elementes. Ich fertigte eine vorprogrammierte Tabelle an, in der ich bloß die Baunummer der Reparaturarbeit einzugeben brauchte, um sofort den auszuzahlenden Lohn und die dem Element zuzurechnenden Kosten zu ermitteln. Das ersparte mir viel Arbeit und ich konnte mehr Zeit meinen technischen Zeichnungen widmen.

Am Anfang ereigneten sich allerdings etliche Auseinandersetzungen mit den Arbeitern wegen der Lohnabrechnungen. Wenn jemand glaubte, er hätte mehr verdient, als ich ihm vorgerechnet hatte, kam er wütend in mein Büro, um sich zu beklagen. Als ich ihm aber meine Tabelle vorlegte und er sich überzeugen musste, dass ich keinen Rechenfehler begangen hatte, musste der Kläger einsehen, dass er im Unrecht war und ging murrend davon.

Da die Milchkannen ja Standardprodukte waren, bezogen sich meine Zeichnungen grundsätzlich auf Kühlanlagen für die Molkerei-Industrie. Aber auch einige Sonderprojekte musste ich entwerfen, wie zum Beispiel eine Kältekammer für eine Militärkaserne. Natürlich holte ich mir hierbei den Rat meines Vaters. Als die Pläne fertig waren, sollten sie noch mit dem Auftragsgeber abgestimmt werden. Also begab ich mich in die Kaserne des 1. Infanterieregiments im Stadtviertel Palermo. Als ich über den Kasernenhof in Richtung des Büros des zuständigen Oberst ging, überfiel mich ein mulmiges Gefühl. Wie würde ich — als 17-jähriger Student — einer so hohen Persönlichkeit entgegentreten? Ich war zwar körperlich großgewachsen und trug, trotz der Sommerzeit, einen Anzug und Krawatte, fühlte mich aber innerlich noch als ein Grünschnabel.

Der Oberst empfing mich sehr freundlich und vorurteilsfrei. Wir tranken erst den üblichen cafecito und dann erläuterte ich ihm das Projekt. Es war eine rein technische Besprechung und wir wurden uns bald über die Anlage einig. Erleichtert kehrte ich ins Büro zurück und fühlte mich wie ein echter Profi!

Die drei Sommerferien, die ich in dieser Firma verbrachte, prägten mein ganzes Leben. Es war eine lehrreiche und amüsante Zeit. Nur ein unverhoffter Zwischenfall hat diese Periode getrübt.

Eines Tages, als ich an meinem Zeichentisch saß, fiel mir das Radiergummi zu Boden. Ich bückte mich sofort, um es aufzuheben. Als ich mich erhob, hatte ich nicht bemerkt, dass das Gummi etwas weiter gerollt war und ich mich nun an einer anderen Stelle befand. Mein Kopf knallte mit voller Wucht gegen die spitze Metallkante des offenstehenden Fensterflügels!

Nach dem ersten black out fand ich mich wieder, am Reißbrett sitzend, mit dem Kopf auf meine Hände gestützt. Ich spürte den Schweiß auf meine Zeichnung tropfen. Dachte ich! Als ich die Augen öffnete, sah ich die Blutlache auf dem Zeichentisch. Zur selben Zeit hörte ich das laute Kreischen der Sekretärin meines Chefs, die mit Entsetzen auf mein blutüberströmtes Gesicht starrte. Prompt wurde ich in den Erste- Hilfe- Raum der Werkstatt gebracht, um dort sorgfältig betreut zu werden Man forderte mich danach auf, mich auszuruhen und brachte mir eine Tasse heißen Mate (ein in Südamerika üblicher Tee). Da ich bevorzugte, bei der großen Hitze etwas Kaltes zu trinken, wurde mir erklärt, dass der Mate die Fähigkeit hätte, den Körper sofort ins Schwitzen zu bringen und dadurch die Körpertemperatur zu mindern. Danach fühle man sich erfrischt und gestärkt. Und so war es auch.

Nach einigen Tagen mit Kopfschmerzen und dem Tragen eines schützenden Panama- Hutes in der Sonne hatte ich den Vorfall schon vergessen. Nur eines blieb nach: ich fühlte mich durch diesen Vorfall mit der Belegschaft enger verbunden als zuvor. Jeder, der mir entgegen kam, fragte höflich: Na, mein Junge, geht es dir schon besser? Ich war nicht mehr der fremde Student, der ihre Lohnabrechnung kontrollierte, sondern einer von ihnen.

Einige Jahre später, im Januar 1945, wurde ich zum Militärdienst eingezogen. Ich musste mich in der Kaserne des 1. Infanterieregiments melden, wo die Musterung stattfinden und danach der Bestimmungsort angewiesen werden sollte. Diesmal wurde ich nicht von einem Oberst auf Augenhöhe empfangen, sondern musste vor einem kleinen Gefreiten strammstehen und dann stundenlang auf dem von der Sonne erhitzten Kasernenhof sitzen, bis ich aufgerufen wurde. Da wir so viele Rekruten waren, wurde ein Teil von uns am Ende des ersten Tages wieder nach Hause geschickt mit der Anweisung, uns am nächsten Morgen wieder zu melden. Am zweiten Tag passierte wieder nichts, nur das ewige Warten auf dem Kasernenhof. Erst am dritten Tag wurde ich aufgefordert, zur Musterung anzutreten. Hier erfuhr ich, dass mein Bestimmungsort die Pionier Schule in Concepción del Uruguay, Provinz Entre Rios, sein würde. Abfahrt am nächsten Tag um 8 Uhr vom Bahnhof Federico Lacroze.. Für die Tagesfahrt sollte jeder seinen Proviant mitbringen. Zum Kauf von Getränken und Zigaretten würden wir ein Taschengeld erhalten.

Am nächsten Morgen begleiteten mich meine Eltern und meine Freundin zum Bahnhof. Hier wartete schon ein sehr langer Zug mit Dampflokomotiven- Antrieb. Hunderte von Rekruten und ihre Familien nahmen Abschied voneinander. Die Wartezeit war kurz und kaum hatte der Zug den Hauptbahnhof verlassen, kamen wir schon an den für mich bedeutungsvollen Plätzen vorbei. Links der deutsche Friedhof mit der Grabstelle von Kapitän Langsdorf (An dessen Begräbnis ich 1939 teilgenommen hatte). Auf der rechten Seite konnte ich noch klar meine ehemalige Arbeitsstätte sehen.

Vor mir die Ungewissheit.

(Siehe auch meine Geschichten Internierung in Argentinien und Kriegsende in der Ferne).