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Der geschenkte Führerschein

Mein Großvater war in Berlin bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts Droschkenkutscher, heute sagen wir dazu Taxifahrer. Sein Ältester, also mein Vater, stieg sofort nach seiner Lehre ebenfalls auf den Bock, machte mit knapp 17 Jahren seinen Personenbeförderungsschein und war damals wohl der jüngste Taxichauffeur in Berlin. Er war dann seit Ende der 20er Jahre Privatchauffeur bei einem Gewürzfabrikanten. Als kleines Kind nahm er mich gelegentlich mit seinem Wagen ein paar Straßenzüge mit. Ich erinnere mich, dass es in dem Fahrzeug intensiv nach Benzin roch und dieser Geruch steckte auch in seiner Lederbekleidung, die er als Privatchauffeur damals selbstverständlich tragen musste.

Mein Vater verbrachte also bis zum Kriegsbeginn 1939 sein Leben hinter dem Volant, was ihm offenbar gefiel, denn gleich nach dem Krieg noch im Jahre 1945 bewarb er sich bei den Amerikanern in der Berliner Finkensteinallee und war dann bis zu seiner Pensionierung Anfang der 70er Jahre als Zivilfahrer als so eine Art Urgestein dort beschäftigt.

Nach dem Krieg besuchte ich in Berlin die Oberschule, heute sagen auch die Berliner wieder Gymnasium zu diesem Schultyp. Noch während der Schulzeit wollte mein Vater mir den Führerschein - ich meine zum 18. Geburtstag - schenken, aber ich wehrte mich mit Händen und Füßen dagegen. Ich hatte ganz seltsame Ahnungen, denn zu dieser Zeit wohnte ich bei den Großeltern und ich konnte mir vorstellen, dass er sich denken würde, der Junior könnte doch bald auf seinen eigenen Füßen stehen, wieso muss ich da noch weiter Unterhalt an die Großeltern zahlen? Die beiden Schwestern standen zu dieser Zeit tatsächlich schon auf ihren eigenen Beinen, hatten einen Beruf und gaben schon bei den Großeltern Kostgeld ab - anders der Herr Sohn! Hätte ich dieses großzügige Geschenk angenommen, dann hätte ich bestimmt irgendwann keine andere Wahl mehr gehabt und hätte wahrscheinlich meine Karriere als Berufskraftfahrer begonnen und irgendwann - wie er - auch beendet. Das wollte ich auf keinen Fall, also lehnte ich dieses Geschenk ab. Dass man damals die Pappe fürn Appel undn Ei bekommen konnte, war mir schnuppe.

Ein eigenes Auto hätte ich mir seinerzeit gar nicht leisten können und in Berlin brauchte man zu dieser Zeit auch keinen eigenen fahrbaren Untersatz. Das öffentliche Nahverkehrsnetz war hervorragend organisiert und die Preise zivil. Im Übrigen hatte man damals irgendwie viel mehr Zeit als heute, und wenn es mal sein musste, gab es ja auch noch Taxen. Auch die waren damals noch erschwinglich, zumal wenn man zu dritt oder gar zu viert fuhr.

Jahre später, als ich wirklich eine Fahrerlaubnis brauchte, weil ich in den Außendienst gehen wollte, der bessere Aufstiegschancen bot, kostete sie schon ein Vielfaches von dem, was mein Vater hätte investieren müssen. Aber wer konnte das im Jahre 1953 schon ahnen?

Das Schicksal meinte es jedoch noch einmal gut mit mir. Ein wohl meinender Vorgesetzter fand heraus, dass meine Dienststelle sogar die Kosten für den Führerschein übernehmen konnte. So habe ich dann meine Fahrstunden Ende 1966 / Anfang 1967 in Hannover gemacht, wo man zu der Zeit kein Geld hatte, die Straßen von Eis und Schnee freizuschippen. Und ich muss sagen, das war das Beste, was mir passieren konnte. Autofahren bei Eis und Schnee hat mir nie etwas ausgemacht.