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Mein erster Flug mit einer Passagiermaschine

Ich hatte mir nie etwas daraus gemacht, mich schnell fortzubewegen. Da ich recht unsportlich war, schaffte ich als Schüler die 100 m-Strecke in 25.9 sec. Das war meine Bestmarke, meist bin ich aber gar nicht angekommen, weil ich immer der letzte war. Um mich dann doch ein bisschen schneller fortzubewegen, hatte ich auch ein Fahrrad, aber das stand seit 1954 im Keller und rostete vor sich hin. Im Jahre 1956 begann ich meine berufliche Laufbahn bei einer Berliner Behörde. Aber zur Arbeit mit dem Rad? Das ging nicht aus zweierlei Gründen, erstens musste man immer ordentlich angezogen sein, Hemd mit Schlips war Standard und so kann man nicht Rad fahren, und zweitens hätte ich eine Strecke von ca. 15 km fahren müssen - Großstadtverkehr! Das wäre mir zu anstrengend gewesen. Gleitende Arbeitszeit gab es damals auch noch nicht, und - sagen wir mal so, wenn ich mich anstrenge, finde ich sicher noch ein paar gute Gründe.

In Berlin der 50er/60er Jahre gab es ein relativ dichtes Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln, man brauchte nicht einmal einen Fahrplan, denn die Busse und Bahnen fuhren in recht kurzen Abständen. Ein eigenes Auto konnte ich mir zu dieser Zeit noch nicht leisten, das wäre auch reiner Luxus gewesen, denn wie gesagt, man kam mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut voran. Ich war lange Zeit Anhänger der bequemen, althergebrachten Art sich fortzubewegen und wenn es noch Postkutschen gegeben hätte, wär ich mit dieser Art der Fortbewegung zufrieden gewesen. Überdies war ich bodenständig. Bis zum Mauerbau 1961 war ich nur wenige Male in Westdeutschland, meist waren es Bus-Reisen. Mit dem Flieger zu reisen, um schneller an sein Ziel zu gelangen, kam mir nicht in den Sinn.

Wer von Berlin auf dem Landweg nach Westdeutschland wollte, musste zwangsläufig durch die DDR und brauchte noch bis etwa 1953 den sog. Interzonenpass. Die Bürger der selbständigen politischen Einheit Westberlin, wie die Westberliner seit Mitte der 60er Jahre im DDR-Jargon bezeichnet wurden, hatten nur einen Behelfsmäßigen Personalausweis, leicht an der grauen Farbe zu erkennen, den man übrigens auch in Westberlin ständig bei sich haben musste. Ich hatte den Eindruck, dass wir schon dann, wenn die Grenzer diesen Ausweis sahen, einen schlechteren Stand hatten als die anderen. Um 1960 herum wurden die Kontrollen der DDR-Grenzposten haariger und manch einer musste Bemerkungen über die willkürliche Behandlung anderer Leute herunterschlucken, um nicht selber in die Mangel zu geraten. Deshalb wurden Flüge von und nach Berlin immer beliebter, denn in den drei Luftkorridoren gab es keine DDR-Kontrollen!

Jede der drei westlichen Besatzungsmächte hatte das Recht, unkontrolliert über DDR-Hoheitsgebiet zu fliegen. Die USA hatten die PANAM beauftragt, die Engländer die BEA und die Franzosen die Air France. PANAM und BEA flogen von Tempelhof und die Air France ab den frühen 60er Jahren vom seinerzeit noch provisorischen Flughafen Tegel, der bereits Ende der 40er Jahre gebaut wurde, aber lange Zeit ziemlich belanglos war, zumal er erst fertig wurde, als die Blockade schon fast zu Ende war und für den zivilen Luftverkehr wegen schlechter Infrastruktur nicht geeignet war.

Die Flüge von und nach Berlin wurden schon in den späten 50er Jahren vom Senat bezuschusst und waren mit 51,-- DM für den Hin- und Rückflug nach Hannover recht billig. Zudem bezuschusste der öffentliche Dienst jeden Flug nochmals mit 20,-- DM, so dass der Hannover-Flug letztlich nur 31,-- DM kostete. Nach Hamburg oder Frankfurt/M. lagen die Preise nur unwesentlich höher. Es war also erschwinglich zu fliegen. Dennoch, was sollte ich in Westdeutschland? Nur um mal die billigen Preise abzuschöpfen? Ich musste das damals noch nicht haben!

Aber irgendwann war die Zeit reif, und ich musste ran!  Und das kam so.

Die Zentrale meiner Behörde befand sich - wie gesagt - in Berlin, aber es gab im gesamten Bundesgebiet Außenstellen. Im Herbst 1964 wurde es personalmäßig in der Außenstelle Düsseldorf eng. Irgendwie kam das Personalbüro auf die Idee, meine damalige Frau zu fragen, ob sie für ein paar Wochen dort aushelfen wolle und sie sagte kurzerhand zu. Damals arbeitete mein Freund noch in Düsseldorf bei der Post, hatte sich dort gut eingelebt und hatte einen netten Freundeskreis. Es passte alles irgendwie zusammen und ich hatte nichts gegen eine vorübergehende Trennung einzuwenden. Da Postbedienstete auch damals schon kostenfrei in ganz Deutschland telefonieren durften und wir sowieso mit ihm auch in tonbandbrieflichem Kontakt standen, also richtige familiäre Beziehungen hatten, war es keine Frage, ihr eine passende Unterkunft zu besorgen. Wir kasperten auch ab, dass ich zumindest einmal mit dem Flugzeug nach Düsseldorf kommen sollte, weil das schneller ging, als mit den von mir bisher bevorzugten Verkehrsmitteln! Im Übrigen würde er auch für ein vernünftiges Rahmenprogramm sorgen.

Ein Katzensprung war der Flug nach Düsseldorf damals jedenfalls nicht. PANAM und BEA setzten für den zivilen Flugverkehr in Deutschland noch keine Düsenjets ein, lediglich die Air France flog mit einer Caravelle ein- bis zweimal täglich nach Frankfurt/M. Wir wohnten seinerzeit in Renickendorf, vielleicht 2 km von dem provisorischen Flughafen entfernt. Wenn die Caravelle ihre Motoren anwarf, zitterte bei uns in der Küche das Porzellan und man hatte dann Mühe, sich zu unterhalten. Die Flugzeuge, die von Tempelhof abflogen waren zur der Zeit  allesamt noch Propellermaschinen, die um die 300 km/h fliegen konnten. Die so genannten Turboprops, die damals auch schon eingesetzt wurden, waren etwas schneller, aber auch noch propellergetrieben, dennoch lag die Flugzeit nach Düsseldorf bei gut 2 ½ Stunden. Mit Ein- und Auschecken kam nochmals eine Stunde dazu!

Viel von dem Flug hab ich nicht mehr in Erinnerung. Die Maschine war eng, auf beiden Seiten konnten in den höchstens 25 Reihen nur jeweils 2 Leute sitzen, die Fenster waren klein und wir flogen meist durch Wolken, erkennen konnte ich kaum etwas und es rumpelte und pumpelte, als ob wir über eine Straße mit vielen Schlaglöchern gefahren wären. Erst im Landeanflug wackelte es merkwürdigerweise nicht mehr so. Mir ist zwar während des Fluges nicht übel geworden, so stark waren die Turbulenzen dann doch nicht, aber mulmig war mir schon.

Ich war damals ein baumlanger, schlanker junger Mann, gut frisiert und schick angezogen. Im modischen Trenchcoat mit halb hochgeschlagenem Kragen und einem Damenmantel (für meine Frau) über dem Arm schritt ich durch die Empfangshalle direkt auf meinen Freund zu, der mir vorher gesagt hatte, wo er mich erwarten würde. Er hatte sein tragbares Tonbandgerät mit, hielt mir ein Mikrofon unter die Nase und stellte reportermäßig Fragen. Eine Kollegin mit Stenoblock stand neben ihm und kritzelte wahrscheinlich unleserliche Kürzel auf das Papier und eine weitere Kollegin knipste ein paar Bilder mit Blitzlicht - es sah alles sehr professionell aus! Etliche Leute blieben devot um uns herum stehen und lauschten in den Hallenlärm hinein, um etwas von dem mitzubekommen, was der Reporter da fragte. Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere glaubte, irgendwer Wichtiges wäre da gerade angekommen!

Das war schon eine gelungene Überraschung!

Nach einigen Tagen, an denen wir überall herumgereicht wurden, flog ich wieder nach Berlin zurück. Dass ich an diesen Rückflug keinerlei Erinnerungen mehr habe, zeigt deutlich, wie unprosaisch der gewesen sein muss!

Die Reportage hatte mir mein Freund damals gleich kopiert. Sie ist auf einem alten Tonband - mono 9,5 cm/sec., Zweispurverfahren, das ich mir oft schmunzelnd angehört habe. Um die Aufnahme zu retten, will ich sie irgendwann digitalisieren, aber dazu müsste ich sie erst einmal wieder finden! Nach unserem Umzug vor zwei Jahren ist das gar nicht so einfach.

Wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich … (und so weiter)!