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Der Besuch des Lehrers

Schon vor den Sommerferien im Jahr 1951 hatten wir herrliches Sommerwetter. Es lud ein zum Toben und zum Baden in dem kleinen Bach Linau, der in den Elbe-Lübeck-Kanal mündet, und eben zu allerlei Dingen, die man so als fast 9-jähriger Schüler anstellt.

Doch irgendwann rief die Pflicht, und ich ging nach Hause, um meine Schulaufgaben zu erledigen.

Nach kurzer Zeit klopfte es an der Wohnungstür, eine Klingel gab es nicht, und ich hörte meine Mutter mit einer männlichen Person reden. Ich erhielt die Anweisung, mich ins Schlafzimmer der Zwei-Zimmer-Wohnung zu begeben und erst zu kommen, wenn ich dazu aufgefordert werde. Nein, meine Unterlagen für die Schularbeiten solle ich liegen lassen, denn im anderen Zimmer gab es sowieso keinen Tisch.

Als ich gerufen wurde, war zu meinem Erschrecken der Hauptlehrer der Schule anwesend. Vielleicht war der Titel Hauptlehrer sehr schmeichelnd bei 2 Lehrern an unserer Dorfschule, aber einer von ihnen muss ja das Entscheiden haben.

Mir wurde eröffnet, dass ich den Sohn des Lehrers, den Hansi H. (Hansi Hinterseer war aber nicht gemeint), geschlagen haben solle, ob dieses stimme. Es stimmte, und ich wurde nach dem Warum gefragt, da der Lehrer-Sohn doch ein so netter Kerl sei und niemandem etwas tue.

Wie jeder Lehrer war auch für mich in meinem Alter Herr H. eine Respektsperson, und ich wagte auch nach weiteren Fragen nicht, den Grund meines körperlichen Einsatzes zu nennen. Ich sagte, ich habe es nur so gemacht.

Danach wurde ich wieder ins andere Zimmer verwiesen, konnte aber leider nicht verstehen, was zwischen meiner Mutter und dem Lehrer besprochen wurde.

Als dieser die Wohnung verlassen hatte, fragte meine Mutter mich nach dem wirklichen Grund, denn es sei doch nicht meine Art, jemanden einfach nur so zu hauen.
Vorangegangen war, dass ich beim Baden von einem Nachbarmädchen darauf hingewiesen wurde, meine 7-jährige Schwester stehe in der Nähe des Baches und weine. Als ich sie erreichte, erzählte sie, dass der (ach so liebenswerte) Hansi ihr die Badehose (ein Badeanzug war damals unerschwinglich) heruntergezogen und sie danach ausgelacht habe.

Mir blieb doch nichts anderes übrig, als meiner Schwester Genugtuung zu verschaffen und dem Sohn des Lehrers mittels körperlicher Ermahnung zu zeigen, dass er sich gegenüber einem schwächeren Mädchen verkehrt verhalten habe und dieses nicht wiederholen solle.

Nach meinem Bericht eilte meine Mutter zur Schule, denn dort befand sich auch die Lehrerwohnung.
Mit ihrer Rückkehr zeigte sich meine Mutter sehr zufrieden, denn schließlich war nicht ihr Sohn der böse Bube, sondern der ach so nette Sohn des Lehrers.
Allerdings rückte der Lehrer noch mit einer schlimmen Verfehlung meinerseits heraus, ich hätte ihn mit Tafelkreide beworfen.

Dieses war aber nur die halbe Wahrheit, denn einige Tage zuvor war während des Unterrichts mein neben mir sitzender Mitschüler eingenickt. Um ihn zu wecken, warf der Herr H. mit Kreide nach ihm, traf aber mich. Ich nahm die Kreide, deutete zweimal eine Wurfbewegung an und warf dann die Kreide zurück.
Selbstverständlich fängt ein Lehrer die ihm derart zugeworfene Kreide nicht auf, stattdessen wich er zur Seite aus. Widerspruchslos hob ich dann nach energischer Aufforderung die Kreide vom Boden auf.

Na ja, bald zogen wir in den größeren Nachbarort, und dort waren wir Kinder nicht mehr den kleinen Sticheleien des Lehrer-Sohn-Gespannes ausgesetzt.