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Das kann doch wohl nicht wahr sein!
… zwei, drei, vier!

In den frühen 70er Jahren wurde ich von meinem Arbeitgeber auf eigenen Wunsch nach Mainz versetzt und wohnte ein paar Jahre dort in der Nähe dieser Faschingsmetropole. Der Name dieses Ortes spielt keine Rolle. Es war eine Großgemeinde, die Wert auf Industrieansiedlungen legte und daher gab es dort mehrere Neubausiedlungen. Ich wohnte auf dem Goldberg, ursprünglich nur eine Lagebezeichnung für den dort früher angebauten Wein. Die Siedlung bestand aus einigen markanten Hochhäusern und etlichen Reihenhauszeilen nebst Mini-Einkaufszentrum und ist auch heute noch in der sanfthügeligen Landschaft weit sichtbar.

Als Junggeselle mietete ich dort eine für meine Verhältnisse recht große Wohnung, denn ich musste auch daheim einen Teil meiner dienstlichen Tätigkeit ausführen, z.B. Berichte schreiben usw. und da war es gut, ein eigenes Bürozimmer zu haben. Ich hatte mir neben meinem ersten Dienstwagen, den ich leider nur beschränkt privat benutzen durfte, auch einen kleinen VW-Käfer älterer Bauart angeschafft. Deshalb mietete ich mir auch gleich zwei Garagen dazu.

Die Frühjahrstagung für die Außendienstmitarbeiter wurde wieder einmal in Berlin ausgerichtet und ich musste aus Kostengründen meinen Kollegen aus T. mitnehmen. Er kam mit seinem privaten Audi 100 und großem Gepäck angerauscht und wir mussten uns bei starkem Regen mit dem Umpacken ganz schön beeilen. Er stellte seinem Wagen bei mir in die Garage und ab ging es nach Berlin. Meinen kleinen VW-Käfer hatte ich meiner damaligen Bekannten geliehen, die in Frankfurt/M. wohnte. Sie war schon früher losgefahren.

Es war die letzte Woche im April 1971. Die Tagung endete am Donnerstag, Rückreisetag war offiziell Freitag, der 30. April, aber wer wollte, konnte auch das Wochenende noch in Berlin bleiben. Samstag, der 1. Mai und der anschließende Sonntag luden förmlich dazu ein! Trotzdem entschieden wir uns, schon am Freitag zurückzufahren. Wir hatten nicht nur eine relativ große Entfernung zu bewältigen, damals musste man ja auch noch mit Zeitverzögerungen wegen der Grenzkontrollen in Helmstedt rechnen. Es gab noch die DDR und manche Grenzkontrolleure machten sich offenbar einen Spaß daraus, die Westler bei den geringsten Verstößen gegen die DDR- Straßenverkehrsordnung herauszuwinken und anschließend zu filzen. Da kamen dann durchaus schon mal etliche Stunden Wartezeiten hinzu. Aber wir kamen gut durch und es ging dann über Braunschweig und Salzgitter auf die A 7 in Richtung Göttingen. An der dortigen Raststätte wollten wir kurz Pause machen und etwas essen. So der Plan, aber es kam ganz anders.

Schon etliche Kilometer vor Göttingen gab es eine Großbaustelle. Wegen des Wochenendverkehrs, der noch verstärkt wurde durch den Ausflugsverkehr anlässlich des 1. Mai, kam es zu kilometerlangen Verkehrsstaus, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Bei dem stop and go Verkehr im Stau merkte ich, dass mein Wagen rechts hinten irgendwie hoppelte. Ich führte das anfangs auf den schlechten Straßenbelag zurück, aber es dauerte nicht lange, da klopfte ein netter Mensch an unsere Scheibe und wies darauf hin, dass wir einen Platten hätten. Und so war es auch. Also ran an die Seite, Koffer raus, Wagen aufgebockt, Reserverad ausgebuddelt und die blöden Bemerkungen der langsam Vorbeifahrenden mit ebenso blöden Bemerkungen abgeblockt. Es war mein zweiter Radwechsel überhaupt, ich schaffte es aber in relativ kurzer Zeit, wobei mich mein Kollege zwar tatkräftig, jedoch ziemlich böse dreinblickend unterstützte. Mit seinem teuren Audi 100 wäre das sicher nicht passiert! Aber der stand ja nun einige Hundert Kilometer entfernt bei Mainz in einer Garage und wartete auf seine Rückkehr.

Nachdem diese missliche Episode überstanden war, kehrten wir in der Raststätte Göttingen ein und die Ehefrau meines Kollegen, die an der Reise teilnahm, fing an zu unken. Wenn Ihnen das nun nochmals passiert, dann sind wir doch aufgeschmissen! Kaufen Sie sich doch bitte noch ein Reserverad, man kann ja nie wissen! Das fanden wir beide, mein Kollege und ich nun doch ziemlich lächerlich, denn zwei Mal das gleiche Malheur auf einer Fahrt, das sei doch sehr unwahrscheinlich. Ich hatte übrigens auch gar nicht mehr so viel Geld dabei, um mir diesen Luxus zu leisten.

Zu Beginn der Reise hatte ich den Reifendruck auf allen Rädern geringfügig erhöht. Vielleicht lag es daran, dass dem jetzt kaputten Reifen die Luft ausgegangen war. Also fuhr ich an die Tanke um dort wieder ein wenig Druck abzulassen. Ich hoffte nun, dass dies ausreichen würde, um unbeschadet nach Haus zu kommen.

Bei Friedberg in Hessen hatte die Autobahn schon in den frühen 70er Jahren drei Fahrspuren. Rasant ging es auf der Mittelspur den Berg hinunter, nicht zu schnell, aber durchaus flott. Wieder bemerkte ich ein Flattern, diesmal aber in der Lenkung und brachte es wieder mit dem vielleicht schlechten Straßenbelag in Zusammenhang. Was für ein Irrtum! Ich fuhr dann etwas langsamer, denn mein Kollege wies mich darauf hin, dass einige vorbeifahrende Wagen immer wieder auf uns deuteten und seltsame Bewegungen machten. Wieder walkte ein Rad an meinem Wagen, diesmal war es wohl der rechte Vorderreifen. Ohne das genau zu wissen, fuhr ich noch ein paar Kilometer weiter, aber mit geringerer Geschwindigkeit und lenkte dann den Wagen in die damals gerade im Bau befindliche Tankstelle, die dort für die US-amerikanische Gemeinde gebaut wurde. Das ist nun schon fast Frankfurt/M. Dort besahen wir uns dann den Schaden und waren ziemlich ratlos, denn mein Reserverad war ja schon kaputt. Und was nun? Die Vorwürfe der Frau meines Kollegen, die das ja förmlich herbeigeunkt hatte, höre ich heute noch!

Es musste nun irgendwas geschehen, aber was? Also, bis zu mir nach Hause waren es vielleicht noch 60 km. Ich musste versuchen, meine Bekannte anzurufen. Sie müsste mit meinem VW-Käfer dort hinkommen, dann würden wir gemeinsam Richtung  Mainz fahren, der Kollege mit seiner Frau könnte dann gleich in seinen Wagen umsteigen und nach T. weiterfahren, ich würde zwei meiner Winterreifen einladen, zur Baustelle zurückfahren und die Reifen aufziehen! Der Rest wäre dann kein Problem mehr. Aber da gab es noch einen Haken. Weit und breit keine Telefonzelle. Wie denn auch, wir waren ja auf einer Baustelle! Und Handys gabs damals noch nicht!

Wir entdeckten einen Tunnel, der unter der Autobahn auf die andere Seite führte. Den durchliefen wir mit aufgestelltem Gefieder in gebückter Haltung und fanden auf der anderen Seite tatsächlich eine Telefonzelle. Meine Bekannte war Gott sei dank zu Haus und sofort bereit, uns zu helfen. Es klappte alles, wie geplant. Sie musste zwar nur gut 15 km fahren, kam aber trotzdem erst etwa eine Stunde später dort an. Sie brachte auch ihr Söhnchen mit. Alle hätten wir schon wegen des großen Gepäcks meiner Mitfahrer nicht in den Käfer gepasst und so entschloss sich die Bekannte, mit dem Sohn in das defekte Fahrzeug umzusteigen und dort auf meine Rückkehr zu warten.

Während ich mit dem Käfer und meinen Mitfahrern Richtung Mainz düste - das war für

sie natürlich der unbequemste Teil der Reise - wurde meine Bekannte mehrmals von der Verkehrspolizei und ADAC-Leuten angesprochen. Sie sagte immer, Hilfe sei schon unterwegs, denn sie wusste ja, dass ich bald wieder zurückkommen würde.

Eine knappe Stunde später waren wir dann am Ziel. Ich parkte vor meiner zweiten Garage, in der anderen stand ja der Wagen des Kollegen. Als das Garagentor aufging und er seinen geliebten Audi sah, hörte man richtig, wie bei ihm ein Riesenstein vom Herzen fiel. Aber noch war das Abenteuer nicht abgeschlossen. Eine Überraschung hatte das Schicksal für uns noch parat!

Der Kollege war ja neulich bei strömenden Regen angekommen und hatte seinen nassen Wagen sofort in die Garage gestellt. Obwohl die sehr gut durchlüftet war, waren offenbar alle Bremsbacken festgerostet. Der Motor startete zwar sofort, aber mit eingelegtem Rückwärtsgang bäumte sich der Wagen nur auf und der Motor schmierte ab.

Es war ein Bild für Götter! Die Ehefrau intonierte in dem Augenblick, in dem sie das sah, einen Kreischgesang zu dem Satz: Das kann doch wohl nicht wahr sein!, den sie dann in mehreren Variationen und Tonlagen wiederholte. Sie war den Tränen nahe. Während dessen stieg der ratlose Kollege, nun völlig entnervt, aus seinem Wagen. Ich ahnte, was da geschehen war, da ich ähnliches schon selbst erlebt hatte und ermunterte ihn, es noch einmal zu versuchen. Mit einem Knall befreite sich der Audi aus der Rostfalle und stand nun auf dem Platz vor der Garage. Natürlich hatte ich Angst, dass beim Runterfahren auf die Hauptstraße die Bremsen versagen könnten und empfahl, den Wagen kurz auf die kleine Höhenstraße zu lenken, um festzustellen, ob alles in Ordnung sei. Ich rannte dann nebenher und gab immer mal kurze Anweisung zu bremsen. Es schien alles okay zu sein. Als wir dann am Abend noch kurz miteinander telefonierten, erfuhr ich, dass es auf der Heimfahrt nach T.  keine weiteren Pannen mehr gegeben hatte.

Ich packte nun zwei meiner Winterreifen in den Käfer und fuhr sofort wieder nach Frankfurt/M. Als ich an der Baustelle ankam, wo mein Dienstwagen stand, war es schon ziemlich dämmerig, aber ich schaffte es noch, die Winterreifen bei Tageslicht aufzuziehen. Dann fuhr ich den Wagen recht langsam in Richtung Mainz, meine Bekannte mit dem Käfer immer hinterher. Als wir ankamen, war es total dunkel.

1969 und 1970 waren gute Weinjahrgänge. Ich hatte einige Flaschen vorrätig. Es wurde dann noch ein wunderschöner Abend!

Übrigens, meine Bekannte von damals habe ich ein Jahr später geheiratet.

Heuer, im Jahre 2005 feiern wir unseren 33. Hochzeitstag!