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Alte Pioniere in der DDR

Während meiner aktiven Dienstzeit arbeitete ich für einen Versicherungsträger mit Sitz in Berlin, der schon seit Anfang der 70er Jahre in den alten Bundesländern Informationsbusse einsetzte, um ortsnahe Aufklärungs- und Informationsarbeit zu leisten. Diese 18 m langen und fast 4 m hohen, tomatenroten Busse hatten 4 separate Beratungsbüros und verfügten über einen zu dieser Zeit jedenfalls hohen technischen Standard. Wir konnten schon ab 1977 über tischgroße Rechner mit der Zentrale kommunizieren, persönliche Daten anfordern und sogar künftige Leistungsansprüche errechnen. Dazu war allerdings eine feste Telefonverbindung erforderlich. Das Funktelefon (C und D-Netz) reichte damals noch nicht für Datenfernübertragung. Von der ersten Busflotte waren kurz vor der Wende zwei bereits aussortiert, einer lief noch. Zu der Zeit waren schon drei modernere Doppeldecker bestellt, aber noch nicht ausgeliefert.  

Wir bekamen Anfang 1990 den Auftrag, mit dem letzten Informationsbus die damals noch real existierende DDR zu bereisen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Allerdings wussten wir kaum, was wir den DDR-Bürgern sagen sollten, denn Ende April / Anfang Mai vermochte niemand vorauszusagen, was kommen würde. Einige wenige ahnten aber, wie das ablaufen könnte. Das Grundgesetz der Bundesrepublik enthielt nämlich noch immer den Artikel 23. Dort hatten die Väter unserer Verfassung bereits 1949 eine listige Gültigkeitsklausel hineingeschrieben und bestimmt, dass es … in anderen Teilen Deutschlands nach deren Beitritt in Kraft zu setzen sei! Das Saarland war am 01.01.1957 nach entsprechenden Abstimmungsergebnissen auf Grund dieser Klausel im Rahmen der so genannten Kleinen Wiedervereinigung 10. Bundeslandso steht es bei Wikipedia, aber zuvor formierte sich der Südwest-Staat aus drei früheren Bundesländern und wenn Groß-Berlin nicht mitgezählt wurde, stimmt diese Platzierung.(1) geworden. Zahlreiche Überleitungsgesetze waren einigen älteren Mitarbeitern noch gegenwärtig. Doch damals war vom Beitritt der DDR zur Bundesrepublik noch nicht die Rede. Auch eine enge Zusammenarbeit, ein Staatenbündnis oder Ähnliches war vorstellbar.

Macht mal, war die Devise, die man uns mit auf den Weg gab, als wir den Auftrag bekamen, die DDR von Norden bis Süden zu bereisen. Aber zuerst wurde der Bus auf den Ostberliner Alexanderplatz gestellt. Dann organisierte mein Kollege aus Niedersachen die Einsätze von Potsdam bis Schwerin und ich war für Rostock, Stralsund, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder zuständig. Die Einsätze dauerten jeweils zwei Tage, mittwochs und samstags waren die Reisetage. Wir waren also zwei Wochen unterwegs.

Wir kannten dieses Land nur aus dem Fernsehen und aus der Propaganda, also die Schokoladenseite. Doch die Kehrseite, die Mauertoten, die Mangelwirtschaft, die staatlichen Bevormundungen die Bespitzelungen durch die Stasi, - auch das war nicht die DDR schlechthin. 40 Jahre getrennte Wege, da entwickeln sich andere Gepflogenheiten, andere Vorstellungen und sogar gebietstypische Sprachgewohnheiten, die wir nicht kannten. Aber wir wurden erkannt! Anderes Outfit, anderes Auftreten, andere Autos. Sehr schnell wurden da die Ausdrücke Ossis und Wessi erfunden und manchmal auch diffamierend angewendet. Dass wir nicht mit offenen Armen empfangen wurden, war uns klar, aber feindlich gesonnen war uns letztlich niemand. Wir waren mit die ersten, leisten Pionierarbeit und hatten das Terrain vorzubereiten. Doch nicht der offizielle Teil unserer Arbeit, sondern die kleinen Episoden am Rande des Einsatzes waren das Spannende, was letztlich nachbleibt, obwohl wir viele interessante Gespräche führten.

In Rostock standen wir mit dem Bus vor dem Rathaus und parkten unsere PKW schräg gegenüber auf dem Parkplatz, auf dem wie bei uns die Stellplätze mit weißen Strichen markiert waren, aber ohje, die waren viel enger als unsere - offenbar für die kleineren DDR-Fahrzeuge berechnet! Wenn wir nicht nebeneinander gestanden hätten, hätten wir sicher Probleme beim Wegfahren gehabt!

Der Anreisetag war ein Sonntag. Wir trafen uns nachmittags im Bus und besprachen erst einmal, was Sache war. Da der Mai 1990 ein sehr warmer Monat war, schmeckte das Bier, das wir im bordeigenen Kühlschrank angenehm gekühlt hatten, jedenfalls den Kollegen vorzüglich, denn ich hatte die Aufgabe übernommen, alle Mann später zum Hotel zu fahren, also musste ich abstinent bleiben. Dafür fand ich dann in meinem Zimmer in der Minibar ein köstlich-kühles Radeberger, ein Bier, das auch bei uns schon einen guten Ruf hatte. Auf dem Etikett stand links unten: EVP 0,3 = 0,84 M und rechts EVP 0,5 = 1,59 Mso hab ich's in Erinnerung, vielleicht war es ja doch ein wenig anders!(2) - offenbar ein Universaletikett, das auf die kleinen, wie auch die Halbliterflaschen geklebt werden konnte. Das war ein guter Preis, auch wenn ich ihn hätte in West bezahlen müssen. Aber - oben auf der Minibar lag der Entnahmebeleg, der auszufüllen war, wenn man etwas aus der Bar nahm. Ich las: Radeberger Pils: ½ L = 5,-- DM/West!! Mein lieber Scholli! Für 13,99 DM bekam ich damals in Hamburg einen ganzen Kasten Astra! Am nächsten Tag kaufte ich mir ein paar Flaschen Radeberger Pils für den fairen EVP von einsneununfuffzich beim Getränkehändler unten am Hermann-Duncker-PlatzMitbegründer der KPD. Bei Wikipedia steht: In der Hansestadt Rostock erinnert ein Denkmal auf dem nach ihm benannten Platz an der Langen Straße (Höhe Haus der Schiffahrt / Radisson Hotel) an Hermann Duncker. Diesen Platz gibt es nicht mehr.(3) und stellte ein nicht gekühltes Bier in die Minibar, als ich das kalte Hotelbier ausgetrunken hatte. So machten es übrigens auch meine Mitarbeiter!

Beim nächsten Einsatz in Stralsund wurde meinem Kollegen und mir eine Privatunterkunft vom Touristbüro nachgewiesen, denn das Inter-Hotel Europa war ausgebucht. Die private Übernachtung sollte 10,-- DM West kosten. Was wir aber nicht ahnten, wir hätten in einem Ehebett nebeneinander schlafen müssen, das war natürlich nicht zumutbar. Glücklicherweise verfügte die Einliegerwohnung noch über ein Kinderzimmer mit einem Etagenbett. Türen gab es dort übrigens nicht, dafür waren an den Türpfosten geraffte Tüllgardinen angetackert, die sich jedoch aufknüpfen ließen, so dass wenigstens ein Sichtschutz bestand.

Es gibt noch eine nette Geschichte, die sich aber schon am Tag zuvor ereignete, als ich mit dem Busfahrer zur Vorbesichtigung in Stralsund auf dem Neuen Markt war. Von irgendwoher kam herrlicher Bratenduft in unsere Nasen und wir entdeckten eine eigenartige, silberglänzende mobile Grillmaschine, auf deren Rost große knackige Würstchen brieten. Als wir dann bedient wurden, bemerkte mein Fahrer, dass es nicht Rostbratwürste sondern Rossbratwürste waren, sie waren also aus Pferdefleisch! Weil er seine Wurst schon bestellt und bezahlt hatte (in Ostwährung), aß er sie auch, ich konnte gerade noch einen Bogen machen - Pferdefleisch hatte ich noch nie gegessen und hatte keine Lust, in Stralsund eine Premiere zu feiern!

In Neubrandenburg übernachteten wir im Interhotel Vier Tore. Es gab dort  zwar ein Frühstücksbüfett, aber man musste an einem Inspektor vorbei, der alle Sachen, die man auf dem Teller hatte, mit Argusaugen beguckte und einen Preis auf einen Block kritzelte, den man ausgehändigt bekam. Wer also viel aß, bezahlte viel. Konsequenz für uns: wir besorgten uns für den nächsten Tag Butter, Wurst und Käse und wollten unser Frühstück im Bus einnehmen. Schräg gegenüber befand sich ein Bäckerladen. Am nächsten Morgen  lief ich also dort hin und kaufte 15 Brötchen von der kleinen, schmackhaften Sorte, die sich die Ossis lieber heute als morgen zurückwünschen! Als ich zahlen sollte, hörte ich die Verkäuferin sagen: Fünfundsiebzig Pfennje! Verdaddert fragte ich kurz: Eins? - Nein, alle zusammen! Ich bekam rote Ohren! Für die Tüte voller Brötchen sollte ich nur 75 Pfennje berappen und das in Ostwährung! Vorher hatte ich aber gesehen, dass dort auch abgepacktes Vollkornbrot einer Westfirma angeboten wurde - zum stolzen Preis von 3,50 M - Ost versteht sich. Ich stotterte dann noch rasch, dass ich eine Packung dieses Brotes haben wollte und war froh, dass ich wenigstens ein bisschen mehr Geld ausgegeben hatte, ich hätte sonst das Gefühl gehabt, etwas Unanständiges gemacht zu haben.

Auf der Fahrt von Neubrandenburg nach Frankfurt/Oder knickte bei unserem Bus die Verbindungsmuffe zwischen dem Triebwagen und dem Nachläufer (dem fest verbundenem Anhänger) nach oben ab. Ein Druckluftschlauch war gebrochen, so dass der Nachläufer nicht mehr bremste und die Hydraulikfederung inaktiv wurde. Mit 50 km/h schlichen wir noch 20-30 km auf der F 96 bei Oranienburg in Richtung Berliner Ring und entschlossen uns, nach Westberlin zu fahren, um dort den Bus reparieren zu lassen. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten, aber wir konnten abends noch nach Frankfurt/Oder weiterfahren. Der Stellplatz war glücklicherweise abgesperrt. An diesem aufregenden Tag waren wir von 8:00 Uhr bis 22:00 Uhr unterwegs. Vom Bus bis zum Hotel konnten wir laufen, es lag nur 50 m von unserem Stellplatz entfernt! Nach einem kleinen Abendbrot-Snack und kurzer Lagebesprechung sackten wir todmüde in unser Hotelbett.

Für mich hätte Frankfurt/Oder eigentlich der interessanteste Ort dieser Reise sein können. Hier wurde meine Mutter geboren, und hochtrabend hätte ich behaupten können, Frankfurt/Oder ist die Stadt meiner Vorväter, meiner Ahnen oder sowas. Quatsch, ich hatte auch damals keinerlei Beziehungen mehr zu dieser Stadt. Sie war mir fremd wie jeder Ort in der DDR, und Verwandte wohnten schon lange nicht mehr dort. Ich hätte auch keinen Friedhof gefunden, wenn ich auf diese Idee gekommen wäre, kam ich aber nicht. Das einzige, was mich interessierte, war, ob ich die Alte Post noch finden würde, wo ich mich anno 1951 als Halbwüchsiger am Zeitungsstand meiner Tante als Ersatzverkäufer betätigen durfte! Das Gebäude gab es wirklich noch, und zwar nur ein paar Meter von unserem Busstandplatz entfernt. Was sich in diesem Gebäude befand, als wir 1990 dort waren, konnte ich nicht feststellen, denn die Haupteingangstüre war verschlossen.

Ein paar Minuten stand ich auf der anderen Straßenseite, filmte mit meinem Camcorder die quirlige Ecke und kramte meine Erinnerungen zusammen: Langsam kamen ein paar Fetzen wieder hoch. In einer anderen Geschichte habe ich das so beschrieben:

Ich betätigte mich [damals] als Ersatzverkäufer. Das machte mir sogar Spaß, und wenn mehrere Kunden warteten, vertröstete ich die schon mal mit dem Spruch, Komme sofort, gnä' Frau oder ähnliche Varianten. Das war natürlich im Arbeiter- und Bauernstaat verpönt, und bald wurde meine Tante auch darauf angesprochen, die sich dann entschuldigte und erklärte, … der Bengel kommt aus'n Westen, den dürfense dett nich übel nehm'. Achso - na ja!

Die DDR gab es damals, als ich 1951 meine Großen Ferien in Frankfurt/Oder verbrachte, bereits 2 Jahre.

Ein knappes halbes Jahr nach unserem Buseinsatz im Jahre 1990 hörte dieser Staat auf zu existieren.

(1) so steht es bei Wikipedia, aber zuvor formierte sich der Südwest-Staat aus drei früheren Bundesländern und wenn Groß-Berlin nicht mitgezählt wurde, stimmt diese Platzierung, 

(2) so hab ich's in Erinnerung, vielleicht war es ja doch ein wenig anders!

(3) Mitbegründer der KPD. Bei Wikipedia steht: In der Hansestadt Rostock erinnert ein Denkmal auf dem nach ihm benannten Platz an der Langen Straße (Höhe Haus der Schiffahrt / Radisson Hotel) an Hermann Duncker. Diesen Platz gibt es nicht mehr.