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Nach der Flucht

Im Jahr 1945 gelang meiner Mutter mit uns drei Kindern und ihrer Mutter die Flucht von Ostpreußen nach Mecklenburg. Mit Beendigung des Krieges wurden dann zwischen den Alliierten gemäß der Abkommen von Jalta und Potsdam einige eroberte Landesteile ausgetauscht, und die von den Sowjets eingenommene Stadt Berlin wurde in vier Sektoren aufgeteilt. Als Ausgleich für den teilweisen Rückzug aus Berlin erhielten die Sowjets dann unter anderem das von ihnen nicht ganz besetzte Land Mecklenburg, wo wir uns befanden. Somit wären wir unter sowjetische Herrschaft gelangt, was meine Mutter aufgrund der Hinweise meines in der Sowjetunion gefallenen Vaters unter allen Umständen vermeiden wollte. Also ging es wieder westwärts und beim kleinen Dorf Fitzen, schon in Schleswig-Holstein und somit in der britischen Besatzungszone gelegen, über den Elbe-Lübeck-Kanal. Von dort wurden wir nach Witzeeze weitergeleitet.

Auf einem Bauernhof an der Südseite der Dorfstraße wurden wir im Spitzboden des Hauses mit arg schrägen Wänden untergebracht. Die sanitären Verhältnisse waren schlimm, das Wasser musste beispielsweise aus der Küche der Bauernfamilie bis in die dritte Etage in die sehr beengte Wohnung getragen werden. Zubereitet und gekocht wurde das karge Essen in der Küche der Bauernfamilie, natürlich erst, wenn sie selbst ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. In den beiden zur Verfügung stehenden Zimmerchen, eines wurde zwangsläufig noch als Durchgang genutzt, gab es nicht genug Stellfläche für die ohnehin nicht vorhandenen eigenen Betten, so dass immer zwei Personen in einem Bett schlafen mussten. In der kalten Jahreszeit wurde mit dem einzigen kleinen Kanonenofen noch kräftiger als sonst geheizt. Der Rauchabzug erfolgte über das Ofenrohr, das aus einem Fenster herausgeführt wurde. Hierzu war eine Glasscheibe entfernt und eine dem Durchmesser des Rohres entsprechend zugeschnittene Pappe eingesetzt worden. Nachdem diese mehrmals angesengt war und somit Brandgefahr bestand, wurde die Pappe durch ein vom Bauern gestiftetes Blech ersetzt.

Nach etlichen Monaten zogen wir in die obere Etage der auf der anderen Straßenseite liegenden sogenannten Weißen Villa, vor der sich ein parkähnlicher Garten befand. Es waren zwei Tore vorhanden, die als Ein- bzw. Ausfahrt des halbrunden Zufahrtweges zum Gebäude dienten. In die Villa führte eine breite Treppe nach oben, die wir nicht benutzen durften, denn für die Flüchtlinge war nur der Hintereingang vorgesehen. Der Eigentümer respektive seine Eltern waren sehr erfolgreich gewesen und hatten es sich erlauben können, das großartige Wohngebäude auf der gegenüberliegenden Seite des eigentlichen Bauernhofes zu errichten. In der oberen Etage, wohl ursprünglich für die Bediensteten vorgesehen, waren fünf zwangseingewiesene Familien untergebracht, insgesamt fünfzehn Personen, während der Bauer mit seiner Frau und den beiden Kindern die untere Etage zur Verfügung hatte.

Nun hatten wir zwar auch nur zwei Zimmer, aber mit so viel Platz, dass Etagenbetten aufgestellt werden konnten und endlich jeder sein eigenes Bett hatte. Im Wohnzimmer gab es sogar einen eigenen Kohleherd mit herausnehmbaren Ringen, und der Rauchabzug erfolgte über ein in einen Schornstein geleitetes Rohr. Einen Wasseranschluss gab es aber auch nicht, und das stille Örtchen befand sich auf dem Hof, natürlich mit Eimer, einem sogenannten Goldeimer, und ohne Wasserspülung. Hier, wie in der Wohnung vorher, hatten wir aber auch noch keine Matratzen, sondern Strohsäcke.

Anfangs hatten wir nur Laken direkt auf die Strohsäcke legen können, und so manch ein Halm machte sich dann unangenehm bemerkbar. Das entfiel endlich nach einiger Zeit, nachdem wir Decken zum Unterlegen erhalten hatten. Etwa alle sechs Wochen war das Stroh so zerdrückt, dass es ausgetauscht werden musste. Um den Hausflur mit den staubenden Strohsäcken nicht zu verunreinigen, wurden diese bei trockenem Wetter einfach aus unserem Schlafzimmerfenster an der Stirnseite des Hauses geworfen. Anschließend musste dann allerdings der Gang über die breite Dorfstraße angetreten werden, denn das alte Stroh wurde auf dem Wirtschaftshof entsorgt. Zurück ging es mit neu gefülltem Strohsack und vorsichtig durch den Treppenaufgang nach oben. Als wir Kinder etwas größer waren, mussten wir diese Aufgabe alleine ausführen, denn meiner Mutter war es peinlich, dass auf diese Art unsere Armut sichtbar wurde.

Zu Ostern 1947, ich war knapp fünf Jahre alt, erhielten wir Besuch von der Tochter des Bauern, sie brachte für jedes Familienmitglied ein Hühnerei als Geschenk. Dieser Gegenstand war mir völlig fremd, und ich nahm ihn neugierig in die Hand. Dabei habe ich das Ei unabsichtlich zerdrückt, und meine Mutter war entsetzt, sprang aber schnell hinzu und fing den größten Teil mit einer Untertasse auf. Immerhin wurde Ersatz gebracht und so hatten wir auf Grund meiner Unerfahrenheit ein zusätzliches Ei, auch wenn es nicht mehr zum Kochen geeignet war.

Sonntags ging es in die Dorfkirche. Nein, besonders gläubig waren wir nicht, aber so wurden wir von den Dorfbewohnern als Familie wahrgenommen und als integrationswillig angesehen. Nach dem Besuch in der Kirche hatten einige ortsansässige Bauern ein offenes Herz, denn schließlich hatte der Pastor angeregt, den armen Flüchtlingen zu helfen und sie nicht abzuweisen. Daher suchten wir dünnen und unterernährten Kinder zusammen mit unserer sich im Hintergrund aufhaltenden Mutter, die etwa gespendetes Brot von uns entgegen nahm, verschiedene Bauernhöfe auf und baten um Essen. Es wäre kontraproduktiv gewesen, wenn wir mit irgendwelchen Speisen in unseren Händen beim nächsten potenziellen Spender erschienen wären. Von etlichen Höfen wurden wir verjagt, doch an zwei oder drei Stellen wurde unser Betteln belohnt. Diese warmherzigen Menschen suchten wir dann so manchen Sonntag auf und konnten unseren Speiseplan somit bereichern.

Meine Mutter hatte ein altes eisernes Bügeleisen geschenkt bekommen, aber kein elektrisches. Es musste aufgeklappt und mit glühender Kohle bestückt werden, um Wärme abzugeben. Beim Bügeln der einzigen Tischdecke passierte dann ein schlimmes Missgeschick, indem der wohl nicht richtig eingerastete Deckel aufklappte und Kohle heraus fiel. Es gab eine hässliche versengte Stelle, die aber jahrelang durch das Auflegen eines kleinen Deckchens kaschiert wurde.

Um ihrer Familie eine bessere Versorgung zu sichern, fuhr meine Mutter mit einem alten Kinderwagen durch das Dorf und verkaufte in Komission von einem Bekannten aus einem Nachbardorf unter anderem Seife, Waschpulver und Wischtücher. In der Erntezeit half meine Mutter, soweit es ihre Zeit mit drei Kindern erlaubte, auf dem Bauernhof und erhielt zwar dafür wenig Geld, aber zusätzlich Naturalien. So wurde zur Kartoffelernte auf dem eisenbereiften Wagen Platz genommen, und schon ging es mittels Lanz-Bulldog-Traktor, der zum Starten noch mit einer Glühlampe vorgewärmt werden musste, zum Feld. Dieses lag östlich des Elbe-Lübeck-Kanals auf einem schmalen Landstreifen und reichte bis an die Zonengrenze heran. Vor dem Erreichen des Feldes fuhren wir an der Dückerschleuse vorbei, durch welche die deutsch-deutsche Grenze verlief.

Da wir Kinder noch nicht genügend Ausdauer zum Sammeln der Kartoffeln hatten, konnten wir uns auf dem Feld nach Lust und Laune bewegen. Am Rand des Feldes befand sich der übliche Knick, in dem einige Brombeersträucher wuchsen.
Deren Früchte hatten meine Aufmerksamkeit erregt, als es plötzlich mehrmals knallte. Es handelte sich um Gewehrschüsse, was ich damals noch nicht zuordnen und darin auch keine Gefahr erkennen konnte. Hinter den Sträuchern duckte ich mich und konnte zwei Personen sehen, die mit vorgehaltenen Waffen von zwei Soldaten abgeführt wurden. Offensichtlich hatten die Zivilpersonen versucht, die Niederung der Delvenau und somit die Zonengrenze zu überwinden. Bei Dunkelheit wäre dieses sicherlich nicht so schnell bemerkt worden.

Meine Mutter hatte die Schüsse ebenfalls gehört und rief nach mir, um mich aus der Gefahrenzone zu entfernen. Das Geschehen war für mich jedoch zu interessant, so dass ich nicht reagierte. Erst als mehrere Frauen meinen Namen sehr laut und besorgt riefen, trottete ich langsam zum Wagen und wurde dort aber nicht freundlich empfangen. Zum Aufsteigen auf den Wagen benutzte ich die Speichen des rechten Hinterrades, als sich der Traktor mit Wagen in Bewegung setzte. Ich fiel vor das Rad, dieses rollte unterhalb meines Knies über die Innenseite des rechten Beines und drückte es in den weichen Boden. Es erfolgte somit nicht die berühmte Strafe auf dem Fuße, sondern in diesem Fall am Bein und glücklicherweise folgenlos, denn es entstand nur ein Bluterguss.

Im selben Jahr fuhren wir mit zur Heuernte, wieder über den Kanal hinweg. Ohne erkennbaren Anlass wurden die Helfer über die Zonengrenze hinweg beschossen, es wurde aber niemand getroffen. Aus diesem Anlass entschied meine Mutter, dass wir Kinder und auch sie nicht mehr zur Ernte in diesen unsicheren und gefährlichen Bereich mitfahren würden.

Historie

Im Jahr 1398 wurde das Flüsschen Delvenau mit der Stecknitz verbunden, und die Kronschleuse in Betrieb genommen, um die Schifffahrt auf der Delvenau als Teil des Stecknitzkanals zu ermöglichen. Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts wurde ein Hans Düker mit der schon seit mehr als 200 Jahren bestehenden Schleuse belehnt., der das Amt dann an seinen Schwiegersohn Hans Burmester vererbte. Insgesamt waren siebzehn Schleusen erforderlich, davon vierzehn Stauschleusen, in denen das Wasser bis zu drei Tage angestaut werden musste. Nach dem Öffnen des Schleusentores konnte der Prahm, ein Boot mit ca. 40 cm Tiefgang, auf der Wasserwelle schwimmen bzw. musste anschließend getreidelt (gezogen) werden. Es wurde der mühsame Überlandtransport des Lüneburger Salzes von Lauenburg nach Lübeck auf dem leichteren und vor Überfällen sicheren Wasserweg durchgeführt. Da aber oft nicht genug Wasser vorhanden war, konnten die ohnehin kleinen Boote nur gering beladen werden. Der Kanallauf wurde verbessert und dazu im Jahr 1789 die Dückerschleuse erbaut, die einzige erhaltene Stauschleuse des Kanals. In den Wirren der Befreiungskriege (1813 bis 1815) wurde die Schleuse 1813 beim Rückzug der Soldaten Napoleons gesprengt und 1815 in ihrer heutigen Form wieder errichtet.
Mit der Eröffnung des Elbe-Lübeck-Kanals im Jahr 1900 verlor der Stecknitzkanal seine wirtschaftliche Bedeutung und verlandete zum Teil, so dass er heute nicht mehr schiffbar ist.
Die Transportzeit hatte sich von mehreren Wochen auf einen Tag verringert