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Die Curry-Wurst

Sie soll vor 60 Jahren, also 1949 geboren worden sein – und zwar in Berlin! Dort gibt es jetzt sogar ein Museum für dieses Kultstückchen!

Das mit dem Geburtsjahr mag ja stimmen, aber sie war nicht plötzlich in aller Munde. Der Siegeszug begann ganz sutsche. Aber schon Mitte der 1950er Jahre gab es einen heftigen Streit darüber, wer denn nun die würzige Soße erfunden hätte. Mehrere Damen und Herren Imbissbudenbesitzer beanspruchten die Ehre für sich, schließlich einigte man sich wohl, und seitdem gilt Herta Heuwer als die Erfinderin der Currywurst.
 
Etwa um 1951/52 wurde in unserer Clique eine Imbiss-Bude am Stuttgarter Platz - das ist der Vorplatz vor dem S- und Fernbahnhof in Berlin-Charlottenburg - als Geheimtipp gehandelt. Dort briet Herta Heuwer, die Besitzerin dieser Bratwurstschmiede, eine dicke Bockwurst im Darm, die sie zuvor halbtief mit mehreren Schnitten eingeritzt hatte, und zwar so scharf, dass die Haut an den Einschnitten kross aufplatzte. Darüber träufelte sie dann eine dickflüssige Soße aus Tomatenketchup, Worcestershire-Soße, Chili und vielen anderen - angeblich sorgfältig geheim gehaltenen - Zutaten und bestäubt sie ordentlich dick mit dem gelblichen Currypulver. Anfangs wurde sie auf Tellern mit Messer und Gabel serviert, Plastikbesteck gab es damals noch nicht. Die so kredenzte Wurst ist die eigentliche Kultwurst. Der Geheimtipp war so geheim, dass man in dem Pulk, der dort auf dem Bürgersteig an Stehtischen die Wurst verzehrte, selbstverständlich auch Leute aus Neukölln, Reinickendorf und Zehlendorf - natürlich auch aus Spandau - traf. Und wer Berlin kennt, weiß, dass dies zumindest im städtischen Bereich schon ziemliche Entfernungen sind. Zur Currywurst wurde zuerst eine kleine, weiche Aschinger-Schrippe und später dann ein diagonal durchgeschnittenes ungetoastetes Stück Toastbrot gereicht, um die übrig gebliebene Soße aufstippen zu können. Pommes frites, Pommes oder Fritten, wie diese fetttriefenden Kartoffelschnipsel meistens genannt werden, gab es in den ersten Jahren noch nicht. Deren Siegeszug begann erst viel später.

Wenn heute ein Pappteller mit maschinell vorgeschnittenen Wurststückchen und konfektionierter Currysoße, die aus einem Eimer gepumpt wird und bereits Curry enthält, als Kultwurst sogar in der Dönerbude serviert wird, dann ist das nur ein Schatten des eigentlichen Genusses, den wir uns am Stutti (Stuttgarter Platz) einverleibten. Dass sich anfangs dort auch noch der ZOB befand und die Gegend als Rotlichtviertel keinen guten Ruf hatte, störte niemanden wirklich. Nach und nach wurde die echte Currywurst dann von vielen anderen Imbissbuden in Berlin kopiert, so dass wir dann nicht mehr nach Charlottenburg fahren mussten.

Heute bekommt man Currywurst in unterschiedlichster Qualität - meist ohne Darm, vorgekocht und in Gelatine gewälzt, damit sie auf dem elektrischen Bratrost schnell wie wirklich durchgebraten aussieht - mit Soßen, deren Zutaten man als Laie nicht mehr auseinander halten kann - sie haben mit der ursprünglich von der Currywursterfinderin zusammengemixten Soße nicht mehr viel Ähnlichkeit.

Trotzdem ess ich ab und zu doch noch mal eine Currywurst der konfektionierten Art und denke gelegentlich an den Berliner Stutti zurück, wo ich meine erste echte Currywurst aß!