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Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945; Gefechtstross verlegt nach Mezzano

Meine Kriegserlebnisse 1940 - 1945

Kapitel 22 — Gefechtstross verlegt nach Mezzano

Die Zeit vergeht schnell mit einigen Abwechslungen, wie Panzerfaust- und Ofenrohrschießen usw. Bald wird der Gefechtstross verlegt, es geht nach Mezzano, einem Städtchen, dessen hervorstechendstes Merkmal eine Zuckerfabrik ist. Da eine Fernkampfbatterie in der Nähe steht, sind die Jabos ständige Gäste. Die Kompanie führt jetzt wieder Lt. Hesse, Lt. Hickmann ist zu einem Lehrgang kommandiert worden. Ich soll einen 8-cm-Zug aufstellen, der mit italienischen Werfern ausgerüstet wird, die den deutschen 8-cm-Granatwerfern durchaus gleichwertig sind. Da ich mir die Leute aussuchen kann, wird der Zug sehr gut. St.U. (Stellungsunteroffizier) ist Schorsch Schulz, R1 (Richtkreisunteroffizier) Hans Bengelsdorf. Kurze Zeit danach stellt auch Otto Bannert einen ähnlichen Zug auf. Wir treiben fleißig Werferausbildung und führen im Übrigen ein schönes Leben. Schweineschlachten, Kuchenbacken usw. sind die Höhepunkte. Die nötigen Rohstoffe werden in der Gegend teils gekauft, teils ehrlich gefunden.

Eines Tages kommt ein Funkspruch vom Kp.-Gef.-Stand, ich solle sofort nach vorn kommen. Ich fahre noch in derselben Nacht mit Groß vor, erfahre aber dann am Gefechtsstand, dass die Sache auf einem Irrtum beruhe und längst widerrufen sei. Ich habe nur den zweiten Funkspruch nicht mehr rechtzeitig erhalten. So fahre ich mit einem unserer Munitions-LKW's wieder zurück zum Troß. (Lt. Hesse hatte den ersten Spruch aufgegeben, als er von der B-Stelle, die gerade Obj. Kiefer führte, einen Funkspruch bekommen hatte: Obj. Kiefer gefallen, und da kein anderer VB vorn war, sollte ich einspringen. Es war aber nicht Kiefer, sondern Obj. Weiss, sein Funker und ein feiner Kerl, der gefallen war).

Eines Tages kommt Lt. Hesse zum Troß. Die italienischen Werfer und ihre Munition sollen zum ersten Mal erprobt werden. Fw. Bourens, unser Waffenbulle, hat eine Menge italienische 8-cm-Munition besorgt, doch hatte diese im Wasser gelegen und trotz sorgfältigem Trocknen weiß niemand, ob sie noch verwendbar ist.

Die beiden Werferzüge werden rechts und links eines Gehöftes in Stellung gebracht. Ziel ist ein Holzschuppen, etwa 800 m entfernt. Die B-Stelle und die Zuschauer verteilen sich auf eine Reihe von hohen Heuhaufen und Dächern. Das Schießen wird ein ausgesprochener Heiterkeitserfolg. Die Treibladungen sind durch das Wasser so verdorben, dass etwa die Hälfte aller Schüsse nur drei bis dreißig Meter weit gehen. Einzelne Granaten fallen gerade noch aus dem Rohr und von einer erscheint nur der rote Kopf aus der Mündung, um dann wieder zurückzurutschen. Unsere Zuschauer, voran Spieß und Schreibstubenpersonal, haben sich schleunigst in sichere Entfernung verzogen, obwohl kein einziger der Kurzschüsse krepiert. Die Zünder werden bei der geringen Geschwindigkeit nicht scharf. Es ist klar, dass die Wassermunition für den Einsatz ungeeignet ist. Wir können sie höchstens im Notfall zum Übungsschießen verwenden.

Nachher findet ein Unteroffiziersabend statt, der sehr nett beginnt, aber ziemlich gewalttätig endet. Bald darauf geht es wieder weiter, diesmal kommt der Tross in die Gegend von Lugo in ein Dorf bei Fusignano. Mein Zug zieht den Haupttreffer, wir kommen in einen großen Bauernhof zu sehr netten Leuten, die außerdem einen ausgezeichneten Wein im Keller haben. Wir leben sehr gut, wegen des meist schlechten Wetters lasse ich fast nur Innendienst machen.

An einem Sonntag fahre ich mit den beiden Töchtern auf Fahrrädern nach Lugo. Leider ist die schöne Zeit sehr schnell vorbei, wir müssen wieder weiter. Beim Abschied muss ich so viele Abschiedsbecher mit unseren italienischen Freunden leeren, dass ich mit schwerer Schlagseite in den Wagen steige.

Diesmal kommt der Tross in einen Ort links der Straße Bologna-Medicina. Mein Zug, der neue 10 cm-Werfer erhält, kommt in zwei benachbarte große Häuser. Auch hier gibt es guten und vielen Wein, so dass an Feiern kein Mangel ist. Es kommt ein Transport Nachersatz zur 13. Kompanie, der beim Ausbildungsbataillon unter unserem alten Chef, Hptm. Gerken, am Granatwerfer ausgebildet worden ist. Führer ist Fw. Krönert, dem Fw. Oboda beigegeben ist. Beide tun uns Oberjägern gegenüber zuerst ziemlich steif und scheinen sich aufgrund ihrer gründlichen Ausbildung über uns sehr erhaben zu fühlen. Darauf beschließen wir, d.h. der Spieß (Kompanie-Hauptfeldwebel), Bourens und ich, ihnen einen Denkzettel zu erteilen.

Der Nachersatz soll als 8-cm-Zug bei einem Schulschießen zeigen, was er kann, mit unserer Wassermunition. Ich soll als Aufsicht in der Feuerstellung wirken, mit dem geheimen Auftrag, jeden Fehler unnachsichtlich zu beanstanden. Fw. Krönert ist auf der B-Stelle, Fw. Oboda ist St.U. Schon die ersten Kurzschüsse machen die neuen Leute nervös und als ich noch beginne, pausenlos Bedienungs-, Richt- und Kommandofehler zu beanstanden, ist es ganz aus. Oboda ist puterrot im Gesicht, kann mich aber nicht loswerden, da ich ja Aufsicht bin.

Nach diesem Schießen werden dann die beiden schwer geknickten Feldwebel sehr umgänglich und kameradschaftlich.

Ende Oktober bekomme ich Befehl, wieder in die Stellung zu kommen, ich soll wieder bei Lt. Hesse Kompanietruppführer machen, da Wamsler auf einen Lehrgang kommt. Ich behalte aber trotzdem meinen Zug. Es geht also wieder einmal mit Groß nach vorn, durch Bologna, dann auf der Via Emilia nach Süden bis zum Gefechtstross, der zwei bis drei Kilometer links von der Emilia liegt. Von dort geht es wieder zur Emilia zurück, noch ein Stück weiter nach Süden und dann rechts in die Berge. Wir müssen den Wagen öfters aus dem Graben oder einen steilen Schlammweg heraufschieben, doch schließlich sind wir am Ziel, der Bergkirche Casalecchio, wo unser Kp.-Gef.-Stand liegt. Casalecchio ist umgeben von Pfarrhaus und einigen Gutsgebäuden und liegt einige Kilometer südwestlich von Castel San Pietro an der Via Emilia. Im Keller des Pfarrhauses, einem gemauerten Bogengewölbe, ist unser Gefechtsstand. Außerdem haben wir noch tiefer gegraben und unter dem Keller noch einen weiteren Unterstand gebaut. Der 12-cm-Zug mit Heini Wagener als St.U. liegt etwa 200 m dahinter am Berghang in zwei Bunkern. Die Front ist ruhig, lediglich örtliche Späh- und Stoßtrupptätigkeit. Die Zeit verbringen wir meist mit Schach- und Kartenspielen. Obj. Berger ist eine Schachkanone. Im gleichen Keller wie wir liegt ein Btl.-Stab eines Luftwaffenregiments. Das Artilleriefeuer auf uns ist sehr gering. Ab und zu tauchen einzelne Italiener auf, doch meist bleiben sie in ihren sicheren Unterständen, die sie einige hundert Meter weiter unten in den Berg gegraben haben. Eines Tages greifen uns überraschend zwei amerikanische Thunderbolt-Jabos an. Jede Maschine wirft im Sturz zwei große Phosphorbrandbomben und feuert aus allen Waffen. Eine Bombe trifft in die Küche über unserem Keller, wo eine alte Italienerin, die zufällig da ist, getötet wird und verbrennt, eine zweite landet im größten Gebäude neben uns, das, wie auch unser Pfarrhaus, restlos abbrennt. Ein Ogfr. des Lw-Regiments, der im Hofe war, bekommt einen MG-Kopfschuß und ist sofort tot. Unser Keller wird zu heiß und wir ziehen aus dem brennenden Hause aus, um einige Stunden später, nachdem die Hitze nachgelassen hat, wieder einzuziehen. Zum Glück ist unser Gewölbe stehengeblieben. Einige Zeit danach erscheinen mehrere Pfarrer aus ihren Höhlen, um den Schaden zu besehen. Einer von ihnen, 70 Jahre alt und schon sehr tatterig, gibt uns trotz allen Unglücks etwas zu lachen. Einer unserer Obergefreiten will ihn mit einer Flasche Cognac trösten, worauf er sich in seinem Kummer restlos betrinkt.

Am 9. November werde ich, zusammen mit Paul Sewczyk und Heini Wagener Feldwebel. Es folgt eine Feier, die 24 Stunden ohne Pause dauert und uns restlos kampfunfähig macht. Besonders Ofw. Sörgel, unser sehr beliebter Sanitäter, fällt ziemlich aus der Rolle und schämt sich danach drei Tage lang. Paul Sewczyk gibt eine unfreiwillige, äußerst komische Vorstellung und wird am nächsten Mittag, blau wie eine Strandhaubitze, unter der Obhut von zwei Meldern zu seinem Zuge zurückgeschickt, was nicht ohne Zwischenfälle abgeht. Zuerst will er die Melder mit seiner MP verprügeln und als sie ihm die Waffe abnehmen, schläft er unterwegs ein und muss bis an den Fuß des Berges, auf dem sein Zug in Stellung ist, getragen werden, wo dann Verstärkung geholt wird und Paul schließlich heil am Ziel abgeliefert werden kann. Oben angelangt, wacht er auf und trinkt eine neue Flasche Cognac, worauf er wieder einduselt.

Unser Krad ist reparaturbedürftig und muss zum Tross. Ich kann mitfahren, um bei meinem Zug, der noch dort in Ruhe liegt, nach dem Rechten zu sehen. Wir dürfen erst um 17.00 Uhr starten wegen der Jabogefahr. Gustl Laukner fährt, ich sitze im Beiwagen, unser Akkordeon, das auch zum Tross soll, auf dem Schoß. Zuerst geht es über üble Feldwege bis zur Emilia und dann mit 80 Sachen nach Bologna, wo wir, begleitet von gräulichen Mißtönen des Akkordeons, einfahren. Wir wollen uns die Stadt gründlich ansehen, doch leider ist Bologna am Tage vorher zur offenen Stadt erklärt worden und durch Feldgendarmerie abgesperrt. Wir müssen uns mit einer Vorstadtkneipe begnügen und fahren bald weiter nach Norden. Spät am Abend treffen wir beim Troß ein, das Krad wird dem Schirrmeister übergeben und wir gehen zu meinem Zug, wo wir mit großem Hallo empfangen werden. Eine Grande Festa ist gerade im Gange. Wir feiern bis zum Morgen und legen uns dann aufs Ohr, um eine kurze Stunde zu schlafen. Noch bei Dunkelheit müssen wir schon wieder aufstehen. Das Krad ist repariert und wir fahren wieder frontwärts, beide noch reichlich beduselt. In Bologna ist das Finden der richtigen Ausfallstraße, der Emilia, offenbar zu viel für uns, denn als wir wieder nach Süden fahren, kommt uns die Gegend unbekannt und äußerst seltsam vor. Wir fahren auf Schotter statt auf Beton, Häuser und Bäume längs der Straße sind durch Artilleriefeuer restlos zerstört. Wir wundern uns zwar darüber, aber sonst kommt uns bei unserem benebelten Zustand nichts in den Sinn. Es herrscht dichter Morgennebel.

Wir passieren ein paar Infanteristen, die in Deckung liegen und uns heftig zuwinken. Wir winken freundlich zurück. Schließlich halten wir auf einer kahlen Höhe. Rings um uns ist der Boden durch Panzerketten zerwühlt, was uns endlich doch zu denken gibt. Schließlich kommt uns die Erleuchtung, dass wir auf der falschen Straße sein müssen. Wir drehen um und fahren zurück nach Bologna, wo wir jetzt die Via Emilia finden und glücklich , wenn auch mit reichlicher Verspätung, wieder bei unserer Kompanie eintreffen. Wie wir nachher rekonstruierten, waren wir in der Gegend des heißumkämpften Futapasses gewesen und im Vorfeld zwischen den Linien herumgegondelt. Nur der dichte Nebel hatte uns gerettet.