© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Warum wir heiraten mussten

Es war im Mai 1963. Verlobt hatten wir uns am letzten Weihnachtsfest, nachdem wir ungefähr ein Jahr miteinander gegangen waren (so hieß das damals, heute nennt man es meistens eine Beziehung haben). Heiraten wollten wir ungefähr ein Jahr nach der Verlobung. Damit hätten wir im damals üblichen, gesellschaftlichen Zeitbereich für die Vorbereitung einer Ehe gelegen.

Dieser zeitliche Rahmen war natürlich ein Durchschnittswert und in gewissen Grenzen variabel. Eine deutliche Zeitverkürzung wurde meistens dann erforderlich, wenn die Beziehung Früchte zu tragen begann, also sich Nachwuchs angemeldet hatte. Auf keinen Fall war dieser Verkehrsunfall (in der noch antibabypillenlosen Zeit) geplant oder gar erlaubt — man war ja noch nicht verheiratet!! — Das fruchtbare Paar hatte sich dann in das Unabwendbare zu fügen und plante kurzfristig die Hochzeit. Die Mitmenschen ahnten, was los war und gingen ohne Diskussion schmunzelnd zur Tagesordnung über. Ein uneheliches Kind galt als ein deutliches Zeichen der moralischen Verworfenheit. Eine Schwangerschaftsunterbrechung stand ebenfalls nicht zur Diskussion, sie war moralisch verpönt, strafrechtlich streng verboten und medizinisch (wenn illegal durchgeführt) sehr riskant. Die meisten jungen Männer hatten von zu Hause den Ehrenkodex mitbekommen: Bekommt ein Mädchen von dir ein Kind, hast du zwei Möglichkeiten: Du musst es heiraten! — Oder zahlen! Die zweite Möglichkeit war sehr anrüchig und obendrein langwierig und teuer. Finanziell erlauben konnten es sich nur reiche Lebemänner (der Playboy hatte noch kein Zuhause in unserer Sprache).

Das ganz wichtige finanzielle Fundament unserer Ehe war solide gegossen. Meine damalige Verlobte und nun liebe Ehefrau hatte eine gut bezahlte Arbeitsstelle (das Wort Job war zu der Zeit nur englisch Sprechenden geläufig) bei einem weltbekannten Industrieunternehmen. Wenn man sich nichts zuschulden kommen ließ, waren die Arbeitsplätze damals sicher, denn es herrschte Vollbeschäftigung in Deutschland.

Ich selbst hatte vor dreieinhalb Jahren mein Studium der Eisenhüttenkunde in kürzest möglicher Zeit mit dem Titel Diplom-Ingenieur (wissenschaftliche Hochschule; Fachhochschulen wurden erst Jahrzehnte später erfunden) abgeschlossen. Da ich unbedingt in die Praxis gehen, Verantwortung tragen und endlich richtig Geld verdienen wollte, hatte ich mich schon im letzten der 10 Semester während der Diplomhauptprüfungen, die sich über mehrere Wochen hinzogen, bei 6 großen Hüttenwerken in Deutschland als Betriebsassistent beworben, Zusagen erhalten und bei den Klöckner Hüttenwerken in Hagen-Haspe angefangen. Die beiden von mir nicht angeforderten Angebote aus Venezuela und Sibirien hatten mir wegen der Bedingungen nicht zugesagt.
Mittlerweile war ich vom Ingenieurassistent über den Schichtassistenten zum Ersten Assistent ernannt worden, eine damals geachtete und einigermaßen lukrative Stellung in der Hierarchie — aber auch mit großer Verantwortung, doch das wollte ich ganz bewusst.

Das Hüttenwerk leistete sich für seine 3600 Mitarbeiter — wie damals viele große Unternehmen — eine eigene Wohnungsabteilung, die die zahlreichen werkseigenen Wohnungen und Häuser, auch einige Villen, verwaltete. (Dieses und viele andere sozialen Einrichtungen der Stahlindustrie sind später nach und nach aus Kostengründen als sog. überflüssiger und teurer Sozialklimbim abgeschafft worden.) Die Miete war recht niedrig, das Werk kümmerte sich um die Renovierungen, Gartenanlagen und Instandhaltung. Werkstelefon und eine hübsche Lage gab es gratis. So eine Wohnung wollten meine Verlobte und ich auch haben. Wir hatten schon einiges Geld für die Wohnungseinrichtung gespart und dachten ans Heiraten — so in etwa einem halben Jahr. Die Sache hatte nur einen Haken: Die Wohnungen wurden strikt nur an Verheiratete vergeben. Noch nicht einmal auf die Warteliste setzte man einen Unverheirateten. Aber das wussten wir da noch nicht.

So betrat ich eines Vormittags im besagten Mai 1963 das Büro meines direkten Vorgesetzten, des Walzwerksdirektors Weide. Er saß, ja residierte in Respekt gebietender Haltung — jedoch nicht unfreundlich — wie immer hinter seinem wuchtigen Schreibtisch aus dunklem Holz. Ich trug ihm ohne Umschweife meinen Wohnungswunsch vor und bat ihn, mich dabei zu unterstützen. Diese knappe und unmissverständliche Art mochte er, schnappte auch gleich den Telefonhörer und rief den Leiter der Wohnungsabteilung an, der sich erst nach mehrmaligem Klingeln meldete. Morgen, Herr Braun, gestern Abend wohl wieder spät geworden!? Hier bei mir sitzt Herr Matiba und braucht sofort eine Wohnung! kommandierte er leicht ungeduldig in die Muschel. Was der Wohnungsmensch, der gar nicht ihm, dem Direktor für die Produktion, sondern dem Sozialdirektor unterstand, erwiderte, verstand ich natürlich nicht, aber ich hatte den Eindruck, dass er etwas von Liste und Wartezeit sagte. Damit kam er bei Direktor Weide schlecht an. Nein, nein, eher! Sein Ton duldete keinen Widerspruch wie seine Anweisungen an die Obermeister unten im Betrieb. Er war dafür bekannt, dass er stets volle Leistung verlangte, aber auch dafür hoch geachtet, dass er sich für seine Untergebenen nach besten Kräften einsetzte. Obwohl höchstens 1,70m groß und bereits über 60 (ein hohes Alter für einen Eisenhüttenmann im Produktionsbetrieb, wo man damals schon ab 40 zum alten Eisen zählte), strahlte er doch eine unwiderstehliche, natürliche Autorität aus. Das bekamen auch seine internationalen Verhandlungspartner bei der Montanunion in Brüssel und anderswo zu spüren.

Dann quäkte wieder Herrn Brauns Stimme durchs Telefon. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er beeindruckt und unterbreitete einige Wohnungsvorschläge. Mein Vorgesetzter darauf: Diese Wohnung will ich haben! Alles Weitere besprechen Sie mit Herrn Matiba! Dann schmiss er den Hörer auf die Gabel und eröffnete mir kurz, dass ich in zwei Wochen eine passende Wohnung in guter Lage bekäme und recht bald bei Herrn Braun die Formalitäten erledigen müsse. — In meinen Ohren klang es wie die Nachricht über einen Sechser im Lotto. Für ihn war diese Sache erledigt, nachdem ich mit großer Freude Vielen Dank, Herr Direktor! kernig geäußert hatte. — Wie läuft die Produktion? wollte er kurz wissen. Ich berichtete: Gut. Damit war er zufrieden. Ich marschierte aus seinem geräumigen Büro, strahlte im Vorzimmer Fräulein Herwig, seine altgediente Sekretärin, an, setzte meinen obligaten, blanken Schutzhelm auf kümmerte mich wieder um die Produktion. Zu seiner Sekretärin muss ich erklären, dass sie großen Wert auf die Anrede Fräulein legte, sie war unverheiratet und Ende 40.

Doch die Schwierigkeiten sollten erst noch kommen. — Als ich kurz darauf vor Herrn Braun saß, füllte er einen mehrseitigen Fragebogen für mich aus. Ohne aufzugucken kreuzte er die üblichen Fragen zu meiner Person an. Da sah ich über seinen Schreibtisch hinweg, dass er beim Familienstand das Kästchen verheiratet angekreuzt hatte. Nein, nicht verheiratet, — verlobt. unterbrach ich seinen Papierkrieg. Sein Kopf schnellte hoch, und er starrte mich entgeistert an. Das geht nicht! Wir vergeben Wohnungen nur an Verheiratete! Dann müssen Sie mit Ihrem Antrag warten, bis Sie verheiratet sind! verkündete er mit größter Bestimmtheit. — Wie soll ich denn heiraten, wenn ich noch keine Wohnung habe? Ein Ehepaar muss doch bestimmungsgemäß zusammen wohnen! empörte ich mich. — Das ist Ihr Problem, anderen geht es genau so. An diesem sozialen Unternehmensgrundsatz kann auch Herr Direktor Weide nichts ändern, entgegnete er berufsmäßig kühl. — Gibt’s keinen Ausweg, Herr Braun?Herr Matiba, seufzte er, in genau 2 Wochen tagt der Wohnungsausschuss und entscheidet definitiv über die Vergabe dieser Wohnung. Ich werde Ihren Antrag vorlegen und befürworten, aber dann müssen Sie verheiratet sein. Mehr kann ich für Sie nicht tun. Kann ich mich auf Sie verlassen? — Ich gab ihm mein Wort, ohne eine klare Vorstellung zu haben, wie es gehen sollte. Aber es ging irgendwie.

Abends nach Dienstende eröffnete ich allen, die es wissen mussten, dass Irmgard, meine Verlobte, und ich binnen 14 Tagen verheiratet sein müssen. Natürlich fielen sie aus allen Wolken, dachten nur an den biologischen Grund und reagierten je nach Temperament unterschiedlich trotz meiner Beteuerungen über den wahren Grund. Die meisten guckten verstohlen an Irmgards Figur hinunter, andere schmunzelten amüsiert. Irgendwann war uns die dauernde Erklärerei zuviel, wir machten uns einen Jux daraus und sagten nur: Wir müssen heiraten. Was ja auch stimmte. Irmgards Wirtin — jeder von uns beiden lebte auf einem möblierten Zimmer als Untermieter — fragte ganz offen: Sie werden doch wohl keinen Blödsinn gemacht haben? Man muss es aus der damaligen Zeit heraus verstehen. Kuppelei war unter Strafe gestellt, sogar die eigenen Eltern wurden nicht verschont. Deshalb vermieteten die Wirtinnen ihre möblierten Zimmer mit der Auflage: Kein Damen- bzw. Herrenbesuch nach 22 Uhr. Darauf mussten sie mit aller Strenge achten. Viele erlaubten überhaupt keinen Besuch von Personen des jeweils anderen Geschlechts.

Alle halfen uns nach besten Kräften, die Hochzeit derart kurzfristig auszurichten. Das Standesamt machte eine große Ausnahme, indem es die vorgeschriebene Sechswochenfrist für das Aushängen des Aufgebots auf wenige Tage verkürzte. Pfarrer Beckmann gelang es trotz der beginnenden Urlaubszeit, unsere Trauung in den Terminplan der Kirche zwischenzuschieben. Unsere Verwandten — soweit nicht schon im Urlaub — halfen tatkräftig mit. Alle erwiesen sich als große Improvisationskünstler. Am 6. Juni läuteten für uns die Hochzeitsglocken. Wir heirateten am selben Tag standesamtlich und kirchlich. Das war sehr praktisch, aber auch enorm anstrengend. Die Werkswohnung war uns dadurch sicher, und wir konnten nach der Hochzeitsreise als Ehepaar zusammenziehen.

Auf diese Weise entgingen wir dem Schicksal von Klärchen und Otto, Nachbarskinder von mir. Mit ihnen war ich groß geworden, und man konnte mit ihnen Pferde stehlen. Beide entstammten einer erzkatholischen Familie, für die aus dogmatischen Gründen eine Ehe nur gültig war mit dem Segen der Kirche. Alles andere wäre Unzucht gewesen. Auch sie suchten eine Werkswohnung und standen auf einer endlos langen Warteliste ihrer Arbeitgeber. Um berechtigt zu sein, heirateten sie in aller Stille standesamtlich, wohnten aber weiterhin monatelang getrennt bei ihren Eltern. Das war ungefähr ein Jahr vor unserer Hochzeit. Otto durfte sein Klärchen zwar tagsüber bei ihren Eltern besuchen, musste es aber abends um 22 Uhr verlassen. Eine verdammt harte Zeit für beide. Oft traf ich Otto spätabends in unserer gemeinsamen Stammkneipe bei Schöngard traurig an der Theke stehen mit glasigen Augen und einem Bierdeckel voller Striche. Am schlimmsten trafen ihn die Sprüche der Saufkumpel im reinsten Kohlenpottdialekt wie z.B.: Mensch, Otto, amet Schwein. Fühlze dich nich wie eina, der ‘n schönet, neuet Farratt stehn hat, aba nich fahn daaf? — Eines Tages bekamen aber auch die beiden eine Wohnung und durften endlich kirchlich heiraten.

Dieses damalige Wohnungsproblem betraf wohl die ganze Republik. Denn vor kurzem, im Juli 2006, kamen meine Frau und ich in Travemünde auf einer Bank an der Kurpromenade mit einer Dame etwa unseres Alters ins Gespräch. Wir parlierten über alles Mögliche, auch über unsere Jugendzeit. Da erzählte sie über die gleichen Erfahrungen, die sie in Lübeck mit Wohnungssuche und Heiraten, mit Damen- und Herrenbesuch usw. machen musste. Wir drei lachten herzlich und gelassen über unsere Erlebnisse in dieser Zeit, wo zum Teil völlig andere Moral- und Wertvorstellungen gegenüber heute herrschten, aber es war eben unsere Zeit. Im Gespräch wurde uns aber auch gleichzeitig bewusst, welchen Paradigmenwechsel (Pardon: Sinneswandel) unsere Generation aushalten musste und noch muss. Auch waren wir uns einig, dass wir jetzt erst so richtig verstehen können, wie es unseren Eltern ergangen sein musste, als wir jung waren; wenn man nur allein an die gigantischen technischen Fortschritte denkt. Wir trösteten uns mit der Erwartung, dass unsere Kinder und Enkelkinder in etwa 40 Jahren sicher ebenfalls harten Werteänderungen und anderen Änderungen unterworfen sein werden. Nur schade, dass wir wahrscheinlich dieses nicht als Zuschauer erleben können. — In jener Stunde in Travemünde entstand in meinem Kopf der Plan für diese Geschichte, und meine beiden Gesprächspartnerinnen fanden die Absicht gut.

Liebe Leserin, lieber Leser, einem möglichen Missverständnis will ich gleich den Riegel vorschieben. Ich habe mit meinen Zeilen nicht die geringste Absicht, irgendein Urteil in moralischer, religiöser, politischer oder rechtlicher Hinsicht zu fällen. Ich will nichts loben oder tadeln. Jede Zeit hat bekanntlich ihre eigenen Fragen und muss ihre eigenen Antworten finden. Meine Absicht ist nur die eine: Getreu den Grundsätzen der Erinnerungswerkstatt Norderstedt selbst erlebte Begebenheiten, Erfahrungen und dergleichen aus meiner Kindheit und Jugend zu schildern, nichts dazu zu phantasieren, nichts Wesentliches wegzulassen, ohne Absicht der Beeinflussung. Wenn es obendrein unterhaltsam werden sollte, habe ich nichts dagegen.

Übrigens, diese Geschichte geschah ungefähr in der Zeit, als u.a.:

der Minirock kreiert wurde und unterschiedlichste, heftigste Meinungen herausforderte,

der junge Drafi Deutscher in Noten verkündete, dass Marmor, Stahl und Eisen bricht.....,

der weltberühmte Dirigent Herbert von Karajan sich von seiner Frau scheiden ließ und eine jüngere heiratete,

die Beatles ihren musikalischen Siegeszug um die Welt antraten und nach ihren Konzerten teils ohnmächtige, teils kreischende Backfische (Pardon: Teenager) und zertrümmertes Saalgestühl hinterließen,

das erste menschliche Herz erfolgreich (für mehrere Wochen) verpflanzt wurde,

Konrad Adenauer noch Bundeskanzler war,

Rudi Dutschke mit seinen radikalen Thesen gewaltige Studentendemonstrationen und politische Erschütterungen hervorrief,

der Vietcong trotz der gigantischen amerikanischen Kriegsmaschine unaufhaltsam nach Südvietnam einsickerte,

das Zechensterben begann,

das Wort Umweltschutz erfunden wurde, aber noch nicht die Grünen, und im politischen Handeln erfolgreich Fuß fasste,

mitten durch Deutschland die Mauer gebaut, der Todesstreifen angelegt und der Schießbefehl erlassen wurde mit allen bekannten, schrecklichen Folgen,

der VW Käfer ein ungeteiltes Heckfenster, ein vollsynchronisiertes Getriebe und einen um 4 PS stärkeren Motor (von 30 auf 34 PS) erhielt,

viele heutige Abgeordnete in den Parlamenten noch nicht geboren oder kleine Kinder waren,

ein Liter Benzin 36 Pfennige (ca. 18 Eurocent) kostete.

Diese beispielhafte Aufzählung ist keinesfalls abschließend und bedeutet auch keine Rangfolge, sie purzelte einfach aus meiner Erinnerung.